Was ist Bildung in der Zukunft und was ist Intelligenz? (5 Punkte am Mittwoch)

Ziel nach meiner Dissertation ist es jede Woche 5 interessante Links zum Thema „Lernen“ zusammenzutragen. Etwas ambitioniert, da ich √§hnliches im Bereich „Philosophie“ versuche. Nach meiner Dissertation suche ich auch nach neuen Gedanken, die uns mehr √ľber die Zukunft sagen, Gedanken, die noch nicht gedacht sind.

2. Die Zukunft der Bildung Weiterlesen

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Dissertationsverfahren abgeschlossen, Fragen zur Intelligenz und Bullet Journals (5-Bullet-Monday)

1. Was ist zuletzt passiert?

Mein Dissertationsverfahren zum Thema „Semantischer Realismus und Geschichtlichkeit“ (Semantic Realism and Historicity) ist abgeschlossen. Mein Professor meint, dass das resultierende Buch in einem guten Verlag unterzubringen sei, was bedeuten w√ľrde, dass meine Ansichten zur Epistemologie und zur Spaltung zwischen analytischer und kontinentaler Philosophie in vielen Bibliotheken der Welt erscheinen w√ľrden.

Pittsburgh ist in der Zwischenzeit zur Nummer 1 im Bereich „Philosophie“ aufgestiegen und ich bin ganz froh √ľber die Pittsburgh School und ihr Verh√§ltnis zur Spaltung (Divide) geschrieben zu haben. Weiterlesen

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Von der Macht des Gebens: Adam Grants „Givers and Takers“ und sein altruistischer Ansatz f√ľr Erfolg

Welche Seite ist stärker in dir? Die dunkle Seite der Macht oder die helle? Folgendes Experiment:

Nehmen wir an, du bekommst Geld. Ja einfach so. Nicht viel und da ist eine Bedingung. Nichts schlimmes, aber du musst das Geld mit einem dir Unbekannten teilen. Du wirst diesen Unbekannten niemals sehen. Alles, was du tust, wird keine Auswirkungen auf dich haben und nat√ľrlich kennst du den Unbekannten nicht. Du musst nur mit ihm teilen und die Frage ist welche von den drei folgenden Optionen w√§hlst du?

A) Du bekommst 7 Euro und der Unbekannte bekommt 4 Euro
B) Du bekommst 5 Euro und der Unbekannte ebenfalls 5 Euro
C) Du bekommst 4 Euro und der Unbekannte bekommt 8 Euro

Nun, du hast dich entschieden und das ganze bestimmt welche Art Mensch du bist. Vielleicht zeit es nicht an, wie du dich in allen Fällen entscheidest, aber es zeigt eine Tendenz. Weiterlesen

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E-Pianos leisten mehr als Klaviere – Welches E-Piano kaufen? Wie mit Musik kosteng√ľnstig beginnen?

Mein Klavier kostete zunehmend mehr und schlie√ülich klappte es ab. Statt einem neuen Klavier, habe ich mir jetzt ein E-Piano gekauft. Viele meiner Musikerfreunde zucken dabei kritisch mit der Augenbraue. E-Pianos sind jedoch keine billigen Kopien von Klavieren. F√ľr Expertenohren l√§sst sich der Wohnzimmerklang eines guten E-Pianos kaum mehr von wirklich guten Fl√ľgeln unterscheiden. Weiterlesen

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Du musst dein Leben ändern, du musst Klavierspielen. Warum Persönlichkeitsentwicklung durch Musizieren am effizientesten ist.

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Im letzten Artikel sprachen wir ja bereits √ľber die Frage der Pers√∂nlichkeitsentwicklung und bis zu welchem Alter dies m√∂glich sein sollte. Nun ist nat√ľrlich klar, dass t√§gliche Routinen diese Ver√§nderung am Besten bewerkstelligen, denn¬†nach Studien der Duke University machen Gewohnheiten circa 40 Prozent unseres Tages aus (Habits: A Repeat Performance¬†by David T. Neal, Wendy Wood, and Jeffrey M. Quinn). Sloterdijk, der uns als Gewohnheitstier sieht, spricht gar von 99,9 Prozent. Das Leben ist Wiederholung. Es gibt so gut wie nichts, dass wir nicht irgendwie einge√ľbt h√§tten: Laufen, Essen, sogar Schlafhygiene oder fr√ľh Aufstehen sind Dinge, die auf Autopilot funktionieren k√∂nnen. In diesem Sinne muss dauerhafte Entwicklung √ľber Gewohnheiten geschehen.

Exp Wachstum

Auf einigen Seiten hei√üt es immer wieder, dass 1 Prozent Verbesserung pro Tag, am Ende eine 37-fache Selbststeigerung bedeute. Verbesserung soll also nicht t√§glich auf ein Ma√ü festgelegt sein, sondern von Vorhandenem ausgehen. Dieses hei√üt auch im Fachjargon "Kaizen". Nat√ľrlich setzt es voraus, dass wir uns nicht in schlechte Verhaltensmuster zur√ľckfallen lassen, und nat√ľrlich auch dass Wachstum in diesem Sinne keine Grenzen hat. Zun√§chst bleibt das Argument daher leer, denn Ver√§nderung ist keine Formel, sondern eine sehr weit gefasste Aufgabe f√ľr ein gelungenes Leben. By MarianneBirkholz (Own work) CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons

Aber wie sich am besten ver√§ndern? Wir hatten ja hierzu im letzten Artikel den Fall eines M√∂rders besprochen, der nun nach 20 Jahren Ver√§nderung ein Yoga-Studio in Stralsund leitet. Zu der Frage der Pers√∂nlichkeitsentwicklung gibt hier nat√ľrlich sehr viele Websiten, aber trotz der vielen Informationen Erfolg kommt von einem Gehirn, das leider sehr tr√§ge sein will. Ver√§nderung passiert in kleinen Schritten t√§glich und die sind mit unter sehr schwer zu machen. Wir beginnen daher mal mit einem klassischen Argument:¬†Gem√§√ü Aristoteles muss nun, wer mutig sein will, sich Situationen aussetzen, die Mut erfordern (Nikomachische Ethik). Daraus k√∂nne wir analogisch ableiten: Wer besser sein will, muss sich Situationen aussetzen, die Verbesserung erfordern. Und wo k√∂nnen wir diese Verbesserung am ehesten herbeif√ľhren? Auch hier schauen wir in die klassische Erziehungslehre. Nach Platon gehen zun√§chst der K√∂rper und die musikalische Bildung dem Aufstieg aus der H√∂hle zur Sonne voran (die Sonne ist die Selbstaktualisierung nach Masslow’s Bed√ľrfnispyramide siehe Artikel dazu hier),¬†

Ich denke nun auch, dass ein Musikinstrument zu erlernen, ein gutes Modell f√ľr die Selbstverbesserung darstellt. Warum? Sobald man geringf√ľgiges Wissen erworben hat, kann man sich in Zirkeln engagieren, die es genau darauf anlegen, am Instrument besser zu werden und man kommt mit Menschen in Kontakt, die vielf√§ltige Interessen haben, wobei es ihnen h√§ufig um positive Charakterentwicklung geht (vor allem im klassischen Bereich). Aber bringen wir noch ein paar andere Daten ins Spiel:

Musik ist ein intellektuelles Gesamt-Work-Out

Bei der Pers√∂nlichkeitsentwicklung bedeutet ein Musikinstrument ein komplettes Work-Out f√ľr den gesamten intellektuellen Organismus. Die Vielschichtigkeit der Musikpraxis erreicht kein anderes Interesse. Musizieren hat Effekte auf die Gesundheit, wirkt zu Teilen wie ein physisches Training auf den K√∂rper, verbessert die Intelligenz als auch die emotionalen F√§higkeiten. Wer sich also verbessern will, der sollte damit beginnen, ein Instrument zu erlernen und es auch m√∂glichst fr√ľh seinen Kindern nahe legen. Nat√ľrlich entspricht dies nicht meiner gesamten Konzeption des Lernens, denn Lernen zeichnet sich durch ein komplexes Netzwerk von t√§glichen Routinen aus. Ich behaupte aber, dass Musik einer der zentralen Punkte unseres Lebens sein sollte. Warum?

Ich selbst spiele seit vielen Jahren Klavier und werde regelm√§√üig gefragt, ob ich professioneller Pianist sei. Das verneine ich immer mit einem sch√ľchternen L√§cheln, aber ungeachtet der sozialen Ehrung und pers√∂nlichen Eitelkeit muss ich sagen, dass mich das Musizieren zu einem besseren, vor allem ausgeglicheneren Menschen gemacht hat, und dass es mir wom√∂glich am Meisten im Leben gegeben hat, noch mehr als meine Profession, die Philosophie. Zudem habe ich so viele Freunde durch die Musik kennengelernt wie zum Beispiel meinen besten Freund Kiril Stankow. Nach Maslows Bed√ľrfnispyramide erf√ľllt Musik alle Punkte und kann uns, wenn wir es denn erlernen, bis zur Selbstaktualisierung bringen. Schauen wir uns aber auch ein paar Studien hierzu an.

Woher wissen wir, was uns intelligenter macht?

Die letzten 20 Jahre bedeuten eine wissenschaftliche Revolution. Da Daten nun mittels des Internets geteilt werden, hat sich ein dichtes Netz von Studien ergeben, wonach nun der Einfluss von Musik auf die Bildung genauer bestimmt werden kann. Auch die Neurowissenschaft hat hierauf starken Einfluss genommen. Bevor sich diese beiden Felder entwickelt hatte, war dieser Einfluss von Musik oftmals nur sehr ungenau bestimmt. Im Folgenden werde ich die wesentlichen Fakten des Einflusses des Musizierens auf unsere Intelligenz darlegen und mit zunehmender Komplexit√§t auflisten. Ich empfehle dabei, soweit zu lesen, wie es sinnvoll erscheint, es ansonsten als gute Basis f√ľr Argumente zu nutzen. Zu den Konsequenzen komme ich weiter unten. Reicht also die Geduld nicht aus, um sich durch die detaillierten Ergebnisse zu w√ľhlen, empfehle ich ruhig zum Ende vorspringen.

Kurzfakten:

  1. Musizieren hilft bei feinmotorischer Entwicklung, emotionaler Entwicklung Aufmerksamkeit, Angstmanagement, emotionaler Kontrolle (Studie, Magnetic Resonance (MRI) Study of Normal Brain Development)
  2. Nach einer MIT Studie ist der Cerebral Cortex von Konzertpianisten 30 Prozent größer als der von anderen Menschen, die als intellektuell bezeichnet werden (child.http://www.keynotespianostudio.com/Tallahassee_Piano_Lessons/benefits-of-piano-study/)
  3. 75% aller Manager im Silicon Valley hatten Instrumentalunterricht als Kind (child.http://www.keynotespianostudio.com/Tallahassee_Piano_Lessons/benefits-of-piano-study/)
  4. Lesen bedarf verschiedener F√§higkeiten wie Rhythmus und Z√§hlen, was insgesamt der mathematischen F√§higkeit helfen kann. So zeigen Studien auch , dass Musiksch√ľler h√§ufiger besser in der Schule sind¬†(Quelle: Friedman, B. (1959) An evaluation of the achievement in reading and arithmetic of pupils in elementary schools instrumental classes. Dissertation Abstracts International, 20, pp.s 3662-3663.)¬†http://www.effectivemusicteaching.com/articles/directors/18-benefits-of-playing-a-musical-instrument/
  5. Musizieren verbessert Testscores, (nach Studien der University Texas und Georgia gibt es signifikante Korrelationen zwischen der Anzahl der Jahre, in denen ein Musikinstrument gespielt werde und den akademischen Leistungen in Mathematik (University of Sarasota Study, Jeffrey Lynn Kluball; East Texas State University Study, Daryl Erick Trent) 
  6. Ebenso verbessert Musizieren die Sprachfähigkeiten  (Quelle weiter unten)
  7. Musizieren¬†kehrt Stress auf der molekularen Ebene um. Zitat: „It can reverse stress at the molecular level.“¬†(Studies conducted by Loma Linda University School of Medicine and Applied Biosystems; Medical Science Monitor)¬†
  8. Musizieren beeinflusst unsere Hormone positiv. ¬†Zitat: „[…] group keyboard lessons showed significantly higher levels of HgH than the control group people who did not play.“¬†(University of Miami) Quelle:¬†http://www.laphil.com/sites/default/files/media/pdfs/shared/education/yola/susan-hallam-music-development_research.pdf
¬†Konkretere Fakten Argumentationen nach: The power of music: its impact on the intellectual, social and personal development of children and young people“ von Susan Hallam, Institute of Education, University of London Executive
Da Klavierspielen eine sehr komplexe F√§higkeit ist, hat es positive Effekte in vielen Bereichen. Wichtig ist festzuhalten: Einige F√§higkeiten werden von unserem Gehirn auch automatisch f√ľr andere Bereiche genutzt, andere Bereiche bed√ľrfen Reflexion. Viele Lernprozesse laufen allerdings unbewusst ab und hier ist es wichtig, eine gute Strategie zu haben und nichts erzwingen zu wollen.¬†Aus diesem Grund ist auch ein gutes, kritisches Coaching wichtig.
Im Folgenden finden sich einige Fakten, die ich nach Hallam zusammengetragen habe. Das Dokument ist wirklich sehr dicht und weist viele Studienergebnisse nach. Um das ganze noch detaillierter anzugehen, empfehle ich, dort nachzuschlagen (der Text ist allerdings auf Englisch)
Wir trainieren mit Musik auch unsere Sprache
Nach Hallam teilen Wahrnehmung, Sprache und Lesefertigkeiten sowie Musik viele Prozesse und wirken daher wechselseitig aufeinander ein. Aktives Musiktraining erh√∂he daher die Aufnahmebereitschaft im linguistischen Bereich. 8-j√§hrige mit nur 8 Wochen musikalischem Training zeigten hier bereits Verbesserung in der Wahrnehmung mit Kontrollgruppen. Was trainiert werde ist die „phonemische Bewusstheit“.
Ich kann dies aus meiner pers√∂nlichen Erfahrung best√§tigen, ich bekomme immer wieder Komplimente f√ľr meine sehr korrekte Aussprache im Chinesischen, sicher auch ein Resultat meiner musikalischen Ausbildung.
Hallam argumentiert weiter: Ein Instrument zu erlernen, verbessert die F√§higkeit W√∂rter zu erinnern durch eine Vergr√∂√üerung der linken „cranial temporal regions“. Musikalisch trainierte Teilnehmer konnten so 17% mehr verbale Informationen aufnehmen. Auch hier kann ich auf meine pers√∂nliche Erfahrung zur√ľckkommen, da mir bereits nach meinen ersten Aufenthalten in Amerika eine sehr gute Englische Sprachf√§higkeit bescheinigt wurde und das obwohl ich in der Schule wirklich nicht zu den gro√üen Leuchten geh√∂rte. Ich denke, dass mich vor allem hier die Musik positiv beeinflusst hat.
Musiker sind größer UND intelligenter 
Desweiteren konnte in 15 Studien festgestellt werden, dass es eine starke vertrauensw√ľrdige Verbindung (‚Äėstrong and reliable)‚Äô von 2,54 cm K√∂rpergr√∂√üenunterschied zu Gunsten der Musiker g√§be.¬†Nach einer Studie die Theater- mit Musikunterricht verglich, hatten die Sch√ľler der Theatergruppe einen durchschnittlich h√∂heren IQ um 4,3 Punkte, w√§hrend Kinder der Musikgrupe um 7 Punkte h√∂her abschnitten.¬†Zwei national repr√§sentative Studien in den USA mit 45.000 Kindern konnten weitere Zusammenh√§nge verdeutlichen:¬†H√∂here Kreativit√§t, besonders wenn das Spielen des Instruments Improvisation enthielt – erh√∂hter Selbstwert, Durchhalteverm√∂gen, um Frustrationen zu √ľberkommen, und Selbstdisziplin sind nur einige der Ergebnisse. Im Weiteren hat die Teilnahme in Musikgruppen Freundschaften gef√∂rdert, soziale F√§higkeiten, soziales Netzwerken, Teamwork, einen Sinn der Dazugeh√∂rigkeitund erh√∂hte Konzentration. Und auch hier muss ich sagen, die meisten meiner Freunde in Pittsburgh kommen aus dem musikalischen Umfeld.
Musizieren wirkt schnell
Der Einfluss von Musik macht sich zudem sehr schnell bemerkbar. 25 Minuten Musiktraining f√ľr 7 Wochen ergab bereits h√∂here Gehirnaktivit√§t bei 4 bis 6 j√§hrigen. Nach Haley (2001) zeige sich, dass Studenten, welche vor dem vierten Schuljahr mit Musizieren begannen, bessere Resultate in Musik aufwiesen; insbesondere die Tasteninstrumente schnitten hier besser ab¬†
Auswirkungen auf die Schulleistung: Es sind nicht nur die besseren Sch√ľler, die ein Instrument lernen, sondern das Musizieren macht sie besser.
Nach einer Studie von Morrison (1994) von 13.000 Studenten zeigte sich, dass High-School-Students bessere Noten in Matehmatik, Geschichte und anderen Wisssenschaften hatten.¬†Nat√ľrlich ist die Frage, die sich den wissenschaftsgeneigteren Lesern aufdr√§ngt, ob der Einfluss nicht durch die Musik, sondern durch die Eltern kommt oder aber, ob bessere Sch√ľle eher dazu tendieren ein Instrument zu lernen. Hierzu wurde eine Studie durchgef√ľhrt: Nach Southgate and Roscigno ¬†(2009) ist das Engagement in Musik zwar von den Eltern abh√§ngig, aber auch nachdem der Einfluss der Eltern einbezogen wurde, zeigen sich immer noch die positiven Einfl√ľsse von Musik.
 
Musik ist die höchste Form der Kunst
Musik im Vergleich mit Visual Art f√ľhrte zu h√∂herer Kreativit√§t. Umso h√∂her die Anzahl der Musikstunden, desto h√∂her war die Kreativit√§t (Hamann et al., 1991). Andere Studien betonen auch den Bezug zum kritischen Denken (NACCCE, 1999).¬†Gerade Improvisation half signifikant beider Entwicklung des Kreativen Denkens.¬†Broh (2002) zeigte ebenso, dass Musiksch√ľler mehr mit ihren Eltern und Lehrern reden. Auch die Eltern sprachen vermehrt mit befreundeten Eltern.¬†Das resultierende h√∂here Selbstwertgef√ľhl war auch assoziiert mit gr√∂√üerem Erfolg in der Schule.¬†In Studien aus der Schweiz fand man heraus, dass eine Erh√∂hung des Musikunterrichts keine negativen Effekte in Sprachen oder Lesefertigkeiten hatte, gegeben durch die reduzierte Stundenzahl in den anderen Bereichen.
Z√§sur: Es gibt hier derartig viele Resultate und wir √ľberspringen die emotionalen Einfl√ľsse, dazu kommen wir n√§mlich noch am Ende. Interessant sind aber auch die Effekte auf physische Entwicklung und Gesundheit, sowie das Gl√ľcksempfinden.
Mit dem Musizieren verbesserte sich auch das¬†Werfen, Fangen und Springen. vor allem wenn Kinder in Programmen teilnahmen, die Rhythmus enthielten.¬†Bekannterma√üen ergeben sich aus¬†dem Singen viele positive Einfl√ľsse auf die Lungenfunktion, aber auch das Wohlebefinden, Entspannung und soziale Kontakte verbesserten sich¬†(Clift and Hancox, 2001).¬†Clift und Hancox fanden auch positive Ergebnisse f√ľr das Immunsystem und das Herz heraus. Clift et al. (2008)
Nach Parr (1985) w√ľrde Musizieren auf das Herz wirken wie ein flotter Spaziergang. Die Sterblichkeitsraten in Gesellschaften, die sich st√§rker auf Musik konzentrieren, sind angeblich¬†sogar geringer. (Bygren, Konlaan & Johnansson, 1996; Konlaan, Bygren and Johansson, 2000; Johansson, Konlaan and Bygren, 2001; Hyyppa and Maki, 2001). Und das Musik der Entspannung hilft, brauchen wir wohl nicht erw√§hnen. Mir sind auch noch Dokumentationen im ‚Ohr‘, die betonten, dass aktive Musiker seltener zu Alzheimer neigten, oder dass Alzheimer hier besser kompensiert werden konnte. Wen das alles nicht √ľberzeugt, der kann sich das folgende Video anschauen (und dabei gleich ein bisschen English lernen).
Dies sind also die bisherigen Effekte des Musizierens und die Studien (auch wenn mitunter nicht ganz klar) legen nah, dass Eltern, die ihren Kindern, die besten Chancen erm√∂glichen wollen, auch √ľber die richtige musikalische Ausbildungen nachdenken sollten. Der beste Grund aber, warum wir Musik machen sollen, ist nicht der Leistungsanspruch. Aus meiner Erfahrung kann ich sagen, dass Musik Menschen zusammen bringt, Menschen, die Sinn in einer produktiven T√§tigkeit finden. In der Musik kann man Freunde finden, das ist mir in meinem Leben h√§ufig gegl√ľckt. Hierbei geht es nicht unbedingt darum, der Beste zu sein und wie oftmals beim Sport darum, sich hervor zu tun, sondern sich mit anderen gemeinsam an einem gro√üen Werk zu versuchen. In diesem Sinne verspricht Musik einen idealen Beginn in der Pers√∂nlichkeitsentwicklung. Aber auch dies sind nur extrinsische Gr√ľnde, der einzige Grund, den ich anmerken kann: Es macht mir Spa√ü am Klavier zu sitzen und zu √ľben, zu sehen, wie ich mich verbessere und von Zeit zu Zeit, Musik, die ich selbst produziere zu genie√üen. Es macht mir auch Spa√ü, dieses weiterzugeben. In Pittsburgh habe ich einen Hochzeitsmarsch komponiert, der nun auf immer mehr Hochzeiten gespielt wird. Das ist sch√∂n und letztes Wochenende habe ich auf einer Talentshow gespielt, wonach mich viele Leute danach auf das St√ľck angesprochen haben und sehr begeistert waren. Und es geht noch sentimentaler: Eine meiner Freundinnen weint gerne, wenn sie Klaviermusik h√∂rt :)
Und wie geht es jetzt weiter? Es beginnt wohl damit, ein Musikinstrument zu kaufen, einen engagierten, guten Musiklehrer zu finden und auch seine Kinder zum Musikunterricht anzumelden. Klavier ist √ľbrigens meine Empfehlung, weil es in allen Musikbereichen integrierbar ist, Flexibilit√§t erm√∂glicht und vor allem auch immer eine T√ľr zum klassischen Bereich aufh√§lt (es ist allerdings kein Muss). Gitarren sind transportabler, aber neuste Stage-Pianos sind auch leicht woanders unterzubringen und haben noch sehr hohe Qualit√§t. Nat√ľrlich sind Klaviere teuer, hier in Pittsburgh habe ich mir jetzt gerade erst ein Yamaha P-45¬†gekauft, nachdem unser Klavier abgeklappt ist (spart auch die 200 Dollar stimmen j√§hrlich und an Fl√ľgeln kann ich an der Uni √ľben).

Das ist E-Piano sehr g√ľnstig, hat ein paar Limitierungen im k√ľnstlerischen Ausdruck, aber das Preisleistungsverh√§ltnis ist unschlagbar. F√ľr Anf√§nger kann es meines Erachtens keine andere Empfehlung geben, denn nach 3 Jahren ist das Geld schon wieder drin, weil man es nicht f√ľr das Stimmen eines Klavieres ausgegeben hat. Ich setze mich mal hin und werde einen Artikel √ľber E-Pianos schreiben, denn auch unter Profis sind diese noch sehr untersch√§tzt.

Wenn ihr keine weiteren Beitr√§ge verpassen wollt und mir weiter folgen wollt,¬†dann solltet ihr in den¬†E-mail-Verteiler schl√ľpfen (bei Facebook kommt ja nicht mehr alles an). Ihr¬†k√∂nnt mich auch bei¬†Google+¬†adden,¬†oder der¬†Facebookgruppe¬†oben rechts beitreten.¬†Ein¬†RSS-Feed¬†f√ľr die progressiven Internetnutzer ist nat√ľrlich auch vorhanden. Ansonsten k√∂nnt ihr mich gerne anschreiben oder einen konstruktiven (!) Kommentar hinterlassen. Ansonsten w√§re weiterempfehlen ganz nett.

Frohe Weihnachten, Norman Schultz, Pittsburgh, Dezember 2015

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Verändere dich РWie am Besten?

In diesem Artikel geht es um einige Aspekte der Selbstveränderung. Ich folge hierbei keiner genauen Struktur, wer allerdings mitliest, kann einige neue Aspekte zur Persönlichkeitsentwicklung finden, die meines Erachtens so noch nicht anderer Stelle diskutiert werden. Am Ende komme ich auf mein Ziel, Klavier zu lernen, zu sprechen.
Als Dieter Gurkasch, selbst Gewaltverbrecher, auf der Intensivstation erwachte, empfand er nichts mehr von all dem Zorn, all der Wut, all der Verlassenheit. Nach einer Schie√üerei mit der Polizei und einer gef√§hrlichen Schussverletzung im R√ľcken, an der Grenze zum Tod hatte sich etwas in dem brutalen Gewaltverbrecher ge√§ndert (Quelle).12 weitere Jahre Gef√§ngnis f√ľr einen Raub√ľberfall und dies nach einer bereits verb√ľ√üten Gef√§ngnisstrafe von 11 Jahren wegen eines Raubs mit Todesfolge des Opfers sollten ihn schlie√ülich ganz ver√§ndern. 12 Jahre Zeit nun auch wirklich ein anderer zu werden (titelbild: By Felix Burton (Flickr) [CC BY 2.0 (http://creativecommons.org/licenses/by/2.0)], via Wikimedia Commons).
„Wir selbst sind zu einem wesentlichen Bestandteil Ver√§nderung“ (Alfred Eisleben)

Wie entwickeln wir uns? K√∂nnen wir uns bis ins hohe Alter ver√§ndern, lernen? Die allgemeine Auffassung verliert sich hier in der Ratgeberliteratur, den endlosen Botschaften von der Kraft des Willens. Die Gegenwart hat sich in einen Selbstentwicklungsoptimismus hineingesteigert, wobei das gl√ľckliche Leben im endg√ľltigen Sieg √ľber eine minderwertige Hunderasse erreicht werden soll. Der Kampf mit dem Schweinehund, mit der dunklen Seite der Macht in uns, ist unsere Seele geworden. Nachdem wir das Moralgebot dieses Kampfes internalisiert haben und unsere Aggressionen in uns einsickern lassen haben, m√ľssen wir alles Potenzial gegen den Gegner als Selbst richten. In uns sind wir dem Feind ganz nah, dem Schweinhund, dem schlechteren Selbst. Was in archaischen Gesellschaften die Unterdr√ľckung durch den K√∂nig war, ist in modernen Gesellschaften die Selbstunterdr√ľckung durch Produktivit√§t geworden.

„Ver√§nderung ist Aufstieg von den niederen Bed√ľrfnissen zum h√∂heren Geist“ (Alfred Eisleben)

Was also bedeutet Entwicklung die dieser Leistungsdynamik entkommt? Entgegengesetzt der g√§ngigen Meinung entwickeln sich Menschen nicht nur in ihrer Kindheit. Wir k√∂nnen uns bis zum Alter von 50 ver√§ndern, danach bleibe unsere Pers√∂nlichkeit allerdings stabil. Ver√§nderung selbst – jedoch nicht notwendig nach moralischen Geboten – ist unser Weg. Ein Weg, der aufw√§rts und abw√§rts f√ľhren kann.

Bei Ver√§nderung kommt es nun darauf an, die Maslow’sche Bed√ľrfnispyramide wirklich zu verstehen, denn wir sollten bei aller Ver√§nderung die Maslow’sche Bed√ľrfnispyramide aufw√§rts steigen.

MaslowsHierarchyOfNeeds

Erf√ľllung aller Sehns√ľchte liegt in der Selbstaktualisierung, eine letzte Stufe die bereits Platos Aufstieg aus der H√∂hle zur Sonne symbolisierte. Wichtig aber ist, dass wir, bevor wir diese Selbstaktualisierung erreichen, n√§mlich ein Gut, dass unbegrenzt zur Verf√ľgung stehen kann und deswegen erf√ľllt, dass wir hiervor die Fallen der Selbstentwicklung verstehen: Wer einen Baustein erreicht, ist ungl√ľcklich und will zum n√§chsten. In diesem Sinne sollten wir uns h√ľten, etwas f√ľr das Ziel unseres Gl√ľckes zu erkl√§ren, ohne es vorher bereits zu kennen. Haben wir unsere materiellen Bed√ľrfnisse befriedigt, werden wir sogleich in das n√§chste Bed√ľrfnis nach Materiellem getrieben. Wer sein gesamtes Leben daher darauf ausrichtet, eine bestimmte materielle Grundlage zu erreichen, wird sodann finden, dass sich danach die Sinnfrage um so dr√§ngender stellt. Wer Liebe zum Beispiel im Partner zu finden hofft, wird mit dem Partner an seiner Seite unzufrieden sein, wenn er nicht vorher gl√ľcklich war.

Studien zeigen, dass Lotteriegewinner nach anf√§nglicher Euphorie nicht gl√ľcklicher sind als andere (wobei die Studien viele Schl√ľsse zulassen, warum das der Fall ist). Das Level des Gl√ľcks f√§llt bald wieder auf das Ursprungsniveau zur√ľck.¬†Ganz im Gegensatz geht es bei der Bed√ľrfnispyramide daher darum, die best√§ndige Chance, Dinge zu √§ndern zu erkennen und hierin die eigentliche Aufgabe zu entdecken. Hierin in der Selbstver√§nderung liegt der h√∂chste Punkt unserer Bed√ľrfnisse, n√§mlich ganz wir selbst zu sein, allerdings nicht eine starre Identit√§t, sondern ein Ich zu sein, das in den Bewusstseinsstrom niemals zweimal steigt, sondern als diese Ver√§nderung des Wassers selbst Wasser ist. Was ich meine? Ich kann es nur noch kryptischer ausdr√ľcken:

Seele bleibt ein Wasserwort

Und es ist jene Selbstaktualisierung, die die Seele in ihrem Wesen antreibt, eine Bewegung von ihrem Sein durch ihre Distanzierung als Seiendes zur√ľck zu ihrem Sein (das ist Hegelianismus).

Zur√ľck zu dem M√∂rder Gurkasch: Heute leitet der verurteilte M√∂rder Gurkasch ein Yogastudio in Stralsund. Doch er hatte einen langen Weg der Ver√§nderung hinter sich. Er durchschritt viele Erfahrungen, um zu erkennen, was h√∂heres Gl√ľck bedeutet. Doch dieser Weg war lang und beschwerlich. Hierzu sagt Gerhard Roth:

„In der menschlichen Entwicklung gibt es alles, nur eines nicht: Dass ich mir vornehme, mich zu bessern, und von Stund an ein besserer Mensch bin. Wenn ich mich wirklich bleibend √§ndern will, m√ľssen vor allem die tieferen Schichten ver√§ndert werden.“ (Selbe Quelle)

Das hei√üt, wer Raucher ist, bleibt aller Wahrscheinlichkeit nach Raucher. Das Selbst ver√§ndert sich nur langsam und nur durch t√§glich kleine Routinen k√∂nnen wir ein anderer werden¬†(hier in einem Blogbeitrag nach Prof. Fogg beschrieben). Nach Prof. Foggs Theorie ver√§ndern uns ¬†Kleinigkeiten √ľber die Jahre hinweg und lassen uns wachsen. Daher muss die Ver√§nderung nicht √ľber gro√üe Ziele erschlossen werden, sondern √ľber Planung und kleine Schritte. Jeder, der ein Instrument spielt, wei√ü, dass Lernen zumeist nicht aus Erleuchtungsschritten und Aha-Erlebnissen besteht, sondern auch Konsequenz in der t√§glichen, kleinen Selbstver√§nderung bedarf.

„Das Gehirn ist kein tr√§ger Stein, der mit Sicherheit auf sein Ziel zusteuert. Wir leben mit diesem Gehirn in unserem Kopf und k√∂nnen es ver√§ndern.“ (Avid Graf)

Es gibt allerdings auch noch eine andere Seite. Wir m√ľssen auch bedenken, wenn Roth von der Tr√§gheit unseres Gehirnes ausgeht, so macht er dies aufgrund von Schl√ľssen, die empirischen Quellmaterial entspringen. Sein Schluss ist induktiv. Das hei√üt, entgegen Roths Auffassung mag es dennoch individuelle Situation geben, die einen vollst√§ndigen Richtungswechsel erm√∂glichen und die er aufgrund der √ľberw√§ltigenden Anzahl von normalen Studienobjekten nicht sehen kann.Steve Pavlina, einer der erfolgreichsten Personal-Development-Autoren, w√§re ein solches Beispiel. Nach einer Nacht im Gef√§ngnis gab er sich das Versprechen, sein Leben zu √§ndern und machte sogleich zwei Abschl√ľsse innerhalb eines Jahres und leitete nebenbei ein erfolgreiches Computerbusiness.

Sicher bleibt das Gehirn dasselbe, wie Roth eben vermutet, aber der Hebel zur Ver√§nderung legt sich manchmal spontan um und dann werden wir durch t√§gliche Routinen ein anderer. Der zweite Ansatz besteht daher in der Konfrontationstherapie und geht daher √ľber die Schl√ľsse von Fogg und Roth hinaus.

Der Psychologe Birbaumer Quelle kann von vielen solcher Fälle berichten: Ein Mann hatte mehrere schwere Autounfälle, doch nach 30 irrsinnigen Fahrten mit dem Psychologen lernte dieser Mann, dass ihm nichts passiert. Er war partiell geheilt.

Aus Birbaumers Geschichten k√∂nnte man Filme drehen. So nahm er, „wenn n√∂tig“, einen Patienten auch mal mit auf Reisen, schlief mit ihm in einem Bett und kettete ihn mit Handschellen an sich, damit dieser nicht, von seinen √Ąngsten getrieben, abhaute. (Quelle)

Schoktherapien sind Aha-Erlebnisse, die ein ganzes Gehirn schnell restrukturieren k√∂nnen, andere Wege aufzeigen. In diesem Sinne ist es immer g√ľnstig, andere Ans√§tze zu suchen, nicht alles ist stupides Wiederholen. Deswegen muss ein holistischer Ansatz auf beides, Wiederholung und Kreativit√§t zielen. Eine Gesamtstrategie allerdings kostet viel Geduld und Unterst√ľtzung.

Wer den falschen Freundeskreis hat, sich mit Couch-potatos umgibt, die ausbremsen, wird nicht weit kommen (eine Studie zeigt, dass die Veränderung des Lebensstils des Partners auch in uns etwas bewirken kann, andere Studien zeigen aber, dass eher der Partner mit den negativen Eigenschaften auf das Verhalten des Anderen einwirkt). Es ist schwer, dem falschen Partner in negativen Eigenschaften zu widerstehen. In diesem Sinne gehören zu Persönlichkeitsveränderung viele Faktoren und womöglich ist ein Coach wie im Sport unabdingbar (hier ein anderer Artikel von mir dazu).

Das Klavier ist die Nummer 1 unter den Veränderungsdevices

Bei meinem Coaching-Ansatz m√∂chte ich gerne extrinsische Motivationen ausklammern. Hierzu geh√∂ren auch negative Anreize wie Strafen, da h√§ufig nach dem Wegfall der Restriktionen, das Verhalten, schlechter ausf√§llt als zuvor. Langfristig m√∂chte ich allein intrinsische Motivationen entwickeln.¬†Ich will mich daher vorrangig auf den Abbau von Hemmnissen konzentrieren. Hemmnisse sind Dinge, die mich von einem guten Lebensstil abhalten, zum Beispiel, wenn mein Zimmer ungeordnet ist und ich viel Zeit vergeude, mit dem Arbeiten zu beginnen. Hier ist es nat√ľrlich auch eine Frage wie organisiert, der Alltag bereits ist.¬†Dar√ľber hinaus kann es hilfreich sein, zu analysieren, welche intrinsischen Motivationen bereits bestehen und diese zu verst√§rken. Was macht mir wirklich Spa√ü?

Selbstver√§nderung muss schrittweise in intrinsische Ver√§nderung √ľberf√ľhrt werden, nur so werden wir einerseits langfristig gl√ľcklich werden, denn Ver√§nderung ist etwas, was als Ziel selbst immer unabh√§ngig von √§u√üeren Umst√§nden m√∂glich ist und andererseits werden wir nur so Ver√§nderung erreichen. Ver√§nderung wird nicht unmittelbar erreicht, sondern besteht aus vielen Schritten der Vermittlung am Materiellen. Wir m√ľssen die Bed√ľrfnispyramide durchsteigen und so auch erfahren, dass zum wirklichen Gl√ľck auch wirklicher Verlust geh√∂rt. Wer riskiert, kann daher langfristig nur gewinnen. Das allerdings am Rande. Hier geht es mir darum, mein Klavier zu nutzen, denn wer sich in einer Eigenschaft verbessert, so behauptet ebenfalls Prof. Fogg, der verbessert sich gleichzeitig auch in anderen Bereichen.

Ich habe Jahre lang Klavier gespielt und werde immer wieder von Menschen in Pittsburgh gefragt, ob ich professioneller Pianist bin. Ich habe in meinen Kursen auch hin und wieder Musikstudenten, die nat√ľrlich bei Weitem besser sind, aber ich interagiere mit ihnen h√§ufig. F√ľr mein pers√∂nliches Projekt habe ich mich einer Pianogruppe in Pittsburgh von Professoren im Ruhestand angeschlossen und werde langfristig viele Klavierst√ľcke meinem Repertoire hinzuf√ľgen. Klavierspielen bedeutet langsame Ver√§nderung des Gehirns. Und das ist es worauf ich mich konzentrieren muss.

Klavierspielen lehrt uns, dass Veränderung nur in der täglichen Routine erfolgt.

¬†Beim Klavierlernen geht es mir nun vor allem darum klassische St√ľcke zu erlernen, die das Klavier in den Mittelpunkt stellen. Ich spiele im Moment zusammen mit Haruka und Christa das Doppelviolinconcerto von Bach, was wirklich viel Spa√ü macht. Vom Popkulturellen nehme ich im Gegensatz mehr und mehr Abstand. Zumeist kann ich es ohnehin vom Blatt spielen und es sind keine besonderen, musikalischen Linien zu erkennen. Ich wei√ü, das wirkt herablassend, aber wer wirklich in die klassische Musik irgendwann einsteigt, erkennt, wie die klassische Musik um Sprache und Ausdruck ringt und im Vergleich zur Pop-Musik in tiefere Tiefen eintaucht.¬†

Nun, ich sage nicht, dass Pop-Musik immer schlecht sein muss. Auf unseren Parties hier in Pittsburgh ist das immer noch ein wichtiges Element und wir haben viel Freude dabei, aber es geht dabei um den Effekt, in einer vielleicht zu oberfl√§chlichen Kultur? Um einen niederen Teil der Bed√ľrfnispyramide? K√ľrzlich haben wir auf einer Halloweenparty eine „Komposition“ √ľber das Hippiedasein performt, da¬†ich selbst als Hippie „Moon“ verkleidet war. Der Song hie√ü „Oceans of Emotions“. Das war so erfolgreich und offenbar witzig, dass mich Severin, der Co-Founder von Duolingo, glatt f√ľr die Weihnachtsfeier von Duolingo buchen wollte. Ich hielt das nat√ľrlich f√ľr einen Witz, aber er fragte mich drei Tage sp√§ter nochmals. Das macht mich nat√ľrlich ein bisschen stolz. Was will ich aber sagen: Pop-Musik macht Spa√ü, so wie Hot Dogs schmecken und ich niemanden daf√ľr direkt verurteile, aber mentale Gesundheit bekommen wir woanders her genauso wie physische Gesundheit langfristiger gl√ľcklicher macht.

Tatsache f√ľr mich ist, dass es bei Pop-Musik nicht die enormen Entwicklungssch√ľbe gibt, wie bei klassischer Musik. Immer nach den Phasen, in denen ich klassische Musik lernte, konnte ich mit Pop-Musik noch besser umgehen. Ich halte Pop-Musik f√ľr eine Unterforderung unseres Gehirns, es kommt allerdings darauf an, sich zu √ľberfordern. Nun ich werde mich k√ľnftig mehr mit dem Klavierspiel auseinandersetzen und ein E-Piano f√ľr unser Haus besorgen.

Lumosity und Braintrainer helfen nicht

Es sei noch eine Sache angemerkt, warum ich mich auf Klavierspielen fokussiere. In einem Statement von 70 renommierten Neuroforschern heißt es, dass all die angebotenen Braingames nicht die magische Kugel sind, um seine kognitiven Fähigkeiten zu verbessern (Quelle). Nach einer relativ aggressiven Marketingcampagne hatten diese eine wesentliche Verbesserung der Gehirnleistung und so zum Beispiel Schutz vor Alzheimer versprochen. Es kommt allerdings nicht auf einen Schritt an, sondern darauf, viele Veränderungen langfristig ins Visier zu nehmen. Es ist wie bei der Ernährung, es kommt nicht auf eine neu-entdeckte Pflanze an, sondern auf die Gesamtheit der Ernährung. Stattdessen heißt es daher in der Forschung, dass das Erlernen einer neuen Fähigkeit, die Intelligenz am ehesten befördert. Ich behaupte, dass das Klavier oder ein anderes klassisches Instrument hierzu die beste Möglichkeit bietet, uns vor Alzheimer im Alter bewahrt, Kinder schlauer werden lässt und mehr. Zu den Belegen aber in einem der folgenden Artikel mehr. Hier geht es zunächst nur um die Selbstentwicklung.

Wenn ihr keine weiteren Beitr√§ge verpassen wollt und mir weiter folgen wollt,¬†dann solltet ihr in den¬†E-mail-Verteiler schl√ľpfen (bei Facebook kommt ja nicht mehr alles an). Ihr¬†k√∂nnt mich auch bei¬†Google+¬†adden,¬†oder der¬†Facebookgruppe¬†oben rechts beitreten.¬†Ein¬†RSS-Feed¬†f√ľr die progressiven Internetnutzer ist nat√ľrlich auch vorhanden. Ansonsten k√∂nnt ihr mich gerne anschreiben oder einen konstruktiven (!) Kommentar hinterlassen. Ansonsten w√§re weiterempfehlen ganz nett.

Norman Schultz

Veröffentlicht unter Intelligenz steigern, Lernen lernen | 1 Kommentar

Zum Lernen in der Freizeit, warum Schulen strenger sein sollten und wie dramatisch Eltern unsere Chancen beeinflussen Р3. Teil meiner Gespräche mit Emil Darrenhofer

Norman Schultz: Herr Darrenhofer und ich haben in den vorangegangenen Abschnitten vor allem √ľber die Einbettung des Lernens in das Soziale gesprochen. Was viele Menschen dabei nicht sehen, ist, dass Lernen nicht von Tricks und Tipps handelt, sondern von einer umfassenden Strategie, die sozial einge√ľbt werden muss. Bevor wir dies jedoch weiter vertiefen, lassen sie mich zuvor¬†fragen, inwiefern unbedarfte Lerntipps in Form von Techniken auch St√∂rungen einhandeln k√∂nnen. Sie hatten dies ja bereits in Bezug auf Schnelllesen erw√§hnt.

Emil Darrenhofer: Das stimmt: Nicht nur, dass Ihnen nutzlose Techniken Zeit nehmen, ja, sie k√∂nnen sich auch ernsthafte St√∂rungen einhandeln. Beim Lesen hei√üt es beispielsweise f√§lschlicherweise, dass eine generelle Beschleunigung gut w√§re, denn so k√∂nnen sie vielmehr Lesestoff schaffen. Speed-Reading-Kurse sollen Ihnen dann beibringen, wie Sie die innere Subvokalisation unterdr√ľcken. Was am Anfang zu funktionieren scheint, wird Ihnen aber letztlich ernsthafte Lesest√∂rungen einhandeln.Ich jedoch argumentiere, dass sich das traditionelle Lesen automatisch vom Viellesen beschleunigt und man ansonsten die Finger davon lassen sollte.

Norman Schultz: Da kann ich zustimmen, nach einem √§u√üerst intensiven Kontakt mit den Michelmanns auf diesem Gebiet (wom√∂glich Deutschlands und weltweit einzigen Experten zur wirklichen Lesebeschleunigung und zum Hochgeschwindigkeitslesen) muss ich zu dem Schluss kommen, dass die angebotenen Kurse Produkte sind, die keinen Sinn ergeben. Bei der klassischen Lesemechanik braucht das Gehirn die Vertonung, damit die Augen dem Text geordnet folgen k√∂nnen, denn Augen sind ja biologisch auf best√§ndiges Umherspringen programmiert. Wir scannen keine Horizonte in stupiden Linien als fahren wir √ľber einen Text, sondern wir ordnen Bilder im Hinblick auf ein inneres Bild.

Das innere Vertonen der Worte beim Lesen im Gegensatz aber erlaubt konzentriertes Blicken. Weil ich innerlich einer Tonschleife folge, folgen meine Augen. Nun allerdings folgt der Fehler: Die meisten Beschleuniger gef√§hrden die eingespielte Mechanik zwischen Vertonung und Augenkoordination. Wenn wir beim Beschleunigen des klassischen Lesen, die Tonmechanik zerst√∂ren, k√∂nnen wir nicht mehr lesen. Beim wirklichen Schnelllesen kommt es daher darauf an, sehr fr√ľh in unglaublich hohe Lesegeschwindigkeiten zu springen, damit das optische Lesen sofort aktiviert wird und die tonale Lesef√§higkeit erhalten bleibt.

Emil Darrenhofer: Ich komme zu dem selben Schluss. Ich halte daher die Angebote der gesamten Speed-Reader f√ľr nicht seri√∂s, denn sie zielen nur auf kurzfristige Ergebnisse, die sie langfristig nicht erhalten k√∂nnen. Kurzfristig schaffen Sie es vielleicht Texte mit 1000 W√∂rtern pro Minute zu entschl√ľsseln, langfristig machen Sie sich die eingespielte Mechanik, die sie seit ihrer Kindheit als Kulturtechnik erworben haben, kaputt. Es ist wie beim Sport, wer zuviel will, zerst√∂rt sich die Gelenke.

Norman Schultz: Haben Sie vielleicht noch andere Beispiele f√ľr unangebrachte Techniken.

Emil Darrendorfer: Nicht direkt, aber ich kann mir mit weiteren Analogien behelfen, auch wenn das nicht wirklich seri√∂s ist. Wenn ich beim Sport gleich einen Marathon laufen will, so geht vieles schief. Nicht nur, dass ich meine Gelenke √ľberstrapaziere, die Wahrscheinlichkeit, dass ich von mir selbst entt√§uscht auf das Sofa zur√ľckfalle, ist sehr hoch. Es kommt beim Lernen wie beim Sport auf die langfristige Integration von Lernstrategien an. Ohne die soziale Kontrolle kann dies nicht funktionieren. Deswegen hat B.J. Fogg auch seine Lernstrategien entwickelt, die auf Tiny Habits, also Mikrogewohnheiten zielen.

Norman Schultz: Da stellt sich nat√ľrlich die Frage, warum Menschen Lernen nicht positiv in den Alltag integrieren k√∂nnen.

Darrenhofer: Die meisten Menschen erwarten eine Art N√ľrnberger Trichter, so dass das Wissen in sie wie Zuckerwasser hineinflie√üt. Viele suchen nach Geheimtechniken und einmal gefunden w√ľrde das Genie aus ihnen wie ein Vulkan hervorbrechen. Das sind deplorable Visionen von einem Schlaraffenland des Wissens, wo einem die Erkenntnis wie ein Brath√§hnchen in den Mund fliegt. Diese geheime Studiertechnik gibt es nat√ľrlich nicht und alle die diese Versprechen machen, sollten Sie nicht Ernst nehmen.

Dabei ist es ganz einfach, wenn sie √ľber das Gehirn nachdenken, sollte klar sein, dass es nicht absolut in Erleuchtungsschritten lernt, sondern dass Ver√§nderung des Gehirns, das hei√üt Lernen, ein geplanter Prozess ist, der mehrere Jahre in Anspruch nehmen kann.

Norman Schultz: Passend dazu, muss ich hier einfach dieses Video hier √ľber die Geheimtechniken des Zeitmanagements posten:

Norman Schultz: Nach diesem eindr√ľcklichen Verkaufsvideo fragen wir also mehr, was es bedeutet, eine F√§higkeit zu erlernen, denn dass es diese Wundertechnik des Lernens nicht gibt, h√§ngt wohl auch damit zusammen, was es bedeutet, √ľberhaupt eine F√§higkeit zu erlernen.

Emil Darrenhofer: Das ist sehr richtig, die meisten F√§higkeiten und Fertigkeiten bed√ľrfen eines langen Weges, wobei unklar ist, welche Abzweigungen wir dabei nehmen m√ľssen. Wir glauben zumeist, dass das Genie seine Leistungen aus einem direkten Zugang zum Fantastischen sch√∂pft, aber selbst bei Mozart war erst das Sp√§twerk f√ľr seinen Ruhm entscheidend. Das hei√üt, lange eingespielte Intuitionen ebnetem ihm den Weg zum Genialen. √Ąhnliches sehen wir bei den meisten, gro√üen Genies. Diese hatten immer lange Arbeitswege hinter sich, bevor sie dann zum Erfolg durchstie√üen. Daher sollten wir uns nicht nach den Lerntechniken fragen, sondern fragen, was es hei√üt, komplexe F√§higkeiten zu erlernen.

Norman Schultz: Diesen Glauben an das Geniale k√∂nnen wir wohl auch unter dem „Myth of Great Man“ verbuchen.

Darrenhofer: Der Punkt ist, dass unsere Wahrnehmung sich auf Erfolge fokussiert. Wir glauben daher, dass die Geschichte von wenigen, gro√üen M√§nnern gelenkt wurde (Die Argumentation ist aus den Podcasts von You are not so smart √ľbernommen). Wie vielleicht Steve Jobs f√ľr einen Moment in ein Hinterzimmer geht und das I-Phone erfindet, so erlernen Wunderkinder nat√ľrlich Klavier. Menschen, die dies glauben, glauben auch, dass jedes Ereignis in der Welt von dunklen Strippenzieher kontrolliert wird. Tats√§chlich aber ist die Welt anders und wir lernen auch anders: Struktur, Systematizit√§t und soziale Stabilit√§t sind dabei Schl√ľsselw√∂rter, wobei ich nat√ľrlich vorsichtig sein muss, dass ich dabei keine weiteren Plattit√ľden in den Diskurs einf√ľhre. ¬†

Norman Schultz: Lassen sie es mich daher nochmals am Beispiel des Schachs er√∂rtern, um das ganze konkreter zu gestalten. Es ist meines Erachtens leicht in die h√∂heren Perzentile in einem Expertengebiet vorzusto√üen, allerdings wird es immer schwerer, sich in den Expertenbereichen ab dem 95ten Perzentil zu profilieren. Die meisten Disziplinen haben eine solche klare Unterteilung in Experten und Amateure nicht. Im Schach aber ist dies m√∂glich. Nun k√∂nnen wir dort beobachten, dass das Anf√§ngerwissen leicht kategorisierbar ist, das hei√üt, wir k√∂nnen klare Pr√§missen auf den Weg geben, zum Beispiel: Ber√ľhre eine Figur nicht zweimal in der Er√∂ffnung, Rochiere fr√ľh, besetze das Zentrum usw. H√∂heres Wissen allerdings wird dabei immer abstrakter. W√§hrend der Anf√§nger die Verbesserung noch sehr deutlich in wenigen Sitzungen sp√ľrt, wei√ü der Experte am Ende nicht mehr, ob er etwas gelernt hat, wenn er lernt. Das hei√üt, nur f√ľr Anf√§nger ist Wissen in einfacher Form formulierbar. Je weiter aber das Wissen, desto schwieriger k√∂nnen wir es formulieren. Das hei√üt, wir sollten uns auch nicht unbedingt von Theorien verwirren lassen, die Einfachheit preisen. Lernen ist ein Prozess, der t√§glich erfolgt und ich m√∂chte behaupten, dass wirkliches Lernen dann stattfindet, wenn wir f√ľr schwierige Probleme L√∂sungen entwickeln. Sch√ľler und Eltern, die dabei Infotainment verlangen, haben den eigentlichen Lernweg nicht verstanden.

Emil Darrenhofer: Ja, da stimme ich zu, wobei wir nat√ľrlich die Komponente des Sozialen als Horizont f√ľr die Problemdefinition noch einarbeiten m√ľssen.

Norman Schultz: Nat√ľrlich, das machen wir gleich noch. Es ist einfach zuviel, was hier gesagt werden muss, was sicher auch damit zu tun hat, dass N√§he zu einer guten Theorie oftmals hohe Grade an Abstraktheit aufweist. Soziale Kl√§rung ist dann das Ziel.¬†

Emil Darrenhofer: Ich muss nat√ľrlich eingestehen, dass eine Reduktion von Komplexit√§t auch etwas mit Lernen zu tun hat, aber das ist wieder ein weiterer Teilbereich.

Norman Schultz: Brechen wir es daher nochmal auf eine einfache Frage herunter: Was aber machen Studenten anders, die im Studium schlichtweg erfolgreicher sind?

Emil Darrenhofer: Hier zeigt sich vor allem, dass Organisation ein Weg zum Erfolg ist. Ein erfolgreiches Studium ist zum Beispiel stark von der Selbstorganisation abh√§ngig. Wir aber erreichen wir diese gute Organisation? Meines Erachtens geht dies auf ein entsprechendes Coaching zur√ľck. Lernen stattdessen auf simple Lerntechniken herunter zu brechen ist der Kardinalfehler.

Norman Schultz: Was meinen Sie mit Selbstorganisation und Coaching?

Emil Darrenhofer: Nun dies bedeutet eben nicht, eine wundersame Lerntechnik zu entdecken, sondern √ľberhaupt erstmal das Leben zu ordnen, das hei√üt, eine gewissen Kontinuit√§t in die Lern-Algorithmen zu bringen und √ľber lange Strecken hinweg systematisch zu erkennen, welche Vorgehensweisen Ertr√§ge bringen. F√ľr denjenigen, der diese Stra√üe allein gehen muss, ist es ein beschwerlicher Weg. Die meisten nehmen dabei schnell die Prokrastinationsabzweigungen, denn komplexe Lernstrategien erwerben wir nicht im Nebenbei, sondern sie sind Resultate eines sozialen Prozesses. Da das direkte Gef√ľhl des Erfolgs erstmal ausbleibt, k√∂nnen wir Lernen zumeist nur durch intensive Beratung erlernen. Wir bekommen es von unseren Eltern, die selbst Lerner sind, oder aber durch Freunde, die √§hnliche Interessen verfolgen.¬†

Norman Schultz: Sie meinen also, und wir haben es ja schon häufig angedeutet, dass es auf das soziale Umfeld ankommt.

Emil Darrenhofer: Nat√ľrlich ist dies entscheidend, hier wirken die Vorbilder nicht medial, so dass sich der viel gescholtene Productivity-Porn ergibt, sondern in Verflechtung mit dem eigenen Leben spiegeln im Sozialen. Der¬†Freund, der uns auch in unseren Fehlern nah bleibt, kann unsere Fehler sehr gut korrigieren. Strategien von Freunden werden viel eher intuitiv imitiert, wobei Freunde uns zugleich auch reflektieren. Hier findet eine unglaubliche soziale Multiplikation von Lern-Energien statt. Dabei kommt es nat√ľrlich darauf an, dass diese Freunde nicht zum Heer der Berufstudierenden z√§hlen. Ich meine die Studenten, denen nur ein Studientitel z√§hlt und dabei in ihrer Freizeit wenig Interesse an Pers√∂nlichkeitsentwicklung haben. Ich geh√∂re zu der Fraktion der Abstinenzler, die bezweifeln dass sich unter den Biersch√§umen, unten am Bierglas Erkenntnis verbirgt. In so ein soziales Umfeld hinein zu geraten ist nicht viel wert.

Norman Schultz: Aus der Sozialforschung wissen wir hierbei sehr genau, dass Kinder aus der Oberschicht gr√∂√üere Chancen auf au√üerordentliche Studienwege haben als Studierende aus der Unterschicht (Im Allgmeinen wird dies unter Sekund√§reffekten diskutiert, das hei√üt, die Schulwahl h√§ngt bereits von der Schichtzugeh√∂rigkeit ab. Bei den Prim√§reffekten tritt die so genannte kulturelle Ausstattung in den Vordergrund). Der soziale Klassenbegriff ist nat√ľrlich unscharf und problematisch hier. Aber hinter der Geburt in ein kontingentes Leben verbirgt sich, wie so oft, unsere Schicksalsschlagader, eine nat√ľrliche Ungerechtigkeit.

Lehren wird bei den eigenen Kindern schnell zum Belehren - Vorleben ist wohl besser

Emil Darrenhofer: Nun, eine Ungerechtigkeit w√ľrde dann bestehen, wenn Unterschichtler aufgrund ihrer Schichtzugeh√∂rtigkeit keine Chance bek√§men, in die Oberschicht aufzusteigen. Das mag auch in vielen F√§llen der Fall sein. Ich glaube aber, dass zumeist Unterschichtler √§hnliche Chancen haben, ihnen fehlt nur das Wissen, diese Chancen zu nutzen und den entsprechenden Lebensweg einzuschlagen.

Norman Schultz: Ich möchte das eigentlich bezweifeln. Können Sie dies näher erläutern.

Emil Darrenhofer: Nat√ľrlich, wenn Eltern ihren Kindern, die Realschule empfehlen oder Studenten l√§cherlich machen, weil die abgehoben reden und somit die wirklichen Wirklichkeiten verkennen, dann fehlt ihnen hier schon die Einsicht, was den Ausstieg aus den unteren Klassen erm√∂glicht. Mein Mitbewohner, Koch, wollte niemals, dass weitere Studenten bei uns einziehen. Mit hochgezogene Augenbrauen erkl√§rte er mir dann irgendwann: „Meene Schwesta will studier’n.“ und erg√§nzte es mit seiner Lebensweisheit: „Ick hab ihr jesacht, se soll inne Jastronomie arbeeten, da find se imma Arbeet.“

Es ist nat√ľrlich unfair, das hier so zu herablassend zu formulieren, aber mit zunehmender Qualifikation ist den Menschen unklar, was in den Bildungsbereichen eigentlich noch gearbeitet wird. Nat√ľrlich kann auch ein Realsch√ľler aus einer „Unterschicht“ einen ordentlichen Lebensweg bestreiten, aber mit den zunehmend differenzierteren Bildungsschichten ist die Wahrscheinlichkeit deutlich geringer und er wird in der Gastronomie beispielsweise einen minderqualifizierten, wom√∂glich stark fordernden Job erledigen m√ľssen, der weniger M√∂glichkeiten zur Entwicklung bietet. Es ist nun so, dass Eltern aus der Oberschicht schon viel fr√ľher √ľber die passenden Studienm√∂glichkeiten der Kinder beraten, w√§hrend bei anderen noch die Frage besteht, ob das Kind √ľberhaupt aufs Gymnasium soll oder lieber gleich Geld verdienen soll, damit es nicht mehr auf der Tasche liegt.

Norman Schultz: Ich habe das selbst erlebt, als bei mir die Frage noch aus stand, ob ich √ľberhaupt studieren will, war es bei einer befreundeten Familie, wobei ein Elternteil sehr anerkannter Professor war, bereits Thema, auf welche Stipendien sich die Kinder bewerben. Das war zwei Jahre vor dem Abitur und sie haben l√§ssig am Abendbrotstisch dar√ľber reflektiert.¬†Das hei√üt richtiges Lernen h√§ngt vom sozialen Umfeld ab?

Emil Darrenhofer: Ich gehe davon aus. Eltern, die selbst Akademiker sind, geben ihren Kindern nicht nur hier und dort einen Hinweis, wie die Ratschläge, die wir bereits diskutiert haben, sondern einen ganzen Lebensweg mit. Diese Lebenswege lassen sich nicht in ein paar Lerntipps verpacken.

Norman Schultz: Damit sprechen Sie wieder unser Hauptproblem an: Ratschläge, wie wir richtig studieren.

Emil Darrenhofer: Nat√ľrlich und diese m√ľssen von der reinen Reduktion her auch nicht falsch sein. Allerdings kann eine langfristige Umschulung auf ein angemessenes Lernverhalten nur durch gezieltes Coaching erfolgen. Erst dann ist es wichtig, ob wir Karteikarten benutzen oder eine andere Lerntechnik benutzen. Die Informationen, die dabei auf den meisten Seiten zu finden sind, sind daher unterkomplex. Ich m√∂chte hierbei drei Fehler verdeutlichen:

Erstens, finden wir Informationen, die zumeist auf Erfahrungswissen basieren, das heißt im Grunde nichts anderes, als dass da jemand ist, der sich mal ausdenkt, was wir so machen sollen, weil es bei ihm ja irgendwie funktioniert hat. Derjenige schreibt dann Texte, wie ein blindes Huhn, das auch mal einen Korn trinkt.

Norman Schultz: Ein Kalauer!

Emil Darenhoffer: Stimmt. Aber nochmal:¬†Diese Tipps helfen wenig, zielen aber eher auf das subjektive, eben beinah trunkene Gef√ľhl, etwas richtig zu machen. Sie verwechseln Gl√ľckstreffer mit Wissen. Bei diesen Methoden muss ich anmerken, dass ohne Bezug zu Studien dies keine geeigneten Methoden sind. Das ist so als wenn sie Medikamente nehmen, die nicht in Doppel-blind-Versuchen best√§tigt wurden.

Zweitens, gibt es dann zwar auch Blogs oder Lernratgeber, die Studien einbeziehen, aber selten wird dabei systematisch gewichtet. Studien werden, wenn √ľberhaupt, herangezogen, um eine simple Lerntheorie zu fundieren, die Lernstrategie wird aber weder diskutiert, noch √ľberhaupt f√ľr den Leser deutlich gemacht.

Drittens, sind die Tipps, wenn sie denn mal richtig sind, zu unklar, um effizient in den Alltag eingebaut zu werden. Wir brauchen einen sozialen Rahmen, eine Gesellschaft, die alle diese drei Bereiche ber√ľcksichtigt.¬†

Norman Schultz: Das ist nat√ľrlich auch Thema meiner Doktorarbeit, n√§mlich wie sich Wissen, einerseits in Bezug auf Wahrheit verh√§lt, wie es systematisiert werden muss und wie dies nur das Soziale erreicht. Aber haben Sie daf√ľr vielleicht ein Beispiel?

Emil Darrenhofer: Nat√ľrlich Sie k√∂nnen leicht jemanden erkl√§ren, dass die ganzen Textmarker √ľberfl√ľssig sind, dieses ganz bunt Anstreichen und dass auch zweimaliges Lesen eines Textes nicht viel bringt. Sie k√∂nnen √ľber das Empfehlen hinausgehen, denn es gibt mittlerweile einige Studien, die belegen, dass dies sinnlos ist. Doch was dann? Von einem Lerntipp ver√§ndert sich ja nicht das gesamte Lernverhalten. Der Fehler liegt, wie eingangs erw√§hnt, beim mangelnden Coaching, das hei√üt bei der fehlenden Entwicklung einer geeigneten Lebensweise, wobei dann systematisch Lernfehler ausgeschaltet werden. Diese Systematik l√§sst sich nicht mit dem Lesen eines Blogs, mit der Gr√ľndung eines Blogs und auch nicht mit einer simplen Kritik unserer Bildungsinstitutionen erwerben. Im Gegensatz habe ich das Gef√ľhl, dass gerade die Institutionen als Grund daf√ľr herhalten m√ľssen, dass wir nichts lernen.

Norman Schultz (ich muss lachen): Aber es ist doch allen so gut wie klar, dass wir doch nichts in diesen Institutionen lernen.

Emil Darrenhofer: Nun Sie haben in diesen angeblich schlechten Institutionen sehr viel gelernt: Lesen, Schreiben und Rechnen. So einfach uns diese grundlegenden Kulturtechniken aus der Perspektive eines K√∂nners erscheinen, sie sind Resultat jahrelanger Konditionierung. Bedenken sie, dass zum Beispiel auch Karl der Gro√üe nicht lesen konnte, obwohl er ja direkt an der Wissensquelle sa√ü. Man lernt das nicht einfach so. Andere Klostersch√ľler, waren noch fasziniert, dass Thomas von Aquin leise lesen konnte, auch eine Technik, die wir heute einfach so beherrschen.

Das alles hei√üt aber nicht, dass ich die Schulen und Institutionen vorbehaltslos rechtfertigen will. Ich will aber sagen: Wir √ľbersehen zu schnell, dass sie doch eine Menge bereits leisten. Statt daher die Institutionen zu kritisieren w√ľrde ich mir eher eine st√§rkere Kritik der Bildungs√∂konomie im Privaten w√ľnschen, denn mit Familie und Freunden bilden wir unser wirkliches Verh√§ltnis zum Lernen und Wissen aus. Das, was die Schule durch Konditionierung und die historisch-gewachsene Systamtisierung erreicht, sollte Eingang in unser Privates finden.

Norman Schultz: Und warum im Privaten?

Emil Darrenhofer: Viele erwarten von den Bildungsinstitutionen mehr Freiheit f√ľr das Lernen, doch das ist ein grundlegendes Paradox. Institutionen reglementieren aufgrund ihrer Natur schon (das steckt im Namen, Institution und Revolution sind beinah Antonyme). Institutionen schaffen durch Reglementierung, Entlastung und somit Bildungsfreir√§ume au√üerhalb der Institution. Sie kennen sicher den Stress, von jemandem der Leben und Arbeit niemals trennt?

Norman Schultz: Ich kenne es, und erkenne zunehmend an, dass eine Trennung unter einigen Umständen sinnvoll ist.

Emil Darenhofer lacht: Sie haben Recht, ich will das nicht als Doktrin vorschreiben. Aber im Moment ist es so, dass Eltern aufgrund der Lesekonditionierung von der Schule entlastet werden.¬†Der Lehrer ist automatisch der b√∂se Sklaventreiber, der die Freiheit der Kinder nicht versteht. Die Eltern werden momentan zu den Guten, die ganz genau wissen, wie Schule sein m√ľsse. Wie Infotaiment soll Schule sein. Als w√ľrden wir dabei lernen.

Ich sehe das jedoch etwas anders: Was ich in der Schule lerne, soll mir Techniken geben, die ich erst in meiner Freizeit in Bildung umschmelze. Das ist ganz zentral. Techniken werden durch bestimmte Konditionierung erworben. Bildung ereignet sich mit Technik und Freiheit. Wichtig ist nun: Wir brauchen dann auch Freizeit, um Freiheit f√ľr Kinder zu erhalten. Aufgrund dieser Pr√§missen geh√∂re ich zu denen, die glauben, Schule sollte noch strenger sein, daf√ľr allerdings auf den Vormittag und auf wenige F√§cher beschr√§nkt werden. Ich bin f√ľr noch st√§rkere Konditionierung in der Schule und glaube, dass wir uns von dem Gedanken befreien m√ľssen, dass Schule tats√§chlich Bildung vermitteln k√∂nnte. Wir sollten nicht versuchen, jedes Fach, das uns in den Sinn kommt, in eine schulische Ausbildung zu integrieren, nur weil es gerade en vogue ist. Dieser Aktionismus muss ¬†aus zwei Gr√ľnden schief gehen. Einerseits k√∂nnen Institutionen nicht schnell genug auf Marktanfordernisse reagieren. Institutionen k√∂nnen nicht revolutionieren. Wie bereits angedeutet, diese Begriffe sind diametral entgegengesetzt. Schule soll dann einmal Internet unterrichten, dann wieder Ethik, dann doch nochmal Medien. Schulen verlieren damit ihr Profil, n√§mlich Grundkenntnisse zu vermitteln und als Folge glauben alle, Schule sei f√ľr Bildung zust√§ndig, so als k√∂nnten dann der Hauptsch√ľler nicht mehr gebildet sein. Was nat√ľrlich Quatsch ist, auch Hauptsch√ľler k√∂nnen gebildet sein.

Ich pl√§diere daher daf√ľr, dass stattdessen die au√üerschulischen Bildungsangebote f√ľr die Entwicklung von wahren Pers√∂nlichkeiten frei gemacht werden, w√§hrend Schule wieder auf solide Grundkenntnisse in √úbersetzung, Rechnen, Mathematik, Lesen und Schreiben zur√ľckgef√ľhrt werden.

Norman Schultz: Was denken Sie dabei √ľber die Philosophie?

Emil Darrenhofer lacht: Wenn es kein ethisches Gequatsche ist, wo wir st√§ndig nach unseren Meinungen fragen, so ist Philosophie als die Grundtechnik der Wissensgewinnung anzuerkennen. Argumentstrukturen und Logik finden ihre Begr√ľndung in der gewissenhaften ontologischen Forschung. Hier stimmen wir beide mit Sicherheit √ľberein. Aber wissen Sie, im Moment haben wir Status quo. Schulen m√ľssen Bildung miteinbeziehen, weil wir keinen Sinn f√ľr die Unterscheidung zwischen institutionalisierten Techniken und Bildung in der Freizeit haben. Im Status Quo ist Ethik wom√∂glich gar das wichtigste Fach und noch vor Logik, Ontologie und Erkenntnistheorie anzusiedeln. Also brauchen wir im Moment wom√∂glich diese „Laberf√§cher“ als Lebensf√§cher, aber eigentlich sollte das in der Freizeit eine Rolle spielen, wie ich es eben versucht habe, anzudeuten.

Norman Schultz: Ich muss hinzuf√ľgen, dass ich mir eher eine philosophische Ausbildung im systematischen Aufbau von Wissenschaft w√ľnschen w√ľrde. Ich sehe, dass das Wissen um das Wissen selbst bei Lehrern weit, weit, weit weg ist. Mein Physiklehrer meinte beispielsweise immer, dass er die Relativit√§tstheorie so interessant f√§nde, weil es dabei philosophisch werden w√ľrde. „Philosophisch“ als w√ľrden wir uns mal ans Lagerfeuer setzen, um √ľber den Sternenhimmel nachzudenken. Er f√ľhrte dann das Philosophische ein, nur um uns dann den krudesten Materialismus vorzuschlagen, der in der Philosophie seit Jahrhunderten, wenn nicht seit Jahrtausenden schon als veraltet gilt und nicht als Philosophie zu bezeichnen ist, sondern eigentlich nur als wissenschaftstheoretisch naiv. Es tut weh zu wissen, dass die Technikvermittler ihre Autorit√§t ausnutzen, um diesen wissenschaftlichen Unfug zu verbreiten.

Emil Darrenhofer ¬†lacht wieder: Ich muss Ihnen aber gestehen, dass dies von mir auch nur halbgare Hypothesen sind. Ich denke √ľber die st√§rkere Instutitonalisierung der Schule nach, weil es f√ľr mich ein Gegengewicht zu der Auffassung darstellt, dass eine Befreiung von der Schule der Weg der Zukunft sei. Ich bin mir beispielsweise nicht sicher, inwieweit Lesen einfach konditioniert werden muss oder inwieweit es auch kreativ und mit Spa√ü vermittelt sein k√∂nnte. Mir erscheint jedoch, dass wir den Wert der Konditionierung in der ewigen Bildungsreform aus humanistischer Sicht klein reden. Bildung muss da angeblich so frei sein, dass man sich fragen muss, was das dann f√ľr eine Freiheit sein soll.

Norman Schultz: Ich stimme ihnen zu: Freiheit ist zu einem Schlagwort geworden und das moderne Individuum mag es nicht mehr mit dem Wort der Pflicht vermengen. Da w√ľrde gar ein Kant zu einem Preu√üen degradiert werden, weil er es doch wagte Freiheit und Pflicht in eine Waagschale zu werfen, obwohl dies nun aus systematischer Sicht so gut wie unvermeidlich ist. Nun gut, aber ich merke auch, dass wir weit vom Weg abgekommen sind. Was empfehlen Sie daher nun konkret, um im Studium besser zu werden?

Emil Darrenhofer: Am besten w√§re nat√ľrlich eine Art Personal Trainer wie im Sport. In bestimmten Mannschaftssportarten holen sie dich einfach ab und du wirst auf einem gemeinsamen Weg zur Elite geformt. Die Hollywoodstars engagieren sich K√∂rpermacher.

Norman Schultz: Um ein anderes Beispiel hinzuzuf√ľgen:¬†Der Schachweltmeister Magnus Carlsen hatte seit seiner Kindheit von seinen Eltern immer Coaches zur Verf√ľgung gestellt bekommen, sp√§ter dann gar Gary Kasparow. F√ľr eine Weltmeisterschaft im Schach z√§hlt ein Team von anderen Gro√ümeistern, die nat√ľrlich auch t√§glich den Trainingstag motivieren.

Emil Darenhofer: Gleiches sollten wir im Geistigen versuchen, allerdings sehe ich, dass dies dort viel schwieriger voran geht, da wenige sich vorstellen können, eine gegenseitige regelmäßige Coachingzone einzurichten und es dann womöglich auch zu viele Schwierigkeiten gibt, diese Coachings in der Gruppe abzusprechen, oder Menschen auf eine Wellenlänge zu bringen. In diesem Sinne wäre es dann sinnvoll tatsächlich Coaches anzuheuern, wobei dies wieder mit finanziellen Problemen verbunden ist. Wenn jedoch jemand wirklich langfristig sein Lernen verbessern will, dann gibt es nicht die Technik, sondern dann sollte er sich gute Coaches leisten. Aber auch hier ist Vorsicht geboten, einige Coaches haben auch nur gefährliches Halbwissen zu bieten. Bei dem Überangebot an Menschen, die Coachings versprechen, aber im Grunde genauso reliabel wie Esoteriker sind, möchte ich es eigentlich nicht empfehlen. Und nur zu einem Coach einmal die Woche zu gehen, der einem sagt, was man machen soll, funktioniert nicht. Im Sport kommt der Personal Trainer und trainiert. Hier brauchen wir Konzepte und ich frage mich, warum ich davon so wenige sehe.

Norman Schultz: Das ist eine gute Frage, die wir ein anderes mal diskutieren sollten vielen Dank f√ľr¬†das Gespr√§ch.

Wenn ihr keine weiteren Beitr√§ge verpassen wollt und mir weiter folgen wollt,¬†dann solltet ihr in den¬†E-mail-Verteiler schl√ľpfen (bei Facebook kommt ja nicht mehr alles an). Ihr¬†k√∂nnt mich auch bei¬†Google+¬†adden,¬†oder der¬†Facebookgruppe¬†oben rechts beitreten.¬†Ein¬†RSS-Feed¬†f√ľr die progressiven Internetnutzer ist nat√ľrlich auch vorhanden. Ansonsten k√∂nnt ihr mich gerne anschreiben oder einen konstruktiven (!) Kommentar hinterlassen. Ansonsten w√§re weiterempfehlen ganz nett.

Norman Schultz, Juli 2015, Pittsburgh

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Waldorfschulen sind besser als Normal-Schulen – Tanzt eure Namen!

Ich geh√∂rte ja auch zu den Stammtischnutzern, die Waldorfsch√ľler als Namenstanzer denunzierten. Wissenschaftler aber loben nun die Waldorfschule und ich frage mich, ob die Waldorfschule nicht doch das richtige f√ľr meine Tochter w√§re.

In einer Untersuchung der Heinrich-Heine-Universit√§t D√ľsseldorf wurden¬†mehr als 800 Sch√ľler an zehn Schulen im Alter von 15 bis 18 Jahren befragt (Quelle). Dabei stellte sich heraus, dass Waldorfschulen wesentlichen besser abschneiden als andere Schulformen.

  • 80 Prozent mehr spa√ü-bereite Waldorfsch√ľlern gegen 67 Prozent Sch√ľler an Regelschulen
  • 85 Prozent der Sch√ľler empfinden zudem das Schulklima als angenehm und unterst√ľtzend, w√§hrend Regelsch√ľler nur 60 Prozent das Schulklima sch√§tzen
  • Ein gutes Verh√§ltnis zu den Lehrern haben 65 Prozent der Waldorfsch√ľler im Gegensatz zu 31 Prozent der Regelsch√ľler
  • ¬†Sch√ľler an Waldorfschulen haben weniger somatische Beschwerden und leiden weniger unter Schlafst√∂rungen

Waldorfschulen bereiten besser als andere Schulformen auf die Zukunft vor. Im Gegensatz zur reinen Quantifizierung legen Waldorfschulen mehr Wert auf Qualität. 

Waldorfschulen reagieren besser auf die Umstrukturierung unserer Lebenswelt

Die Umstrukturierung unserer Lebenswelt im Hinblick auf das Digitale hat ja Manfred Spitzer schon zur These der digitalen Demenz herausgefordert, das hei√üt wir werden immer d√ľmmer, weil uns die Digitalisierung wesentliche geistige Arbeit abnehme. Auf der anderen Seite stellen Forscher wie Richard Flynn auch im Jahre 2010 weiterhin einen Anstieg des Intelligenz-quotienten fest. Ich bezweifle, dass eine dank meines Navis entstresste Autobahnfahrt meiner potentiellen Intelligenz schadet, weil ich dabei ja das Kartennavigieren h√§tte lernen k√∂nnen. Ich nutze die gewonnene Zeit f√ľr andere Dinge und komme entspannter am Ziel an. Bei Wikipedia hei√üt es, dass Flynn den Anstieg der Intelligenz daher auch weiter beobachtet:

Flynn stellte dagegen in seinem 2012 erschienenen Buch¬†Are We Getting Smarter?¬†einen weiteren Anstieg der Intelligenz fest. Deutschland verzeichne einen Anstieg von 0,35 Punkten pro Jahr, Brasilien und die T√ľrkei fast doppelt soviel. Ver√§ndert habe sich allerdings die Art der Intelligenz. So verbessere sich vor allem das visuelle und logische Denken der Kinder, der Wortschatz hingegen nur unwesentlich.[16]

In diesem Sinne √§u√üern sich auch Forscher zu den Umst√§nden, der neueren Anfordungen des Arbeitslebens:¬†„wenn Sie wollen, dass Ihre Kinder schlauer sind als ein Smartphone, dann m√ľssen sie ihnen andere Kompetenzen beibringen.“ Das hei√üt, viele gegenw√§rtige Lehrkonzepte setzen auf Leistungen, die auch simpel mit einem Smartphone erledigt werden k√∂nnen.¬†Da Wissen hingegen kreativ und l√∂sungsorientiert auf neue Bereiche zu √ľbertragen sei, schneide die Waldorfschule besser ab, denn dort werde traditionell gr√∂√üerer Wert auf Transferleistungen gelegt

Im Weiteren gibt es im Hinblick auf die Abschlussnoten keine „statistisch bedeutsamen Unterschiede“. Absolventen von Waldorfschulen wollen dar√ľber hinaus √ľberdurchschnittlich h√§ufig selbst den Beruf des Lehrers ergreifen oder Arzt, Ingenieur, Geistes- und Naturwissenschaftler werden. Selbst die Befunde der Pisa-Studie zeigen, dass entgegen landl√§ufiger Meinung Waldorfsch√ľler weit √ľberdurchschnittliche naturwissenschaftliche Kompetenzen aufweisen und daher w√ľrde die Waldorfschule eher f√ľr meine Tochter in Frage kommen.

 Was aber gibt es Neues zu meiner Arbeit und meinen Projekten?

MusikProjekte:

– Ich habe einen Hochzeitsmarschkomponiert und ihn bei einer Trauung in der Kirche aufgef√ľhrt (sowie eine sehr feierliche Version von Paquelbels Canon geschrieben und auch aufgef√ľhrt)¬†Hochzeitsmarsch

Unser Musikteam von der Bellefieldchurch

– Unsere Band ist bei der anschlie√üenden Rezeption leider an einem Stromausfall verzweifelt. Bei der R√ľckkehr des Stroms habe ich die Soli meines Lebens gespielt, nur um zwei Tage sp√§ter zu erfahren, dass ich nur auf meinen Monitoren zu h√∂ren war. Das E-Piano war wetterbedingt verstimmt.

Sozialkontakte:¬†– Ich versuche mich ja jetzt in Partyplanung und lade ein paar ausgew√§hltere Personenkreise zu mir ein. Wir spielen dann Karaoke mit Klavierbegleitung und rezitieren Gedichte. Bei der Weinauswahl (da ich ja keinen Alkohol trinke) bin ich dann wie ein Blinder im Kino (ein besserer Witz f√§llt mir jetzt nicht ein). Mein Mitbewohner meinte jedoch, dass die Auswahl ganz fantastisch w√§re, nur um sie dann vor Schreck auf dem Boden zu zertr√ľmmern.¬†–

Am Freitag war ich au√üerdem vom Co-Founder von¬†Duolingo¬†zur j√§hrlichen Jubil√§umsfeier eingeladen worden. Interessant, die junge Horde der New-Economy in Pittsburgh zu beobachten. Unter das¬†Yucci-Volk (die neuere Bezeichnung f√ľr Young-Urbun-Creative) haben sich auch ein paar Google-Vision√§re gemischt. Philosophie bleibt jedoch W√ľstenstaub f√ľr sie. Ich habe mir die Zeit mit Kaviar und Champagner vertrieben, weil man ja nichts besseres zu tun hat, als sich besonders vorzukommen. Ich bin nat√ľrlich sehr dankbar, dass Severin mich eingeladen hat und ich halte Duolingo f√ľr eines der sinnvollsten Lerntools, die ich kenne. Ihr Unternehmen ist im Moment 450 Millionen-Dollar wert. Sie wollen jedoch in Zukunft den Bildungsmarkt aufmischen.

Bilder von unserer Party

– Kiril und Konstantina w√§lzen uns derweil weiterhin durch verschiedene B√ľcher der Pers√∂nlichkeitsentwicklung. Dieser ganze Markt an Baumarktstrategien f√ľr das eigene Lotterleben im Businesszirkel kann tats√§chlich systematisch bearbeitet werden. Dennoch sind die meisten Angebote meiner Meinung wenig seri√∂s. Wichtiger sind unsere w√∂chentlichen Gespr√§ch, wo wir die konkreten Schritte besprechen.

Philosophie

– Ich habe nun meine Forschungen zum Satz des Widerspruches vorangetrieben. Ergebnis: Der Satz vom Widerspruch gilt f√ľr formale Systeme, die Frage ist aber, wie er aus einer materialen Logik hervorgeht und auf materiale Umst√§nde zur√ľck angewendet werden kann. Zwar erm√∂glicht Logik einen unglaublichen Kosmos an Anwendungsbereichen, zugleich aber ist sie nur ein mageres Skelett von der Wirklichkeit. Gleiches gilt f√ľr den Satz des Widerspruchs und aus diesem Grund ist der Satz des Widerspruchs nur unter gewissen Bedingungen eindeutig anwendbar. Ich werde nun Graham Priest einen Brief schreiben und ihn zur Materialisierung der Logik befragen. Ansonsten lese ich mich nun quer durch die Hegelliteratur und versuche ein paar Publikationen auf den Weg zu bringen.

Zuk√ľnftige Entwicklung

Der Herr wollte mich nicht in den VIP-Bereich lassen

Wir h√∂ren es ja √ľberall: BigData von Google und Facebook versprechen viel, viel, viel, viel Geld? Ich habe mich auf dem Duolingotreffen √ľber die Quantifizierung von Sprachleistungen auch mit ein paar Googlefuntion√§ren unterhalten. Kurz: Es erscheint, Datamining ohne sinnvolle Frage, ist wertloser Datenm√ľll. Mittlerweile geht der Ansatz Big Datamining weg und es kommt auf die konkrete Fragestellung an. Pauschalquantifizierungen haben dabei wenig Erfolg.

Baseball –¬†Ich beginne langsam das Spiel zu verstehen und finde mich h√§ufiger im Stadion wieder.

Beim Chinesischlernen im Baseballstadion

Wenn ihr keine weiteren Beitr√§ge verpassen wollt und mir weiter folgen wollt,¬†dann solltet ihr in den¬†E-mail-Verteiler schl√ľpfen (bei Facebook kommt ja nicht mehr alles an). Ihr¬†k√∂nnt mich auch bei¬†Google+¬†adden,¬†oder der¬†Facebookgruppe¬†oben rechts beitreten. Ein¬†RSS-Feed¬†f√ľr die progressiven Internetnutzer ist nat√ľrlich auch vorhanden. Ansonsten k√∂nnt ihr mich gerne anschreiben oder einen konstruktiven (!) Kommentar hinterlassen. Ansonsten w√§re weiterempfehlen ganz nett.

Norman Schultz, Juni 2015, Pittsburgh

Titel-Bildattribution: By Giorno2 (Own work) [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], via Wikimedia Commons

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Lernen als soziale Eigenschaft des Menschen – Im Gespr√§ch mit Emil Darrenhofer √ľber Lerntaktiken, Lernstrategien, Schule und den ganzen Rest (zweiter Teil)

Emil Darrenhofer: Nach unserem letzten Gespräch, wo wir die Bedeutung des Sozialen im Lernen hervorgehoben haben, wäre es sinnvoll, soziales Lernen am eigenen Beispiel zu beschreiben.

Norman Schultz: Ich habe hier in Pittsburgh gro√ües Gl√ľck.Im Moment habe verschiedene Lernzirkel gefunden. Zum Einen zieht nun Roli Carspecken in mein Haus in Pittsburgh. Dessen Vater ist Professor f√ľr Philosophie in Indiana. Dieses t√§gliche Training, das er √ľber die vielen Jahre erfahren hat, macht sich klar in seiner Arbeitsweise bemerkbar. Die Systematizit√§t mit der wir das Werk von Hegel in kleinen logischen Schritten entschl√ľsseln, bis in kleinste, logische Details zerlegen, habe ich so noch nicht zuvor betrieben. Seine Ausdauer diesbez√ľglich ist bemerkenswert.

Zweitens, habe ich einen Lernzirkel zusammen mit John Harvey, der Griechisch, Latein, Franz√∂sisch und Deutsch nahezu perfekt ins Englische √ľbersetzen kann. Wir gehen hier in die linguistischen Details jeder Sprache und rekonstruieren dann die Argumente. Das macht mir sehr viel Spa√ü, da ich ja Linguistik studiert habe. Dar√ľberhinaus sind seine linguistischen F√§higkeiten √§hnlich gut ausgepr√§gt wie seine mathematischen Kenntnisse innerhalb der analytischen Traditionen. Er unterrichtet an einem College hier Logik. Die Gespr√§che mit ihm motivieren mich auch, auf die Grundlagen der Mathematik zur√ľckzukommen und auch grundlegende Beweise in meine Dissertation einzuarbeiten.

Drittens, habe ich eine Lerngruppe mit Kiril (Dirigent) und Konstantina Stankow (Pianistin) zusammen, wobei wir jeden Abend verschiedene Tabellen ausf√ľllen, die verschiedene Punkte zu unseren Lernfortschritten in verschiedenen Bereichen angehen und wir w√§hlen uns selbst Challenges. Wenn wir die selbstgesteckten Lernziele nicht erreichen, so zahlen wir gemeinsam in eine Kasse ein und gehen dann davon essen. Einmal w√∂chentlich haben wir dann einen gemeinsamen Telefontermin, indem wir Texte zu dieser Pers√∂nlichkeitsentwicklung durchgehen und die Tabellen √ľberarbeiten. Wir quantifizieren und qualifizieren in den Tabellen. Ich fasse diese Ergebnisse der Selbstquantifizierung hier regelm√§√üig an der CMU University beim Quantify Yourself-Meet-up zusammen, wo ich schon viele Menschen getroffen habe, die mir bei der Aufarbeitung der statistischen Informationen behilflich sind.

Viertens, ist es √ľber diese allgemeine Entwicklung hinaus sehr hilfreich mit Menschen in Kontakt zu sein, die konstant lernen m√ľssen. Da m√ľssen bei Kiril und Konstantina immer wieder neue St√ľcke einge√ľbt werden und das motiviert mich auch am Klavier weiter zu gehen. Ich habe hier jetzt auf einem gro√üen Banquet f√ľr einen wohlt√§tigen Zweck gespielt, wo die verschiedenen Million√§re Pittsburghs sich zusammengefunden haben. Ich habe dies jetzt bereits zum dritten mal gemacht. Mein Repertoire ist jetzt ca. 2 Stunden lang und hat hohe technische Qualit√§t. Ich spiele Weihnachten zum Gottesdienst in der Kirche im Stadtzentrum. Die Kontakte, die sich dadurch ergeben sind unsch√§tzbar und treiben mich weiter an. John Dolan lobte mich sehr, der hier Professor f√ľr Robotics an der Carnegie Mellon University ist, aber in der Kirche in Pittsburgh zus√§tzlich die musikalische Leitung hat. Der Kontakt zu ihm, erweitert immer wieder meine Perspektiven in Bezug auf k√ľnstliche Intelligenz. Zudem spiele ich dadurch in einer Band mit nahezu professionellen Musikern und mit zwei anderen Studenten, erarbeiten wir gerade das D-Moll Violintrio von Bach, was wir dann auch zur Auff√ľhrung bringen. Solche Kontakte treiben mich dazu an, auch hier Entwicklungen immer wieder zu hinterfragen und es geht wesentlich besser √ľberhaupt zu lernen.

Es gibt noch weitere, dieser Projekte, zum Beispiel mein im Semester 2-mal w√∂chentliches Training mit Tom Martinek, der nationaler Meister im Schach ist und was mich letztlich auf Expertenniveau im Schach gebracht hat. Ich trainiere weiter neue Er√∂ffnungen mit Tom Dean, der Mathematik studiert und mit mir neben den Schachspielen auch Grundlagen der mathematischen Beweisf√ľhrung immer wieder durchgeht.

Neuerdings beginne ich nun ein Treffen mit Professor Mystick (Juraprofessor hier an der Duquesne University) und weiteren Kollegen, wo wir Theorien zum Strafen durchgehen und versuchen wollen, Artikel zur verqueren Theorie des Bestrafens in Amerika unterzubringen.

Neben allen anderen Kontakten ist aber wohl am wichtigsten, die t√§glich Arbeit mit Studenten, die meine F√§higkeiten innerhalb der Philosophie auf ein sehr stabiles Fundament gestellt hat. Allein, die Tatsache, dass ich dreimal die Woche eine Vorlesung organisiere, hat nicht nur meinen √úberblick √ľber die Philosophie gesch√§rft, sondern auch¬†meine F√§higkeiten in Englisch so extrem gesteigert, dass viele mich bereits fragen, ob ich in den USA aufgewachsen w√§re.

Emil Darenhofer: Dies zeigt, wie Lernen sozial funktioniert und wie sich dies auch auf das Entstehen von Wissen auswirkt. Es zeigt, wie dieses Soziale als Motor aller Entwicklung wirkt und wie wir deswegen Lernen diesbez√ľglich verstehen m√ľssen. Wir sollten dies weiter besprechen.

Norman Schultz: Bisher hatten wir ja √ľber die Rolle des Sozialen noch sehr vage gesprochen. Kommen wir daher erstmal zu einem sozialen Problem, um den Sinn daf√ľr zu sch√§rfen. Im Moment bildet sich ab, dass M√§dchen in den Schulen den Jungen den Rang ablaufen. Inwiefern passt das zur Sozialthese?

Emil Darrenhofer: Das ist richtig ja. M√§dchen sind besser als Jungen in der Schule, sogar in den mathematischen Bereichen. Allerdings ist hier eine Anpassungsreaktion zu vermuten. M√§dchen sind immer noch als Frauen in einem repressiven System und f√ľgen sich eher den institutionellen Erwartungen als Jungen. Das institutionalisierte Lernen der Schule passt zu M√§dchen und der Unterdr√ľckung der Frau. Die Gefahr ist nun aber gro√ü, dass das erworbene Wissen im Alltagsmodus wieder austrocknet, weil M√§dchen nicht dazu ermutigt werden, dieses auch weiter zu verfolgen. Was n√ľtzt es Samen zu streuen, wenn die Bildung keine weitere Umsetzung erf√§hrt?

Norman Schultz: Meinen Sie, dass M√§dchen √ľber die Schule hinaus nicht gef√∂rdert werden?

Emil: Darrenhofer: Ich wei√ü nicht, woran es liegt, aber w√§hrend die Psyche bei M√§dchen im Sozialen auf eher „weibliche“ Themen umgeschmolzen wird, so sind Jungs st√§rker auf die Entwicklung ihrer F√§higkeiten bedacht.

(Anmerkung Norman Schultz: Ich habe in einem Artikel dargelegt, wie sich das weibliche Geschlecht auf Youtube eher den modischen Themen widmet und damit eine Geschlechertrennung im Internet stark manifestiert).

Jungen passen sich nicht der zunehmend mehr verweiblichten Schule an. Dieser R√ľckzug der Jungen von den Anpassungsforderungen der Schule findet eine sozial akzeptierten Kompensation in den technischen Bereichen. Ingenieursrelevante Interessen, Computer oder eher mathematische Hobbies sind spezifischer f√ľr Jungen. In diesem Sinne sehen wir, dass M√§dchen zwar in der Schule erfolgreicher sind, aber gleichzeitig, dass sich Lernen nicht in der Institution ereignet, sondern im sozialen Bereich erst die entscheidende Vertiefung erf√§hrt. Wenn wir M√§dchen nicht ermutigen auch hier Fortschritte zu erzielen, dann wird sich der Erfolg der Schule nicht fortsetzen lassen. In diesem Sinne gehen dann Jungs auch nicht in die hoffnungslos √ľberlaufenen, sozialen und geisteswissenschaftlichen Bereiche.

Norman Schultz: Nun gut, das Thema ist womöglich sehr kontrovers. Es zeigt sich aber, dass die Schule nicht hinreichend ist, um Bildung zu ermöglichen.

Wir hatten beim letzten mal allerdings, ein Video gew√§hlt, das mit Lerntipps hantierte (Link zum Video). Problem war dabei, dass es verschiedene Dinge einfach zusammenr√ľhrte und das Lernen nicht systematisch anging. In diesem Sinne sagen wir auch in der Soziologie: Gr√ľnde sind immer billig. Ein Beispiel: In einem Versuch zeigte man Probanden Bilder von Personen und bat die Probanden, zu entscheiden, welche Person sch√∂ner sei. Danach vertauschten die Versuchsleiter die Bilder ohne die Kenntnis der Probanden und zeigten ihnen das Bilder der nicht-sch√∂nen Person. Die Probanden sollten dann erkl√§ren, warum sie sich f√ľr diese Person entschieden haben und nat√ľrlich gab es genug Gr√ľnde, die ihnen in diesem Moment in den Sinn kamen.

Emil Darrenhofer: Ein Grund warum diese Clickbait-Artikel (Artikel die viele Klicks erzeugen sollen) wie zum Beispiel 7 Gr√ľnde, warum du deinen eigenen Blog gr√ľnden solltest, so ansprechend, aber andererseits auch einfach nur nervig. Ich k√∂nnte 100 Gr√ľnde auflisten, warum wir diese √úberschriften nicht mehr w√§hlen sollten.

Norman Schultz: Zur√ľck zum Thema: Wir wollen wissen, warum nun dieses Vorschlagsvideo so gut wie sinnlos ist. Die Frage des Systems hatten wir schon abgearbeitet.¬†K√∂nnen wir nun vor dem Hintergrund der ausgef√ľhrten Sozialhypothese beantworten, warum derlei Lerntipps wie oben den Zugang zum Arbeiten verbauen?

Emil Darrenhofer: Der Markt ist √ľberf√ľllt mit Techniken, die Sie, wenn Sie diese denn beherrschen wollen, alle samt erst einmal im Alltag integrieren m√ľssen. Das geschieht aber nur, wenn Sie viel Energie investieren. Statt also dann sinnvoll zu arbeiten, nehmen ihnen die meisten vorgeschlagenen Techniken wertvolle Zeit. Nehmen wir an, sie schauen dieses Video, was aber dann?¬†Haben sie nicht irgendwie schon alles vorher gewusst? Ich vermute es sind sogar wesentliche M√§ngel in diesen Videos vorhanden, ich glaube zum Beispiel dass die Karteikartentechnik (der erste Tipp, sich Lernstoff auf Karteikarten zu schreiben) bedingt sinnvoll ist, vielleicht h√∂chstens zur Strukturierung von Lerninhalten, aber Studien zeigen klar, dass wir eher durch intelligente Fragen, den Stoff lernen. Mit Karteikarten lernt man zum Beispiel auch keine Sprache. Zweitens, Mindmapping ist eine stark limitierte Technik, die viele Kausalverbindung nicht zul√§sst. Mindmapping ist ein sehr amerikanisches Modell, das deutschen Anspr√ľchen einer systematischen Verkn√ľpfung von Lerninhalten nicht gen√ľgen kann. Ich schlage daher eher das Text-Bild-Verfahren der Michelmanns vor, das sie zur Ausbildung von Lesekompetenz anbieten.

Aber auch hier kommt es darauf an, diese Dinge sozial zu erwerben. √úbrigens einer der Gr√ľnde, warum sie ihr echtes Schnelllesen (zu unterscheiden von dem ganzen anderen Quatsch, der am Markt ist) nur in sehr aufwendigen Einzelsitzungen anbieten k√∂nnen.

Den dritten Vorschlag, mit alten Pr√ľfungen zu lernen halte ich f√ľr sehr sinnvoll, weil es die Lerninhalte in kausalen Zusammenh√§ngen darstellt. Hier aber fehlt es dann an der Kontrolle, ob Lerninhalte nicht nur abgearbeitet werden und an der richtigen Implementierung im Alltag. Der n√§chste Tipp war daher Zeitmanagement, wobei nat√ľrlich vielen klar ist, dass sie ihre Zeit managen sollten und sich das vornehmen, so wie sie sich am Neujahrstag eben auch Sport vornehmen. Wie aber halten wir Sport durch?

F√ľnftens, der Wert der Lerngruppen deutet dabei in die richtige Richtung, aber auch hier ist unklar, wof√ľr die Lerngruppe da sein soll und wie wir diese produktiv gestalten. Alles in allem sind dies Lebensratschl√§ge, die keine relevante Ver√§nderung beim Einzelnen bewirken werden und in diesem Sinne, k√∂nnen sich die Zuschauer das Ganze sparen.

Norman Schultz: Ich m√∂chte das gerne auch am Beispiel des Schach verdeutlichen, da ich ja hier in Pittsburgh, wie oben erw√§hnt, als Experte mit meiner gegenw√§rtigen Schachwertzahl gelte. Ich habe gerade das Buch von Kotov: „Play Like a Grandmaster“ gelesen.

Dieses vermittelt viele Stellungsbewertungen aber wie zum Beispiel auch der Gro√ümeister Victor Smirnov verdeutlicht: Stellungsbewertungen k√∂nnen analytisch zusammengetragen werden, aber sie geben nicht die L√∂sung. Die wichtige Intuition f√ľr die L√∂sung wird dabei nicht magisch mitgeliefert. Ich kann zum Beispiel eine Stellung analysieren und erkennen, dass die T√ľrme sich auf der offenen Linie befinden. Die Stellung wird nach einer Einsch√§tzung f√ľr Wei√ü als klar besser evaluiert und dennoch kann ich den Vorteil, der sich aus der Analyse ergibt einfach nicht umsetzen (ich beziehe mich hier auf die Partie zwischen Botvinik und Sorokin um die USSR Meisterschaft aus dem Jahre 1931). Statt also hier analytischen Merkmalen zu folgen, muss ich gegen die oberfl√§chlichen Schachanalysen versto√üen und meine Bauernstruktur zerst√∂ren, nur um die relevanten Felder zu erobern. W√§hrend der gesamten Partie h√§lt sich Botvinik an kleinen strategischen Vorteilen fest, was sich erst im Endspiel in einen immer gr√∂√üeren und handfesten Vorteil manifestiert. In diesem Sinne ist keine Schachregel zu nutzen, sondern die konkrete Einbettung in bestimmte Umst√§nde. Genauso verh√§lt es sich beim Lernen. Lernen ist kein Prozess, der sich auf einen Algorithmus reduzieren l√§sst, sondern muss in einem sozialen Prozess gut bestimmt werden. Wer glaubt, dass er Lernen wie Chinesen durch das Einh√§mmern vom Einmal-Eins beendet oder dadurch, dass er vor allem in der Schule ein gutes Zeugnis mit nach Hause bringt, weil er Algorithmen beherrscht, der ist auf dem Holzweg.

Lassen Sie es mich aus einer anderen Perspektive sagen:¬†Lernen ist eine Gattungseigenschaft des Menschen. Subtrahieren wir das Lernen vom Wesen des Menschen, so haben wir es nicht mehr mit einem menschlichen Wesen zu tun. Lernen geh√∂rt zum Menschen und da der Mensch auch ein soziales Wesen ist, ¬†muss Lernen sozial verstanden werden (Der Schluss funktioniert, da Definitionen nicht kreativ sein d√ľrfen. Das hei√üt, das Soziale ist im gewissen Sinne Lernen und schlie√üt sich an Wittgensteins √úberlegung an, dass niemand allein, vern√ľnftig sein kann).

Emil Darrendorf: Ich vermute, und vielleicht handelt es sich hierbei nur um eine oberfl√§chliche Vermutung, dass dieses soziale Lernen in L√§ndern wie China nicht gut funktioniert. In dem Moment, wo ich den Leistungsdruck auf Sch√ľler so umlege, dass der soziale Zusammenhalt leidet und ich Schule nicht auch als etwas begreife, dass Klassenverb√§nde schafft, so verleugne ich einen wesentlichen Teil des Lernens. Ich m√∂chte sagen, dass eine produktive Freizeitgestaltung im Rahmen der Schule unerl√§sslich ist. Schulen sollen auch Orte der Freizeit sein, wobei Schule hier die Charakteristik der monstr√∂sen Institutionalisierung verliert. Schule ist kein anonymes, kafkaeskes Schloss, sondern muss ein lebendiger Organismus sein. Deswegen sollten wir den Wert von zum Beispiel Klassenfahrten oder Nachmittagsaktivit√§ten nicht untersch√§tzen.

Norman Schultz: Da stimme ich zu. Es ist genau das, was ich meinen Studenten am Ende des Semesters sagte. Es kommt nicht darauf an, ob sie hier in meinem Kurs ein A bekommen, sondern auf die Aktivit√§ten, die sie innerhalb der Universit√§t ausf√ľllen. Wir werden sicher noch sp√§ter auf die Grenzen der Institution zur√ľckkommen. Aber vielleicht belassen wir es dabei f√ľr heute.

Dies war der zweite Teil unseres Gespr√§chs und es folgen Weitere. Wenn ihr diese nicht verpassen wollt und mir weiter folgen wollt, dann added mich doch bitte bei¬†Google+.¬†oder¬†tretet der¬†Facebookgruppe¬†oben rechts bei. Wenn ihr wirklich keine Beitr√§ge verpassen wollt, dann solltet ihr in den¬†E-mail-Verteiler (bei Facebook kommt ja nicht mehr alles an). ¬†Ein¬†RSS-Feed¬†f√ľr die progressiven Internetnutzer ist nat√ľrlich auch vorhanden. Ansonsten k√∂nnt ihr mich gerne anschreiben oder einen konstruktiven (!) Kommentar hinterlassen. Ansonsten w√§re weiterempfehlen ganz nett.

Norman Schultz, Juni 2015, Pittsburgh

Artikelbildattribution: © Nevit Dilmen [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0) or GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html)], via Wikimedia Commons

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Lernen und die Systematizit√§t im Sozialen – Im Gespr√§ch mit Emil Darrenhofer √ľber Lerntaktiken, Lernstrategien, Schule und den ganzen Rest


Emil Darrenhofer ist Bildungsforscher. Sein Schwerpunkt liegt auf Lerntechniken und Lernmethoden. Im Rahmen meiner Dissertation arbeite ich an der Frage, wie Wissen nur im Hinblick auf Systematizität zu verstehen ist. Aus unserer Korrespondenz und unseren Gesprächen zum Lernen haben wir ein Gespräch zusammengestellt, das wesentliche Fragen zur Lernforschung angehen soll, und auch Stellung zur gegenwärtigen Bildungskritik bezieht. Im Vordergrund steht die Frage, wie wir beim Studieren richtig lernen. Das Gespräch hat mehrere Teile, wobei wir hier den ersten veröffentlichen.
Norman Schultz: Herr Darrenhofer, was können sie hinsichtlich der Arbeitstechniken beim Studieren empfehlen?
Emil Darrenhofer: Lassen Sie es mich punktuell und radikal formulieren: Der Markt der Lerntechniken ist weit, un√ľbersichtlich, und das Schlimmste, verseucht. Ich bin mir nicht sicher, ob Sie dort die richtigen Produkte finden k√∂nnen, aber Marketing macht mit Sicherheit den gr√∂√üten Teil dessen aus, was sie finden werden. Die meisten Marketer verschie√üen leere Worth√ľlsen und bieten ungetestete Versprechen an. Wenn sie Gl√ľck haben, finden sie unter den vielen Lerntipps keine, die ihnen den Zugang zum Arbeiten verbauen.
Norman Schultz: Haben Sie Beispiele?
Emil Darrenhofer: Die sollten wir detailliert besprechen. Meine Hauptpunkte sind hier die Versprechen der Speed-Reader-Community, der Glaube an Ged√§chtnistricks und das, was Sie eben in Form von Ratgebern √ľberall finden. Wir sollten diese exemplarisch abarbeiten, aber lassen Sie mich zuvor ein paar Dinge erw√§hnen: Die Meisten Menschen glauben immer noch an Wunder. Irgendwo wird es demnach schon so einen N√ľrnberger Trichter geben, der uns das Geheimnis der perfekten Pers√∂nlichkeit erschlie√üt, innere Tore aufst√∂√üt und uns einfach mal Genie sein l√§sst. Ich im Gegensatz glaube, unser Gehirn ist stabil. Pers√∂nlichkeitsver√§nderungen, wozu ich Lernen hinzuz√§hle, finden nicht √ľber Nacht statt, sondern bed√ľrfen Jahre. Um wirklich zu lernen, muss sich unser Gehirn grundlegend ver√§ndern und das passiert nicht durch irgendwelche Kniffe aus der Trickkiste.
Norman Schultz: Zu dieser Persönlichkeitsentwicklung sagt der Neuroforscher Gerhard Roth daher auch Folgendes:
„In der menschlichen Entwicklung gibt es alles, nur eines nicht: Dass ich mir vornehme, mich zu bessern, und von Stund an ein besserer Mensch bin. Wenn ich mich wirklich bleibend √§ndern will, m√ľssen vor allem die tieferen Schichten ver√§ndert werden.“ (Quelle: Artikel zur Pers√∂nlichkeitsver√§nderung)
Lernen ist nicht etwas, das von heute auf morgen geschieht. Ich nehme nicht eine Woche Klavierstunden und bin Pianist. Deswegen lassen sie uns zu den Beispielen kommen. Warum kommen wir mit Lernratgebern nicht voran?
Emil Darrenhofer: Ach, ich habe gerade eine Episode vom Tim-Ferriss-Experiment gesehen, in der sich der Held der Episode vornimmt, innerhalb von f√ľnf Tagen eine fremde Sprache, n√§mlich Taglog, zu lernen.¬†

Blickt man hinter den aufw√§ndigen Schnitt der Episode, so erkennt man, dass ihm das nicht wirklich gelungen ist. Ein paar Tricks angewandt auf ein paar Tage reichen nicht aus, um ein nat√ľrlich gewachsenes Kommunikationsmittel auf ein Gehirn zu pressen. Sprachenlernen funktioniert nicht dar√ľber, mit ein paar Tricks Wortgruppen auswendig zu lernen und sie irgendwo durch kreative Bildchen zu verankern. Eine Sprache ist eine eigene Welt und muss als eigene Welt gelebt werden. Ich glaube sein Vorhaben ist so √§hnlich absurd, wie Deutschland in f√ľnf Tagen zu erkunden und es dann zu kennen. Nein, da helfen uns Ged√§chtnistricks auch nichts. Es kommt auf eine langfristige Strategie an und vor allem auf Zeit.

Zweitens, ebenso suspekt sind mir eben diese Ged√§chtnistricks. Nat√ľrlich k√∂nnen wir uns Dinge mit verschiedenen Routentricks gut merken. Unser Gehirn speichert Umgebungen in einer Art neuronalen Kopie, daher k√∂nnen wir vermittels von Routen wirklich sehr gut, Fakten einpr√§gen. Aber hier liegt der Fehler: Was hat denn das zuf√§llige Ablegen von Fakten auf einer Route mit dem Erlernen einer komplexen F√§higkeit zu tun? Wer zum Beispiel Medizin studiert, will Knochen nicht irgendwo in einem imaginieren Palast ablegen. Das hilft vielleicht dabei Pr√ľfer auszutricksen. Aber beim wirklichen Lernen will er will aus komplexen Symptomen Schl√ľsse ziehen k√∂nnen. Das aber hei√üt Intuitionen erwerben und das passiert nicht beim Memorieren von einzelnen Daten, sondern bei der Auseinandersetzung mit den Daten im Detail. Die Daten m√ľssen bei einer komplexen F√§higkeit direkt vorliegen, wie in einem Random-Acess-Memory. Dieses Memorieren aber muss anders erfolgen. Es geht vor allem darum den Lernstoff zu Leben und nicht Zirkustricks zu erwerben. Das zu Erlernende muss gelebt werden, zugleich auch immer wieder analytisch untersucht werden. Sich eine Zahl wie Pi auf viele Stellen hinter dem Komma merken zu k√∂nnen, ruft vielleicht Erstaunen (Mein Artikel zum Ged√§chtnispalast) hervor, mehr aber auch nicht. Ich glaube allerdings wir brauchen heute derlei Ged√§chtnispal√§ste nicht mehr, denn es ist doch so, dass Erlerntes eher eine zweite Natur sein soll, als dass man irgendwo in der Erinnerungskiste kramt und in irgenwelchen Ged√§chtnispal√§sten endlos spaziert. Wer zum Beispiel ein Gespr√§ch f√ľhrt, der erinnert sich nicht an Worte, sondern die Worte sind Teil der Aktivit√§t.

Drittens: Abgesehen von diesen Spielereien gibt es Angebote, die nicht nur Zeit nehmen, sondern tats√§chlich auch schaden. Hierzu z√§hle ich die Speedreader. Dort verspricht man schnelleres Lesen durch die Reduktion von Subvokalisation und Vermeidung von Regression zu erzielen. Ich hingegen glaube (und dabei bin ich nicht allein, denn die Michelmanns, f√ľhrende Experten in diesem Bereich, vertreten dieselbe Auffassung), dass diese Angebote unsere Lesef√§higkeit besch√§digen.


Norman Schultz: Zu dem Problem mit dem Schnellleseaneboten kommen wir in einem sp√§teren Teil noch.¬†Im Folgenden haben wir uns erlaubt ein beliebiges Beispiel zu erw√§hnen, um die Oberfl√§chlichkeit der angebotenen Versprechen zu demonstrieren. Hierbei handelt es sich um kein direkt kommerzielles Produkt. Bei folgendem Video, das es bei Google immerhin nach ganz oben in der Trefferliste schafft, l√§sst sich sehr gut erkennen, wie im Grunde die meisten Internetvideos nur ein paar Ratschl√§ge zusammenklam√ľsern, aber keine Diskussion entfalten, keine Systematik entwickeln und somit keinen wirklichen Nutzen haben und auch nicht als Wissen zu bezeichnen sind.
Warum jedoch ist das ausgew√§hlte Video so hoch im Google-Index? Es werden bestimmte Keywords so hergestellt, Backlinks so generiert, dass nach und nach Google den Inhalt als relevant bestimmt. Mit tats√§chlicher Qualit√§t hat das nicht viel zu tun. Und hier sei auch in einem Seitenhieb bemerkt, die gesamten TED-Konferenzen, die vielleicht von der Qualit√§t her besser sein m√∂gen als dieses Video dort, sie sind nicht mehr als Sesamstra√üe f√ľr Erwachsene. Warum Infotainment wenig mit Bildung zu tun hat, besprechen wir ebenfalls in sp√§teren Abschnitten, aber es sollte klar sein, dass so wie Kinder das Alphabet nicht mit der Sesamstra√üe lernen, wir eben auch nicht viel lernen, wenn wir noch so viele Videos √ľber Mathematik oder Physik konsumieren. Gleiches gilt f√ľr diese Lernvideos auf Youtube: Ohne Systematizit√§t bleiben sie wirkungslos.
Und noch eines sei hinzugef√ľgt: Viele glauben ja daran, dass die Bildungsrevolution gerade mit diesen Videos stattfinden w√ľrde. Diese Revolution wurde allerdings schon fr√ľher mit dem Radio und Fernsehen angek√ľndigt. Gekommen ist sie jedoch nicht. Wir sitzen immer noch in Klassenzimmern und versuchen komplexe F√§higkeiten in diesen merkw√ľrdigen Verb√§nden zu erwerben. Vielleicht hat es ja doch irgendwo einen Sinn? Auch dies werden wir am Ende unserer Gespr√§che weiter herauskristallisieren.
Im Gegensatz ist der Bildungsporno so etwas wie 3sat und Arte zu schauen. Wie aber Meulemann schon 2000 feststellte, ist der Konsum dieser Sender bei Gebildeten und Ungebildeten anteilig gleich niedrig. Man k√∂nnte auch sagen, Gebildete schauen nicht mehr Arte oder 3Sat, sondern im Schnitt den Gleichen Unterhaltungsmist und auch die „Dummen“ bleiben entgegen der Vermutung so einiger Bildungsb√ľrger oft auf 3 Satz oder Arte h√§ngen. Diese Gleichverteilung liegt schlicht daran, dass das Medium „Fernsehen“ ungeeignet ist, um zu lernen. Bildung und Lernen passiert in anderen Medien, die wesentlich subtiler sind und so zeigt Meulemann auch, dass Gebildete nicht etwa Fernsehen schauen, sondern zur politischen Meinungsbildung auf andere Medien wie Zeitung oder B√ľcher zur√ľckgreifen (siehe Artikel dazu hier). In anderen Worten, wirkliche Bildung finden nicht mit passiven Medien statt. Der Konsum ist nie das richtige Mittel, sondern produziert nur ein paar vage Meinungen. Mit Bildung meinen Herr Darrenhofer und Ich daher vor allem eine aktive Variante und dieses wollen wir im Hinblick auf soziales Lernen ausbuchstabieren.Quelle:¬†Meulemann, Heiner. Medienkonkurrenz ‚Äď Wandel und Konstanz der Nutzung der tagesaktuellen Medien in Deutschland 1964-2000 In: Aretz, Hans-J√ľrgen / Lahusen, Christian. Die Ordnung der Gesellschaft ‚Äď Festschrift zum 60. Geburtstag von Richard M√ľnch 2005
Bevor wir aber alles vorweg nehmen, hier zunächst ein Video, an dem sich die Nutzlosigkeit von Lernratgebern sehr gut demonstrieren lässt:
 

Zusammengefasst:

  • Lern-Inhalte auf Karteikarten! Solltest du auf jeden Fall immer und √ľberall einsetzen! Warum? Hm…
  • Male die ein paar bunte Mindmaps! Mindmaps sind n√§mlich √ľberzeugend!
  • Lerne mit alten Pr√ľfungen. Vielleicht nicht falsch, aber was nun?
  • Mach doch mal ein bisschen Zeitmanagement. Zeitmanagement ist schlie√ülich f√ľr alle gut.
  • Zu guter letzt, mach doch eine Lerngruppe auf.¬†

Emil Darrenhofer:¬†Sicher sind die Lerntipps nicht falsch. Ich glaube nicht, dass sie uns schaden, aber es mangelt an wesentlicher Begr√ľndung, warum es bei der Dame offenbar funktioniert und bei anderen nicht. So wie sich viele Menschen Sport vornehmen, so nehmen sich viele etwa auch Zeitmanagement vor.

Norman Schultz: Ich stimme zu: Viele schreiben Karteikarten und doch versagen sie, so wie ich in der Schule. Im Vergleich heißt es jedoch bei Wikipedia schon prägnant:

Wie die Lehrmethoden und die Didaktik sollten die gewählten Lernmethoden auf den Erkenntnissen der Lernpsychologie bzw. der Pädagogischen Psychologie aufbauen, um möglichst erfolgreich zu sein.[1] Dies bedeutet, dass effektives Lernen eines längerfristigen systematischen Aufbaus bedarf.
Emil Darrenhofer: Ja, das ist richtig. Diese Beurteilung kann allerdings zumeist von den Könnern nicht hergestellt werden. Sie geben ein paar Tipps aus der Trickkiste, die bei Ihnen auch häufig zur Anwendung kommen, aber das heißt nicht, dass sie bei anderen wirken oder eben das Wesentliche am Lernen sind.
Norman Schultz: In meiner Doktorarbeit versuche ich zu zeigen, dass der wesentliche Punkt der Wissensgenerierung nicht in dem beliebigen Zusammentragen von Punkten und Informationen besteht, auch nat√ľrlich nicht im Erlernen von einzelnen Daten, sondern im systematischen Aufbau. Eine systematische Struktur ergibt sich jedoch nicht einfach aus bereits bekannten Algorithmen (zu Algorithmen z√§hle ich Karteikartentechniken oder andere erworbene Lernkompetenzen, die wir h√§ufig anwenden. Unter ganz besonderen Umst√§nden k√∂nnen diese Algorithmen nat√ľrlich hilfreich sein. Das Problem ist aber, dass sie nicht immer funktionieren). Der systematische Aufbau des Lernens muss sich im Gegensatz nicht an Algorithmen orientieren, sondern mit einer Strategie erfolgen. Das hei√üt, die meisten Lernprobleme sind nicht mit konkreten Lerntechniken zu bew√§ltigen, so wie beispielsweise, wenn du A willst, dann musst du genau B tun. Es sind keine hypothetischen Imperative der praktischen Klugheit, wie Kant es sehen w√ľrde und wof√ľr wir h√§ufig das nichtssagende Beispiel bem√ľhen: Wenn du Klavier spielen lernen willst, dann musst du √úben.

Ich m√∂chte den praktischen Imperativ anders formulieren! Es gibt bei einer systematischen Struktur nicht die Allgemeine Anweisung, die √ľberall funktioniert. Stattdessen ist eher so zu denken, wenn du A willst, dann musst du tun, was aus den gegebenen Umst√§nden am Ehesten zu A f√ľhrt. Diese Umwandlung bezeichnet ein eher strategisches Vorgehen, was sich nicht aus Plausibilit√§tsschl√ľssen ergibt (die deduktiv sind), sondern induktiv verf√§hrt. Es gibt keine eindeutigen Resultate, sondern ist konfus

Faces-nevit

Der Schatten des Sozialen - By Nevit Dilmen (Inkscape), via Wikimedia Commons

Statistik kann hier sehr gut helfen, das hei√üt ich versuche mich irgendwie an Daten meines Lernens zu orientieren und dann im Hinblick auf diese Daten Ableitungen zu erzielen. Die Frage ist daher wie Lernerfolge generiert werden, und dabei hei√üt es auf oben genannte Tipps erstmal zu verzichten, bevor man sich darauf versteift. Strategisches Lernen wird dann zu einer Frage des Sozialen…
Emil Darrenhofer: Ich stimme zu. Wir d√ľrfen eben nicht denken, dass es eine pr√§zise Anweisung gibt, die es genau zu befolgen gilt. Wir verlangen zum Beispiel h√§ufig von der Medizin, dass sie genau und pr√§zise heilt, aber das, was Mediziner tun, entspricht eher einem strategischem Vorgehen, wobei der Erfolg niemals genau gesichert ist. Ihre Ausf√ľhrungen zum System sind nat√ľrlich sehr kurz, aber ich m√∂chte wesentlich auch den letzten Punkt betonen, n√§mlich dass Lernprozesse vor allem sozial gestaltet sein m√ľssen. Sie m√ľssen sozial sein, weil sie nicht taktisch angegangen sein wollen, das hei√üt aus der Perspektive des Einzelnen mit seinem endlichen Wissen. Es geht n√§mlich nicht um die isolierten Techniken, wie zum Beispiel mit Karteikarten zu arbeiten, zu unterstreichen oder um angebliche Lerntypen (warum die Theorie von den Lerntypen Unfug ist, habe ich bereits hier dargelegt). Im Gegensatz geht es um langfristige Planung, die tats√§chlich im sozialen Rahmen stattfindet. Strategien entwickeln Menschen, die zusammen verschiedene Ans√§tze finden, weil die schiere Anzahl an taktischen Varianten zu gro√ü ist.
Aus diesem Grund muss Schule auch versagen, insofern das Erlernte sozial nicht weiter umgesetzt werden kann. Zwar strukturiert die Schule Lernprozesse abstrakt systematisch, √ľberl√§sst aber zumeist die soziale Arbeit den Sch√ľlern selbst, wobei dann einige nat√ľrlich im famili√§ren Umfeld nicht die n√∂tige Unterst√ľtzung finden, die aber zum wirklichen Erlernen der Inhalte notwendig ist. Einige haben Gl√ľck und finden in interessierten Freundeskreisen Vertiefung des Lernstoffs, andere versumpfen in Diskussionen √ľber Pop-Kultur. Ein Gestus unsere Aufmerksamkeitsverteilung: Stars bestechen durch √§hnliche Ungelerntheit, weil Jugendliche nicht nur Lehrer suchen, sondern zun√§chst Best√§tigung. Die Starkultur ist eine Best√§tigung unserer Tr√§gheit, ein Kosmos der Durchschnittlichkeit in jeglicher Hinsicht. Das Soziale aber kann auch potentierend wirken: Wir profitieren hier von den Erfahrungen anderer, wenn wir nicht alle taktischen Varianten durchspielen m√ľssen. Deswegen erfindet niemand die gesamte Mathematik aus einem urspr√ľnglichen Genius heraus, deshalb steht Entwicklung immer in der Geschichte. Geschichte ist das treibende Moment unserer Bildung, und Geschichte ist der soziale Horizont unserer Gegenwart.
Norman Schultz: Vielleicht können wir es erstmal bis hierher auf den Punkt bringen: Worauf kommt es im Lernen an?
Emil Darrenhofer: Um Einiges vorweg zu nehmen: Am besten w√§re nat√ľrlich eine Art Personal Trainer wie im Sport. In bestimmten Mannschaftssportarten holen sie dich einfach ab und du wirst auf einem gemeinsamen Weg zur Elite geformt. Die Hollywoodstars engagieren sich K√∂rpermacher. Es ist nat√ľrlich finanziell schwierig, derart zu arbeiten. Es ist aber wichtig, dass wir in diesem Sinne Schulen nicht nur als Institutionen verstehen, die uns lehren, sondern die auch das richtige soziale Umfeld schaffen und dies untersch√§tzen die Meisten. Ich denke wir m√ľssen darauf nochmals sp√§ter separat eingehen. Es ist aber auch ein zweiter Punkt zu beachten: Lernen geschieht vorrangig im Sozialen, weil Wissen etwas Soziales ist. Um das aber zu verstehen, sollten wir vielleicht doch noch ein paar Dinge zur Frage der Systematizit√§t er√∂rtern. Zur systematischen Ausbildung im Fu√üball haben Sie ja zum Beispiel einige Ankn√ľpfungspunkte gemacht.
Norman Schultz: Das ist richtig, bevor wir aber zur Diskussion der Fußballausbildung vielleicht, möchte ich erst von der wissenstheoretischen Perspektive her andeuten, warum Systematizität, Wissen und Soziales zusammenhängen.
Emil Darrenhofer: Ja das wäre wohl sinnvoll.
Norman Schultz: Bei der Philosophie geht es um die Hauptfrage, was eigentlich Wahrheit ist oder besser: Was macht verschiedene S√§tze eigentlich wahr? Dabei wurden verschiedene L√∂sungen innerhalb der Geschichte vorgeschlagen, die alle samt zu einem Problem f√ľhrten, n√§mlich der komplizierteren Metafrage: Was macht eigentlich die vorgeschlagenen L√∂sungen zur Wahrheit wahr? Russel musste schmerzlich erfahren, dass das Meta-Problem zumindest nicht mathematisch l√∂sbar ist. Dennoch haben wir Fortschritte erzielt: Wir gehen so zum Beispiel schon lange nicht mehr davon aus, dass da drau√üen so etwas wie plumpe Materie herumwabert, die wir schlicht in Beschreibungss√§tzen ausweisen. Stattdessen hat sich die Philosophie die Aufgabe in einem System zurecht gelegt, was dann eigentlich einen Holismus beschreibt oder besser gesagt und wor√ľber der Hom√∂opath wom√∂glich vor Freude strahlen wird: Es geht um die Frage nach dem Ganzen, Ganzheitlichkeit. Die Frage nach dem da drau√üen, ist nicht unabh√§ngig von dem Fragenden und seinem Gefragten zu beschreiben. Erst hieraus ergibt sich das Befragte. Die Philosophie ist nicht die Wissenschaft von einem einzelnen Ding, sondern tats√§chlich vom Ganzen, nicht von der Beschreibung des Dings dort dr√ľben, sondern von seiner Einflechtung in das Gesamte des Kosmos. F√ľr mich war es so zum Beispiel immer faszinierend, dass wenn ich hier auf der Erde einen Stuhl um einen Zentimeter verr√ľcke, sich diese Ortsver√§nderung noch relativ auf Lichtjahre entfernte Galaxien auswirkt. Ich m√∂chte sagen, dass schneller als mit der Geschwindigkeit des Lichts, das gesamte Universum bis in den letzten Winkel eine andere Relation ausweist, nur weil ich hier einen Stuhl woanders hinstelle. Dieses vielleicht simultane Ganze, das schneller als Licht zusammenh√§ngt, kann meines Erachtens nicht mit deskriptiven Begriffen erfasst werden, sondern muss theoretisch verschieden vorausgesetzt werden, um Fortschritte in der Beschreibung dieses Stuhls zu erzielen. Die Beziehung von Einzeldaten zu einem gr√∂√üeren Ganzen ohne dieses gr√∂√üere Ganze starr festzulegen, nenne ich Systematizit√§t und ich m√∂chte sagen, dass dies auch strategisches Wissen beschreibt, weil wir das Ganze niemals als solches Erkennen, es aber voraussetzen um L√∂sungen zu erreichen.
Emil Darrenhofer: Und was hat das mit Lernen zu tun?
Lightmatter chimp thinker

Von der Taktik zur Strategie: By By Aaron Logan (from http://www.lightmatter.net/gallery/albums.php) CC BY 1.0 (http://creativecommons.org/licenses/by/1.0), via Wikimedia Commons

Norman Schultz: Nun, wenn ich zum Beispiel Schach lerne, so wei√ü ich nicht, was der beste Zug ist, aber ich kann lernen, wie ich im Hinblick auf ein Ziel gute Z√ľge finde. ¬†Ist zum Beispiel mein Ziel eine Figur zu gewinnen, so kann ich nach taktischen Varianten suchen und werde sehr konkrete Gr√ľnde finden. Das ist sehr einfach und viele machen ja Taktikaufgaben bis zum Umfallen. Ist aber mein Ziel in der Ausgangssituation irgendwann den K√∂nig matt zu setzen, dann gibt es schlicht zu viele M√∂glichkeiten, um diese Aufgabe taktisch zu bearbeiten. Ich muss dann strategisch vorgehen und die Z√ľge machen, die unter den gegeben Umst√§nden das angestrebte Ziel wahrscheinlicher machen. Hier gibt es kein abschlie√übares System. Schach hat nach gegenw√§rtigen Sch√§tzungen 10 hoch 50 Varianten. Zuviel um dies mit Computern endg√ľltig auszurechnen, auch nicht in den n√§chsten Jahrzehnten, auch nicht bei einer enormen und √ľberoptimistischen Steigerung der Rechenleistung. Bei superkomplexen Problemen gibt es aufgrund unserer Rechenbeschr√§nkung keine eindeutigen L√∂sungen, sondern wir brauchen die richtige Strategie. Strategien aber zu entwickeln ist eine Frage der Wahl des Systems und die Wahl des Systems eine Frage des gegenw√§rtigen Sozialen Umfelds.
Emil Darrenhofer: Warum aber des sozialen Umfelds?
Norman Schultz: Bleiben wir beim Schach. Wenn ich mit dem K√∂nigsbauern er√∂ffne hat der Gegner eine Vielzahl von Reaktionsm√∂glichkeiten. Je nach Reaktion muss ich mein System ver√§ndern, denn die Stellungen ver√§ndern sich schnell in ihrer Charakteristik. Nun ist es so, dass sich Schach immer noch historisch entwickelt. Bestimmte Systeme galten vor Zehn Jahren als unknackbar, wie zum Beispiel die Berliner Mauer, eine Variante mit der Kramnik seinen Weltmeistertitel gegen Kasparov erringen konnte. K√ľrzlich aber zeichnet sich ab, dass Gro√ümeister mit der Berliner Mauer beginnen, zu verlieren.
Emil Darrenhofer: Warum ist das der Fall?
Norman Schultz: Das „Warum“ ist hier schwer zu ergr√ľnden, weil wir die Varianten nicht letztg√ľltig bestimmen k√∂nnen. Ich vermute, dass Gro√ümeister nun einen anderen strategischen Plan verfolgen, der Schw√§chen dieser Verteidigung offenbart. Die Frage also, ob eine Schachvariante richtig oder falsch ist, h√§ngt vom sozialen Umfeld ab. Dies vor allem, weil die genauen Berechnungen aller taktischen Varianten zu gro√ü sind. Ob letztlich die Berliner Mauer Teil einer idealen Schachpartie ist, das hei√üt einer Schachpartie, wo wir immer nur die besten Z√ľge machen, dass l√§sst sich nicht einmal mit Computern ergr√ľnden. Gehen wir nun vom doch recht begrenzten Schachfeld weg und schauen in die Realit√§t, so m√ľssen wir sagen, dass wom√∂glich strategisches Verhalten f√ľr unsere Welt noch wichtiger ist als auf dem Schachfeld.¬†Wir m√ľssen eher flexibel auf neue Anforderungen reagieren und brauchen nicht nur ein System oder noch schlimmer eine Ansammlung von Taktiken, sondern Systematizit√§t. So wie ich im Schach auf neue Stellungen mit verschiedenen, analytischen Mitteln kreativ reagieren muss, eine neue Methode entwickeln muss, so gilt dies eben auch f√ľr das Lernen. Das hei√üt nun nicht, dass wir uns von allen Prinzipien verabschieden. Auf Prinzipien basiert unser Wissen, aber wir erlangen kein System, sondern wir verhalten uns nur noch systematisch, indem wir wieder neue Strategien aufbauen und unter anderen Umst√§nden alte Prinzipien sein lassen und neue auf Grundlage der √úberwindung der Alten entwickeln.

Emil Darrenhofer: Deswegen ist beispielsweise auch die Karteikartentechnik nicht unbedingt falsch. Wichtig aber ist, schnell die Grenzen zu erkennen und sein eigenes Lernsystem weiter zu entwickeln. Mit der Abh√§ngigkeit von der Umfeldentwicklung sehe ich hier nat√ľrlich eine Parallele zum Fu√üball, wenn ich hier √ľberleiten darf.

Norman Schultz: Nat√ľrlich sehen wir am Fu√üball √§hnliche Momente. W√§hrend bestimmte Spieleigenschaften vor 10 Jahren noch als das h√∂chste spielerische K√∂nnen galten, so werden sie heute nur noch selten eingesetzt. Damit besch√§ftige ich mich allerdings weniger. Auch der Einsatz der Statistik wird ja bereits vielfach diskutiert. In D√§nemark setzt sich das gerade in der Meisterschaft durch. Auf der anderen Seite entwickelt der Fu√üballtrainer¬†Yurii Demydenko¬†(empfehlenswerter Artikel zur Entwicklung eines neuartigen Fu√üballtrainings)¬†ein sehr interessantes Intensivtraining, das auf eine sehr enge Betreuung des Fu√üballers setzt, wobei bei hoher Repititionsrate verschiedene, relevante Situationen durchexerziert werden. Dies ist ebenso beim d√§nischen Club FC Midtjylland und ihrem Freisto√ütraining der Fall. Freist√∂√üe werden durch pr√§ziseres Training immer besser.¬†Ohne hier aber auf die konkreten Details einzugehen, die in beiden Artikel wirklich sehr gut besprochen werden, wichtig ist: Die Orientierung an Resultaten kann nur durch gute Trainer erreicht werden. Der Einzelne Lerner steht da auf sehr verlorenem Posten und lernt seine Intuitionen eher ungelenkt, wenn er nicht die richtige Betreuung erf√§hrt. Hier zeigt sich die Bedeutung des sozialen Umfelds: Geht es um Strategien k√∂nnen wir uns nicht mehr auf unsere Denkkraft, n√§mlich taktische Situationen durch Rechenkraft zu beherrschen, verlassen. Wir brauchen hingegen eine Art St√ľtze, die uns die richtigen Intutionen lehrt und uns notfalls korrigiert. Dieses komplexe strategische Wissen ist im Geist des Sozialen gespeichert und kann dort auch erreicht werden, aber auch nur dann, wenn sich dieses soziale Umfeld nicht auf ein System versteift, sondern Systematizit√§t als Grundlage hat. Ich denke, dass wir das bei Herr Yurri Demydenko oder auch beim FC Midtylland sehr gut beobachten k√∂nnen, denn sie lassen sich nur von den Daten lenken, die sie anhand von vorl√§ufiger Systempr√§missen interpretieren, aber auch st√§ndig erweitern. Ich kann nicht umhin als gerade das als wissenschaftlich zu bezeichnen.
Dies war der erste Teil und es folgen drei Weitere. Wenn ihr mir weiter folgen wollt, dann added mich doch bitte bei¬†Google+.¬†oder¬†tretet der¬†Facebookgruppe¬†oben rechts bei. Wenn ihr wirklich keine Beitr√§ge verpassen wollt, dann solltet ihr in den¬†E-mail-Verteiler (bei Facebook kommt ja nicht mehr alles an). ¬†Ein¬†RSS-Feed¬†f√ľr die progressiven Internetnutzer ist nat√ľrlich auch vorhanden. Ansonsten k√∂nnt ihr mich gerne anschreiben oder einen konstruktiven (!) Kommentar hinterlassen. Ansonsten w√§re weiterempfehlen ganz nett.Norman Schultz,¬†Mai 2015, Pittsburgh
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