Gibt es freies Lernen? Und warum lernen wir in unserer Freizeit so wenig?

Applaus von Evan-Amos (Eigenes Werk) [CC-BY-SA-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)

Einleitung: In diesem Artikel will ich indirekt die Frage nach dem freien Lernen stellen. Können wir frei lernen oder braucht es doch irgendwo Zwang und Autorität? Ich habe hier keine eindeutigen Antworten, sondern nur ein paar Überlegungen. Es handelt sich daher um ein reflektierendes Essay.

F√ľr das freie Lernen spricht, dass wir nun eine Internetgemeinschaft haben, wo sich Menschen gegenseitig sehr viele Dinge beibringen. Aber kann diese Internetgemeinschaft die Zukunft sein? Was lernen wir denn im Internet? Memeswars, Shitstorms und kollektive Erregung? Wie schnell applaudieren wir dabei M√ľll? Es hei√üt: „Kein Applaus f√ľr Schei√üe“, aber belohnt kollektive Begeisterung nicht gerade den Durchschnitt?

Applaus

Klatschen soll in der Regel Leistung honorieren, aber kann eine Masse Leistung wirklich wert sch√§tzen? Warum klatschen wir?¬†Manchmal klatschen wir es aus Begeisterung, manchmal aus Angst, manchmal klatschen wir aufgrund des Herdentriebs und oft auch klatschen wir aus Scham. „Kein Applaus f√ľr Schei√üe!“ bekomme ich selten hin. Klatschen als Kulturtechnik erf√ľllt verschiedene Funktionen.¬†Ideal praktizieren wir Applaus, um au√üergew√∂hnliche Leistungen zu honorieren. Aber wie erkennen wir au√üergew√∂hnliche Leistungen?

Applaus ist kinderleicht und mittlerweile sind wir derart konditioniert, dass wir uns gezwungen f√ľhlen mitzuklatschen, wenn auch nur einer klatscht. Indem wir beide Handfl√§chen aufeinander prallen lassen, verdr√§ngen wir die Luft, wir erzeugen einen Knall und machen mit ihm f√ľr Bewunderung Platz. Insbesondere w√ľrdigen wir Leistungen, in denen Ge√ľbte ihre F√§higkeiten pr√§sentieren. K√∂nnen wir tats√§chlich nicht an uns halten vor Erstaunen? Oder applaudieren wir auch uns selbst?

Die Masse applaudiert nat√ľrlich f√ľr den leicht gehobenen Durchschnitt, weil sie schnell von vorget√§uschter Genialit√§t zu begeistern ist. Beim Applaus entkommen wir jedoch nur schwer dem Kruger-Dunning-Effekt.

Kruger-Dunning-Effekt

Der Kruger-Dunning-Effekt bedeutet, dass wir unsere eigenen F√§higkeiten in der Regel nicht richtig einsch√§tzen k√∂nnen, weil uns dazu die Expertise fehlt. In der Regel √ľbersch√§tzen wir uns daher. Das Problem deutet sich an: Wir k√∂nnen nie einen Meister beurteilen, wenn wir nicht selbst Meister sind. Im Weiteren hei√üt dies, dass ein uncharismatischer Experte einen charismatischen Laien in den Augen des Publikums immer unterlegen ist. Dr√ľcken wir es so aus, ob wir gegen den Weltranglistenersten oder gegen den Zehntausendsten er Weltrangliste im Schauch oder Tennis verlieren, macht f√ľr uns als Laien keinen merkbaren Unterschied. Wir konzentrieren uns daher auf das Charisma.

Applaus wof√ľr?

„Jeder findet seinen Meister“ bedeutet, dass jeder etwas nicht kann. Applaus ist in diesem Sinne vielleicht ein sozialer Kit. Vielleicht dr√ľckt Applaus daher aus, dass die Masse sich immer vor der Einzelleistung verneigen muss, sobald die √úbung das K√∂nnen der plumpen Masse √ľbersteigt. Applaus steht dann f√ľr den √úbersteigungsauftrag, den sich Gesellschaften geben.¬†Oft aber werden Popsternchen schnell zu revolution√§ren Genies verkl√§rt. Es beginnt mit den Beatles, geht √ľber Queen und endet bei Madonna, Justin Bieber oder eben auch bei Deutschlands ausgesuchten Superstars. Generell gilt eher das Prinzip, das einst Alfred Eisleben formulierte: „Nur ein Meister kann einen Meister loben.“ Im Massengeschmack hat Applaus als W√§hrung seine Inflationskrisen. Applaus kann keine W√ľrdigung f√ľr einen Meister sein.

Wie aber applaudieren wir dann, wenn einer nun wirklich etwas geleistet hat? Hier wäre vielleicht eine Lösung: stärker Applaudieren!

Handelt es sich hier um eine außergewöhnliche Leistung, noch besser applaudieren zu können? Ich kann es nicht genau beurteilen. Ein solches Diplom könnte ich mir auch schnell selbst basteln. Das Ganze erscheint mir mit etwas Disziplin erlernbar.

Warum aber lerne ich es nicht, wenn es eigentlich einfach ist √ľber den Durchschnitt hinauszuragen? Obwohl ich intrinsisch dazu bereit bin, fehlt mir leider die extrinsische Motivation. Aus Sicht meiner bisherigen, beruflichen T√§tigkeit w√ľrde mir diese spezielle F√§higkeit des Klatschens einfach nicht viel bringen. W√ľrde ich so im Konzertsaal applaudieren? Vielleicht ist es gerade mal gut; um der weirde Nerd auf einer Gartenparty zu sein. Hey, aber so k√∂nnten 100 Mann applaudieren wie 100.000 Mann! Spartaner des Klatschens. Aber nochmal, was ist nun der Grund, dass ich es nicht lerne?

Warum wir nicht lernen

In meiner Kindheit auf dem Bolzplatz war es h√§ufig so, dass viele sich kleine Fu√üballtricks gezeigt haben, die niemals besonders waren, aber die doch erlernt werden mussten. Wir halfen uns kaum gegenseitig. Beim Fu√üball ging es immer darum, sich vor den anderen als besser zu beweisen, aber niemals darum, sich gegenseitig auf ein h√∂heres Niveau zu bringen. Sportliche Kinder waren einfach irgendwie cooler. Dabei waren wir ja auch nur unteres Mittelma√ü im √ľberst√§dtischen Vergleich. Statt uns also im Miteinander immer mehr F√§higkeit zu unterrichten, hatte ich den Eindruck, dass wir darauf verzichteten und uns lieber als die besten in einer Unterschicht beweisen wollten. Applaus! Auf der anderen Seite wurde der ernsthafte Lerndruck vor allem auf die Schulen verlagert. Wer braucht da noch mehr Druck?

Vielleicht aber ist es auch wieder der Kruger-Dunning-Effekt und ohne Meister erfolgt keine angemessene Bewertung. Lehrer sind vielleicht aus diesem Grund unabdingbar, um dem Sch√ľler einerseits zu weisen, wo er noch nicht wissen kann, und um im Moment der psychischen Schw√§che dann doch den Sch√ľler zu drillen. Ich frage mich, ob diese zwei Funktionen von einer Gemeinschaft Lernender ersetzt werden k√∂nnen und tendiere zu „Nein“.

Der Schulangriff

Da das Miteinander offensichtlich schwer ist, hat die Gesellschaft die Institution „Schule“ auf den Weg gebracht. Nach √ľblicher Geschichtsschreibung erfolgte einer der gr√∂√üten und systematischsten Angriffe des Staates auf die Privatssph√§re. Schulen, die t√§glich das Lernpotenzial der Sch√ľler abfordern sollten, haben die Kinder von ihren Kartoffel√§ckern geholt und von ihren Ausbeutern befreit. Nach Jahren stupider Ackerarbeit verblieb eben oftmals nur ein geistig karger Acker.¬† In Verschw√∂rungstheorien hei√üt es dann: Die Schule war das Mittel f√ľr die Disziplin des Krieges. Demnach glaubte ein Soldatenk√∂nig, dass in den Sch√ľlern ein Saatgut verborgen lag, das Lehrer und nicht Eltern zum Keimen bringen konnten, das man dann im Krieg br√§uchte. Ist diese Theorie wahr? Oder hat die Schule doch auch einen humanistischen Keim?

Wie dem auch sei. Es hei√üt, dass nach den Jahren der intellektuellen Ackerpflege unsere Erziehungsanstalten dann doch wieder zur dr√∂gen Gartenpflege verkommen sind. Hier freuen sich Kleing√§rtner einmal im Jahr √ľber ein paar Kartoffelln und selbstgezogene Radieschen. Die d√ľmmsten Bauern haben dabei die dicksten Kartoffeln?

Heute stellt sich die Frage, ob es wieder an der Zeit ist, den Staaten die Bildungsmonopole zu entziehen und die Erziehung einer kreativen Elternschaft zur√ľckzugeben. So vertreten es zumindest die Vertreter von Freies Lernen, die sich aber auch gerne auf Verschw√∂rungstheorien berufen und ihre Kinder vorsichtshalber nicht impfen. Hieraus ergeben sich die Fragen hinsichtlich des Massengeschmacks und des Kruger-Dunning-Effekts. Wer hat die Kompetenz √ľber Lerninhalte und Methoden zu entscheiden?

Im Folgenden findet sich daher ein Video √ľber die Kehrseite, der links-liberalen elterngerechten Erziehung, die die Freiheit des Lernens in den Mittelpunkt stellt. Das Ganze ist ins Absurde abstrahiert, aber wer sch√ľtzt die Kinder vor Eltern, die eben nicht die Schlausten sind?

Brauchen wir Autorität?

Nun, es k√∂nnte tats√§chlich sein, dass wir die Autorit√§t der Lehrer ben√∂tigen, die uns zum Lernen zwingen. Es stimmt zwar, Sch√ľler sitzen im Unterricht zumeist wie in einem Stau, wobei jeder einen Ferrari besitzt. Keiner darf sein Automobil wirklich ausreizen. Zuviele Lernende, die sich auf zu kleinen R√§umen dr√§ngeln, verstopfen den Lernprozess. Der Lehrer ist somit kein Trainer mehr, der jeden an die Leistungsgrenzen bringt, sondern jemand, der kleine Feuerreifen aufspannt, durch die die Sch√ľler unmotiviert hindurch springen m√ľssen. Mehr noch die Sprungh√∂he ist zumeist so gering, dass selbst ein Toaster h√∂her h√ľpft, wenn er den Toast zur Morgenbegr√ľ√üung rausschie√üt. Selbstlernf√§higkeiten sind dabei weniger gefragt.

Aber lernen wir selbst?

Den Gegenbeweis zur Autorit√§tsschule erbringt das Internet. Eine Internetgemeinde √ľberrascht sich vor allem mit Kreativit√§t und Tutorials, die immer mehr Experten befl√ľgelt, Dinge zu verbessern und Amateure verleitet, Dinge √ľberhaupt zu erlernen. Das Robot-Dancing hat so √ľberhaupt eine unglaubliche Entwicklung mit immer neuen Moves an den Tag gelegt. Ebenso gibt es Mathematiktutorials oder Beatboxschulen, die F√§higkeiten trainieren, die teilweise die F√§higkeiten des Mathematikunterrichts oder des Musikunterrichts √ľberragen. Im Schach leben wir in einer Zeit, in der ich Weltmeistern beim Daddeln im Internet zu schauen kann:

Davon h√§tte ich als Kind getr√§umt. Auch zum Software-Engineering gibt es interessante Einsichten. Nach Techlead, einem fr√ľheren Google-Ingenieur, lernen wir Software selbst zu Hause:

Aber lernen wir im Internet am Ende vielleicht nur √Ąquivalente des Klatschens? Wer lernt im Internet denn schreiben, lesen und rechnen? Das dr√∂ge Wiederholen? Wenn das Internet aus der Masse besteht, wie soll dann mehr als Masse dabei rauskommen?

So sitze ich nun nach Internetprokrastination auch und erlerne nebenbei Klatschen wie Tausend Mann. ¬†Beim Klatschenlernen lerne ich ein St√ľck wieder freies Lernen. Und dennoch: diese Freiheit ist eine verlorene Freiheit, denn wie profitiere ich vom Klatschen?

Vielleicht geht es aber nicht um den Profit beim Lernen, sondern einfach nur um Lernen als Tätigkeit des Lebens selbst. Hier daher der Klang einer Klatschenden Hand.

Was denkt ihr? Brauchen wir Autorität um zu lernen?

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Dr. Norman Schultz,
Mainz, April 2019.

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