3 mal 10 Thesen

Ich muss zugegeben, dass ich keine konkrete Vision einer Bildung der Zukunft habe. F√ľr mich war Bildung immer eher privat und ich habe das studiert, was ich in meiner Freizeit gerne mache: √ľber Fragen nachdenken. Wenn ich √ľber die Bildung der Zukunft nachdenke soll, muss ich deswegen erstmal festhalten, dass ich bei Revolution skeptisch bin. Bildung wird doch eigentlich schon seit ihrem Bestehen reformiert, das hei√üt, eigentlich ist Reform der Normalzustand. Der Narrativ der gesteigerten Reform, das hei√üt die Revolution erscheint mir oftmals die ehrliche Arbeit vieler Lehrer und Lehrerinnen abzuerkennen. Lehrer und Lehrerinnen ver√§ndern aktiv Bildung. Bei Revolutionen besteht dann auch die Gefahr, dass wir die gute Bildung in Deutschland, das hei√üt auch gute Lehrerinnen in Deutschland verlieren.

Obwohl ich dies anerkenne, st√∂ren mich seit sehr langer Zeit zwei Dinge. Meine erste Beobachtung ist, dass wir Mathematik in Deutschland vernachl√§ssigen. Vielleicht sind wir nicht schlechter geworden, aber andere bev√∂lkerungsstarke L√§nder sind besser geworden. Mathematik verbessert zudem die generelle Intelligenz und obzwar diese nicht alles im Leben ist, ist sie doch in der Bildung nicht zu vernachl√§ssigen. Ich bin Philosoph und unterrichte gerade Britische Literature. Ich wei√ü sehr wohl um die Einfl√ľsse der Literatur und auch um die ’sch√∂nen K√ľnste‘. Dennoch aber glaube ich, dass diese ohne eine gute Fundierung in der generellen Intelligenz an Wert einb√ľ√üen und zwar dramatisch.¬† Viel zu oft wird die Mathematik als Gegenspieler der sch√∂nen K√ľnste verstanden, was ich verh√§ngnisvoll finde. Dieses f√ľhrt wom√∂glich dazu, dass viele in unserer Gesellschaft, die Sch√∂nheit der Mathematik selbst nicht erkennen k√∂nnen und sich selbst zuschreiben eben mathematisch nicht begabt zu sein. Da diese Menschen dann oftmals gegen die Mathematik argumentieren, verpassen wir Bildungschancen. Ich glaube tats√§chlich, dass wer sich mathematisch bildet auch gleichzeitig seine Bildung in anderen Bereichen intensiviert (zumindest ist das ein sehr platonisches Verst√§ndnis von Bildung).

Aus meiner internationalen Erfahrung wei√ü ich auch, welche Kraft in der universelleren Sprache der Musik steckt. Ich habe selbst in Kirchen in den USA Klavier gespielt, Ensembles begleitet, auf Hochzeiten und Banquets gespielt. Das Instrument hat mir eine universelle Kommunikation erm√∂glicht und mich mit anderen Menschen tief verbunden. Als ich in China eine Gaststunde vor Grundsch√ľlern gegeben habe (wir haben zusammen „Freude sch√∂ner G√∂tterfunken“ von Beethoven gesungen), kannten alle Grundsch√ľler den Namen von Beethoven. Ich zeigte ihnen sein Bild. Musik ist eine universale Sprache und es ist tragisch, dass wir Deutschen und √Ėsterreich diese reichhaltige Sprache besitzen, aber viele kein Instrument in ihrer Kindheit lernen. Beethoven und Mozart sind Exportschlager und andere Kulturen erkennen uns daf√ľr an, weil diese Musik tiefe Wahrheiten enth√§lt. Zudem f√ľhrt auch das Erlernen eines Musikinstruments zu verbesserten kognitiven Leistungen und im Gegensatz zur Mathematik wirkt sich dies auch auf die emotionale Intelligenz direkt aus.

Ich bin selbst nicht gerne zur Schule gegangen, bin sitzen geblieben (erst sp√§ter habe ich mein Studium mit Auszeichnung bestanden und habe an der weltbesten Universit√§t f√ľr Philosophie studiert). Schule war vor allem oberfl√§chlich. Obwohl ich mittlerweile recht hochwertig Musik betreibe, habe ich zum Beispiel Musik in der sechsten Klasse nicht verstanden. Ich hatte eine 5, weil ich nicht wusste, was diese Noten sollten (mittlerweile kann ich sehr gut Blattspielen, Noten sind kein Problem). Schule verlangt auf der einen Seite zu viel von uns (viele F√§cher) und auf der anderen Seite zu wenig (die F√§cher werden oberfl√§chlich, weil man nur eine Sitzung pro Woche hat). Meine Hauptidee ist daher, dass wir die Schule auf Kernkompetenzen reduzieren sollten und damit Freiraum f√ľr eigenst√§ndige Bildung schaffen. Generell denke ich, dass Schule freier werden muss, ohne dass wir dabei die Grundmauern unserer gegenw√§rtigen Bildung einrei√üen.

Hier sind 10 Thesen, die nat√ľrlich diskutiert werden k√∂nnen. Wie gesagt es handelt sich um Thesen, die vielleicht nicht umsetzbar sind.

  1. Bildung muss freier werden, gleichzeitig aber d√ľrfen wir nicht die fl√§chendeckende Grundausbildung verlieren. Anstatt noch mehr F√§cher in die Schule einzuf√ľhren und Sch√ľlern durch gezwungene Lehrpl√§ne Zeit zu rauben, sollte man sich auf Kernkompetenzen konzentrieren: Mathematik, Lesen und Musik w√ľrden als zentrale Bildungsbereiche unterrichtet. Mathematik gew√§hrt Konkurrenzf√§higkeit auf einem internationalen Bildungsmarkt, der auf mathematisches Probleml√∂sen fokussiert. Besonders Mathematik und die Kenntnis eines Instruments f√ľhren zur Erh√∂hung der generellen Intelligenz und bereiten damit den Sch√ľler generell auf alle anderen Bereiche vor. Lesen ist die Schl√ľsself√§higkeit, um sich Wissen erschlie√üen zu k√∂nnen.
  2. Mit der Reduzierung der F√§chervielfalt auf Kernkompetenzen und der Sicherung einer Grundausbildung gewinnt man viel Freiheit. Vielleicht k√∂nnen wir davon ausgehen, dass mit der gewonnen Freiheit (ohne den Anspruch zu verlieren) alle anderen Bildungsbereiche angegangen werden k√∂nnen und zwar unter Einbeziehung des Sch√ľlers. Wir brauchen daher keine 20 F√§cher, die sich in starren Bildungspl√§nen verankern. Wir brauchen keine Bildungspl√§ne, die besagen, dass Sch√ľler wissen m√ľssen, dass Pluto kein Planet ist, dass sich die Erde um die Sonne dreht, dass es Evolution gibt, wie man ein Steak br√§t, einen Foxtrott tanzt, wie man die Steuererkl√§rung des Jahres 2020 macht, wie man sich als 16-J√§hriger bewirbt etc. Mit einer grundlegenden Ausbildung und der gewonnen Freiheit werden sich Menschen mit Bildungsanspruch diese F√§higkeiten selbst aneignen und auch zum Beispiel das Primat der Evolutionstheorie vor dem Kreationismus erkennen. Ideologische Impfungen sind ohnehin nicht zielf√ľhrend, sondern f√ľhren nur zu oberfl√§chlich erworbenen Wissen. Auch konkrete Aufgaben wie Kochen sollte ein gebildeter Mensch eigenst√§ndig erwerben k√∂nnen.
  3. Bildung zielt auf Selbstbildung.
  4. Die freie Bildung sollte demgegen√ľber vermitteln, dass Schule nicht etwa darin besteht, √úberlegenheit in der eigenen individuellen Biografie zu erreichen, sondern den Grundstein f√ľr die Charakterbildung in einer gemeinsamen Gesellschaft zu legen. Schule sollte daher gemeinsame Lernprojekte vorantreiben.
  5. Die Frage hierbei stellt sich wie mit Kindern umzugehen w√§re, deren Elternhaus den freien Bildungs-Anspruch nicht umsetzen k√∂nnen.¬† Generell werden mehr Ressourcen in der Sch√ľlerbetreuung ben√∂tigt, um sie bei der Erarbeitung von freier Bildung zu unterst√ľtzen. Die Konzentration auf Kernkompetenzen bedeutet ja nicht, dass wir F√§cher wie Literatur, Chemie, Physik und Geografie absetzen. Eher gibt es individuelle Bildungsprojekte, die sich Sch√ľler anerkennen lassen k√∂nnen. Ich glaube, dass Sch√ľler die Shakespeare auff√ľhren, mehr √ľber Shakespeare lernen k√∂nnen, als wenn sie diesen im Unterricht abhandeln.
  6. Eltern bekommen die M√∂glichkeit ihre Kinder frei zu unterrichten, wenn sie nachweisen k√∂nnen, dass sie bestimmte Bildungsstandards erf√ľllen. Es macht allerdings auch die Einbeziehung von sozial benachteiligen Sch√ľlern n√∂tig.
  7. Generell wird Bildung freier ohne den Stillstand hervorgerufen durch eine Revolution zu riskieren. Um diese Freiheit zu unterst√ľtzen werden Noten g√§nzlich abgeschafft. Es gibt viele Tests, aber ohne Benotung.
  8. F√ľr Universit√§ten mag √§hnliches gelten: Universit√§t bieten nicht mehr starre Studieng√§nge an, sondern erlauben Abschl√ľsse durch Beratung mit Studien√§mtern individuell zu bauen. Ich erinnere mich, dass ich bei einem abgeschlossenen Studiengang f√ľr ein Zweitstudium Kurse nochmals belegen musste. Das ist Unfug. Das Argument der Administration damals: Ansonsten k√∂nnte ich ja ganz einfach einen zweiten Abschluss bekommen. Ja genau, was ist daran schlimm, wenn ich es schon kann? Ein Mathematiker kann doch so vielleicht auch schneller zum Statistiker graduieren. Ein Statistiker k√∂nnte sich schneller in Psychologie einarbeiten etc. Generell brauchen wir f√ľr mehr Freiheit mehr Flexibilit√§t.
  9. Zur Zeit der Corona-Krise w√ľrde sich eine schnelle Reaktion anbieten. Der Staat k√∂nnte Universit√§ten in dem Sinne restrukturieren, dass Teilnehmer Kurzzertifikate erwerben k√∂nnten. Es w√§re doch gut, wenn man nach 6 Wochen Quarant√§ne, die Welt mit neuen Programmierkenntnissen betreten k√∂nnte. Flexibilit√§t in der Bildung bedeutet daher, dass wir nicht mehr nur starre Abschl√ľsse haben, sondern Abschl√ľsse flexibel bauen k√∂nnten. Hierf√ľr m√ľsste es Institutionen geben, die Bildung in verschiedenen Bereichen abnehmen und anerkennen k√∂nnen.
  10. Generell schaffen wir es bei marktgerechter Bildung allgemeine Bildung weiterauszuleuchten. Dabei geht es jedoch nicht darum, dass wir immer nur einfach formulieren, dass wir Philosophie, Literatur usw. brauchen, weil sonst unsere Gesellschaft zusammenbrechen w√ľrde. In der Philosophie ist die Frage nach dem Sinn der Philosophie Teil der Philosophie und nicht selbstverst√§ndlich mit ja zu beantworten. Ich pers√∂nlich glaube nicht daran, dass man Philosophie unterrichten kann, wenn der Student sie nicht freiwillig erwerben kann. Daher geh√∂re ich auch nicht zu den Leuten, die Philosophie auf den Lehrplan zwingen m√ľssen. Philosophie ist ein Angebot der Freiheit.

Probleme zu Visionen des Lernens: Nun habe ich meine Vision doch schon etwas ausgeleuchtet. Ich will damit keineswegs Lehrern, die näher an den Problem dran sind in die Parade fahren. Ich persönlich kenne viele sehr gute Lehrer, die vor allem aufgrund von Zeitmangel ihre hervorragenden Ideen nicht umsetzen können. Eine grundlegende Reform in der Bildung wäre wahrscheinlich sehr einfach, indem wir mehr Lehrer anstellen, Klassengrößen reduzieren und Lehrer weniger Stunden die Woche unterrichten lassen. Es gibt viele Probleme bei Visionen und Revolutionen, deswegen möchte ich auch kurz 10 Thesen zu weiteren Problemen darstellen.

  1. Revolutionen riskieren tempor√§ren Stillstand und bedingen unter Umst√§nden dramatische Fehlschl√§ge. Es besteht die Gefahr, dass sich w√§hrend der revolution√§ren Umbr√ľche Entwicklungsfenster bei Heranwachsenden schlie√üen. Eine Revolution verursacht Kosten. Die Fehlbildung einer Alterskohorte kann wirtschaftliche Sch√§den anrichten, die nicht mehr zu kompensieren sind. Der Narrativ bestehende Strukturen zu zerbrechen, vergisst, dass wir vielleicht mehr zu verlieren haben als nur „unsere Ketten“. Man muss sich daher auch immer fragen, inwiefern Machtstrukturen mit Revolutionsrufen verbunden sind.
  2. Der √∂konomische Ausbildungsdruck auf Universit√§ten und Schulen ist immens. Unter diesen Einfl√ľssen fragen wir uns vor allem, ob wir im Vergleich zu asiatischen Staaten wettbewerbsf√§hig sind. Das alltagsmathematische Verst√§ndnis hat sich in Deutschland nicht verschlechtert, aber die asiatischen Staaten haben uns abgeh√§ngt (https://splitter1.wordpress.com/2018/03/16/bildung-intelligenz-weltspitze-7/). Die Frage ist, ob Deutschland oder √Ėsterreich asiatische Staaten hinsichtlich ihrer Ausbildung kopieren wollen. Wie bereits erw√§hnt ist meine Kernthese hierzu, dass wir uns zuk√ľnftig auf die lern-intensiven F√§cher konzentrieren m√ľssen. Meiner Ansicht sollten¬†wir uns auf Musik und Mathematik konzentrieren, w√§hrend alle anderen F√§cher bildungsfrei angegangen werden k√∂nnen. In diesem Sinne geht es zun√§chst nur um eine halbe Revolution, wobei Kernkompetenzen, die zur F√∂rderung der generellen Intelligenz beitragen erhalten.¬†
  3. ¬†Oftmals stellen wir Forderungen nach freier Bildung, die vor allem Spa√ü macht. Der Bespa√üungsdruck breitet sich in einer Gesellschaft, die die Kreativindustrie forciert, auch auf das Lernen aus. Bildung m√ľsse demnach verl√§sslich deinsitutionalisiert werden, weil Sch√ľler vor allem in der Freiheit Spa√ü h√§tten.
  4. Die Gefahr beim deinstitutionalisierten Lernen besteht darin, dass „Bildungsunterschichten“ dadurch g√§nzlich die M√∂glichkeit der Inklusion verlieren. In einer diversen Gesellschaft k√∂nnen wir vielleicht nicht auf die Eigenleistung der Marktteilnehmer vertrauen. Besonders sozial benachteiligte Schichten m√∂gen vom freien Lernen weiter ins Abseits gedr√§ngt werden.
  5. Generell fragt sich, wie Bildung in Bezug auf die komplexe Sozialstruktur von immer arbeitsteiligeren Gesellschaften, die damit immer stärkere, soziale Unterschiede hervorbringen, strukturiert werden kann.
  6. Das Ideal ist eine Bildung, die die individuellen Bed√ľrfnisse der Lernenden ber√ľcksichtigt, aber gleichzeitig den Anspr√ľchen des Marktes als Ausbildung gerecht wird. Es ist jedoch nicht notwendig so, dass Bildung marktgerecht ist. Der ewige Einwand der Geisteswissenschaftler, dass umfassende Bildung f√ľr eine Gesellschaft auch marktechnisch wichtig sei, bleibt undurchsichtig und ist wom√∂glich gar falsch.
  7. Sollte es tats√§chlich eine Revolution in der k√ľnstlichen Intelligenz geben, ist die Bildung f√ľr unsere generelle Intelligenz unn√∂tig und m√ľsste generell als Bestandteil durch eine Menschenbildung ersetzt werden. Hier aber w√ľrde sich der Sinn der Bildung im Ganzen stellen. Wom√∂glich w√§re Bildung dann nur noch ethische und √§sthetische Bildung, was allerdings in pluralistischen Staaten ebenso problematisch w√§re. Welches elit√§re Modell k√∂nnen wir denn vor allen Staatsteilnehmern rechtfertigen? Momentan fragen wir uns wie wir marktgerechte Bildung mit ethischem und √§sthetischem Bildungsanspruch vereinen. Meine These dazu ist, dass diese unvereinbar sind und Bildung generell nicht insitutionalisiert werden sollte.
  8. Bei konkreten Lernstrategien stellt sich die Frage der Messbarkeit. Gerade bei komplexen F√§higkeiten wie zum Beispiel dem Spracherwerb ist die Beobachtung der eingesetzen Methode bis zum gew√ľnschten Erfolg praktisch kaum durchf√ľhrbar. Man m√ľsste 2 Gruppen, die unterschiedlichen Methoden anwenden, √ľber Jahre hinaus beobachten und gleichzeitig d√ľrften die Teilnehmer ihre Methoden nicht ver√§ndern. Es ist daher sehr schwer beobachtbar, welche Methodik am Ende den gew√ľnschten, umfassenden Erfolg bringt. Erfolg ist der Erwerb einer komplexen F√§higkeit und nicht das L√∂sen von Grammatikaufgaben und Rechent√ľrmchen. Dies hat zur Konsequenz, dass wir nicht mit Sicherheit sagen k√∂nnen, welche Modelle wir im Schulalltag einsetzen wollen.
  9. Der Einsatz von neuen Online-L√∂sungen t√§uscht √ľber den Wert des gemeinschaftsbasierten Lernens hinweg, eine Gemeinschaft in der sich verschiedene Sozialklassen arangieren m√ľssen.
  10. Innovationen im Bereich des Lernens können nicht linear gedacht werden. Das Problem liegt darin, dass auf der einen Seite es sehr wahrscheinlich ist, dass die Dinge so bleiben wie sie sind. Auf der anderen Seite ist es ebenso wahrscheinlich, dass es plötzliche Erruptionen gibt, die unsere Welt gänzlich verändern und unser Bildungssystem umkrempeln. Wie will man also zuverlässig Bildung der Zukunft denken? Das Schlagwort Online-Lernen bringt uns nicht wirklich weiter. Im Gegensatz sehe ich neue Probleme mit dem Online-lernen.

Thesen zum Onlinelernen: Ich glaube wir sollten Online-Lernen anerkennen, allerdings zeigen sich hier bereits einige Probleme, die ich auch andiskutieren möchte:

  1. Der Einsatz von Online-Unterricht wird zu einer Amazonisierung des Lernens f√ľhren. Da im Internet das Prinzip herrscht, dass der Gewinner alles beherrscht (winner takes it all), steuern wir auf die Existenz einer gro√üen Online-Universit√§t zu. Wie wird uns ein Harvard des Internets weiter ver√§ndern?
  2. Online Bildung wird den Prozess der Bildung anonymer machen. Die damit erreichte Gleichheit wird die individuellen Eigenschaften der Teilnehmer nivellieren (das meine ich auch im negativen Sinn)
  3. Teilhabe ist zwar unabh√§ngig vom Ort aber abh√§ngig von weiteren Bildungsressourcen. Wer technisch gut ausgestattet ist, hat sogleich Vorteile. Aber auch die unsichtbare Konkurrenz wird zu noch h√∂herem Individualdruck beim Lernen f√ľhren, ohne diesen sozial im Miteinander mit Mitsch√ľlern ausgleichen zu k√∂nnen.
  4. Mit der Online-Bildung wird weiterhin sichtbar werden, wie wir als Mienen der Kreativität ausgebeutet werden. Mit der Dezentralisierung der Universität wird unsere Aufmerksamkeit und Kreativität zu jedem Moment gefordert sein, vor allem weil der unsichtbare Konkurrent nicht schläft. Unsere Aufmerksamkeit ist eine ausbeutbare Ressource, Freizeit und Ferien werden unter Ausbildungsdruck weiter in ihrem Wert reduziert werden.
  5. Wir werden noch effektiver ausgebeutet werden. Nun gelten wir als Bildungskonsumenten, die statistisch die Grundbausteine einer neuen Internetindustrie bilden.
  6. Mit der massiven Beteiligugn von anonymen Konkurrenten wird der Ausbildungsprozess noch stärker mechanisiert werden. Selektion der Besten ist im Online-Geschäft einfacher.
  7. Mit der neuen Marktmacht werden die f√ľhrenden Online-Universit√§ten die Legitimationsmacht f√ľr Forschung haben. Dies macht Forschung noch einfacher politisierbar und als Machtinstrument einsetzbar. Studenten werden sich nicht mehr im √∂ffentlichen Raum als physische K√∂rper wehren k√∂nnen.
  8. Eine Misskonzeption ist, dass Institutionen f√ľr Bildung da sind, w√§hrend man den versteckten Lehrplan der Angleichung √ľbersieht. Online Universit√§ten werden diese versteckte Unterdr√ľckung noch akkurater und subtiler durchf√ľhren k√∂nnen, vor allem durch die produktive Einbeziehung der Konsumenten. Der Konsument wird sich durch seinen reflexartigen Ausbildungshunger selbstst√§ndig unterdr√ľcken.
  9. Online-Unterricht wird den Professor ebenso exponierter und angreifbarer machen. Dadurch wird die Beziehung zu den Studenten und Bildung mechanisiert.
  10. Online Bildung wird uns weiter entk√∂rpern. Wenn die wirkliche Welt nicht mehr die wirkliche Welt ist, sondern wir uns permanent selbst von uns abspalten, um Onlinezertifikate zu sammeln und eine andere Existenz aufbauen, so wird dies Effekte auf unsere K√∂rperwahrnehmung haben. Wir werden noch weniger wir selbst sein und noch mehr als soziale R√ľstung (Zertifikate, Zeugnisse, etc.) leben.
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Warum hat Metalernen mit Selbst√ľbersch√§tzung zu tun? Von Menschen, die Schachweltmeister in einem Monat schlagen wollen – Analyse von Metalernverfahren Teil 2/4

Im ersten Teil¬†zur Frage des Metalernens habe ich erkl√§rt, warum das Pareto-Prinzip beim Erlernen komplexer F√§higkeiten nicht funktioniert. Wir wissen im Vorfeld nicht, was sp√§ter f√ľr die zu erlernende F√§higkeit wichtig ist. Warum aber sind dann Menschen wie Josh Kaufmann mit ihrer Idee, etwas in 24 Stunden zu lernen, so erfolgreich auf Youtube?

Ist Metalernen Motivationsgeschwafel f√ľr Teenager?

Der ganze Talk von Kaufman erinnert an den unendlich √ľberpowerten Superhelden aus dem Anime¬†One Punch Man.¬†Hier geht es um¬†Saitama, der jedes Monster mit nur einem Schlag vernichten kann. Die Serie parodiert damit die Shonen-Animes, wo Superhelden von Staffel zu Staffel st√§rker werden, w√§hrend sie die Jungen Teenager mit vielen Staffeln bis ins Erwachsenenalter begleiten bzw. verfolgen. Der sogenannte Growing-a-Beard-Anime spielt alle Allmachtsphantasien der Jugendlichen durch. Sp√§ter ersetzen wir diese Allmachtsphantasien mit der Idee, dass wir alles lernen k√∂nnen.

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Metalernen, Pareto-Prinzip und 10.000 Stunden-Regel – Alles Unfug, was hilft wirklich beim Lernen? Teil 1/4

In diesem Artikel geht es um die oftmals vergebliche M√ľhe, das eigene Lernen zu beschleunigen. Zwar ist es nicht falsch, seine Lernmethoden zu √ľberdenken, am Ende aber bedeutet es h√§ufig Proskrastination. Die Frage ist also, inwieweit sogenanntes Meta-Lernen sinnvoll ist. Zun√§chst ist es daher wichtig, sich klar zu machen, dass die meisten Ratschl√§ge dabei nutzlos sind. Hierzu werde ich zun√§chst das Pareto-Prinzip diskutieren, dann die 10.000 Stunden-Regel er√∂rtern. Beide werden sich als unzuausreichend erweisen, um f√ľr das Lernen praktikabel zu sein. Dieses liegt daran, dass wir uns schnell im Lernen √ľbersch√§tzen, aber komplexe F√§higkeiten wesentlich mehr Zeit ben√∂tigen. Statt also diese Einsichten weiterzugeben, hat sich um das Lernen eine Motivationstheorie gebildet, die ich im Anschluss diskutieren m√∂chte. Motivationstrainer in diesem Bereich nutzen hierbei psychologische Schw√§chen aus, um Geld zu verdienen. Zwar gibt es kein einheitliches Prinzip, wie wir einen bestimmten Inhalt schneller und erfolgreicher lernen, dennoch werde ich am Ende diskutieren, inwiefern allgemeine Arbeitsmoral und eine Geberattit√ľde unseren Erfolg beeinflussen.
Der Artikel hat vier Teile, die ich nach und nach hochlade. Wer lieber das Video zum Artikel schauen will:

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Tim Ferriss „The 4 hour Chef“ und Metalernen – eine Methode, um alles zu lernen?

Weisheit so einfach wie eine Spritze

In Tim Ferriss‘ Buch The 4 hour Chef¬†geht es um das sogenannte Metalernen. Metalernen ist das h√§ufig geforderte Lernen des Lernens. Angeblich w√ľrden Lehrer vers√§umen uns dieses in der Schule beizubringen. Was ist also dran am Metalernen? Und warum lehren wir es nicht an Schulen?

Tim Ferriss hat die Methode des Metalernen erfolgreich vermarktet. Allein der Trailer zu seinem Buch hat 1,3 Millionen Klicks auf Youtube.

Worum geht es in dem Buch?

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Ist Schnelllesen Betrug? Beitrag zur Kritik an der Weiterbildungsbranche.

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Jenseits des Bildungswettbewerbs hei√üt es noch B√ľcher zu lesen

Einleitung 

In diesem Artikel geht es mir um die Frage nach dem wirklichen Schnelllesen. Ich glaube, dass es dieses Schnelllesen gibt, allerdings nicht in dem Umfang wie es uns die private Bildungsindustrie verspricht. Um diese These zu untermauern werde ich mich zun√§chst mit den historischen Hintergr√ľnden des privaten Bildungsmarktes auseinandersetzen. Die private Bildungsindustrie wird vor allem durch Profitinteressen von einzelnen Motivationscoaches korrumpiert. Diese fluten den Markt mit pseudowissenschaftlichen Ideen, die keine Grundlage haben. Wom√∂glich glauben die selbsternannten Gurus diese Theorien selbst, sie verf√ľhren damit nicht ihre Kunden, sondern auch sich selbst. Nach der Darstellung der dubiosen Motivations- und Bildungsbranche werde ich mich mit dem wirklich Genialischen auseinandersetzen. Es gibt tats√§chlich Schnellleser. Die Frage ist allerdings, ob jeder diese F√§higkeit des Schnelllesens erlernen kann. Ich werde hier zun√§chst verschiedene Ans√§tze zum Schnellleseerwerb vorstellen und ihre Ans√§tze als falsch herausstellen. Selbst Tim Ferriss folgt einem dieser Ans√§tze. Die Widerlegung dieser Ans√§tze bedeutet jedoch nicht, dass Schnelllesen prinzipiell nicht erlernt werden kann. Aus diesem Grund werde ich die relativ d√ľnne Forschungslage besprechen. Es gibt hier einige verl√§ssliche Untersuchungen, wobei diese im Resultat nicht unbedingt so spektakul√§r sind wie uns absurde Techniken oftmals vorgaukeln. Abschlie√üend werde ich herausstellen, dass Schnelllesen in unserer Gesellschaft wom√∂glich keine Bedeutung mehr hat. Eher kommt es darauf an, wie wir uns mit B√ľchern √ľberhaupt auseinandersetzen. Ich werde daher auch ein paar interessante Links zum Lesen und dessen Bedeutung am Ende einf√ľgen.

Was sind dubiose Lerntheorien am Bildungsmarkt?

Mit den Anf√§ngen der privaten Bildungsmaschinerie in den 90ern glaubte man, dass Informationen vor allem schnell aufgenommen werden m√ľssen. Einzelne Savants wie Kim Peak, die tats√§chlich derart schnell Informationen lesen und verarbeiten konnten, begr√ľndeten die Hoffnung, dass wir geniale F√§higkeiten in uns entdecken k√∂nnen. Hiermit begann auch der Trend zur Schnelllese-Abzocke. Zuvor hatten bereits selbsternannte Bildungs- und Mentalstrategen neuro-linguistisches Programmieren,¬†Hypnotherapie, Suggestop√§die oder aus der amerikanischen Neugeist-Bewegung entsprungenes positives Denken¬†propagiert. Die neuen Strategien, die sich aus dem Erfolg der empirischen Wissenschaften begr√ľnden sollten, wollte man nun auch in¬†der privaten Weiterbildungsbranche einsetzten.¬†Murphy als Gro√üvater dieser Bewegung setzte auf ‚Äěwissenschaftliche Gebete‚Äú, womit man¬†das gesamte Leben in eine positive Richtung lenken sollte. Man ersetzte Religion mit Pers√∂nlichkeitsentwicklung. Weiterlesen

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Den Blutdruck senken durch Self-Tracking und Herzratenvariabilitätstraining? Warum es wichtig ist, sich selbst zu vermessen

Medical diagnosis for the student and practitioner (1922) (14784502255)

Neues Technologien von vor 100 Jahren

Bluthochdruck ist Todesursache Nummer 1, da er hunderttausendfach zu¬†Herzinfarkt, Hirnschlag und Nierenversagen f√ľhrt (WELT). Demnach sterben in Deutschland mehr als¬†140.000 Menschen j√§hrlich an Bluthochdruck. Auch in meiner Familie gibt es eine Geschichte von zu hohem Bluthochdruck. Manchmal ist es sogar schwer, diesen mit Medikamenten zu kontrollieren. Gleichzeitig stellt sich bei uns wie auch bei vielen die Frage, ob man Blutdrucksenkung nat√ľrlich erreichen kann, da die hochkonzentrierten Wirkstoffe von Tabletten auch mit Nebenwirkungen einhergehen. Hierbei ist klar, es geht um den Lebenswandel. Im folgenden findet sich daher eine allgemeine Tabelle, die¬†die verschiedenen M√∂glichkeiten den Blutdruck zu senken, betrachtet: Weiterlesen

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Gibt es freies Lernen? Und warum lernen wir in unserer Freizeit so wenig?

Applaus von Evan-Amos (Eigenes Werk) [CC-BY-SA-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)

Einleitung: In diesem Artikel will ich indirekt die Frage nach dem freien Lernen stellen. Können wir frei lernen oder braucht es doch irgendwo Zwang und Autorität? Ich habe hier keine eindeutigen Antworten, sondern nur ein paar Überlegungen. Es handelt sich daher um ein reflektierendes Essay.

F√ľr das freie Lernen spricht, dass wir nun eine Internetgemeinschaft haben, wo sich Menschen gegenseitig sehr viele Dinge beibringen. Aber kann diese Internetgemeinschaft die Zukunft sein? Was lernen wir denn im Internet? Memeswars, Shitstorms und kollektive Erregung? Wie schnell applaudieren wir dabei M√ľll? Es hei√üt: „Kein Applaus f√ľr Schei√üe“, aber belohnt kollektive Begeisterung nicht gerade den Durchschnitt? Weiterlesen

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Herzratenvariabilität und Feedback РEin Erfahrungsbericht mit EmWave von Heartmath

Beispielbild einer Herzratenvariabilitätsmessung

Was ist Herzratenvaribilität?

Unser Herz hat zwar einen gleichmäßigen Puls, das heißt aber nicht, dass das Herz in der Minute gleichmäßig wie ein Uhrwerk schlägt. Tatsächlich beschleunigt sich der Puls, wenn wir einatmen und verlangsamt sich jedesmal, wenn wir ausatmen. Diese Variabilität ist normal und kann selbst regelmäßig oder unregelmäßig sein. Weiterlesen

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Was ist der wirkliche Sinn von Meditation? Meditation und Metaphysik

√úber den Wirkungsgrad von Meditationen wissen wir wenig. Generell aber wird er wohl √ľbersch√§tzt. Viele angenommene, positive Wirkungen konnten bisher nicht best√§tigt werden, wie ich ja bereits im vorherigen Artikel diskutiert habe.

Schlaf und Autogenes Training – Worum geht es beim Autogenen Training wirklich?

Es ist leider so, dass wir uns in unserem Leben einfache L√∂sungen erhoffen, wir uns jedoch¬†wom√∂glich damit abfinden m√ľssen, dass es keine Wundermittel gibt.¬†Diese Einsicht ist schwer, denn wir romantisieren die Einfachheit. Vor allem bewirkt sie dass viele unserer vertrauten L√∂sungsmechanismen wom√∂glich irrelevant sind. Deswegen m√∂chte ich in diesem Artikel den tats√§chlichen Sinn von Meditation und ihre N√§he zur Religion ausleuchten. Dabei will ich keinen institutionellen Religionsbegriff bem√ľhen, sondern Religion als Frage nach etwas verstehen, dass √ľber unsere blo√üe physische Konstitution hinausgeht. Leider muss ich hierf√ľr auch kl√§ren, wie ich Religion √ľberhaupt verstehe und was hier Wissenschaftlichkeit bedeutet um dann ihren Sinn in Meditation und zum Beispiel Autogenem Training zeigen zu k√∂nnen. Oftmals wird ja die Frage nach Gott als unwissenschaftlich herausgestellt. Das ist allerdings falsch. Sie kann nur nicht empirisch gestellt werden. Weiterlesen

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Schlaf und Autogenes Training – Worum geht es beim Autogenen Training wirklich?

Warum schreibe ich wieder √ľber Autogenes Training?¬†Als lebenslanger Schlafloser schlafwandle ich in Bezug auf die Frage nach der richtigen Therapieform. Es gibt keine Wunderpille. So erkl√§rt auch Dr. Matthew Walker¬†(Professor der Neurowissenschaft und Psychologie Berkeley) in einem Interview von Dr. Rhonda Patrick, dass Schlafst√∂rungen nicht mehr vorrangig durch Schlafmedikamentation behandelt werden. Das sogenannte First-Line-Treatment sei nicht mehr empfehlenswert, weil Schlafmedikamentation die nat√ľrliche Funktionsweise des Gehirns zu stark beeinflusse. Zwar knocken sie dich aus, aber so f√ľhlt es sich am Ende auch an.

Stattdessen greife auch Walker auf Verhaltenstherapien zur√ľck. Bei dem 2-st√ľndigem Interview ist mir nun aufgefallen, dass auch Entspannungstechniken tats√§chlich sehr wenig Beachtung innerhalb der Schlaftherapie finden. Erst Alexander Eckert hat mich in einer Email darauf hingewiesen, dass Entspannungstechniken zum Schlafen beitragen k√∂nnen. Dabei erscheint es logisch, Entspannung muss einsetzen bevor wir schlafen. Wenn wir also Entspannung lernen k√∂nnen, k√∂nnen wir dann auch Schlafen lernen? Weiterlesen



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