Verändere dich РWie am Besten?

In diesem Artikel geht es um einige Aspekte der Selbstveränderung. Ich folge hierbei keiner genauen Struktur, wer allerdings mitliest, kann einige neue Aspekte zur Persönlichkeitsentwicklung finden, die meines Erachtens so noch nicht anderer Stelle diskutiert werden. Am Ende komme ich auf mein Ziel, Klavier zu lernen, zu sprechen.
Als Dieter Gurkasch, selbst Gewaltverbrecher, auf der Intensivstation erwachte, empfand er nichts mehr von all dem Zorn, all der Wut, all der Verlassenheit. Nach einer Schie√üerei mit der Polizei und einer gef√§hrlichen Schussverletzung im R√ľcken, an der Grenze zum Tod hatte sich etwas in dem brutalen Gewaltverbrecher ge√§ndert (Quelle).12 weitere Jahre Gef√§ngnis f√ľr einen Raub√ľberfall und dies nach einer bereits verb√ľ√üten Gef√§ngnisstrafe von 11 Jahren wegen eines Raubs mit Todesfolge des Opfers sollten ihn schlie√ülich ganz ver√§ndern. 12 Jahre Zeit nun auch wirklich ein anderer zu werden (titelbild: By Felix Burton (Flickr) [CC BY 2.0 (http://creativecommons.org/licenses/by/2.0)], via Wikimedia Commons).
„Wir selbst sind zu einem wesentlichen Bestandteil Ver√§nderung“ (Alfred Eisleben)

Wie entwickeln wir uns? K√∂nnen wir uns bis ins hohe Alter ver√§ndern, lernen? Die allgemeine Auffassung verliert sich hier in der Ratgeberliteratur, den endlosen Botschaften von der Kraft des Willens. Die Gegenwart hat sich in einen Selbstentwicklungsoptimismus hineingesteigert, wobei das gl√ľckliche Leben im endg√ľltigen Sieg √ľber eine minderwertige Hunderasse erreicht werden soll. Der Kampf mit dem Schweinehund, mit der dunklen Seite der Macht in uns, ist unsere Seele geworden. Nachdem wir das Moralgebot dieses Kampfes internalisiert haben und unsere Aggressionen in uns einsickern lassen haben, m√ľssen wir alles Potenzial gegen den Gegner als Selbst richten. In uns sind wir dem Feind ganz nah, dem Schweinhund, dem schlechteren Selbst. Was in archaischen Gesellschaften die Unterdr√ľckung durch den K√∂nig war, ist in modernen Gesellschaften die Selbstunterdr√ľckung durch Produktivit√§t geworden.

„Ver√§nderung ist Aufstieg von den niederen Bed√ľrfnissen zum h√∂heren Geist“ (Alfred Eisleben)

Was also bedeutet Entwicklung die dieser Leistungsdynamik entkommt? Entgegengesetzt der g√§ngigen Meinung entwickeln sich Menschen nicht nur in ihrer Kindheit. Wir k√∂nnen uns bis zum Alter von 50 ver√§ndern, danach bleibe unsere Pers√∂nlichkeit allerdings stabil. Ver√§nderung selbst – jedoch nicht notwendig nach moralischen Geboten – ist unser Weg. Ein Weg, der aufw√§rts und abw√§rts f√ľhren kann.

Bei Ver√§nderung kommt es nun darauf an, die Maslow’sche Bed√ľrfnispyramide wirklich zu verstehen, denn wir sollten bei aller Ver√§nderung die Maslow’sche Bed√ľrfnispyramide aufw√§rts steigen.

MaslowsHierarchyOfNeeds

Erf√ľllung aller Sehns√ľchte liegt in der Selbstaktualisierung, eine letzte Stufe die bereits Platos Aufstieg aus der H√∂hle zur Sonne symbolisierte. Wichtig aber ist, dass wir, bevor wir diese Selbstaktualisierung erreichen, n√§mlich ein Gut, dass unbegrenzt zur Verf√ľgung stehen kann und deswegen erf√ľllt, dass wir hiervor die Fallen der Selbstentwicklung verstehen: Wer einen Baustein erreicht, ist ungl√ľcklich und will zum n√§chsten. In diesem Sinne sollten wir uns h√ľten, etwas f√ľr das Ziel unseres Gl√ľckes zu erkl√§ren, ohne es vorher bereits zu kennen. Haben wir unsere materiellen Bed√ľrfnisse befriedigt, werden wir sogleich in das n√§chste Bed√ľrfnis nach Materiellem getrieben. Wer sein gesamtes Leben daher darauf ausrichtet, eine bestimmte materielle Grundlage zu erreichen, wird sodann finden, dass sich danach die Sinnfrage um so dr√§ngender stellt. Wer Liebe zum Beispiel im Partner zu finden hofft, wird mit dem Partner an seiner Seite unzufrieden sein, wenn er nicht vorher gl√ľcklich war.

Studien zeigen, dass Lotteriegewinner nach anf√§nglicher Euphorie nicht gl√ľcklicher sind als andere (wobei die Studien viele Schl√ľsse zulassen, warum das der Fall ist). Das Level des Gl√ľcks f√§llt bald wieder auf das Ursprungsniveau zur√ľck.¬†Ganz im Gegensatz geht es bei der Bed√ľrfnispyramide daher darum, die best√§ndige Chance, Dinge zu √§ndern zu erkennen und hierin die eigentliche Aufgabe zu entdecken. Hierin in der Selbstver√§nderung liegt der h√∂chste Punkt unserer Bed√ľrfnisse, n√§mlich ganz wir selbst zu sein, allerdings nicht eine starre Identit√§t, sondern ein Ich zu sein, das in den Bewusstseinsstrom niemals zweimal steigt, sondern als diese Ver√§nderung des Wassers selbst Wasser ist. Was ich meine? Ich kann es nur noch kryptischer ausdr√ľcken:

Seele bleibt ein Wasserwort

Und es ist jene Selbstaktualisierung, die die Seele in ihrem Wesen antreibt, eine Bewegung von ihrem Sein durch ihre Distanzierung als Seiendes zur√ľck zu ihrem Sein (das ist Hegelianismus).

Zur√ľck zu dem M√∂rder Gurkasch: Heute leitet der verurteilte M√∂rder Gurkasch ein Yogastudio in Stralsund. Doch er hatte einen langen Weg der Ver√§nderung hinter sich. Er durchschritt viele Erfahrungen, um zu erkennen, was h√∂heres Gl√ľck bedeutet. Doch dieser Weg war lang und beschwerlich. Hierzu sagt Gerhard Roth:

„In der menschlichen Entwicklung gibt es alles, nur eines nicht: Dass ich mir vornehme, mich zu bessern, und von Stund an ein besserer Mensch bin. Wenn ich mich wirklich bleibend √§ndern will, m√ľssen vor allem die tieferen Schichten ver√§ndert werden.“ (Selbe Quelle)

Das hei√üt, wer Raucher ist, bleibt aller Wahrscheinlichkeit nach Raucher. Das Selbst ver√§ndert sich nur langsam und nur durch t√§glich kleine Routinen k√∂nnen wir ein anderer werden¬†(hier in einem Blogbeitrag nach Prof. Fogg beschrieben). Nach Prof. Foggs Theorie ver√§ndern uns ¬†Kleinigkeiten √ľber die Jahre hinweg und lassen uns wachsen. Daher muss die Ver√§nderung nicht √ľber gro√üe Ziele erschlossen werden, sondern √ľber Planung und kleine Schritte. Jeder, der ein Instrument spielt, wei√ü, dass Lernen zumeist nicht aus Erleuchtungsschritten und Aha-Erlebnissen besteht, sondern auch Konsequenz in der t√§glichen, kleinen Selbstver√§nderung bedarf.

„Das Gehirn ist kein tr√§ger Stein, der mit Sicherheit auf sein Ziel zusteuert. Wir leben mit diesem Gehirn in unserem Kopf und k√∂nnen es ver√§ndern.“ (Avid Graf)

Es gibt allerdings auch noch eine andere Seite. Wir m√ľssen auch bedenken, wenn Roth von der Tr√§gheit unseres Gehirnes ausgeht, so macht er dies aufgrund von Schl√ľssen, die empirischen Quellmaterial entspringen. Sein Schluss ist induktiv. Das hei√üt, entgegen Roths Auffassung mag es dennoch individuelle Situation geben, die einen vollst√§ndigen Richtungswechsel erm√∂glichen und die er aufgrund der √ľberw√§ltigenden Anzahl von normalen Studienobjekten nicht sehen kann.Steve Pavlina, einer der erfolgreichsten Personal-Development-Autoren, w√§re ein solches Beispiel. Nach einer Nacht im Gef√§ngnis gab er sich das Versprechen, sein Leben zu √§ndern und machte sogleich zwei Abschl√ľsse innerhalb eines Jahres und leitete nebenbei ein erfolgreiches Computerbusiness.

Sicher bleibt das Gehirn dasselbe, wie Roth eben vermutet, aber der Hebel zur Ver√§nderung legt sich manchmal spontan um und dann werden wir durch t√§gliche Routinen ein anderer. Der zweite Ansatz besteht daher in der Konfrontationstherapie und geht daher √ľber die Schl√ľsse von Fogg und Roth hinaus.

Der Psychologe Birbaumer Quelle kann von vielen solcher Fälle berichten: Ein Mann hatte mehrere schwere Autounfälle, doch nach 30 irrsinnigen Fahrten mit dem Psychologen lernte dieser Mann, dass ihm nichts passiert. Er war partiell geheilt.

Aus Birbaumers Geschichten k√∂nnte man Filme drehen. So nahm er, „wenn n√∂tig“, einen Patienten auch mal mit auf Reisen, schlief mit ihm in einem Bett und kettete ihn mit Handschellen an sich, damit dieser nicht, von seinen √Ąngsten getrieben, abhaute. (Quelle)

Schoktherapien sind Aha-Erlebnisse, die ein ganzes Gehirn schnell restrukturieren k√∂nnen, andere Wege aufzeigen. In diesem Sinne ist es immer g√ľnstig, andere Ans√§tze zu suchen, nicht alles ist stupides Wiederholen. Deswegen muss ein holistischer Ansatz auf beides, Wiederholung und Kreativit√§t zielen. Eine Gesamtstrategie allerdings kostet viel Geduld und Unterst√ľtzung.

Wer den falschen Freundeskreis hat, sich mit Couch-potatos umgibt, die ausbremsen, wird nicht weit kommen (eine Studie zeigt, dass die Veränderung des Lebensstils des Partners auch in uns etwas bewirken kann, andere Studien zeigen aber, dass eher der Partner mit den negativen Eigenschaften auf das Verhalten des Anderen einwirkt). Es ist schwer, dem falschen Partner in negativen Eigenschaften zu widerstehen. In diesem Sinne gehören zu Persönlichkeitsveränderung viele Faktoren und womöglich ist ein Coach wie im Sport unabdingbar (hier ein anderer Artikel von mir dazu).

Das Klavier ist die Nummer 1 unter den Veränderungsdevices

Bei meinem Coaching-Ansatz m√∂chte ich gerne extrinsische Motivationen ausklammern. Hierzu geh√∂ren auch negative Anreize wie Strafen, da h√§ufig nach dem Wegfall der Restriktionen, das Verhalten, schlechter ausf√§llt als zuvor. Langfristig m√∂chte ich allein intrinsische Motivationen entwickeln.¬†Ich will mich daher vorrangig auf den Abbau von Hemmnissen konzentrieren. Hemmnisse sind Dinge, die mich von einem guten Lebensstil abhalten, zum Beispiel, wenn mein Zimmer ungeordnet ist und ich viel Zeit vergeude, mit dem Arbeiten zu beginnen. Hier ist es nat√ľrlich auch eine Frage wie organisiert, der Alltag bereits ist.¬†Dar√ľber hinaus kann es hilfreich sein, zu analysieren, welche intrinsischen Motivationen bereits bestehen und diese zu verst√§rken. Was macht mir wirklich Spa√ü?

Selbstver√§nderung muss schrittweise in intrinsische Ver√§nderung √ľberf√ľhrt werden, nur so werden wir einerseits langfristig gl√ľcklich werden, denn Ver√§nderung ist etwas, was als Ziel selbst immer unabh√§ngig von √§u√üeren Umst√§nden m√∂glich ist und andererseits werden wir nur so Ver√§nderung erreichen. Ver√§nderung wird nicht unmittelbar erreicht, sondern besteht aus vielen Schritten der Vermittlung am Materiellen. Wir m√ľssen die Bed√ľrfnispyramide durchsteigen und so auch erfahren, dass zum wirklichen Gl√ľck auch wirklicher Verlust geh√∂rt. Wer riskiert, kann daher langfristig nur gewinnen. Das allerdings am Rande. Hier geht es mir darum, mein Klavier zu nutzen, denn wer sich in einer Eigenschaft verbessert, so behauptet ebenfalls Prof. Fogg, der verbessert sich gleichzeitig auch in anderen Bereichen.

Ich habe Jahre lang Klavier gespielt und werde immer wieder von Menschen in Pittsburgh gefragt, ob ich professioneller Pianist bin. Ich habe in meinen Kursen auch hin und wieder Musikstudenten, die nat√ľrlich bei Weitem besser sind, aber ich interagiere mit ihnen h√§ufig. F√ľr mein pers√∂nliches Projekt habe ich mich einer Pianogruppe in Pittsburgh von Professoren im Ruhestand angeschlossen und werde langfristig viele Klavierst√ľcke meinem Repertoire hinzuf√ľgen. Klavierspielen bedeutet langsame Ver√§nderung des Gehirns. Und das ist es worauf ich mich konzentrieren muss.

Klavierspielen lehrt uns, dass Veränderung nur in der täglichen Routine erfolgt.

¬†Beim Klavierlernen geht es mir nun vor allem darum klassische St√ľcke zu erlernen, die das Klavier in den Mittelpunkt stellen. Ich spiele im Moment zusammen mit Haruka und Christa das Doppelviolinconcerto von Bach, was wirklich viel Spa√ü macht. Vom Popkulturellen nehme ich im Gegensatz mehr und mehr Abstand. Zumeist kann ich es ohnehin vom Blatt spielen und es sind keine besonderen, musikalischen Linien zu erkennen. Ich wei√ü, das wirkt herablassend, aber wer wirklich in die klassische Musik irgendwann einsteigt, erkennt, wie die klassische Musik um Sprache und Ausdruck ringt und im Vergleich zur Pop-Musik in tiefere Tiefen eintaucht.¬†

Nun, ich sage nicht, dass Pop-Musik immer schlecht sein muss. Auf unseren Parties hier in Pittsburgh ist das immer noch ein wichtiges Element und wir haben viel Freude dabei, aber es geht dabei um den Effekt, in einer vielleicht zu oberfl√§chlichen Kultur? Um einen niederen Teil der Bed√ľrfnispyramide? K√ľrzlich haben wir auf einer Halloweenparty eine „Komposition“ √ľber das Hippiedasein performt, da¬†ich selbst als Hippie „Moon“ verkleidet war. Der Song hie√ü „Oceans of Emotions“. Das war so erfolgreich und offenbar witzig, dass mich Severin, der Co-Founder von Duolingo, glatt f√ľr die Weihnachtsfeier von Duolingo buchen wollte. Ich hielt das nat√ľrlich f√ľr einen Witz, aber er fragte mich drei Tage sp√§ter nochmals. Das macht mich nat√ľrlich ein bisschen stolz. Was will ich aber sagen: Pop-Musik macht Spa√ü, so wie Hot Dogs schmecken und ich niemanden daf√ľr direkt verurteile, aber mentale Gesundheit bekommen wir woanders her genauso wie physische Gesundheit langfristiger gl√ľcklicher macht.

Tatsache f√ľr mich ist, dass es bei Pop-Musik nicht die enormen Entwicklungssch√ľbe gibt, wie bei klassischer Musik. Immer nach den Phasen, in denen ich klassische Musik lernte, konnte ich mit Pop-Musik noch besser umgehen. Ich halte Pop-Musik f√ľr eine Unterforderung unseres Gehirns, es kommt allerdings darauf an, sich zu √ľberfordern. Nun ich werde mich k√ľnftig mehr mit dem Klavierspiel auseinandersetzen und ein E-Piano f√ľr unser Haus besorgen.

Lumosity und Braintrainer helfen nicht

Es sei noch eine Sache angemerkt, warum ich mich auf Klavierspielen fokussiere. In einem Statement von 70 renommierten Neuroforschern heißt es, dass all die angebotenen Braingames nicht die magische Kugel sind, um seine kognitiven Fähigkeiten zu verbessern (Quelle). Nach einer relativ aggressiven Marketingcampagne hatten diese eine wesentliche Verbesserung der Gehirnleistung und so zum Beispiel Schutz vor Alzheimer versprochen. Es kommt allerdings nicht auf einen Schritt an, sondern darauf, viele Veränderungen langfristig ins Visier zu nehmen. Es ist wie bei der Ernährung, es kommt nicht auf eine neu-entdeckte Pflanze an, sondern auf die Gesamtheit der Ernährung. Stattdessen heißt es daher in der Forschung, dass das Erlernen einer neuen Fähigkeit, die Intelligenz am ehesten befördert. Ich behaupte, dass das Klavier oder ein anderes klassisches Instrument hierzu die beste Möglichkeit bietet, uns vor Alzheimer im Alter bewahrt, Kinder schlauer werden lässt und mehr. Zu den Belegen aber in einem der folgenden Artikel mehr. Hier geht es zunächst nur um die Selbstentwicklung.

Wenn ihr keine weiteren Beitr√§ge verpassen wollt und mir weiter folgen wollt,¬†dann solltet ihr in den¬†E-mail-Verteiler schl√ľpfen (bei Facebook kommt ja nicht mehr alles an). Ihr¬†k√∂nnt mich auch bei¬†Google+¬†adden,¬†oder der¬†Facebookgruppe¬†oben rechts beitreten.¬†Ein¬†RSS-Feed¬†f√ľr die progressiven Internetnutzer ist nat√ľrlich auch vorhanden. Ansonsten k√∂nnt ihr mich gerne anschreiben oder einen konstruktiven (!) Kommentar hinterlassen. Ansonsten w√§re weiterempfehlen ganz nett.

Norman Schultz

Veröffentlicht unter Intelligenz steigern, Lernen lernen | 1 Kommentar

Zum Lernen in der Freizeit, warum Schulen strenger sein sollten und wie dramatisch Eltern unsere Chancen beeinflussen Р3. Teil meiner Gespräche mit Emil Darrenhofer

Norman Schultz: Herr Darrenhofer und ich haben in den vorangegangenen Abschnitten vor allem √ľber die Einbettung des Lernens in das Soziale gesprochen. Was viele Menschen dabei nicht sehen, ist, dass Lernen nicht von Tricks und Tipps handelt, sondern von einer umfassenden Strategie, die sozial einge√ľbt werden muss. Bevor wir dies jedoch weiter vertiefen, lassen sie mich zuvor¬†fragen, inwiefern unbedarfte Lerntipps in Form von Techniken auch St√∂rungen einhandeln k√∂nnen. Sie hatten dies ja bereits in Bezug auf Schnelllesen erw√§hnt.

Emil Darrenhofer: Das stimmt: Nicht nur, dass Ihnen nutzlose Techniken Zeit nehmen, ja, sie k√∂nnen sich auch ernsthafte St√∂rungen einhandeln. Beim Lesen hei√üt es beispielsweise f√§lschlicherweise, dass eine generelle Beschleunigung gut w√§re, denn so k√∂nnen sie vielmehr Lesestoff schaffen. Speed-Reading-Kurse sollen Ihnen dann beibringen, wie Sie die innere Subvokalisation unterdr√ľcken. Was am Anfang zu funktionieren scheint, wird Ihnen aber letztlich ernsthafte Lesest√∂rungen einhandeln.Ich jedoch argumentiere, dass sich das traditionelle Lesen automatisch vom Viellesen beschleunigt und man ansonsten die Finger davon lassen sollte.

Norman Schultz: Da kann ich zustimmen, nach einem √§u√üerst intensiven Kontakt mit den Michelmanns auf diesem Gebiet (wom√∂glich Deutschlands und weltweit einzigen Experten zur wirklichen Lesebeschleunigung und zum Hochgeschwindigkeitslesen) muss ich zu dem Schluss kommen, dass die angebotenen Kurse Produkte sind, die keinen Sinn ergeben. Bei der klassischen Lesemechanik braucht das Gehirn die Vertonung, damit die Augen dem Text geordnet folgen k√∂nnen, denn Augen sind ja biologisch auf best√§ndiges Umherspringen programmiert. Wir scannen keine Horizonte in stupiden Linien als fahren wir √ľber einen Text, sondern wir ordnen Bilder im Hinblick auf ein inneres Bild.

Das innere Vertonen der Worte beim Lesen im Gegensatz aber erlaubt konzentriertes Blicken. Weil ich innerlich einer Tonschleife folge, folgen meine Augen. Nun allerdings folgt der Fehler: Die meisten Beschleuniger gef√§hrden die eingespielte Mechanik zwischen Vertonung und Augenkoordination. Wenn wir beim Beschleunigen des klassischen Lesen, die Tonmechanik zerst√∂ren, k√∂nnen wir nicht mehr lesen. Beim wirklichen Schnelllesen kommt es daher darauf an, sehr fr√ľh in unglaublich hohe Lesegeschwindigkeiten zu springen, damit das optische Lesen sofort aktiviert wird und die tonale Lesef√§higkeit erhalten bleibt.

Emil Darrenhofer: Ich komme zu dem selben Schluss. Ich halte daher die Angebote der gesamten Speed-Reader f√ľr nicht seri√∂s, denn sie zielen nur auf kurzfristige Ergebnisse, die sie langfristig nicht erhalten k√∂nnen. Kurzfristig schaffen Sie es vielleicht Texte mit 1000 W√∂rtern pro Minute zu entschl√ľsseln, langfristig machen Sie sich die eingespielte Mechanik, die sie seit ihrer Kindheit als Kulturtechnik erworben haben, kaputt. Es ist wie beim Sport, wer zuviel will, zerst√∂rt sich die Gelenke.

Norman Schultz: Haben Sie vielleicht noch andere Beispiele f√ľr unangebrachte Techniken.

Emil Darrendorfer: Nicht direkt, aber ich kann mir mit weiteren Analogien behelfen, auch wenn das nicht wirklich seri√∂s ist. Wenn ich beim Sport gleich einen Marathon laufen will, so geht vieles schief. Nicht nur, dass ich meine Gelenke √ľberstrapaziere, die Wahrscheinlichkeit, dass ich von mir selbst entt√§uscht auf das Sofa zur√ľckfalle, ist sehr hoch. Es kommt beim Lernen wie beim Sport auf die langfristige Integration von Lernstrategien an. Ohne die soziale Kontrolle kann dies nicht funktionieren. Deswegen hat B.J. Fogg auch seine Lernstrategien entwickelt, die auf Tiny Habits, also Mikrogewohnheiten zielen.

Norman Schultz: Da stellt sich nat√ľrlich die Frage, warum Menschen Lernen nicht positiv in den Alltag integrieren k√∂nnen.

Darrenhofer: Die meisten Menschen erwarten eine Art N√ľrnberger Trichter, so dass das Wissen in sie wie Zuckerwasser hineinflie√üt. Viele suchen nach Geheimtechniken und einmal gefunden w√ľrde das Genie aus ihnen wie ein Vulkan hervorbrechen. Das sind deplorable Visionen von einem Schlaraffenland des Wissens, wo einem die Erkenntnis wie ein Brath√§hnchen in den Mund fliegt. Diese geheime Studiertechnik gibt es nat√ľrlich nicht und alle die diese Versprechen machen, sollten Sie nicht Ernst nehmen.

Dabei ist es ganz einfach, wenn sie √ľber das Gehirn nachdenken, sollte klar sein, dass es nicht absolut in Erleuchtungsschritten lernt, sondern dass Ver√§nderung des Gehirns, das hei√üt Lernen, ein geplanter Prozess ist, der mehrere Jahre in Anspruch nehmen kann.

Norman Schultz: Passend dazu, muss ich hier einfach dieses Video hier √ľber die Geheimtechniken des Zeitmanagements posten:

Norman Schultz: Nach diesem eindr√ľcklichen Verkaufsvideo fragen wir also mehr, was es bedeutet, eine F√§higkeit zu erlernen, denn dass es diese Wundertechnik des Lernens nicht gibt, h√§ngt wohl auch damit zusammen, was es bedeutet, √ľberhaupt eine F√§higkeit zu erlernen.

Emil Darrenhofer: Das ist sehr richtig, die meisten F√§higkeiten und Fertigkeiten bed√ľrfen eines langen Weges, wobei unklar ist, welche Abzweigungen wir dabei nehmen m√ľssen. Wir glauben zumeist, dass das Genie seine Leistungen aus einem direkten Zugang zum Fantastischen sch√∂pft, aber selbst bei Mozart war erst das Sp√§twerk f√ľr seinen Ruhm entscheidend. Das hei√üt, lange eingespielte Intuitionen ebnetem ihm den Weg zum Genialen. √Ąhnliches sehen wir bei den meisten, gro√üen Genies. Diese hatten immer lange Arbeitswege hinter sich, bevor sie dann zum Erfolg durchstie√üen. Daher sollten wir uns nicht nach den Lerntechniken fragen, sondern fragen, was es hei√üt, komplexe F√§higkeiten zu erlernen.

Norman Schultz: Diesen Glauben an das Geniale k√∂nnen wir wohl auch unter dem „Myth of Great Man“ verbuchen.

Darrenhofer: Der Punkt ist, dass unsere Wahrnehmung sich auf Erfolge fokussiert. Wir glauben daher, dass die Geschichte von wenigen, gro√üen M√§nnern gelenkt wurde (Die Argumentation ist aus den Podcasts von You are not so smart √ľbernommen). Wie vielleicht Steve Jobs f√ľr einen Moment in ein Hinterzimmer geht und das I-Phone erfindet, so erlernen Wunderkinder nat√ľrlich Klavier. Menschen, die dies glauben, glauben auch, dass jedes Ereignis in der Welt von dunklen Strippenzieher kontrolliert wird. Tats√§chlich aber ist die Welt anders und wir lernen auch anders: Struktur, Systematizit√§t und soziale Stabilit√§t sind dabei Schl√ľsselw√∂rter, wobei ich nat√ľrlich vorsichtig sein muss, dass ich dabei keine weiteren Plattit√ľden in den Diskurs einf√ľhre. ¬†

Norman Schultz: Lassen sie es mich daher nochmals am Beispiel des Schachs er√∂rtern, um das ganze konkreter zu gestalten. Es ist meines Erachtens leicht in die h√∂heren Perzentile in einem Expertengebiet vorzusto√üen, allerdings wird es immer schwerer, sich in den Expertenbereichen ab dem 95ten Perzentil zu profilieren. Die meisten Disziplinen haben eine solche klare Unterteilung in Experten und Amateure nicht. Im Schach aber ist dies m√∂glich. Nun k√∂nnen wir dort beobachten, dass das Anf√§ngerwissen leicht kategorisierbar ist, das hei√üt, wir k√∂nnen klare Pr√§missen auf den Weg geben, zum Beispiel: Ber√ľhre eine Figur nicht zweimal in der Er√∂ffnung, Rochiere fr√ľh, besetze das Zentrum usw. H√∂heres Wissen allerdings wird dabei immer abstrakter. W√§hrend der Anf√§nger die Verbesserung noch sehr deutlich in wenigen Sitzungen sp√ľrt, wei√ü der Experte am Ende nicht mehr, ob er etwas gelernt hat, wenn er lernt. Das hei√üt, nur f√ľr Anf√§nger ist Wissen in einfacher Form formulierbar. Je weiter aber das Wissen, desto schwieriger k√∂nnen wir es formulieren. Das hei√üt, wir sollten uns auch nicht unbedingt von Theorien verwirren lassen, die Einfachheit preisen. Lernen ist ein Prozess, der t√§glich erfolgt und ich m√∂chte behaupten, dass wirkliches Lernen dann stattfindet, wenn wir f√ľr schwierige Probleme L√∂sungen entwickeln. Sch√ľler und Eltern, die dabei Infotainment verlangen, haben den eigentlichen Lernweg nicht verstanden.

Emil Darrenhofer: Ja, da stimme ich zu, wobei wir nat√ľrlich die Komponente des Sozialen als Horizont f√ľr die Problemdefinition noch einarbeiten m√ľssen.

Norman Schultz: Nat√ľrlich, das machen wir gleich noch. Es ist einfach zuviel, was hier gesagt werden muss, was sicher auch damit zu tun hat, dass N√§he zu einer guten Theorie oftmals hohe Grade an Abstraktheit aufweist. Soziale Kl√§rung ist dann das Ziel.¬†

Emil Darrenhofer: Ich muss nat√ľrlich eingestehen, dass eine Reduktion von Komplexit√§t auch etwas mit Lernen zu tun hat, aber das ist wieder ein weiterer Teilbereich.

Norman Schultz: Brechen wir es daher nochmal auf eine einfache Frage herunter: Was aber machen Studenten anders, die im Studium schlichtweg erfolgreicher sind?

Emil Darrenhofer: Hier zeigt sich vor allem, dass Organisation ein Weg zum Erfolg ist. Ein erfolgreiches Studium ist zum Beispiel stark von der Selbstorganisation abh√§ngig. Wir aber erreichen wir diese gute Organisation? Meines Erachtens geht dies auf ein entsprechendes Coaching zur√ľck. Lernen stattdessen auf simple Lerntechniken herunter zu brechen ist der Kardinalfehler.

Norman Schultz: Was meinen Sie mit Selbstorganisation und Coaching?

Emil Darrenhofer: Nun dies bedeutet eben nicht, eine wundersame Lerntechnik zu entdecken, sondern √ľberhaupt erstmal das Leben zu ordnen, das hei√üt, eine gewissen Kontinuit√§t in die Lern-Algorithmen zu bringen und √ľber lange Strecken hinweg systematisch zu erkennen, welche Vorgehensweisen Ertr√§ge bringen. F√ľr denjenigen, der diese Stra√üe allein gehen muss, ist es ein beschwerlicher Weg. Die meisten nehmen dabei schnell die Prokrastinationsabzweigungen, denn komplexe Lernstrategien erwerben wir nicht im Nebenbei, sondern sie sind Resultate eines sozialen Prozesses. Da das direkte Gef√ľhl des Erfolgs erstmal ausbleibt, k√∂nnen wir Lernen zumeist nur durch intensive Beratung erlernen. Wir bekommen es von unseren Eltern, die selbst Lerner sind, oder aber durch Freunde, die √§hnliche Interessen verfolgen.¬†

Norman Schultz: Sie meinen also, und wir haben es ja schon häufig angedeutet, dass es auf das soziale Umfeld ankommt.

Emil Darrenhofer: Nat√ľrlich ist dies entscheidend, hier wirken die Vorbilder nicht medial, so dass sich der viel gescholtene Productivity-Porn ergibt, sondern in Verflechtung mit dem eigenen Leben spiegeln im Sozialen. Der¬†Freund, der uns auch in unseren Fehlern nah bleibt, kann unsere Fehler sehr gut korrigieren. Strategien von Freunden werden viel eher intuitiv imitiert, wobei Freunde uns zugleich auch reflektieren. Hier findet eine unglaubliche soziale Multiplikation von Lern-Energien statt. Dabei kommt es nat√ľrlich darauf an, dass diese Freunde nicht zum Heer der Berufstudierenden z√§hlen. Ich meine die Studenten, denen nur ein Studientitel z√§hlt und dabei in ihrer Freizeit wenig Interesse an Pers√∂nlichkeitsentwicklung haben. Ich geh√∂re zu der Fraktion der Abstinenzler, die bezweifeln dass sich unter den Biersch√§umen, unten am Bierglas Erkenntnis verbirgt. In so ein soziales Umfeld hinein zu geraten ist nicht viel wert.

Norman Schultz: Aus der Sozialforschung wissen wir hierbei sehr genau, dass Kinder aus der Oberschicht gr√∂√üere Chancen auf au√üerordentliche Studienwege haben als Studierende aus der Unterschicht (Im Allgmeinen wird dies unter Sekund√§reffekten diskutiert, das hei√üt, die Schulwahl h√§ngt bereits von der Schichtzugeh√∂rigkeit ab. Bei den Prim√§reffekten tritt die so genannte kulturelle Ausstattung in den Vordergrund). Der soziale Klassenbegriff ist nat√ľrlich unscharf und problematisch hier. Aber hinter der Geburt in ein kontingentes Leben verbirgt sich, wie so oft, unsere Schicksalsschlagader, eine nat√ľrliche Ungerechtigkeit.

Lehren wird bei den eigenen Kindern schnell zum Belehren - Vorleben ist wohl besser

Emil Darrenhofer: Nun, eine Ungerechtigkeit w√ľrde dann bestehen, wenn Unterschichtler aufgrund ihrer Schichtzugeh√∂rtigkeit keine Chance bek√§men, in die Oberschicht aufzusteigen. Das mag auch in vielen F√§llen der Fall sein. Ich glaube aber, dass zumeist Unterschichtler √§hnliche Chancen haben, ihnen fehlt nur das Wissen, diese Chancen zu nutzen und den entsprechenden Lebensweg einzuschlagen.

Norman Schultz: Ich möchte das eigentlich bezweifeln. Können Sie dies näher erläutern.

Emil Darrenhofer: Nat√ľrlich, wenn Eltern ihren Kindern, die Realschule empfehlen oder Studenten l√§cherlich machen, weil die abgehoben reden und somit die wirklichen Wirklichkeiten verkennen, dann fehlt ihnen hier schon die Einsicht, was den Ausstieg aus den unteren Klassen erm√∂glicht. Mein Mitbewohner, Koch, wollte niemals, dass weitere Studenten bei uns einziehen. Mit hochgezogene Augenbrauen erkl√§rte er mir dann irgendwann: „Meene Schwesta will studier’n.“ und erg√§nzte es mit seiner Lebensweisheit: „Ick hab ihr jesacht, se soll inne Jastronomie arbeeten, da find se imma Arbeet.“

Es ist nat√ľrlich unfair, das hier so zu herablassend zu formulieren, aber mit zunehmender Qualifikation ist den Menschen unklar, was in den Bildungsbereichen eigentlich noch gearbeitet wird. Nat√ľrlich kann auch ein Realsch√ľler aus einer „Unterschicht“ einen ordentlichen Lebensweg bestreiten, aber mit den zunehmend differenzierteren Bildungsschichten ist die Wahrscheinlichkeit deutlich geringer und er wird in der Gastronomie beispielsweise einen minderqualifizierten, wom√∂glich stark fordernden Job erledigen m√ľssen, der weniger M√∂glichkeiten zur Entwicklung bietet. Es ist nun so, dass Eltern aus der Oberschicht schon viel fr√ľher √ľber die passenden Studienm√∂glichkeiten der Kinder beraten, w√§hrend bei anderen noch die Frage besteht, ob das Kind √ľberhaupt aufs Gymnasium soll oder lieber gleich Geld verdienen soll, damit es nicht mehr auf der Tasche liegt.

Norman Schultz: Ich habe das selbst erlebt, als bei mir die Frage noch aus stand, ob ich √ľberhaupt studieren will, war es bei einer befreundeten Familie, wobei ein Elternteil sehr anerkannter Professor war, bereits Thema, auf welche Stipendien sich die Kinder bewerben. Das war zwei Jahre vor dem Abitur und sie haben l√§ssig am Abendbrotstisch dar√ľber reflektiert.¬†Das hei√üt richtiges Lernen h√§ngt vom sozialen Umfeld ab?

Emil Darrenhofer: Ich gehe davon aus. Eltern, die selbst Akademiker sind, geben ihren Kindern nicht nur hier und dort einen Hinweis, wie die Ratschläge, die wir bereits diskutiert haben, sondern einen ganzen Lebensweg mit. Diese Lebenswege lassen sich nicht in ein paar Lerntipps verpacken.

Norman Schultz: Damit sprechen Sie wieder unser Hauptproblem an: Ratschläge, wie wir richtig studieren.

Emil Darrenhofer: Nat√ľrlich und diese m√ľssen von der reinen Reduktion her auch nicht falsch sein. Allerdings kann eine langfristige Umschulung auf ein angemessenes Lernverhalten nur durch gezieltes Coaching erfolgen. Erst dann ist es wichtig, ob wir Karteikarten benutzen oder eine andere Lerntechnik benutzen. Die Informationen, die dabei auf den meisten Seiten zu finden sind, sind daher unterkomplex. Ich m√∂chte hierbei drei Fehler verdeutlichen:

Erstens, finden wir Informationen, die zumeist auf Erfahrungswissen basieren, das heißt im Grunde nichts anderes, als dass da jemand ist, der sich mal ausdenkt, was wir so machen sollen, weil es bei ihm ja irgendwie funktioniert hat. Derjenige schreibt dann Texte, wie ein blindes Huhn, das auch mal einen Korn trinkt.

Norman Schultz: Ein Kalauer!

Emil Darenhoffer: Stimmt. Aber nochmal:¬†Diese Tipps helfen wenig, zielen aber eher auf das subjektive, eben beinah trunkene Gef√ľhl, etwas richtig zu machen. Sie verwechseln Gl√ľckstreffer mit Wissen. Bei diesen Methoden muss ich anmerken, dass ohne Bezug zu Studien dies keine geeigneten Methoden sind. Das ist so als wenn sie Medikamente nehmen, die nicht in Doppel-blind-Versuchen best√§tigt wurden.

Zweitens, gibt es dann zwar auch Blogs oder Lernratgeber, die Studien einbeziehen, aber selten wird dabei systematisch gewichtet. Studien werden, wenn √ľberhaupt, herangezogen, um eine simple Lerntheorie zu fundieren, die Lernstrategie wird aber weder diskutiert, noch √ľberhaupt f√ľr den Leser deutlich gemacht.

Drittens, sind die Tipps, wenn sie denn mal richtig sind, zu unklar, um effizient in den Alltag eingebaut zu werden. Wir brauchen einen sozialen Rahmen, eine Gesellschaft, die alle diese drei Bereiche ber√ľcksichtigt.¬†

Norman Schultz: Das ist nat√ľrlich auch Thema meiner Doktorarbeit, n√§mlich wie sich Wissen, einerseits in Bezug auf Wahrheit verh√§lt, wie es systematisiert werden muss und wie dies nur das Soziale erreicht. Aber haben Sie daf√ľr vielleicht ein Beispiel?

Emil Darrenhofer: Nat√ľrlich Sie k√∂nnen leicht jemanden erkl√§ren, dass die ganzen Textmarker √ľberfl√ľssig sind, dieses ganz bunt Anstreichen und dass auch zweimaliges Lesen eines Textes nicht viel bringt. Sie k√∂nnen √ľber das Empfehlen hinausgehen, denn es gibt mittlerweile einige Studien, die belegen, dass dies sinnlos ist. Doch was dann? Von einem Lerntipp ver√§ndert sich ja nicht das gesamte Lernverhalten. Der Fehler liegt, wie eingangs erw√§hnt, beim mangelnden Coaching, das hei√üt bei der fehlenden Entwicklung einer geeigneten Lebensweise, wobei dann systematisch Lernfehler ausgeschaltet werden. Diese Systematik l√§sst sich nicht mit dem Lesen eines Blogs, mit der Gr√ľndung eines Blogs und auch nicht mit einer simplen Kritik unserer Bildungsinstitutionen erwerben. Im Gegensatz habe ich das Gef√ľhl, dass gerade die Institutionen als Grund daf√ľr herhalten m√ľssen, dass wir nichts lernen.

Norman Schultz (ich muss lachen): Aber es ist doch allen so gut wie klar, dass wir doch nichts in diesen Institutionen lernen.

Emil Darrenhofer: Nun Sie haben in diesen angeblich schlechten Institutionen sehr viel gelernt: Lesen, Schreiben und Rechnen. So einfach uns diese grundlegenden Kulturtechniken aus der Perspektive eines K√∂nners erscheinen, sie sind Resultat jahrelanger Konditionierung. Bedenken sie, dass zum Beispiel auch Karl der Gro√üe nicht lesen konnte, obwohl er ja direkt an der Wissensquelle sa√ü. Man lernt das nicht einfach so. Andere Klostersch√ľler, waren noch fasziniert, dass Thomas von Aquin leise lesen konnte, auch eine Technik, die wir heute einfach so beherrschen.

Das alles hei√üt aber nicht, dass ich die Schulen und Institutionen vorbehaltslos rechtfertigen will. Ich will aber sagen: Wir √ľbersehen zu schnell, dass sie doch eine Menge bereits leisten. Statt daher die Institutionen zu kritisieren w√ľrde ich mir eher eine st√§rkere Kritik der Bildungs√∂konomie im Privaten w√ľnschen, denn mit Familie und Freunden bilden wir unser wirkliches Verh√§ltnis zum Lernen und Wissen aus. Das, was die Schule durch Konditionierung und die historisch-gewachsene Systamtisierung erreicht, sollte Eingang in unser Privates finden.

Norman Schultz: Und warum im Privaten?

Emil Darrenhofer: Viele erwarten von den Bildungsinstitutionen mehr Freiheit f√ľr das Lernen, doch das ist ein grundlegendes Paradox. Institutionen reglementieren aufgrund ihrer Natur schon (das steckt im Namen, Institution und Revolution sind beinah Antonyme). Institutionen schaffen durch Reglementierung, Entlastung und somit Bildungsfreir√§ume au√üerhalb der Institution. Sie kennen sicher den Stress, von jemandem der Leben und Arbeit niemals trennt?

Norman Schultz: Ich kenne es, und erkenne zunehmend an, dass eine Trennung unter einigen Umständen sinnvoll ist.

Emil Darenhofer lacht: Sie haben Recht, ich will das nicht als Doktrin vorschreiben. Aber im Moment ist es so, dass Eltern aufgrund der Lesekonditionierung von der Schule entlastet werden.¬†Der Lehrer ist automatisch der b√∂se Sklaventreiber, der die Freiheit der Kinder nicht versteht. Die Eltern werden momentan zu den Guten, die ganz genau wissen, wie Schule sein m√ľsse. Wie Infotaiment soll Schule sein. Als w√ľrden wir dabei lernen.

Ich sehe das jedoch etwas anders: Was ich in der Schule lerne, soll mir Techniken geben, die ich erst in meiner Freizeit in Bildung umschmelze. Das ist ganz zentral. Techniken werden durch bestimmte Konditionierung erworben. Bildung ereignet sich mit Technik und Freiheit. Wichtig ist nun: Wir brauchen dann auch Freizeit, um Freiheit f√ľr Kinder zu erhalten. Aufgrund dieser Pr√§missen geh√∂re ich zu denen, die glauben, Schule sollte noch strenger sein, daf√ľr allerdings auf den Vormittag und auf wenige F√§cher beschr√§nkt werden. Ich bin f√ľr noch st√§rkere Konditionierung in der Schule und glaube, dass wir uns von dem Gedanken befreien m√ľssen, dass Schule tats√§chlich Bildung vermitteln k√∂nnte. Wir sollten nicht versuchen, jedes Fach, das uns in den Sinn kommt, in eine schulische Ausbildung zu integrieren, nur weil es gerade en vogue ist. Dieser Aktionismus muss ¬†aus zwei Gr√ľnden schief gehen. Einerseits k√∂nnen Institutionen nicht schnell genug auf Marktanfordernisse reagieren. Institutionen k√∂nnen nicht revolutionieren. Wie bereits angedeutet, diese Begriffe sind diametral entgegengesetzt. Schule soll dann einmal Internet unterrichten, dann wieder Ethik, dann doch nochmal Medien. Schulen verlieren damit ihr Profil, n√§mlich Grundkenntnisse zu vermitteln und als Folge glauben alle, Schule sei f√ľr Bildung zust√§ndig, so als k√∂nnten dann der Hauptsch√ľler nicht mehr gebildet sein. Was nat√ľrlich Quatsch ist, auch Hauptsch√ľler k√∂nnen gebildet sein.

Ich pl√§diere daher daf√ľr, dass stattdessen die au√üerschulischen Bildungsangebote f√ľr die Entwicklung von wahren Pers√∂nlichkeiten frei gemacht werden, w√§hrend Schule wieder auf solide Grundkenntnisse in √úbersetzung, Rechnen, Mathematik, Lesen und Schreiben zur√ľckgef√ľhrt werden.

Norman Schultz: Was denken Sie dabei √ľber die Philosophie?

Emil Darrenhofer lacht: Wenn es kein ethisches Gequatsche ist, wo wir st√§ndig nach unseren Meinungen fragen, so ist Philosophie als die Grundtechnik der Wissensgewinnung anzuerkennen. Argumentstrukturen und Logik finden ihre Begr√ľndung in der gewissenhaften ontologischen Forschung. Hier stimmen wir beide mit Sicherheit √ľberein. Aber wissen Sie, im Moment haben wir Status quo. Schulen m√ľssen Bildung miteinbeziehen, weil wir keinen Sinn f√ľr die Unterscheidung zwischen institutionalisierten Techniken und Bildung in der Freizeit haben. Im Status Quo ist Ethik wom√∂glich gar das wichtigste Fach und noch vor Logik, Ontologie und Erkenntnistheorie anzusiedeln. Also brauchen wir im Moment wom√∂glich diese „Laberf√§cher“ als Lebensf√§cher, aber eigentlich sollte das in der Freizeit eine Rolle spielen, wie ich es eben versucht habe, anzudeuten.

Norman Schultz: Ich muss hinzuf√ľgen, dass ich mir eher eine philosophische Ausbildung im systematischen Aufbau von Wissenschaft w√ľnschen w√ľrde. Ich sehe, dass das Wissen um das Wissen selbst bei Lehrern weit, weit, weit weg ist. Mein Physiklehrer meinte beispielsweise immer, dass er die Relativit√§tstheorie so interessant f√§nde, weil es dabei philosophisch werden w√ľrde. „Philosophisch“ als w√ľrden wir uns mal ans Lagerfeuer setzen, um √ľber den Sternenhimmel nachzudenken. Er f√ľhrte dann das Philosophische ein, nur um uns dann den krudesten Materialismus vorzuschlagen, der in der Philosophie seit Jahrhunderten, wenn nicht seit Jahrtausenden schon als veraltet gilt und nicht als Philosophie zu bezeichnen ist, sondern eigentlich nur als wissenschaftstheoretisch naiv. Es tut weh zu wissen, dass die Technikvermittler ihre Autorit√§t ausnutzen, um diesen wissenschaftlichen Unfug zu verbreiten.

Emil Darrenhofer ¬†lacht wieder: Ich muss Ihnen aber gestehen, dass dies von mir auch nur halbgare Hypothesen sind. Ich denke √ľber die st√§rkere Instutitonalisierung der Schule nach, weil es f√ľr mich ein Gegengewicht zu der Auffassung darstellt, dass eine Befreiung von der Schule der Weg der Zukunft sei. Ich bin mir beispielsweise nicht sicher, inwieweit Lesen einfach konditioniert werden muss oder inwieweit es auch kreativ und mit Spa√ü vermittelt sein k√∂nnte. Mir erscheint jedoch, dass wir den Wert der Konditionierung in der ewigen Bildungsreform aus humanistischer Sicht klein reden. Bildung muss da angeblich so frei sein, dass man sich fragen muss, was das dann f√ľr eine Freiheit sein soll.

Norman Schultz: Ich stimme ihnen zu: Freiheit ist zu einem Schlagwort geworden und das moderne Individuum mag es nicht mehr mit dem Wort der Pflicht vermengen. Da w√ľrde gar ein Kant zu einem Preu√üen degradiert werden, weil er es doch wagte Freiheit und Pflicht in eine Waagschale zu werfen, obwohl dies nun aus systematischer Sicht so gut wie unvermeidlich ist. Nun gut, aber ich merke auch, dass wir weit vom Weg abgekommen sind. Was empfehlen Sie daher nun konkret, um im Studium besser zu werden?

Emil Darrenhofer: Am besten w√§re nat√ľrlich eine Art Personal Trainer wie im Sport. In bestimmten Mannschaftssportarten holen sie dich einfach ab und du wirst auf einem gemeinsamen Weg zur Elite geformt. Die Hollywoodstars engagieren sich K√∂rpermacher.

Norman Schultz: Um ein anderes Beispiel hinzuzuf√ľgen:¬†Der Schachweltmeister Magnus Carlsen hatte seit seiner Kindheit von seinen Eltern immer Coaches zur Verf√ľgung gestellt bekommen, sp√§ter dann gar Gary Kasparow. F√ľr eine Weltmeisterschaft im Schach z√§hlt ein Team von anderen Gro√ümeistern, die nat√ľrlich auch t√§glich den Trainingstag motivieren.

Emil Darenhofer: Gleiches sollten wir im Geistigen versuchen, allerdings sehe ich, dass dies dort viel schwieriger voran geht, da wenige sich vorstellen können, eine gegenseitige regelmäßige Coachingzone einzurichten und es dann womöglich auch zu viele Schwierigkeiten gibt, diese Coachings in der Gruppe abzusprechen, oder Menschen auf eine Wellenlänge zu bringen. In diesem Sinne wäre es dann sinnvoll tatsächlich Coaches anzuheuern, wobei dies wieder mit finanziellen Problemen verbunden ist. Wenn jedoch jemand wirklich langfristig sein Lernen verbessern will, dann gibt es nicht die Technik, sondern dann sollte er sich gute Coaches leisten. Aber auch hier ist Vorsicht geboten, einige Coaches haben auch nur gefährliches Halbwissen zu bieten. Bei dem Überangebot an Menschen, die Coachings versprechen, aber im Grunde genauso reliabel wie Esoteriker sind, möchte ich es eigentlich nicht empfehlen. Und nur zu einem Coach einmal die Woche zu gehen, der einem sagt, was man machen soll, funktioniert nicht. Im Sport kommt der Personal Trainer und trainiert. Hier brauchen wir Konzepte und ich frage mich, warum ich davon so wenige sehe.

Norman Schultz: Das ist eine gute Frage, die wir ein anderes mal diskutieren sollten vielen Dank f√ľr¬†das Gespr√§ch.

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Norman Schultz, Juli 2015, Pittsburgh

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Waldorfschulen sind besser als Normal-Schulen – Tanzt eure Namen!

Ich geh√∂rte ja auch zu den Stammtischnutzern, die Waldorfsch√ľler als Namenstanzer denunzierten. Wissenschaftler aber loben nun die Waldorfschule und ich frage mich, ob die Waldorfschule nicht doch das richtige f√ľr meine Tochter w√§re.

In einer Untersuchung der Heinrich-Heine-Universit√§t D√ľsseldorf wurden¬†mehr als 800 Sch√ľler an zehn Schulen im Alter von 15 bis 18 Jahren befragt (Quelle). Dabei stellte sich heraus, dass Waldorfschulen wesentlichen besser abschneiden als andere Schulformen.

  • 80 Prozent mehr spa√ü-bereite Waldorfsch√ľlern gegen 67 Prozent Sch√ľler an Regelschulen
  • 85 Prozent der Sch√ľler empfinden zudem das Schulklima als angenehm und unterst√ľtzend, w√§hrend Regelsch√ľler nur 60 Prozent das Schulklima sch√§tzen
  • Ein gutes Verh√§ltnis zu den Lehrern haben 65 Prozent der Waldorfsch√ľler im Gegensatz zu 31 Prozent der Regelsch√ľler
  • ¬†Sch√ľler an Waldorfschulen haben weniger somatische Beschwerden und leiden weniger unter Schlafst√∂rungen

Waldorfschulen bereiten besser als andere Schulformen auf die Zukunft vor. Im Gegensatz zur reinen Quantifizierung legen Waldorfschulen mehr Wert auf Qualität. 

Waldorfschulen reagieren besser auf die Umstrukturierung unserer Lebenswelt

Die Umstrukturierung unserer Lebenswelt im Hinblick auf das Digitale hat ja Manfred Spitzer schon zur These der digitalen Demenz herausgefordert, das hei√üt wir werden immer d√ľmmer, weil uns die Digitalisierung wesentliche geistige Arbeit abnehme. Auf der anderen Seite stellen Forscher wie Richard Flynn auch im Jahre 2010 weiterhin einen Anstieg des Intelligenz-quotienten fest. Ich bezweifle, dass eine dank meines Navis entstresste Autobahnfahrt meiner potentiellen Intelligenz schadet, weil ich dabei ja das Kartennavigieren h√§tte lernen k√∂nnen. Ich nutze die gewonnene Zeit f√ľr andere Dinge und komme entspannter am Ziel an. Bei Wikipedia hei√üt es, dass Flynn den Anstieg der Intelligenz daher auch weiter beobachtet:

Flynn stellte dagegen in seinem 2012 erschienenen Buch¬†Are We Getting Smarter?¬†einen weiteren Anstieg der Intelligenz fest. Deutschland verzeichne einen Anstieg von 0,35 Punkten pro Jahr, Brasilien und die T√ľrkei fast doppelt soviel. Ver√§ndert habe sich allerdings die Art der Intelligenz. So verbessere sich vor allem das visuelle und logische Denken der Kinder, der Wortschatz hingegen nur unwesentlich.[16]

In diesem Sinne √§u√üern sich auch Forscher zu den Umst√§nden, der neueren Anfordungen des Arbeitslebens:¬†„wenn Sie wollen, dass Ihre Kinder schlauer sind als ein Smartphone, dann m√ľssen sie ihnen andere Kompetenzen beibringen.“ Das hei√üt, viele gegenw√§rtige Lehrkonzepte setzen auf Leistungen, die auch simpel mit einem Smartphone erledigt werden k√∂nnen.¬†Da Wissen hingegen kreativ und l√∂sungsorientiert auf neue Bereiche zu √ľbertragen sei, schneide die Waldorfschule besser ab, denn dort werde traditionell gr√∂√üerer Wert auf Transferleistungen gelegt

Im Weiteren gibt es im Hinblick auf die Abschlussnoten keine „statistisch bedeutsamen Unterschiede“. Absolventen von Waldorfschulen wollen dar√ľber hinaus √ľberdurchschnittlich h√§ufig selbst den Beruf des Lehrers ergreifen oder Arzt, Ingenieur, Geistes- und Naturwissenschaftler werden. Selbst die Befunde der Pisa-Studie zeigen, dass entgegen landl√§ufiger Meinung Waldorfsch√ľler weit √ľberdurchschnittliche naturwissenschaftliche Kompetenzen aufweisen und daher w√ľrde die Waldorfschule eher f√ľr meine Tochter in Frage kommen.

 Was aber gibt es Neues zu meiner Arbeit und meinen Projekten?

MusikProjekte:

– Ich habe einen Hochzeitsmarschkomponiert und ihn bei einer Trauung in der Kirche aufgef√ľhrt (sowie eine sehr feierliche Version von Paquelbels Canon geschrieben und auch aufgef√ľhrt)¬†Hochzeitsmarsch

Unser Musikteam von der Bellefieldchurch

– Unsere Band ist bei der anschlie√üenden Rezeption leider an einem Stromausfall verzweifelt. Bei der R√ľckkehr des Stroms habe ich die Soli meines Lebens gespielt, nur um zwei Tage sp√§ter zu erfahren, dass ich nur auf meinen Monitoren zu h√∂ren war. Das E-Piano war wetterbedingt verstimmt.

Sozialkontakte:¬†– Ich versuche mich ja jetzt in Partyplanung und lade ein paar ausgew√§hltere Personenkreise zu mir ein. Wir spielen dann Karaoke mit Klavierbegleitung und rezitieren Gedichte. Bei der Weinauswahl (da ich ja keinen Alkohol trinke) bin ich dann wie ein Blinder im Kino (ein besserer Witz f√§llt mir jetzt nicht ein). Mein Mitbewohner meinte jedoch, dass die Auswahl ganz fantastisch w√§re, nur um sie dann vor Schreck auf dem Boden zu zertr√ľmmern.¬†–

Am Freitag war ich au√üerdem vom Co-Founder von¬†Duolingo¬†zur j√§hrlichen Jubil√§umsfeier eingeladen worden. Interessant, die junge Horde der New-Economy in Pittsburgh zu beobachten. Unter das¬†Yucci-Volk (die neuere Bezeichnung f√ľr Young-Urbun-Creative) haben sich auch ein paar Google-Vision√§re gemischt. Philosophie bleibt jedoch W√ľstenstaub f√ľr sie. Ich habe mir die Zeit mit Kaviar und Champagner vertrieben, weil man ja nichts besseres zu tun hat, als sich besonders vorzukommen. Ich bin nat√ľrlich sehr dankbar, dass Severin mich eingeladen hat und ich halte Duolingo f√ľr eines der sinnvollsten Lerntools, die ich kenne. Ihr Unternehmen ist im Moment 450 Millionen-Dollar wert. Sie wollen jedoch in Zukunft den Bildungsmarkt aufmischen.

Bilder von unserer Party

– Kiril und Konstantina w√§lzen uns derweil weiterhin durch verschiedene B√ľcher der Pers√∂nlichkeitsentwicklung. Dieser ganze Markt an Baumarktstrategien f√ľr das eigene Lotterleben im Businesszirkel kann tats√§chlich systematisch bearbeitet werden. Dennoch sind die meisten Angebote meiner Meinung wenig seri√∂s. Wichtiger sind unsere w√∂chentlichen Gespr√§ch, wo wir die konkreten Schritte besprechen.

Philosophie

– Ich habe nun meine Forschungen zum Satz des Widerspruches vorangetrieben. Ergebnis: Der Satz vom Widerspruch gilt f√ľr formale Systeme, die Frage ist aber, wie er aus einer materialen Logik hervorgeht und auf materiale Umst√§nde zur√ľck angewendet werden kann. Zwar erm√∂glicht Logik einen unglaublichen Kosmos an Anwendungsbereichen, zugleich aber ist sie nur ein mageres Skelett von der Wirklichkeit. Gleiches gilt f√ľr den Satz des Widerspruchs und aus diesem Grund ist der Satz des Widerspruchs nur unter gewissen Bedingungen eindeutig anwendbar. Ich werde nun Graham Priest einen Brief schreiben und ihn zur Materialisierung der Logik befragen. Ansonsten lese ich mich nun quer durch die Hegelliteratur und versuche ein paar Publikationen auf den Weg zu bringen.

Zuk√ľnftige Entwicklung

Der Herr wollte mich nicht in den VIP-Bereich lassen

Wir h√∂ren es ja √ľberall: BigData von Google und Facebook versprechen viel, viel, viel, viel Geld? Ich habe mich auf dem Duolingotreffen √ľber die Quantifizierung von Sprachleistungen auch mit ein paar Googlefuntion√§ren unterhalten. Kurz: Es erscheint, Datamining ohne sinnvolle Frage, ist wertloser Datenm√ľll. Mittlerweile geht der Ansatz Big Datamining weg und es kommt auf die konkrete Fragestellung an. Pauschalquantifizierungen haben dabei wenig Erfolg.

Baseball –¬†Ich beginne langsam das Spiel zu verstehen und finde mich h√§ufiger im Stadion wieder.

Beim Chinesischlernen im Baseballstadion

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Norman Schultz, Juni 2015, Pittsburgh

Titel-Bildattribution: By Giorno2 (Own work) [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], via Wikimedia Commons

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Lernen als soziale Eigenschaft des Menschen – Im Gespr√§ch mit Emil Darrenhofer √ľber Lerntaktiken, Lernstrategien, Schule und den ganzen Rest (zweiter Teil)

Emil Darrenhofer: Nach unserem letzten Gespräch, wo wir die Bedeutung des Sozialen im Lernen hervorgehoben haben, wäre es sinnvoll, soziales Lernen am eigenen Beispiel zu beschreiben.

Norman Schultz: Ich habe hier in Pittsburgh gro√ües Gl√ľck.Im Moment habe verschiedene Lernzirkel gefunden. Zum Einen zieht nun Roli Carspecken in mein Haus in Pittsburgh. Dessen Vater ist Professor f√ľr Philosophie in Indiana. Dieses t√§gliche Training, das er √ľber die vielen Jahre erfahren hat, macht sich klar in seiner Arbeitsweise bemerkbar. Die Systematizit√§t mit der wir das Werk von Hegel in kleinen logischen Schritten entschl√ľsseln, bis in kleinste, logische Details zerlegen, habe ich so noch nicht zuvor betrieben. Seine Ausdauer diesbez√ľglich ist bemerkenswert.

Zweitens, habe ich einen Lernzirkel zusammen mit John Harvey, der Griechisch, Latein, Franz√∂sisch und Deutsch nahezu perfekt ins Englische √ľbersetzen kann. Wir gehen hier in die linguistischen Details jeder Sprache und rekonstruieren dann die Argumente. Das macht mir sehr viel Spa√ü, da ich ja Linguistik studiert habe. Dar√ľberhinaus sind seine linguistischen F√§higkeiten √§hnlich gut ausgepr√§gt wie seine mathematischen Kenntnisse innerhalb der analytischen Traditionen. Er unterrichtet an einem College hier Logik. Die Gespr√§che mit ihm motivieren mich auch, auf die Grundlagen der Mathematik zur√ľckzukommen und auch grundlegende Beweise in meine Dissertation einzuarbeiten.

Drittens, habe ich eine Lerngruppe mit Kiril (Dirigent) und Konstantina Stankow (Pianistin) zusammen, wobei wir jeden Abend verschiedene Tabellen ausf√ľllen, die verschiedene Punkte zu unseren Lernfortschritten in verschiedenen Bereichen angehen und wir w√§hlen uns selbst Challenges. Wenn wir die selbstgesteckten Lernziele nicht erreichen, so zahlen wir gemeinsam in eine Kasse ein und gehen dann davon essen. Einmal w√∂chentlich haben wir dann einen gemeinsamen Telefontermin, indem wir Texte zu dieser Pers√∂nlichkeitsentwicklung durchgehen und die Tabellen √ľberarbeiten. Wir quantifizieren und qualifizieren in den Tabellen. Ich fasse diese Ergebnisse der Selbstquantifizierung hier regelm√§√üig an der CMU University beim Quantify Yourself-Meet-up zusammen, wo ich schon viele Menschen getroffen habe, die mir bei der Aufarbeitung der statistischen Informationen behilflich sind.

Viertens, ist es √ľber diese allgemeine Entwicklung hinaus sehr hilfreich mit Menschen in Kontakt zu sein, die konstant lernen m√ľssen. Da m√ľssen bei Kiril und Konstantina immer wieder neue St√ľcke einge√ľbt werden und das motiviert mich auch am Klavier weiter zu gehen. Ich habe hier jetzt auf einem gro√üen Banquet f√ľr einen wohlt√§tigen Zweck gespielt, wo die verschiedenen Million√§re Pittsburghs sich zusammengefunden haben. Ich habe dies jetzt bereits zum dritten mal gemacht. Mein Repertoire ist jetzt ca. 2 Stunden lang und hat hohe technische Qualit√§t. Ich spiele Weihnachten zum Gottesdienst in der Kirche im Stadtzentrum. Die Kontakte, die sich dadurch ergeben sind unsch√§tzbar und treiben mich weiter an. John Dolan lobte mich sehr, der hier Professor f√ľr Robotics an der Carnegie Mellon University ist, aber in der Kirche in Pittsburgh zus√§tzlich die musikalische Leitung hat. Der Kontakt zu ihm, erweitert immer wieder meine Perspektiven in Bezug auf k√ľnstliche Intelligenz. Zudem spiele ich dadurch in einer Band mit nahezu professionellen Musikern und mit zwei anderen Studenten, erarbeiten wir gerade das D-Moll Violintrio von Bach, was wir dann auch zur Auff√ľhrung bringen. Solche Kontakte treiben mich dazu an, auch hier Entwicklungen immer wieder zu hinterfragen und es geht wesentlich besser √ľberhaupt zu lernen.

Es gibt noch weitere, dieser Projekte, zum Beispiel mein im Semester 2-mal w√∂chentliches Training mit Tom Martinek, der nationaler Meister im Schach ist und was mich letztlich auf Expertenniveau im Schach gebracht hat. Ich trainiere weiter neue Er√∂ffnungen mit Tom Dean, der Mathematik studiert und mit mir neben den Schachspielen auch Grundlagen der mathematischen Beweisf√ľhrung immer wieder durchgeht.

Neuerdings beginne ich nun ein Treffen mit Professor Mystick (Juraprofessor hier an der Duquesne University) und weiteren Kollegen, wo wir Theorien zum Strafen durchgehen und versuchen wollen, Artikel zur verqueren Theorie des Bestrafens in Amerika unterzubringen.

Neben allen anderen Kontakten ist aber wohl am wichtigsten, die t√§glich Arbeit mit Studenten, die meine F√§higkeiten innerhalb der Philosophie auf ein sehr stabiles Fundament gestellt hat. Allein, die Tatsache, dass ich dreimal die Woche eine Vorlesung organisiere, hat nicht nur meinen √úberblick √ľber die Philosophie gesch√§rft, sondern auch¬†meine F√§higkeiten in Englisch so extrem gesteigert, dass viele mich bereits fragen, ob ich in den USA aufgewachsen w√§re.

Emil Darenhofer: Dies zeigt, wie Lernen sozial funktioniert und wie sich dies auch auf das Entstehen von Wissen auswirkt. Es zeigt, wie dieses Soziale als Motor aller Entwicklung wirkt und wie wir deswegen Lernen diesbez√ľglich verstehen m√ľssen. Wir sollten dies weiter besprechen.

Norman Schultz: Bisher hatten wir ja √ľber die Rolle des Sozialen noch sehr vage gesprochen. Kommen wir daher erstmal zu einem sozialen Problem, um den Sinn daf√ľr zu sch√§rfen. Im Moment bildet sich ab, dass M√§dchen in den Schulen den Jungen den Rang ablaufen. Inwiefern passt das zur Sozialthese?

Emil Darrenhofer: Das ist richtig ja. M√§dchen sind besser als Jungen in der Schule, sogar in den mathematischen Bereichen. Allerdings ist hier eine Anpassungsreaktion zu vermuten. M√§dchen sind immer noch als Frauen in einem repressiven System und f√ľgen sich eher den institutionellen Erwartungen als Jungen. Das institutionalisierte Lernen der Schule passt zu M√§dchen und der Unterdr√ľckung der Frau. Die Gefahr ist nun aber gro√ü, dass das erworbene Wissen im Alltagsmodus wieder austrocknet, weil M√§dchen nicht dazu ermutigt werden, dieses auch weiter zu verfolgen. Was n√ľtzt es Samen zu streuen, wenn die Bildung keine weitere Umsetzung erf√§hrt?

Norman Schultz: Meinen Sie, dass M√§dchen √ľber die Schule hinaus nicht gef√∂rdert werden?

Emil: Darrenhofer: Ich wei√ü nicht, woran es liegt, aber w√§hrend die Psyche bei M√§dchen im Sozialen auf eher „weibliche“ Themen umgeschmolzen wird, so sind Jungs st√§rker auf die Entwicklung ihrer F√§higkeiten bedacht.

(Anmerkung Norman Schultz: Ich habe in einem Artikel dargelegt, wie sich das weibliche Geschlecht auf Youtube eher den modischen Themen widmet und damit eine Geschlechertrennung im Internet stark manifestiert).

Jungen passen sich nicht der zunehmend mehr verweiblichten Schule an. Dieser R√ľckzug der Jungen von den Anpassungsforderungen der Schule findet eine sozial akzeptierten Kompensation in den technischen Bereichen. Ingenieursrelevante Interessen, Computer oder eher mathematische Hobbies sind spezifischer f√ľr Jungen. In diesem Sinne sehen wir, dass M√§dchen zwar in der Schule erfolgreicher sind, aber gleichzeitig, dass sich Lernen nicht in der Institution ereignet, sondern im sozialen Bereich erst die entscheidende Vertiefung erf√§hrt. Wenn wir M√§dchen nicht ermutigen auch hier Fortschritte zu erzielen, dann wird sich der Erfolg der Schule nicht fortsetzen lassen. In diesem Sinne gehen dann Jungs auch nicht in die hoffnungslos √ľberlaufenen, sozialen und geisteswissenschaftlichen Bereiche.

Norman Schultz: Nun gut, das Thema ist womöglich sehr kontrovers. Es zeigt sich aber, dass die Schule nicht hinreichend ist, um Bildung zu ermöglichen.

Wir hatten beim letzten mal allerdings, ein Video gew√§hlt, das mit Lerntipps hantierte (Link zum Video). Problem war dabei, dass es verschiedene Dinge einfach zusammenr√ľhrte und das Lernen nicht systematisch anging. In diesem Sinne sagen wir auch in der Soziologie: Gr√ľnde sind immer billig. Ein Beispiel: In einem Versuch zeigte man Probanden Bilder von Personen und bat die Probanden, zu entscheiden, welche Person sch√∂ner sei. Danach vertauschten die Versuchsleiter die Bilder ohne die Kenntnis der Probanden und zeigten ihnen das Bilder der nicht-sch√∂nen Person. Die Probanden sollten dann erkl√§ren, warum sie sich f√ľr diese Person entschieden haben und nat√ľrlich gab es genug Gr√ľnde, die ihnen in diesem Moment in den Sinn kamen.

Emil Darrenhofer: Ein Grund warum diese Clickbait-Artikel (Artikel die viele Klicks erzeugen sollen) wie zum Beispiel 7 Gr√ľnde, warum du deinen eigenen Blog gr√ľnden solltest, so ansprechend, aber andererseits auch einfach nur nervig. Ich k√∂nnte 100 Gr√ľnde auflisten, warum wir diese √úberschriften nicht mehr w√§hlen sollten.

Norman Schultz: Zur√ľck zum Thema: Wir wollen wissen, warum nun dieses Vorschlagsvideo so gut wie sinnlos ist. Die Frage des Systems hatten wir schon abgearbeitet.¬†K√∂nnen wir nun vor dem Hintergrund der ausgef√ľhrten Sozialhypothese beantworten, warum derlei Lerntipps wie oben den Zugang zum Arbeiten verbauen?

Emil Darrenhofer: Der Markt ist √ľberf√ľllt mit Techniken, die Sie, wenn Sie diese denn beherrschen wollen, alle samt erst einmal im Alltag integrieren m√ľssen. Das geschieht aber nur, wenn Sie viel Energie investieren. Statt also dann sinnvoll zu arbeiten, nehmen ihnen die meisten vorgeschlagenen Techniken wertvolle Zeit. Nehmen wir an, sie schauen dieses Video, was aber dann?¬†Haben sie nicht irgendwie schon alles vorher gewusst? Ich vermute es sind sogar wesentliche M√§ngel in diesen Videos vorhanden, ich glaube zum Beispiel dass die Karteikartentechnik (der erste Tipp, sich Lernstoff auf Karteikarten zu schreiben) bedingt sinnvoll ist, vielleicht h√∂chstens zur Strukturierung von Lerninhalten, aber Studien zeigen klar, dass wir eher durch intelligente Fragen, den Stoff lernen. Mit Karteikarten lernt man zum Beispiel auch keine Sprache. Zweitens, Mindmapping ist eine stark limitierte Technik, die viele Kausalverbindung nicht zul√§sst. Mindmapping ist ein sehr amerikanisches Modell, das deutschen Anspr√ľchen einer systematischen Verkn√ľpfung von Lerninhalten nicht gen√ľgen kann. Ich schlage daher eher das Text-Bild-Verfahren der Michelmanns vor, das sie zur Ausbildung von Lesekompetenz anbieten.

Aber auch hier kommt es darauf an, diese Dinge sozial zu erwerben. √úbrigens einer der Gr√ľnde, warum sie ihr echtes Schnelllesen (zu unterscheiden von dem ganzen anderen Quatsch, der am Markt ist) nur in sehr aufwendigen Einzelsitzungen anbieten k√∂nnen.

Den dritten Vorschlag, mit alten Pr√ľfungen zu lernen halte ich f√ľr sehr sinnvoll, weil es die Lerninhalte in kausalen Zusammenh√§ngen darstellt. Hier aber fehlt es dann an der Kontrolle, ob Lerninhalte nicht nur abgearbeitet werden und an der richtigen Implementierung im Alltag. Der n√§chste Tipp war daher Zeitmanagement, wobei nat√ľrlich vielen klar ist, dass sie ihre Zeit managen sollten und sich das vornehmen, so wie sie sich am Neujahrstag eben auch Sport vornehmen. Wie aber halten wir Sport durch?

F√ľnftens, der Wert der Lerngruppen deutet dabei in die richtige Richtung, aber auch hier ist unklar, wof√ľr die Lerngruppe da sein soll und wie wir diese produktiv gestalten. Alles in allem sind dies Lebensratschl√§ge, die keine relevante Ver√§nderung beim Einzelnen bewirken werden und in diesem Sinne, k√∂nnen sich die Zuschauer das Ganze sparen.

Norman Schultz: Ich m√∂chte das gerne auch am Beispiel des Schach verdeutlichen, da ich ja hier in Pittsburgh, wie oben erw√§hnt, als Experte mit meiner gegenw√§rtigen Schachwertzahl gelte. Ich habe gerade das Buch von Kotov: „Play Like a Grandmaster“ gelesen.

Dieses vermittelt viele Stellungsbewertungen aber wie zum Beispiel auch der Gro√ümeister Victor Smirnov verdeutlicht: Stellungsbewertungen k√∂nnen analytisch zusammengetragen werden, aber sie geben nicht die L√∂sung. Die wichtige Intuition f√ľr die L√∂sung wird dabei nicht magisch mitgeliefert. Ich kann zum Beispiel eine Stellung analysieren und erkennen, dass die T√ľrme sich auf der offenen Linie befinden. Die Stellung wird nach einer Einsch√§tzung f√ľr Wei√ü als klar besser evaluiert und dennoch kann ich den Vorteil, der sich aus der Analyse ergibt einfach nicht umsetzen (ich beziehe mich hier auf die Partie zwischen Botvinik und Sorokin um die USSR Meisterschaft aus dem Jahre 1931). Statt also hier analytischen Merkmalen zu folgen, muss ich gegen die oberfl√§chlichen Schachanalysen versto√üen und meine Bauernstruktur zerst√∂ren, nur um die relevanten Felder zu erobern. W√§hrend der gesamten Partie h√§lt sich Botvinik an kleinen strategischen Vorteilen fest, was sich erst im Endspiel in einen immer gr√∂√üeren und handfesten Vorteil manifestiert. In diesem Sinne ist keine Schachregel zu nutzen, sondern die konkrete Einbettung in bestimmte Umst√§nde. Genauso verh√§lt es sich beim Lernen. Lernen ist kein Prozess, der sich auf einen Algorithmus reduzieren l√§sst, sondern muss in einem sozialen Prozess gut bestimmt werden. Wer glaubt, dass er Lernen wie Chinesen durch das Einh√§mmern vom Einmal-Eins beendet oder dadurch, dass er vor allem in der Schule ein gutes Zeugnis mit nach Hause bringt, weil er Algorithmen beherrscht, der ist auf dem Holzweg.

Lassen Sie es mich aus einer anderen Perspektive sagen:¬†Lernen ist eine Gattungseigenschaft des Menschen. Subtrahieren wir das Lernen vom Wesen des Menschen, so haben wir es nicht mehr mit einem menschlichen Wesen zu tun. Lernen geh√∂rt zum Menschen und da der Mensch auch ein soziales Wesen ist, ¬†muss Lernen sozial verstanden werden (Der Schluss funktioniert, da Definitionen nicht kreativ sein d√ľrfen. Das hei√üt, das Soziale ist im gewissen Sinne Lernen und schlie√üt sich an Wittgensteins √úberlegung an, dass niemand allein, vern√ľnftig sein kann).

Emil Darrendorf: Ich vermute, und vielleicht handelt es sich hierbei nur um eine oberfl√§chliche Vermutung, dass dieses soziale Lernen in L√§ndern wie China nicht gut funktioniert. In dem Moment, wo ich den Leistungsdruck auf Sch√ľler so umlege, dass der soziale Zusammenhalt leidet und ich Schule nicht auch als etwas begreife, dass Klassenverb√§nde schafft, so verleugne ich einen wesentlichen Teil des Lernens. Ich m√∂chte sagen, dass eine produktive Freizeitgestaltung im Rahmen der Schule unerl√§sslich ist. Schulen sollen auch Orte der Freizeit sein, wobei Schule hier die Charakteristik der monstr√∂sen Institutionalisierung verliert. Schule ist kein anonymes, kafkaeskes Schloss, sondern muss ein lebendiger Organismus sein. Deswegen sollten wir den Wert von zum Beispiel Klassenfahrten oder Nachmittagsaktivit√§ten nicht untersch√§tzen.

Norman Schultz: Da stimme ich zu. Es ist genau das, was ich meinen Studenten am Ende des Semesters sagte. Es kommt nicht darauf an, ob sie hier in meinem Kurs ein A bekommen, sondern auf die Aktivit√§ten, die sie innerhalb der Universit√§t ausf√ľllen. Wir werden sicher noch sp√§ter auf die Grenzen der Institution zur√ľckkommen. Aber vielleicht belassen wir es dabei f√ľr heute.

Dies war der zweite Teil unseres Gespr√§chs und es folgen Weitere. Wenn ihr diese nicht verpassen wollt und mir weiter folgen wollt, dann added mich doch bitte bei¬†Google+.¬†oder¬†tretet der¬†Facebookgruppe¬†oben rechts bei. Wenn ihr wirklich keine Beitr√§ge verpassen wollt, dann solltet ihr in den¬†E-mail-Verteiler (bei Facebook kommt ja nicht mehr alles an). ¬†Ein¬†RSS-Feed¬†f√ľr die progressiven Internetnutzer ist nat√ľrlich auch vorhanden. Ansonsten k√∂nnt ihr mich gerne anschreiben oder einen konstruktiven (!) Kommentar hinterlassen. Ansonsten w√§re weiterempfehlen ganz nett.

Norman Schultz, Juni 2015, Pittsburgh

Artikelbildattribution: © Nevit Dilmen [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0) or GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html)], via Wikimedia Commons

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Lernen und die Systematizit√§t im Sozialen – Im Gespr√§ch mit Emil Darrenhofer √ľber Lerntaktiken, Lernstrategien, Schule und den ganzen Rest


Emil Darrenhofer ist Bildungsforscher. Sein Schwerpunkt liegt auf Lerntechniken und Lernmethoden. Im Rahmen meiner Dissertation arbeite ich an der Frage, wie Wissen nur im Hinblick auf Systematizität zu verstehen ist. Aus unserer Korrespondenz und unseren Gesprächen zum Lernen haben wir ein Gespräch zusammengestellt, das wesentliche Fragen zur Lernforschung angehen soll, und auch Stellung zur gegenwärtigen Bildungskritik bezieht. Im Vordergrund steht die Frage, wie wir beim Studieren richtig lernen. Das Gespräch hat mehrere Teile, wobei wir hier den ersten veröffentlichen.
Norman Schultz: Herr Darrenhofer, was können sie hinsichtlich der Arbeitstechniken beim Studieren empfehlen?
Emil Darrenhofer: Lassen Sie es mich punktuell und radikal formulieren: Der Markt der Lerntechniken ist weit, un√ľbersichtlich, und das Schlimmste, verseucht. Ich bin mir nicht sicher, ob Sie dort die richtigen Produkte finden k√∂nnen, aber Marketing macht mit Sicherheit den gr√∂√üten Teil dessen aus, was sie finden werden. Die meisten Marketer verschie√üen leere Worth√ľlsen und bieten ungetestete Versprechen an. Wenn sie Gl√ľck haben, finden sie unter den vielen Lerntipps keine, die ihnen den Zugang zum Arbeiten verbauen.
Norman Schultz: Haben Sie Beispiele?
Emil Darrenhofer: Die sollten wir detailliert besprechen. Meine Hauptpunkte sind hier die Versprechen der Speed-Reader-Community, der Glaube an Ged√§chtnistricks und das, was Sie eben in Form von Ratgebern √ľberall finden. Wir sollten diese exemplarisch abarbeiten, aber lassen Sie mich zuvor ein paar Dinge erw√§hnen: Die Meisten Menschen glauben immer noch an Wunder. Irgendwo wird es demnach schon so einen N√ľrnberger Trichter geben, der uns das Geheimnis der perfekten Pers√∂nlichkeit erschlie√üt, innere Tore aufst√∂√üt und uns einfach mal Genie sein l√§sst. Ich im Gegensatz glaube, unser Gehirn ist stabil. Pers√∂nlichkeitsver√§nderungen, wozu ich Lernen hinzuz√§hle, finden nicht √ľber Nacht statt, sondern bed√ľrfen Jahre. Um wirklich zu lernen, muss sich unser Gehirn grundlegend ver√§ndern und das passiert nicht durch irgendwelche Kniffe aus der Trickkiste.
Norman Schultz: Zu dieser Persönlichkeitsentwicklung sagt der Neuroforscher Gerhard Roth daher auch Folgendes:
„In der menschlichen Entwicklung gibt es alles, nur eines nicht: Dass ich mir vornehme, mich zu bessern, und von Stund an ein besserer Mensch bin. Wenn ich mich wirklich bleibend √§ndern will, m√ľssen vor allem die tieferen Schichten ver√§ndert werden.“ (Quelle: Artikel zur Pers√∂nlichkeitsver√§nderung)
Lernen ist nicht etwas, das von heute auf morgen geschieht. Ich nehme nicht eine Woche Klavierstunden und bin Pianist. Deswegen lassen sie uns zu den Beispielen kommen. Warum kommen wir mit Lernratgebern nicht voran?
Emil Darrenhofer: Ach, ich habe gerade eine Episode vom Tim-Ferriss-Experiment gesehen, in der sich der Held der Episode vornimmt, innerhalb von f√ľnf Tagen eine fremde Sprache, n√§mlich Taglog, zu lernen.¬†

Blickt man hinter den aufw√§ndigen Schnitt der Episode, so erkennt man, dass ihm das nicht wirklich gelungen ist. Ein paar Tricks angewandt auf ein paar Tage reichen nicht aus, um ein nat√ľrlich gewachsenes Kommunikationsmittel auf ein Gehirn zu pressen. Sprachenlernen funktioniert nicht dar√ľber, mit ein paar Tricks Wortgruppen auswendig zu lernen und sie irgendwo durch kreative Bildchen zu verankern. Eine Sprache ist eine eigene Welt und muss als eigene Welt gelebt werden. Ich glaube sein Vorhaben ist so √§hnlich absurd, wie Deutschland in f√ľnf Tagen zu erkunden und es dann zu kennen. Nein, da helfen uns Ged√§chtnistricks auch nichts. Es kommt auf eine langfristige Strategie an und vor allem auf Zeit.

Zweitens, ebenso suspekt sind mir eben diese Ged√§chtnistricks. Nat√ľrlich k√∂nnen wir uns Dinge mit verschiedenen Routentricks gut merken. Unser Gehirn speichert Umgebungen in einer Art neuronalen Kopie, daher k√∂nnen wir vermittels von Routen wirklich sehr gut, Fakten einpr√§gen. Aber hier liegt der Fehler: Was hat denn das zuf√§llige Ablegen von Fakten auf einer Route mit dem Erlernen einer komplexen F√§higkeit zu tun? Wer zum Beispiel Medizin studiert, will Knochen nicht irgendwo in einem imaginieren Palast ablegen. Das hilft vielleicht dabei Pr√ľfer auszutricksen. Aber beim wirklichen Lernen will er will aus komplexen Symptomen Schl√ľsse ziehen k√∂nnen. Das aber hei√üt Intuitionen erwerben und das passiert nicht beim Memorieren von einzelnen Daten, sondern bei der Auseinandersetzung mit den Daten im Detail. Die Daten m√ľssen bei einer komplexen F√§higkeit direkt vorliegen, wie in einem Random-Acess-Memory. Dieses Memorieren aber muss anders erfolgen. Es geht vor allem darum den Lernstoff zu Leben und nicht Zirkustricks zu erwerben. Das zu Erlernende muss gelebt werden, zugleich auch immer wieder analytisch untersucht werden. Sich eine Zahl wie Pi auf viele Stellen hinter dem Komma merken zu k√∂nnen, ruft vielleicht Erstaunen (Mein Artikel zum Ged√§chtnispalast) hervor, mehr aber auch nicht. Ich glaube allerdings wir brauchen heute derlei Ged√§chtnispal√§ste nicht mehr, denn es ist doch so, dass Erlerntes eher eine zweite Natur sein soll, als dass man irgendwo in der Erinnerungskiste kramt und in irgenwelchen Ged√§chtnispal√§sten endlos spaziert. Wer zum Beispiel ein Gespr√§ch f√ľhrt, der erinnert sich nicht an Worte, sondern die Worte sind Teil der Aktivit√§t.

Drittens: Abgesehen von diesen Spielereien gibt es Angebote, die nicht nur Zeit nehmen, sondern tats√§chlich auch schaden. Hierzu z√§hle ich die Speedreader. Dort verspricht man schnelleres Lesen durch die Reduktion von Subvokalisation und Vermeidung von Regression zu erzielen. Ich hingegen glaube (und dabei bin ich nicht allein, denn die Michelmanns, f√ľhrende Experten in diesem Bereich, vertreten dieselbe Auffassung), dass diese Angebote unsere Lesef√§higkeit besch√§digen.


Norman Schultz: Zu dem Problem mit dem Schnellleseaneboten kommen wir in einem sp√§teren Teil noch.¬†Im Folgenden haben wir uns erlaubt ein beliebiges Beispiel zu erw√§hnen, um die Oberfl√§chlichkeit der angebotenen Versprechen zu demonstrieren. Hierbei handelt es sich um kein direkt kommerzielles Produkt. Bei folgendem Video, das es bei Google immerhin nach ganz oben in der Trefferliste schafft, l√§sst sich sehr gut erkennen, wie im Grunde die meisten Internetvideos nur ein paar Ratschl√§ge zusammenklam√ľsern, aber keine Diskussion entfalten, keine Systematik entwickeln und somit keinen wirklichen Nutzen haben und auch nicht als Wissen zu bezeichnen sind.
Warum jedoch ist das ausgew√§hlte Video so hoch im Google-Index? Es werden bestimmte Keywords so hergestellt, Backlinks so generiert, dass nach und nach Google den Inhalt als relevant bestimmt. Mit tats√§chlicher Qualit√§t hat das nicht viel zu tun. Und hier sei auch in einem Seitenhieb bemerkt, die gesamten TED-Konferenzen, die vielleicht von der Qualit√§t her besser sein m√∂gen als dieses Video dort, sie sind nicht mehr als Sesamstra√üe f√ľr Erwachsene. Warum Infotainment wenig mit Bildung zu tun hat, besprechen wir ebenfalls in sp√§teren Abschnitten, aber es sollte klar sein, dass so wie Kinder das Alphabet nicht mit der Sesamstra√üe lernen, wir eben auch nicht viel lernen, wenn wir noch so viele Videos √ľber Mathematik oder Physik konsumieren. Gleiches gilt f√ľr diese Lernvideos auf Youtube: Ohne Systematizit√§t bleiben sie wirkungslos.
Und noch eines sei hinzugef√ľgt: Viele glauben ja daran, dass die Bildungsrevolution gerade mit diesen Videos stattfinden w√ľrde. Diese Revolution wurde allerdings schon fr√ľher mit dem Radio und Fernsehen angek√ľndigt. Gekommen ist sie jedoch nicht. Wir sitzen immer noch in Klassenzimmern und versuchen komplexe F√§higkeiten in diesen merkw√ľrdigen Verb√§nden zu erwerben. Vielleicht hat es ja doch irgendwo einen Sinn? Auch dies werden wir am Ende unserer Gespr√§che weiter herauskristallisieren.
Im Gegensatz ist der Bildungsporno so etwas wie 3sat und Arte zu schauen. Wie aber Meulemann schon 2000 feststellte, ist der Konsum dieser Sender bei Gebildeten und Ungebildeten anteilig gleich niedrig. Man k√∂nnte auch sagen, Gebildete schauen nicht mehr Arte oder 3Sat, sondern im Schnitt den Gleichen Unterhaltungsmist und auch die „Dummen“ bleiben entgegen der Vermutung so einiger Bildungsb√ľrger oft auf 3 Satz oder Arte h√§ngen. Diese Gleichverteilung liegt schlicht daran, dass das Medium „Fernsehen“ ungeeignet ist, um zu lernen. Bildung und Lernen passiert in anderen Medien, die wesentlich subtiler sind und so zeigt Meulemann auch, dass Gebildete nicht etwa Fernsehen schauen, sondern zur politischen Meinungsbildung auf andere Medien wie Zeitung oder B√ľcher zur√ľckgreifen (siehe Artikel dazu hier). In anderen Worten, wirkliche Bildung finden nicht mit passiven Medien statt. Der Konsum ist nie das richtige Mittel, sondern produziert nur ein paar vage Meinungen. Mit Bildung meinen Herr Darrenhofer und Ich daher vor allem eine aktive Variante und dieses wollen wir im Hinblick auf soziales Lernen ausbuchstabieren.Quelle:¬†Meulemann, Heiner. Medienkonkurrenz ‚Äď Wandel und Konstanz der Nutzung der tagesaktuellen Medien in Deutschland 1964-2000 In: Aretz, Hans-J√ľrgen / Lahusen, Christian. Die Ordnung der Gesellschaft ‚Äď Festschrift zum 60. Geburtstag von Richard M√ľnch 2005
Bevor wir aber alles vorweg nehmen, hier zunächst ein Video, an dem sich die Nutzlosigkeit von Lernratgebern sehr gut demonstrieren lässt:
 

Zusammengefasst:

  • Lern-Inhalte auf Karteikarten! Solltest du auf jeden Fall immer und √ľberall einsetzen! Warum? Hm…
  • Male die ein paar bunte Mindmaps! Mindmaps sind n√§mlich √ľberzeugend!
  • Lerne mit alten Pr√ľfungen. Vielleicht nicht falsch, aber was nun?
  • Mach doch mal ein bisschen Zeitmanagement. Zeitmanagement ist schlie√ülich f√ľr alle gut.
  • Zu guter letzt, mach doch eine Lerngruppe auf.¬†

Emil Darrenhofer:¬†Sicher sind die Lerntipps nicht falsch. Ich glaube nicht, dass sie uns schaden, aber es mangelt an wesentlicher Begr√ľndung, warum es bei der Dame offenbar funktioniert und bei anderen nicht. So wie sich viele Menschen Sport vornehmen, so nehmen sich viele etwa auch Zeitmanagement vor.

Norman Schultz: Ich stimme zu: Viele schreiben Karteikarten und doch versagen sie, so wie ich in der Schule. Im Vergleich heißt es jedoch bei Wikipedia schon prägnant:

Wie die Lehrmethoden und die Didaktik sollten die gewählten Lernmethoden auf den Erkenntnissen der Lernpsychologie bzw. der Pädagogischen Psychologie aufbauen, um möglichst erfolgreich zu sein.[1] Dies bedeutet, dass effektives Lernen eines längerfristigen systematischen Aufbaus bedarf.
Emil Darrenhofer: Ja, das ist richtig. Diese Beurteilung kann allerdings zumeist von den Könnern nicht hergestellt werden. Sie geben ein paar Tipps aus der Trickkiste, die bei Ihnen auch häufig zur Anwendung kommen, aber das heißt nicht, dass sie bei anderen wirken oder eben das Wesentliche am Lernen sind.
Norman Schultz: In meiner Doktorarbeit versuche ich zu zeigen, dass der wesentliche Punkt der Wissensgenerierung nicht in dem beliebigen Zusammentragen von Punkten und Informationen besteht, auch nat√ľrlich nicht im Erlernen von einzelnen Daten, sondern im systematischen Aufbau. Eine systematische Struktur ergibt sich jedoch nicht einfach aus bereits bekannten Algorithmen (zu Algorithmen z√§hle ich Karteikartentechniken oder andere erworbene Lernkompetenzen, die wir h√§ufig anwenden. Unter ganz besonderen Umst√§nden k√∂nnen diese Algorithmen nat√ľrlich hilfreich sein. Das Problem ist aber, dass sie nicht immer funktionieren). Der systematische Aufbau des Lernens muss sich im Gegensatz nicht an Algorithmen orientieren, sondern mit einer Strategie erfolgen. Das hei√üt, die meisten Lernprobleme sind nicht mit konkreten Lerntechniken zu bew√§ltigen, so wie beispielsweise, wenn du A willst, dann musst du genau B tun. Es sind keine hypothetischen Imperative der praktischen Klugheit, wie Kant es sehen w√ľrde und wof√ľr wir h√§ufig das nichtssagende Beispiel bem√ľhen: Wenn du Klavier spielen lernen willst, dann musst du √úben.

Ich m√∂chte den praktischen Imperativ anders formulieren! Es gibt bei einer systematischen Struktur nicht die Allgemeine Anweisung, die √ľberall funktioniert. Stattdessen ist eher so zu denken, wenn du A willst, dann musst du tun, was aus den gegebenen Umst√§nden am Ehesten zu A f√ľhrt. Diese Umwandlung bezeichnet ein eher strategisches Vorgehen, was sich nicht aus Plausibilit√§tsschl√ľssen ergibt (die deduktiv sind), sondern induktiv verf√§hrt. Es gibt keine eindeutigen Resultate, sondern ist konfus

Faces-nevit

Der Schatten des Sozialen - By Nevit Dilmen (Inkscape), via Wikimedia Commons

Statistik kann hier sehr gut helfen, das hei√üt ich versuche mich irgendwie an Daten meines Lernens zu orientieren und dann im Hinblick auf diese Daten Ableitungen zu erzielen. Die Frage ist daher wie Lernerfolge generiert werden, und dabei hei√üt es auf oben genannte Tipps erstmal zu verzichten, bevor man sich darauf versteift. Strategisches Lernen wird dann zu einer Frage des Sozialen…
Emil Darrenhofer: Ich stimme zu. Wir d√ľrfen eben nicht denken, dass es eine pr√§zise Anweisung gibt, die es genau zu befolgen gilt. Wir verlangen zum Beispiel h√§ufig von der Medizin, dass sie genau und pr√§zise heilt, aber das, was Mediziner tun, entspricht eher einem strategischem Vorgehen, wobei der Erfolg niemals genau gesichert ist. Ihre Ausf√ľhrungen zum System sind nat√ľrlich sehr kurz, aber ich m√∂chte wesentlich auch den letzten Punkt betonen, n√§mlich dass Lernprozesse vor allem sozial gestaltet sein m√ľssen. Sie m√ľssen sozial sein, weil sie nicht taktisch angegangen sein wollen, das hei√üt aus der Perspektive des Einzelnen mit seinem endlichen Wissen. Es geht n√§mlich nicht um die isolierten Techniken, wie zum Beispiel mit Karteikarten zu arbeiten, zu unterstreichen oder um angebliche Lerntypen (warum die Theorie von den Lerntypen Unfug ist, habe ich bereits hier dargelegt). Im Gegensatz geht es um langfristige Planung, die tats√§chlich im sozialen Rahmen stattfindet. Strategien entwickeln Menschen, die zusammen verschiedene Ans√§tze finden, weil die schiere Anzahl an taktischen Varianten zu gro√ü ist.
Aus diesem Grund muss Schule auch versagen, insofern das Erlernte sozial nicht weiter umgesetzt werden kann. Zwar strukturiert die Schule Lernprozesse abstrakt systematisch, √ľberl√§sst aber zumeist die soziale Arbeit den Sch√ľlern selbst, wobei dann einige nat√ľrlich im famili√§ren Umfeld nicht die n√∂tige Unterst√ľtzung finden, die aber zum wirklichen Erlernen der Inhalte notwendig ist. Einige haben Gl√ľck und finden in interessierten Freundeskreisen Vertiefung des Lernstoffs, andere versumpfen in Diskussionen √ľber Pop-Kultur. Ein Gestus unsere Aufmerksamkeitsverteilung: Stars bestechen durch √§hnliche Ungelerntheit, weil Jugendliche nicht nur Lehrer suchen, sondern zun√§chst Best√§tigung. Die Starkultur ist eine Best√§tigung unserer Tr√§gheit, ein Kosmos der Durchschnittlichkeit in jeglicher Hinsicht. Das Soziale aber kann auch potentierend wirken: Wir profitieren hier von den Erfahrungen anderer, wenn wir nicht alle taktischen Varianten durchspielen m√ľssen. Deswegen erfindet niemand die gesamte Mathematik aus einem urspr√ľnglichen Genius heraus, deshalb steht Entwicklung immer in der Geschichte. Geschichte ist das treibende Moment unserer Bildung, und Geschichte ist der soziale Horizont unserer Gegenwart.
Norman Schultz: Vielleicht können wir es erstmal bis hierher auf den Punkt bringen: Worauf kommt es im Lernen an?
Emil Darrenhofer: Um Einiges vorweg zu nehmen: Am besten w√§re nat√ľrlich eine Art Personal Trainer wie im Sport. In bestimmten Mannschaftssportarten holen sie dich einfach ab und du wirst auf einem gemeinsamen Weg zur Elite geformt. Die Hollywoodstars engagieren sich K√∂rpermacher. Es ist nat√ľrlich finanziell schwierig, derart zu arbeiten. Es ist aber wichtig, dass wir in diesem Sinne Schulen nicht nur als Institutionen verstehen, die uns lehren, sondern die auch das richtige soziale Umfeld schaffen und dies untersch√§tzen die Meisten. Ich denke wir m√ľssen darauf nochmals sp√§ter separat eingehen. Es ist aber auch ein zweiter Punkt zu beachten: Lernen geschieht vorrangig im Sozialen, weil Wissen etwas Soziales ist. Um das aber zu verstehen, sollten wir vielleicht doch noch ein paar Dinge zur Frage der Systematizit√§t er√∂rtern. Zur systematischen Ausbildung im Fu√üball haben Sie ja zum Beispiel einige Ankn√ľpfungspunkte gemacht.
Norman Schultz: Das ist richtig, bevor wir aber zur Diskussion der Fußballausbildung vielleicht, möchte ich erst von der wissenstheoretischen Perspektive her andeuten, warum Systematizität, Wissen und Soziales zusammenhängen.
Emil Darrenhofer: Ja das wäre wohl sinnvoll.
Norman Schultz: Bei der Philosophie geht es um die Hauptfrage, was eigentlich Wahrheit ist oder besser: Was macht verschiedene S√§tze eigentlich wahr? Dabei wurden verschiedene L√∂sungen innerhalb der Geschichte vorgeschlagen, die alle samt zu einem Problem f√ľhrten, n√§mlich der komplizierteren Metafrage: Was macht eigentlich die vorgeschlagenen L√∂sungen zur Wahrheit wahr? Russel musste schmerzlich erfahren, dass das Meta-Problem zumindest nicht mathematisch l√∂sbar ist. Dennoch haben wir Fortschritte erzielt: Wir gehen so zum Beispiel schon lange nicht mehr davon aus, dass da drau√üen so etwas wie plumpe Materie herumwabert, die wir schlicht in Beschreibungss√§tzen ausweisen. Stattdessen hat sich die Philosophie die Aufgabe in einem System zurecht gelegt, was dann eigentlich einen Holismus beschreibt oder besser gesagt und wor√ľber der Hom√∂opath wom√∂glich vor Freude strahlen wird: Es geht um die Frage nach dem Ganzen, Ganzheitlichkeit. Die Frage nach dem da drau√üen, ist nicht unabh√§ngig von dem Fragenden und seinem Gefragten zu beschreiben. Erst hieraus ergibt sich das Befragte. Die Philosophie ist nicht die Wissenschaft von einem einzelnen Ding, sondern tats√§chlich vom Ganzen, nicht von der Beschreibung des Dings dort dr√ľben, sondern von seiner Einflechtung in das Gesamte des Kosmos. F√ľr mich war es so zum Beispiel immer faszinierend, dass wenn ich hier auf der Erde einen Stuhl um einen Zentimeter verr√ľcke, sich diese Ortsver√§nderung noch relativ auf Lichtjahre entfernte Galaxien auswirkt. Ich m√∂chte sagen, dass schneller als mit der Geschwindigkeit des Lichts, das gesamte Universum bis in den letzten Winkel eine andere Relation ausweist, nur weil ich hier einen Stuhl woanders hinstelle. Dieses vielleicht simultane Ganze, das schneller als Licht zusammenh√§ngt, kann meines Erachtens nicht mit deskriptiven Begriffen erfasst werden, sondern muss theoretisch verschieden vorausgesetzt werden, um Fortschritte in der Beschreibung dieses Stuhls zu erzielen. Die Beziehung von Einzeldaten zu einem gr√∂√üeren Ganzen ohne dieses gr√∂√üere Ganze starr festzulegen, nenne ich Systematizit√§t und ich m√∂chte sagen, dass dies auch strategisches Wissen beschreibt, weil wir das Ganze niemals als solches Erkennen, es aber voraussetzen um L√∂sungen zu erreichen.
Emil Darrenhofer: Und was hat das mit Lernen zu tun?
Lightmatter chimp thinker

Von der Taktik zur Strategie: By By Aaron Logan (from http://www.lightmatter.net/gallery/albums.php) CC BY 1.0 (http://creativecommons.org/licenses/by/1.0), via Wikimedia Commons

Norman Schultz: Nun, wenn ich zum Beispiel Schach lerne, so wei√ü ich nicht, was der beste Zug ist, aber ich kann lernen, wie ich im Hinblick auf ein Ziel gute Z√ľge finde. ¬†Ist zum Beispiel mein Ziel eine Figur zu gewinnen, so kann ich nach taktischen Varianten suchen und werde sehr konkrete Gr√ľnde finden. Das ist sehr einfach und viele machen ja Taktikaufgaben bis zum Umfallen. Ist aber mein Ziel in der Ausgangssituation irgendwann den K√∂nig matt zu setzen, dann gibt es schlicht zu viele M√∂glichkeiten, um diese Aufgabe taktisch zu bearbeiten. Ich muss dann strategisch vorgehen und die Z√ľge machen, die unter den gegeben Umst√§nden das angestrebte Ziel wahrscheinlicher machen. Hier gibt es kein abschlie√übares System. Schach hat nach gegenw√§rtigen Sch√§tzungen 10 hoch 50 Varianten. Zuviel um dies mit Computern endg√ľltig auszurechnen, auch nicht in den n√§chsten Jahrzehnten, auch nicht bei einer enormen und √ľberoptimistischen Steigerung der Rechenleistung. Bei superkomplexen Problemen gibt es aufgrund unserer Rechenbeschr√§nkung keine eindeutigen L√∂sungen, sondern wir brauchen die richtige Strategie. Strategien aber zu entwickeln ist eine Frage der Wahl des Systems und die Wahl des Systems eine Frage des gegenw√§rtigen Sozialen Umfelds.
Emil Darrenhofer: Warum aber des sozialen Umfelds?
Norman Schultz: Bleiben wir beim Schach. Wenn ich mit dem K√∂nigsbauern er√∂ffne hat der Gegner eine Vielzahl von Reaktionsm√∂glichkeiten. Je nach Reaktion muss ich mein System ver√§ndern, denn die Stellungen ver√§ndern sich schnell in ihrer Charakteristik. Nun ist es so, dass sich Schach immer noch historisch entwickelt. Bestimmte Systeme galten vor Zehn Jahren als unknackbar, wie zum Beispiel die Berliner Mauer, eine Variante mit der Kramnik seinen Weltmeistertitel gegen Kasparov erringen konnte. K√ľrzlich aber zeichnet sich ab, dass Gro√ümeister mit der Berliner Mauer beginnen, zu verlieren.
Emil Darrenhofer: Warum ist das der Fall?
Norman Schultz: Das „Warum“ ist hier schwer zu ergr√ľnden, weil wir die Varianten nicht letztg√ľltig bestimmen k√∂nnen. Ich vermute, dass Gro√ümeister nun einen anderen strategischen Plan verfolgen, der Schw√§chen dieser Verteidigung offenbart. Die Frage also, ob eine Schachvariante richtig oder falsch ist, h√§ngt vom sozialen Umfeld ab. Dies vor allem, weil die genauen Berechnungen aller taktischen Varianten zu gro√ü sind. Ob letztlich die Berliner Mauer Teil einer idealen Schachpartie ist, das hei√üt einer Schachpartie, wo wir immer nur die besten Z√ľge machen, dass l√§sst sich nicht einmal mit Computern ergr√ľnden. Gehen wir nun vom doch recht begrenzten Schachfeld weg und schauen in die Realit√§t, so m√ľssen wir sagen, dass wom√∂glich strategisches Verhalten f√ľr unsere Welt noch wichtiger ist als auf dem Schachfeld.¬†Wir m√ľssen eher flexibel auf neue Anforderungen reagieren und brauchen nicht nur ein System oder noch schlimmer eine Ansammlung von Taktiken, sondern Systematizit√§t. So wie ich im Schach auf neue Stellungen mit verschiedenen, analytischen Mitteln kreativ reagieren muss, eine neue Methode entwickeln muss, so gilt dies eben auch f√ľr das Lernen. Das hei√üt nun nicht, dass wir uns von allen Prinzipien verabschieden. Auf Prinzipien basiert unser Wissen, aber wir erlangen kein System, sondern wir verhalten uns nur noch systematisch, indem wir wieder neue Strategien aufbauen und unter anderen Umst√§nden alte Prinzipien sein lassen und neue auf Grundlage der √úberwindung der Alten entwickeln.

Emil Darrenhofer: Deswegen ist beispielsweise auch die Karteikartentechnik nicht unbedingt falsch. Wichtig aber ist, schnell die Grenzen zu erkennen und sein eigenes Lernsystem weiter zu entwickeln. Mit der Abh√§ngigkeit von der Umfeldentwicklung sehe ich hier nat√ľrlich eine Parallele zum Fu√üball, wenn ich hier √ľberleiten darf.

Norman Schultz: Nat√ľrlich sehen wir am Fu√üball √§hnliche Momente. W√§hrend bestimmte Spieleigenschaften vor 10 Jahren noch als das h√∂chste spielerische K√∂nnen galten, so werden sie heute nur noch selten eingesetzt. Damit besch√§ftige ich mich allerdings weniger. Auch der Einsatz der Statistik wird ja bereits vielfach diskutiert. In D√§nemark setzt sich das gerade in der Meisterschaft durch. Auf der anderen Seite entwickelt der Fu√üballtrainer¬†Yurii Demydenko¬†(empfehlenswerter Artikel zur Entwicklung eines neuartigen Fu√üballtrainings)¬†ein sehr interessantes Intensivtraining, das auf eine sehr enge Betreuung des Fu√üballers setzt, wobei bei hoher Repititionsrate verschiedene, relevante Situationen durchexerziert werden. Dies ist ebenso beim d√§nischen Club FC Midtjylland und ihrem Freisto√ütraining der Fall. Freist√∂√üe werden durch pr√§ziseres Training immer besser.¬†Ohne hier aber auf die konkreten Details einzugehen, die in beiden Artikel wirklich sehr gut besprochen werden, wichtig ist: Die Orientierung an Resultaten kann nur durch gute Trainer erreicht werden. Der Einzelne Lerner steht da auf sehr verlorenem Posten und lernt seine Intuitionen eher ungelenkt, wenn er nicht die richtige Betreuung erf√§hrt. Hier zeigt sich die Bedeutung des sozialen Umfelds: Geht es um Strategien k√∂nnen wir uns nicht mehr auf unsere Denkkraft, n√§mlich taktische Situationen durch Rechenkraft zu beherrschen, verlassen. Wir brauchen hingegen eine Art St√ľtze, die uns die richtigen Intutionen lehrt und uns notfalls korrigiert. Dieses komplexe strategische Wissen ist im Geist des Sozialen gespeichert und kann dort auch erreicht werden, aber auch nur dann, wenn sich dieses soziale Umfeld nicht auf ein System versteift, sondern Systematizit√§t als Grundlage hat. Ich denke, dass wir das bei Herr Yurri Demydenko oder auch beim FC Midtylland sehr gut beobachten k√∂nnen, denn sie lassen sich nur von den Daten lenken, die sie anhand von vorl√§ufiger Systempr√§missen interpretieren, aber auch st√§ndig erweitern. Ich kann nicht umhin als gerade das als wissenschaftlich zu bezeichnen.
Dies war der erste Teil und es folgen drei Weitere. Wenn ihr mir weiter folgen wollt, dann added mich doch bitte bei¬†Google+.¬†oder¬†tretet der¬†Facebookgruppe¬†oben rechts bei. Wenn ihr wirklich keine Beitr√§ge verpassen wollt, dann solltet ihr in den¬†E-mail-Verteiler (bei Facebook kommt ja nicht mehr alles an). ¬†Ein¬†RSS-Feed¬†f√ľr die progressiven Internetnutzer ist nat√ľrlich auch vorhanden. Ansonsten k√∂nnt ihr mich gerne anschreiben oder einen konstruktiven (!) Kommentar hinterlassen. Ansonsten w√§re weiterempfehlen ganz nett.Norman Schultz,¬†Mai 2015, Pittsburgh
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Was bringt Meditation f√ľrs Lernen und wie k√∂nnen wir es in den Alltag schnell integrieren?

In diesem Artikel geht es darum, wie uns Meditation hilft, stabiler, konzentriert und erfolgreicher zu werden, darum, wie uns Meditation gl√ľcklich macht. Daf√ľr konzentrieren wir uns erst einmal auf die Fakten, bevor wir zu n√ľtzlichen Tools kommen, wie wir Meditation erlernen k√∂nnen und ich von meinen Erfahrungen mit verschiedenen Meditationen berichtige.

I. Fakten zur Meditation:

a) Kurz zusammengefasst:

1) Meditation erh√∂ht Selbstbewusstheit, Mitgef√ľhl und Introspektion
2) Verbessert die Konzentrationsfähigkeit
3) Erhöht die Erinnerungsfähigkeit
4) Liefert im Vergleich zu anderen Entspannungs√ľbungen h√∂heres Konfliktl√∂sungspotenzial
5) Meditation verzögert das Altern

1 und 4 wirken sich beide auf den sozialen Erfolg, 2 und 3 auf den beruflichen Erfolg aus. 5 hat Auswirkungen auf die Gesundheit. Diese drei S√§ulen, Soziales, Berufliches und Gesundheit sind essentiell f√ľr das menschliche Wohlbefinden.
———————————————————————————-
Konklusion: Meditation macht gl√ľcklich.¬†

6) Dies best√§tigt auch eine weitere Studie, die einen Zusammenhang zwischen Gl√ľck und Meditation untersuchte und bedeutende Effekte daraufhin feststellte.

b) Die Fakten im Einzelnen

1) Ver√§nderung der Gehirnstruktur, mehr Mitgef√ľhl und Selbstbewusstheit

Bereits 27 Minuten Meditation pro Tag in 8 Wochen reichen aus, um bereits ein starkes Wachstum in der Dichte der grauen Substanz im Hyppocampus hervorzurufen. Dies ist der Teil des Gehirns, der f√ľr Selbstbewusstheit, Mitgef√ľhl und Introspektion zust√§ndig ist. Dar√ľber hinaus haben die Teilnehmer der Studie √ľber Reduzierung von Stress berichtet, wobei eben die Dichte der Grauen Masse in der Amygdala eine bedeutende Rolle spiele. Auch hier haben kleine √úbungen wiederum gro√üe Wirkung.¬†(H√∂lzel, (2011): Mindfulness practice leads to increases in regional brain gray matter density. Psychiatry Research: Neuroimaging, 191, 36-42. Verweis aus: http://www.nmr.mgh.harvard.edu/~britta/SdF_2011_01_32_33.pdf

2) Verbesserung der Konzentration

In einer weiteren Studie wurden die Probanden in zwei Gruppen geteilt. Gruppe A hörte ein Hörbuch, während Gruppe B in der gleichen Zeit meditierte. Nach nur 4 Tagen wurde ausgewertet:

„Die Meditationsgruppe schnitt in allen kognitiven Tests deutlich besser ab als die H√∂rbuchgruppe. Stimmungslage, die Ged√§chtnisleistung, die visuelle Aufmerksamkeit die r√§umlich-visuelle Wahrnehmung und die Konzentrationsf√§higkeit waren allesamt deutlich h√∂her als in der Kontrollgruppe.“¬†http://www.sein.de/news/2010/april/meditieren-verbessert-kognitive-faehigkeiten.html,¬†http://phys.org/news/2011-01-mindfulness-meditation-brain-weeks.html

Meditation hat also deutliche Effekte f√ľr die kognitive Leistung. Diesen Zusammenhang best√§tigt auch folgende Studie.

3) Bessere Erinnerung

Vorbeugende Wirkung im Hinblick auf den Arbeitsspeicher des Gehirns konnte diese¬†Studie best√§tigen. Dar√ľber hinaus zeige diese Studie, dass Meditation dazu f√ľhrt, dass sich der Arbeitsspeicher durch die bessere F√§higkeit, sich zu konzentrieren, erh√∂ht als auch, dass die Teilnehmer in GRE-Examina im Hinblick auf das Textverst√§ndnis besser abschnitten.
4) Der Vorteil von Meditation im Vergleich zu reinen Entspannungs√ľbungen

Meditation f√ľhrt zu h√∂herem Konfliktl√∂sungspotential, was sich nat√ľrlich auch auf den sozialen Erfolg auswirken d√ľrfte, so hei√üt es in folgender Studie:

„In einem vorderen Teil der Hirnrinde habe sich nach dem Meditationstraining die Isolierung der Nervenzellforts√§tze (Axone) deutlich verbessert, was zu einer schnelleren Durchleitung von Signalen f√ľhre. Der sogenannte anteriore cingul√§re Cortex wird allgemein mit der Kontrolle von Wahrnehmung und Emotionen in Verbindung gebracht sowie mit der F√§higkeit, Konflikte zu l√∂sen.“http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/hirnforschung-meditation-verbessert-nerven-a-838296.html, http://www.pnas.org/content/109/26/10570.abstract

Ich frage mich hier allerdings, was die schnellere Durchleitung von Signalenbedeutet.

5) Auswirkung der Meditation auf das Altern

Folgende Studie bestätigt eine Vermutung, dass sich Meditation positiv auf das Altern auswirkt (http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/23918953)

„We already know that psychosocial interventions like mindfulness meditation will help you feel better mentally, but now for the first time we have evidence that they can also influence key aspects of your biology,“ (http://www.huffingtonpost.com/2014/11/05/mindfulness-meditation-cancer_n_6101130.html)

In der Studie wurden 88 Brustkrebs√ľberlebende untersucht, wobei der Abschluss der Behandlung 3 Monate zur√ľckliegt und die √§lter als 55 sind. Der emotionale Stress aller Teilnehmerinnen war nat√ľrlich signifikant.

Eine Gruppe praktizierte Achtsamkeitsmeditation (sie besuchten 90 Minutensitzungen) und machten leichtes Yoga und praktizierten Meditation 45 Minuten jeden Tag. Die Kontrollgruppe hingegen nahm an Selbsthilfegruppen teil, w√§hrend die anderen ein 6 st√ľndiges Seminar zur Stressreduktion (durch)-machten.

Nach nur wenigen Wochen zeigte sich bereits, dass sich die Telomere in der Meditationsgruppe nicht verk√ľrzt hatten. Telomere, soweit ich das verstanden habe, sind f√ľr die Reparatur von Zellen n√∂tig (Quelle).

Ich unterhielt mich hier√ľber mit einem Neurologen auf einem Flug von Pittsburgh nach Miami und er erkl√§rte mir, dass er im Hinblick auf diese Studie weiter recherchiert h√§tte, demnach w√§re mittlerweile klar, dass durch Meditation bestimmte Hormonregelkreise wirkten, die auf Alterungsprozesse direkt Einfluss n√§hmen.

Der Pazifik als Therapeut

 

6) Gl√ľck und Meditation

Das wichtigste an aller Selbststeigerung ist, dass wir damit ein gl√ľcklicheres Leben f√ľhren. Aristoteles wusste schon, dass die kurzfristige Befriedigung sich langfristig nicht auszahlt, Meditation aber ist Besch√§ftigung mit dem Ewigen und macht uns letztlich gl√ľcklich am Ewigen, da sie das momentane, kurzfristige Gl√ľck √ľbersteigt. Studien zeigen, wie sehr sich Meditation langfristig auf das Wohlbefinden des Menschen auswirkt.

‚ÄúResults showed that the significant association between duration of regular meditation practice and psychological wellbeing was completely accounted for by a combination of mindfulness and self-compassion scores‚ÄĚBaer, R. A., E. L. B. Lykins, et al. (2012). ‚ÄúMindfulness and self-compassion as predictors of psychological wellbeing in long-term meditators and matched nonmeditators.‚ÄĚ Journal of Positive Psychology 7(3): 230-238. zitiert nach:¬†http://bidushi.com/link-happiness-meditation/

Vielleicht aber ist dieses Gl√ľck anders als sich das die Durchschnittskonsumenten meiner Generation vorstellen. Es ist schwer vergleichbar mit den Ekstasen unserer Wohlstandsfeiern. Es ist ruhiger und daher schwerer zu erlernen als die Entspannungsrituale moderner Gl√ľcksritter.

II. Worum geht es bei Meditation?

Bei den Meditationen kommen zwei Mechanismen zum Tragen:

1) Wir m√ľssen zur√ľck in das Hier und Jetzt und uns nicht mit den vielen Wenns auseinandersetzen. Bei mir ist es zumeist so als w√§re so eine Gedankenautobahn ohne Geschwindigkeitsbegrenzung durch meinen Kopf gelegt und da kann nat√ľrlich niemand ruhig nachts schlafen. Es ist als w√ľrde ein Affe die K√§figw√§nde hoch hangeln und wild schreien. Bei der Meditation lerne ich, solche Gedanken schlicht vorbeiziehen zu lassen und Tiefs schnell zu identifizieren und zu beseitigen. Das nennt sich dann wom√∂glich am Ende emotionale Reife. Da bin ich nat√ľrlich noch nicht.

2) In einem zweiten Schritt wird dann der Fokus gesetzt. Wir k√∂nnen uns vorstellen, was das f√ľr den Alltag bedeutet, wenn wir uns konkret und schnell fokussieren k√∂nnen. Aber nat√ľrlich m√ľssen wir das erst lernen und Meditation lehrt uns zun√§chst wie wir ein emotionales Gleichgewicht erreichen, indem wir uns ganz konkret … warte, was wollte ich gerade sagen?

Ja, Fokus hat was mit Gl√ľck im Leben und einem intensiv gelebten Leben zu tun. Kontentrationsf√§higkeit bedeutet nicht im Pendel der Emotionen zu schwingen, sondern mit sich als EINEM Menschen zu leben. Wir sollen nur einen Gedanken gleichzeitig haben (Quelle:¬†http://www.focus.de/gesundheit/gesundleben/alternativmedizin/tid-28097/meditation-veraendert-hirnstrukturen-acht-fakten-zur-meditation—–_aid_859450.html

III. Werkzeuge zur Unterst√ľtzung der Meditation?

Bei den meisten funktioniert Meditation nat√ľrlich nicht sofort, sondern es ist eine Technik, die auch erst erlernt sein will und wie schon Platon √ľber das vielk√∂pfige Biest in uns wusste: Wir m√ľssen es z√§hmen.

Wie also erlernen wir Meditation? Es kommt wie so oft wieder auf die Übung an. Mikrogewohnheiten sind hier wohl angebracht, das heißt, die Veränderung im Leben sehr langsam zu forcieren, um nicht ein gänzlichen Abbruch zu riskieren. Ich erinnere hierbei an Gerhard Roths Aussage zur Veränderung des Gehirns:

„In der menschlichen Entwicklung gibt es alles, nur eines nicht: Dass ich mir vornehme, mich zu bessern, und von Stund an ein besserer Mensch bin. Wenn ich mich wirklich bleibend √§ndern will, m√ľssen vor allem die tieferen Schichten ver√§ndert werden.“ (Selbe Quelle)

Das bedeutet: Mikrogewohnheiten anwenden und das heißt: Erstmal ein paar Erfahrungen sammeln und mit ganz kleinen Übungen anfangen, die allerdings fest im Alltag verankert werden.

Meines Erachtens kann Meditation im Alltag zwar nicht h√§ufig genug erfolgen, einfach weil sich dadurch ein emotionales Gleichgewicht einstellt, wodurch dann auch andere Aufgaben, sinnvoll erledigt werden k√∂nnen, leider aber sind wir oft unter Druck oder Prokrastinationszwang, deswegen m√ľssen wir uns nach dem Prinzip der Mikrogewohnheiten einerseits erstmal Anker suchen, die die T√§tigkeit fest in unserem Alltag verankern, zum zweiten m√ľssen wirdie H√ľrde m√∂glichst klein halten, und zum Dritten brauchen wir Motivationsgruppen, wenn wir uns selbst nicht genug sind. Dann wird sich die Ver√§nderung nach und nach in unserem Gehirn verankern. Besprechen wir dies im Folgenden.

a) Meditation richtig motivieren

Falls¬†www.meetup.com/¬†mittlerweile auch gut in Deutschland funktioniert, w√ľrde ich einfach mal schauen, ob es dort Meditationsgruppen gibt, zu denen man sich dazu gesellen kann. Meetup ist ein spezielles Werkzeug, wo sie Menschen mit gemeinsamen Interessen auf Treffpunkte einigen k√∂nnen und andere dazu sto√üen k√∂nnen. Das Werkzeug funktioniert f√ľr Gro√üst√§dte anscheinend ganz gut. Bei kleineren St√§dten wird es leider seltener genutzt. Gibt es andere solcher Werkzeuge in Deutschland? Dennoch l√§sst sich im Internet mit Sicherheit herausfinden, wo sich Meditationszentren in der Umgebung befinden.

Ansonsten w√ľrde ich Freunde einfach mit einspannen. Mit Kiril trage ich zum Beispiel jeden Abend in eine gemeinsame Google-Tabelle meine Meditationserfahrung ein, wobei wir dieses dann gegenseitig kommentieren. Da gibt es dann kaum Ausweichm√∂glichkeiten, das nicht zu machen und so korrigieren wir auch Fehler in unserer Praxis sehr schnell.

b) Mit dem Meditationsstirnband schon mal im Jenseits Bescheid sagen, dass ihr etwas später kommt

 

Am meisten reizt mich nat√ľrlich das Meditationsstirnband. Vor allem die Englischen Kommentare auf Amazon sind sehr euphorisch. Das Stirnband reagiert mit verschiedenen Settings auf den gegenw√§rtigen Fokus, misst die Gehirnwellen und bringt einen so St√ľck f√ľr St√ľck zur√ľck auf den Boden des Selbst. Je h√§ufiger das Stirnband genutzt wird, desto mehr Funktionen werden freigeschaltet, was nat√ľrlich auch zus√§tzlich motiviert.

Anstatt also unseren Charakter in diversen Rollenspielen wie World-Of-Warcraft aufzuleveln, gibt es hier die direkte Möglichkeit seinen tatsächlichen Charakter aufzuleveln.
Mit dem Stirnband verrennen wir uns also nicht mehr in irgendwelche falschen Annahmen, sondern werden bei unserem Lernprozess st√§ndig korrigiert. Nur 5 Minuten am Tag Training mit dem Stirnband w√ľrden hierbei bereits enorm helfen und nat√ľrlich kann man nat√ľrlich auch den gesamten Tag meditieren.

Die finale Funktion des Bandes ist dann wom√∂glich in einem Kirschbl√ľtensturm seinem Ende entgegen zu meditieren mit den Kirschbl√ľten in der Nacht, in den Sternen zu verwehen.

Mit dem Stirnband aber fliegt ihr schon mal vor ins Jenseits und sagt Bescheid, dass ihr wohl ein bisschen später sterben werden, weil ja jetzt eure Telomere so wunderbar arbeiten.

c) Videos auf Youtube

Was mir ganz erheblich geholfen hat, waren folgende Videos. Zwar habe ich mit 18 angefangen mit Kiril zusammen Autogenes Training zu machen (Hier ein Artikel zu den Hintergr√ľnden vom autogenen Training und eine Kritik von mir), allerdings war das Autogene Training weniger hilfreich zun√§chst die Gedanken festzustellen und anzunehmen. Autogenes Training eignet sich meines Erachtens sehr in stressfreien Zeiten, um bestimmte K√∂rperfunktionen schnell zu erlernen, ansonsten denke ich, dass Achtsamkeitsmeditation sinnvoller ist, weil es direkt einen Einstieg in die Stressreduzierung bietet.

Autogenes Training ist auf der anderen Seite frei von religi√∂sem Verwirrspiel und konzentriert sich auf den Kern unseres seelischen Gleichgewichts, dar√ľber hinaus werden die bestimmten K√∂rperkontrollfunktionen zielstrebiger erlernt. Eine Kombination von Autogenem Training und Meditation bietet sich daher im Alltag an.

F√ľr den Einstieg in die Meditation kann ich folgende Videos empfehlen:

Diese Meditationen sind und effektiv und haben keine ablenkende Musik, die nach einer gewissen Wiederholung auch dröge wird.

F√ľr den Einstieg ins Autogene Training kann ich die Videos von meinem Skizzenblog empfehlen: http://autogenes-training-lernen.blogspot.de/2014/07/die-standardubungen-schwere-warme.html

d) Mikrogewohnheiten und Meditation

Ich verfahre nach dem Prinzip der Mikrogewohnheiten. Nach den Studien von Prof. Fogg bleiben derart erlernte Routinen länger erhalten. Die Technik der Mikrogewohnheit funktioniert hier in drei Schritten.

1. Die Zielstellung darf keine H√ľrde darstellen (zum Beispiel sollte das Ziel sein: 2 Liegest√ľtze zu machen, wenn mann mehr Sport machen will). Dieses machen wir, damit wir nicht unterwegs an einem Motivationsschwachen Tag einfach aufgeben.

2. Die Mikrogewohnheit sollte an einen Anker gebunden sein (das kann eine bereits bestehende Routine wie zum Beispiel Z√§hne putzen oder nach Hause kommen sein. Direkt danach sollte die gew√ľnschte Routine erfolgen)

3. Man sollte sich selbst daf√ľr loben, um die Anwendung zuk√ľnftig weiter durchzuf√ľhren. Beim Selftalk hat sich √ľbrigens gezeigt, dass man von sich in der zweiten Person reden sollte und dabei einen h√∂heren Effekt erzielt, als w√ľrde man in der Ich-Form sprechen (hier ein paar Studien dazu von einem anderen Skizzenblog von mir).

Nach meiner Erfahrung konnte ich derart schon viele Mikrogewohnheiten im Alltag integrieren: Ich mache mittlerweile t√§glich 30 Minuten Sport, habe meinen kleinen Bauchansatz wegtrainiert und erfreue mich eines Six-Packs, stehe p√ľnktlich um 7 auf, habe eine gute Morgenroutine, trinke gut Wasser (ja, ich wei√ü, man √ľberlebt auch ohne Wasser. Das wird jetzt √ľberall vertreten, allerdings vergessen die Leute, dass Wasser sehr positive Effekte f√ľr die Haut hat, um nur ein Beispiel zu nennen. Ein Artikel hierzu folgt von mir sp√§ter). Nun gut, genug von meinen Mikrogewohnheiten.

F√ľr meine Mikrogewohnheiten in Bezug auf die Meditation ist zun√§chst einmal die Frage: Wo ergeben sich Zeitspitzen, in denen eine Kurzmeditation m√∂glich ist, die ich aber bei Einfachheit oder Lust auch ausdehnen kann? Denn eine Mikrogewohnheit sollte keine H√ľrde darstellen und m√∂glichst an einen Alltagsanker gekettet sein. Dieses um den Start m√∂glichst einzugew√∂hnen.¬†¬†

√úbrigens zieht das Argument, was h√§ufig in Ratgebern zum Autogenen Training zu finden ist, f√ľr mich nicht:¬†

„Wenn sie keine Zeit f√ľr zweimal 10 Minuten am Tag haben, dann m√ľssen sie dringend etwas √§ndern.“

 Das Argument ist Quatsch, weil alle Dinge im Alltag 10 Minuten einnehmen. Es ist schwierig, den Tag zu takten und bei dem häufigen Wunsch nach Entspannung, in denen man hin und wieder hineinprokrastiniert, tatsächlich 2 mal 10 Minuten zu finden.

Wegen dieser Probleme denken wir mal nach, wann es f√ľr mich sinnvoll w√§re.

Zeiten f√ľr Meditation

Es w√§re auf jeden Fall sinnvoll, Mittagsschlaf zu machen (Studien hierzu werde ich in einem anderen Artikel raussuchen), oder aber vor dem Einschlafen und nach dem Aufstehen, weil sich so neue Konzepte besser einpr√§gen. Hierzu wurde eine Studie durchgef√ľhrt, die in NATURE ver√∂ffentlicht wurde. Demnach konnten Probanden kreative Aufgaben wesentlich besser l√∂sen, wenn sie vor dem Nachtschlaf, eine Einf√ľhrung in das Problem erhielten und nach dem Schlaf mit dem Problem konfrontiert wurden. Sie l√∂sten die Aufgaben dreimal besser als die Gruppen, die mit dem Problem morgens konfrontiert wurden und das Problem wieder am Abend angingen.

Da ich vor meinen Office Hours f√ľr die Studenten um 13:15 einen Mittagsschlaf mache, w√ľrde sich 13 Uhr eine Meditationsroutine anbieten. Dann mache ich um 10:15 eine 2 bis 10 Minuten Kurzmeditation bevor ich los zur Uni gehe, um 10:30 spiele ich noch 10 Minuten Klavier.

10:15 – 2 Min Kurzmeditation

13:15 – 2 Min Kurzmeditation

23:15 15 Min vor dem Einschlafen, als Einschlafroutine nach dem Lesen von Romanen (denn das macht uns ja auch ausgeglichener).

Meine Erfahrungen

Ich habe diese Mirkoroutinen bereits im Oktober ausprobiert. Wie gesagt Autogenes Training mache ich schon seit dem ich 18 bin als Einschlafroutine. Die Unterstufe gelingt mir ganz gut, aber ich bemerke, dass die Fokustechniken der Meditation einen schneller reinbringen, wenn man unausgeglichen ist. Der Oktober war ganz gut, allerdings haben einige Schicksalsschl√§ge zu ung√ľnstigen Unterbrechungen gef√ľhrt, wobei ich mich bald durch die Meditationen im Alltag schnell stabilisieren konnte.

Ich quantiziere ja viel von meinem Alltag und kann sagen, dass Tage mit Meditation und Mittagsschlaf mein Gl√ľcksniveau in der Regel um 1 bis 2 Punkte verbessern. Es ist nat√ľrlich keine Sofort-Komplettl√∂sung. Beim Flug von Miami nach Berlin schlie√ülich, konnte ich mit der Meditation gut im Sitzen einschlafen und so den 10 Stunden Flug recht angenehm machen.

Der einäugige Prophet

Abschlie√üend noch eine Geschichte von mir. Ich bin nat√ľrlich vorrangig Philosoph und beobachte immer mit einem kleinen L√§cheln (denn jedes Lachen ist eine kleine Erleuchtung, wie ich heute gelernt habe) die begrifflichen Verrenkungen, die einige machen, um durch Meditation hindurch die Welt zu erkl√§ren. Ich denke allerdings, dass die Fragen nach dem Ewigen, die Fragen der Philosophie sind und nicht Fragen von Einfaltsreligionen, jedenfalls insofern wir die unsterblichen Fragen mit Begriffen beantworten wollen. Lasst euch nicht verwirren, soll das hei√üen. Viele reden nur und glauben, sie h√§tten Erkenntnisse aus innerem Gl√ľck erforscht, wenn sie zwei Meditationsseminare gemacht haben. Insofern wir aber das Innere verstehen wollen, sollten wir schweigen und Achtsamkeitsmeditation durchf√ľhren. Wollen wir Gesellschaften ver√§ndern und andere gl√ľcklich machen, sollten wir reden. Daher denke ich, dass alle, die hier etwas erkl√§ren wollen, lieber die Grenzen der Erkenntnis durch Begriffe studieren sollten und sich ansonsten lieber auf den Erfahrungskreis wahrer Meditation beschr√§nken m√ľssen.

Sollten wir etwas √ľber den Sinn des Universums √§u√üern wollen, dann vielleicht nur im Rahmen einer sehr gelassenen, skeptischen Grundposition. Das hei√üt f√ľr mich: Nein, nicht alles Leben ist Leid und nein nicht alles flie√üt oder schwingt. Dies sind Begriffe und die konzeptionellen Probleme mit solchen Begriffen zeigen sich, wenn wir sie in der Philosophie durcharbeiten. Deswegen lasst das dogmatisieren und freut euch einfach an der Meditation. Ich glaube √ľbrigens wirklich dabei, dass die 2000 j√§hrige Diziplin der Philosophie weiter gekomme ist als die Anf√§nge des Buddhismus oder Christentums. Und nun zur Geschichte:

Der ein√§ugige Prophet stand am Meer und schaute weit hinaus, da kam ein barf√ľssiges M√§dchen zu ihm und fragte:

„Was tust du?“

Der einäugige Prophet antwortete:

„Ich warte darauf, dass sich das Meer beruhigt.“

… und er blickte durch sein offenes Auge weit hinaus in die Wellen des Meeres und mit dem zugen√§hten Auge zur√ľck in sich. Das barf√ľssige M√§dchen setzte sich zu seinen F√ľ√üen und sie blickten hinaus zum Horizont, wo Wolken wie Gedankenzeit an ihnen vorbeizogen, sie sahen wie die Regenw√§nde zu ihnen aufkamen und wie die Wellen aus der Ferne zu ihren F√ľ√üen heranrollten, sie sahen wie die Sonne zur√ľckkam und wie sich das Wetter wie das Innere einer Seele aufhellte und verdunkelte.¬†Darauf kam das M√§dchen nun jeden Tag zum Propheten und brachte Speisen und Wasser. Am vierten Tag nach endloser Meditation aber fragte es:

„Und warum wartest du darauf, dass sich das Meer beruhigt?“

…und der Prophet antwortete:

„Wenn Meere sich beruhigen k√∂nnen, dann k√∂nnen es vielleicht auch die gr√∂√üeren Gew√§sser in dieser Welt.“

… „Die gr√∂√üeren Gew√§sser?“ fragte das M√§dchen.

Der ein√§ugige Prophet setzte sich und blickte mit dem zugen√§hten Auge in sich und mit dem offenen Auge noch weiter hinaus ins Meer: „Das gr√∂√üere Gew√§sser ist das Meer der Seelenseen und ich warte darauf, dass ich in seiner Ruhe tief auf seinen Grund sehen darf.“

Das barf√ľ√üige M√§dchen fragte: „Kann denn vielleicht ein Mensch das Meer b√§ndigen?“

Der ein√§ugige Prophet schaute nochmals in sich und hinaus ins Meer und sagte: „Es ist ein Meer und deswegen muss sich vielleicht auch das √§u√üere Meer beruhigen, bevor sich das Meer im Propheten beruhigen kann. Die Natur schl√§gt ihre Wellen auch in uns hinein.“

So sprach der ein√§ugige Prophet und schaute unerf√ľllt weiter hinaus ins Meer. (vom ein√§ugigen Propheten)

Weitere Videos

Noch anzumerken ist, dass ich die Videos von Hinnerk Polenski ganz interessant finde. Sicher finden sich hier weitere Anregungen:

In Neubrandenburg in einem gl√ľcklichen Sommer

Ich hoffe, der Artikel war informativ und interessant. Wenn ja, dann teilt ihn doch. Wenn ihr mir weiter folgen wollt, dann added mich doch bitte bei¬†Google+.¬†oder¬†tretet der¬†Facebookgruppe¬†oben rechts bei. Wenn ihr wirklich keine Beitr√§ge verpassen wollt, dann solltet ihr in den¬†E-mail-Verteiler (bei Facebook kommt ja nicht mehr alles an). Zuk√ľnftig werden noch ein paar andere Dinge hinsichtlich der Ver√§nderung unserer Pers√∂nlichkeit kommen. Ein¬†RSS-Feed¬†ist nat√ľrlich auch vorhanden. Ansonsten k√∂nnt ihr mich gerne anschreiben oder einen konstruktiven (!) Kommentar hinterlassen. Ansonsten w√§re weiterempfehlen ganz nett.

Norman Schultz

Neubrandenburg, Weihnachten 2014

(Titelbildnachweis: Mit der Ruhe von Planetenbahnen (wikicommons CC_BY_SA Author Tevaprapas Makklay)

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Macht Lesen intelligenter? Vom Wert des Lesens f√ľr die Intelligenz und f√ľr unser Leben sowie eine Kritik von Kehlmanns Roman „Ruhm“

Der Mann muss Zeit haben, denn der Mann liest Romane. Nein, auch keine Sachb√ľcher, jawohl Romane. In der Doktorandenh√§ngematte verschlingt er nun dicke Batzen. Der Arme! Gebt ihm doch stattdessen Arbeit!

Doch das Lesen hat neben meiner Doktorenfaulheit auch andere Gr√ľnde. In diesem Artikel erl√§utere ich, warum Lesen in den Alltag und gar in die Abendroutine eingearbeitet sein sollte und welche Effekte vor allem Lesen auf uns haben. Am Ende gehe ich auf meine Abendroutine ein, die mit dem Lesen verkn√ľpft sein soll. Zudem diskutiere ich am Ende Kehlmanns Roman Ruhm. Ich werde mich jetzt wohl h√§ufiger Romanen widmen. Mehr dazu am Ende.

Denkfehler: Sind Kinder, die lesen intelligenter oder lesen Intelligente mehr?

In „Die Kunst des klaren Denkens: 52 Denkfehler, die Sie besser anderen √ľberlassen“ beschreibt Rolf Dobelli einen Denkfehler, der uns im Alltag immer wieder befalle. Es hei√üt, Kinder aus intelligenten Familien lesen mehr B√ľcher. So gleich verweist der Autor jedoch darauf, dass dies ein Fehlschluss sei. Der Fehlschluss ist folgender: denn Kinder, die intelligenter seien, w√ľrden wom√∂glich schlicht B√ľcher als Unterhaltungsmedium bevorzugen.

Soweit jedoch ist es nicht richtig, dass es sich um einen Fehlschluss handelt, sondern genauer handelt es sich um einen induktiven Schluss, der auf eine Beobachtung verweist, n√§mlich, dass Kinder aus intelligenten Familien mehr lesen. Die skeptische Bildung einer Gegenhypothese ist zwar korrekt, aber wir m√ľssen vorher weiter untersuchen, bevor wir eine Schlussfolgerung anstellen. Hierbei kommen uns verschiedene, weitere Methoden zur Hilfe. In anderen Worten Rolf Dobelli gibt uns nur einen Ansto√ü zum kritischen Denken, verbleibt dann aber auf einer skeptischen Grundposition. In diesem Artikel entwickle ich weitere Argumente, dass Lesen unsere Intelligenz steigert und welche Effekte wir davon noch zu erwarten haben.

Kurz, die Effekte des Romanlesens

  • Schlafvorbereitung durch Entspannung beim Einf√ľhlen in andere Personen
  • √Ąngste l√∂sen
  • Erh√∂hung der Empathie
  • Erh√∂hung der verbalen Intelligenz
  • Allgemeine Pers√∂nlichkeitseffekte
  • H√∂here Intelligenz
  • Vorbild f√ľr die eigenen Kinder
  • Ansammeln von Erlebnissen
  • Auseinandersetzung mit gegenw√§rtigen gesellschaftlichen Themen aus der Innenperspektive
  • Gl√ľck!


Effekte des Lesen

Gut das sind viele Effekte, aber bringt es wirklich etwas? Nun es gibt da so einige Korrletationen: Vorlese-kinder zum Beispiel erzielen durchschnittlich einen besseren Notenschnitt als Nicht-Vorlese-Kinder (Studie Stern, Differenz von 0,4).¬†Eine andere Studie von 2010 zeigt diesbez√ľglich auch, dass Sch√ľler, die mehr lesen, generell bessere, geistige Kapazit√§ten haben, wobei interessanterweise dies auch bei Studienteilnehmern passierte, die mit ihren Eltern Filme schauten. Gleiches passierte jedoch nicht bei Kindern, die Fernsehen schauten. √Ąhnlich wie Romane verlangen Filme geistige Anstrengungen und Interpretation¬†von uns, wobei die Anwesenheit von anderen, uns dazu bringt, die Filme auch wirklich empathisch nachzuvollziehen¬†(Quelle: New York Times).

Dziewczynka z ElementarzemIn weiteren Auswertungen¬†(Cunningham, Stanovich)¬†¬†im Hinblick auf die Intelligenz von Lesern im Vergleich zu Nicht-lesern hei√üt es, dass Lesen ¬†generell √ľber das direkte Ziel hinausgeht. Zwar lesen wir zumeist kleine Passagen, die f√ľr uns einen direkten Wert haben, n√§mlich den Informationsgewinn, jedoch haben die Passagen dar√ľber hinaus Einfluss auf unsere Wortgewandtheit und unser Empathieverm√∂gen. Weil zum Beispiel Romane 50 Prozent mehr Worte als Prime-Time-Shows haben, kommt es durch dieses bestimmte Freizeitverhalten dazu, dass Kinder aus lese-orientierten Familien, selbst bei minimalen Differenzen im Leseverhalten bald h√∂here verbale Kompetenzen akkumulieren.

Was z√§hlt ist daher nicht, dass das Lesen einmal passiert, sondern dass es ein einstudiertes Freizeitverhalten ist. W√∂rter, die gerade bei diesem Lesen aufgenommen werden, seien wichtig, um kritische Unterscheidungen zu treffen. W√∂rter, die f√ľr diese F√§higkeiten wichtig sind, treffen wir vor allem in Texten an und nicht in Fernsehshows. Die Studie f√ľhrt daher an, dass vor allem der Leseumfang zu einem erheblichen Vorsprung vor anderen Kindern f√ľhrt und bedeutet auch, dass die intellektuell Reichen schlichtweg reicher werden und die Dummen dumm bleiben, so sehr sie sich auch in der Schule anstrengen.

Im Weiteren wird in der Untersuchung angef√ľhrt, dass lebenslanges Lesen auch verhindert, dass kognitive F√§higkeiten im Alter stark nachlassen. Es geht also nicht nur um Kinder, die hier besonders im Fokus des Lernens stehen, sondern um alle Alltersgruppen.

Diese Ergebnisse lassen sich meines Erachtens auf das Lernen von Sprachen erweitern (Hier mein Entwurfsartikel dazu). Das heißt, will ich eine Sprache lernen, sollte ich auch eher passives Wissen in dieser Sprache durch Romane aufnehmen.

Das Gehirn auf Romanen, der Einfluss auf unser Empathievermögen

Nach Studien aus den Jahren 2006-2009 weisen Leser langanhaltend mehr Empathie auf, wenn sie Romane lesen. Hierbei gaben die Forschern Lesern das Buch „Pompei“ und verglichen es mit Lesern von Sachliteratur und Nichtlesern. Das bessere Abschneiden der Romanleser wurde auch beibehalten, als die Wissenschaftler die Hypothese ausschlie√üen konnten, dass empathischere Menschen eher Romane lesen (Quelle: New York Times).

Nicht also, wie auf vielen Websites gepriesen, das Lesen von Sachliteratur macht uns schlauer, sondern das Lesen von persönlichen Geschichten. Sachliteratur konsumieren wir eher im Hinblick auf direkte Probleme, doch dabei kommt der Aspekt der sozialen Interaktion nicht zur Geltung.

Unterst√ľtzend wurde in weiteren Studie (Ritchie, Bates, Child Development 2014)¬†herausgefunden, dass die fr√ľhe Lesefertigkeit auch sp√§ter Effekte auf die allgemeine Intelligenz hat.¬†Romane f√ľhren zu einer h√∂heren Konnektivit√§t im Gehirn (wenn ich die Studienergebnisse richtig verstehe: Studie 2013: Short and Longterm Effects of a Novel on the Connectivity of the Brain. Lesen katapultiere den Leser im gewissen Sinne biologisch in die andere Person hinein.

Letzteres k√∂nnte auch auf einen Zusammenhang mit gutem Schlaf verweisen. Diese Verbindung zwischen Lesen und gutem Schlaf wird zwar immer wieder in Alltagsratgebern herausgehoben, allerdings konnte ich hierf√ľr keine konkreten Studien finden. Es k√∂nnte also auch ein Mythos sein. Es gibt allerdings Studien, die zu den Ergebnissen kommen, dass durch Lesen √Ąngste und Depressionen gemildert werden (Hier wird auf einige Studien dazu verwiesen). Da Depressionen und √Ąngste Dinge sind, die uns abends unter Umst√§nden nicht schlafen lassen, gehe ich davon aus, dass Lesen auch den Schlaf verbessert.

Lewis Hine, Boy studying, ca. 1924Konsequenzen f√ľr meine Abendroutine

Aus diesen Gr√ľnden, die jeweils mehr oder minder schwache Korrelationen sind, habe ich mich dazu entschieden, Lesen in meine Schlafroutine einzubauen, das hei√üt: Ich lese vor dem Schlafengehen mindestens 15 Minuten Romane. Dieses ist nach dem Prinzip der Mikrogewohnheiten, wonach ich nicht versuche viel zu erreichen, sondern mit einer minimalen T√§tigkeit beginne und sich die Effekte sp√§ter akkumulieren (Hier mein Artikel zu Mikrogewohnheiten).

Das h√∂rt sich wenig an, aber in den letzten 2 Monaten, habe ich „Der Schwarm“ (1000 Seiten! Frank Sch√§tzing), „Ruhm“ (Kehlmann), „Verbrechen“ und „Schuld“ (Schierach) und „Atemschaukel“ (M√ľller) gelesen. Zudem habe ich in viele andere Romane reingelesen. Da kommt schon einiges zusammen.

Ich glaube auch, dass ich damit eine gute Abendroutine entwickelt habe, die meine Bettzeit-Prokrastination stark gemindert hat. Zus√§tzlich habe ich das Gef√ľhl, dass das Hineinf√ľhlen in andere Personen auch dazu f√ľhrt, dass ich mich generell gl√ľcklicher f√ľhle. Intelligenzeffekte habe ich direkt noch nicht feststellen k√∂nnen (wie kann man das auch?), aber vielleicht entwickelt sich das ja noch.

Ich verzichte in meiner Abendroutine bewusst auf Sachb√ľcher. Ich habe auch Biografien begonnen, aber wenn diese nicht in der Gestalt von Romanen daher kommen, ist der Genuss tats√§chlich gering. Weltliteratur, das hei√üt, eine gewisse Poetik empfinde ich generell als stimulierender als banales Gelaber zwischen Charakteren wie in Frank Sch√§tzings Schwarm (obwohl der Roman teilweise sehr faszinierend und zu empfehlen ist).

Um die Routine beizubehalten, werde ich in Zukunft viele der Romane auf meinen anderen Blogs zusammenfassen und reflektieren. Hier ein Beispiel:

Andere Identitäten

Es beginnt mit Ebling, der aufgrund eines technischen Defekts bei der Nummernvergabe seines Mobiltelefons in die Rolle des Schauspielers Ralf Tanners schl√ľpfen darf. Zumindest am Telefon durchlebt er Ausschnitte aus einem anderen Leben, einem wichtigeren Leben.

Tanner selbst erf√§hrt dabei die pl√∂tzliche Ablehnung seiner Geliebten (vielleicht bedingt durch Eblings Einmischung?). Er lebt sein Leben als Schauspieler immer unter dem Eindruck von der √Ėffentlichkeit beurteilt zu werden. So bef√§llt ihn auch Scham, weil eine Szene mit seiner Geliebten bei Youtube ungewollt Verbreitung erf√§hrt.

Aber vielleicht ist er auch gar nicht Tanner, sondern nur jemand, der gerne Tanner wäre, ein Doppelgänger oder eben jemand, der begonnen hat, sein Leben zu spielen.

Verzweifelt ein anderer Sein

Ein anderer sein, verzweifeln an unserer morbiden Begrenzung, in der Herzkammer eingeschlossen, hin√ľbersehns√ľchteln in das Sternenlicht, die andere Flamme, zu den Elementen der Tr√§ume und W√ľnsche, den W√ľnschen, die die Welt, die bessere Welt bedeuten. Dort ist der geliebte Mensch, der Stern, der wir gerne w√§ren, die 1000 Leben, die nur einer lebt. Wir schauen hin√ľber und wir w√ľrden uns dort dr√ľben gerne selbst lieben. Aber wir sind hier.

Unsere W√ľnsche brechen zur Unendlichkeit durch, wir multiplizieren uns mit ihnen in die Tr√§ume hinauf und doch schaffen sie diesen kn√∂chernden Bruch, diesen Abstand zu uns. Wir sind abgeschnitten von unseren Tr√§umen.

Kierkegaard ¬†verstand uns von diesen „Gipfeln der Verzweiflung“ her. Er schrieb:

„verzweifelt man selbst seinwollen, verzweifelt nicht man selbst sein wollen“ (Zitat = interessanter Artikel √ľber Kierkegaard¬†aus der Zeit).

Es gibt keinen Ausweg, keine T√ľr, kein Exit, keinen Fluchtweg aus der Verzweiflung und wer nicht verzweifelt sei, der wisse es nur noch nicht.

Daniel Kehlmanns Roman „Ruhm“ befasst sich mit dieser Verdoppelung oder Multiplikation des menschlichen Lebens und der Verzweiflung am eigenen Leben. Es sind wir in verschiedenen Geschichten. Wir, die verschiedene Geschichten in Geschichten √ľber Geschichten von uns erz√§hlen oder die √ľber uns erz√§hlt werden:

„‚Ich wu√üte, du machst das mit mir. Ich wu√üte, ich komme in eine deiner Geschichten! Genau das wollte ich nicht!‘

‚Wir sind immer in Geschichten.‘ Er zog an der Zigarette, der Glutpunkt leuchtete rot auf, dann senkte er sie und blies Rauch in die warme Luft. ‚Geschichten in Geschichten in Geschichten'“ (201)

Wie einst Sartre in „Der Ekel“ ist diese Geschichtlichkeit der nerv√∂se Punkt unserer Existenz, eine wunde Stelle, die wir immer wieder aufkratzen. Wir erz√§hlen immer wieder andere Geschichten √ľber andere und √ľber uns. Die L√ľge vom besseren Leben macht das Leben dabei hin und wieder ertr√§glicher. Sartre beschrieb es √§hnlich:

Ein Mann geht eine Stra√üe hinunter, doch als Leser halten wir inne: Dies ist der Held. Romane erz√§hlen sich von ihrem Ende her und wir wissen, es wird etwas passieren. Nur f√ľr uns da gibt es keine Zielstellung, keine gro√üe Wende, wir sind kaum Helden des eigenen Lebens. Wir gehen nur eine Stra√üe hinunter.

Kehlmann schlussfolgert daher durch seine Romanfiguren hindurch:

„Ein Roman ohne Hauptfigur!“

Vielleicht zu ambitioniert, wenn acht Geschichten in lockerer, distanzierter Sprache verzahnt werden, dann ¬†geraten die Charaktere streckenweise zu fernen S√§tzen, die an der Innerlichkeit wie ferne Z√ľge vorbeirauschen. Es sind komponierte Elemente, Elemente von W√ľnschen, die wie alles Formale wenig Wirklichkeit haben.

Hier und dort verzahnen sich die Geschichten. Jene Kunstgriffe versucht Kehlmann durch Selbstironie zu verschleiern, indem er als Erz√§hler in einen literaturtheoretischen Dialog mit seinen Hauptfiguren √ľbergeht. Indem er einer Figur unerwartet Jugend und Sch√∂nheit schenkt. Auch indem er einen Moralschriftsteller sich selbst richten l√§sst. Doch ist dies die Verlegenheit des Autors?

Womöglich ist es der wirkliche Kitsch des Lebens.

Dann geht eine Frau in Transnistien verloren oder irgendwo, wo eine andere Zivilisation sie allein lässt.

Dann kommentiert ein anderer manisch in Foren und vergisst sich dabei selbst.

Wiederum ein anderer versucht, sich in zwei Familien als Mann zu behaupten. Vielleicht weil er nicht weiß, wer er ist?

Eine andere Frau versucht, sich das Leben zu nehmen und fragt den Erzähler, warum ihre Geschichte gerade derart erzählt wird.

Es sind viele Doppelleben, die die Menschen in Geschichten von Geschichten f√ľhren:

„Weil ein Mensch vieles sein will. Im w√∂rtlichen Sinn. Er will viel sein. Vielf√§ltig. M√∂chte mehrere Leben.“(187)

Wo also ist die Einheit des Selbst, dieser Ichkerns, der durch uns hindurch besteht und uns wie ein Atom zusammenh√§lt, uns zu einem Menschen macht, der tr√§umt? Das vielk√∂pfige Biest (Platon, Politea Buch XIII) ist die Grundlage unserer W√ľnsche, doch Einheit der Vernunft findet sich in diesem Roman nicht, sondern ist nur eine ironische Spitze, die alle Seifenblasentr√§ume zerplatzen l√§sst.

 

Ein guter Audio-Ausschnitt, wenn auch ein schlechterer des Buches, hier: http://www.literaturport.de/index.php?id=28&no_cache=1&tid=341

Soviel also vorerst zum Thema Lesen. Hier noch meine Leseliste:

Romane aktuell:

  • Atemschaukel,
  • Sophie Welt (vielleicht zu nahe an meiner Profession?)

K√ľrzlich abgeschlossen: ¬†

  • ¬†Der Schwarm (Frank Sch√§tzing)

  • ¬†The-4-Hour-Chef (Timothy Ferriss)

Biographie (kann ich die als Romane gelten lassen?)

  • Salinger – Biografie
  • Bergsteigerbuch

Philosophie (beruflich), aktuell:

    • Habermas: Wahrheit und Rechtfertigung
    • James Swindal: A case for Agent Causation (Mein Professor)
    • Diverse B√ľcher von Brandom
    • Hegel: Wissenschaft der Logik
    • Aristoteles: Metaphysik, √úber die Seele, Physik, Nikomachische Ethik
    • Platon: Der Staat
    • Empiricus Sextus
    • Und vieles mehr

Ich hoffe, der Artikel war informativ und interessant. Wenn ja, dann teilt ihn doch. Wenn ihr mir weiter folgen wollt, dann added mich doch bitte bei¬†Google+.¬†oder¬†tretet der¬†Facebookgruppe¬†oben rechts bei. Wenn ihr wirklich keine Beitr√§ge verpassen wollt, dann solltet ihr in den E-mail-Verteiler (bei Facebook kommt ja nicht mehr alles an).¬†Ein¬†RSS-Feed¬†ist nat√ľrlich auch vorhanden. Ansonsten k√∂nnt ihr mich gerne anschreiben oder einen konstruktiven (!) Kommentar hinterlassen. Ansonsten w√§re weiterempfehlen ganz nett.

Norman Schultz

Pittsburgh, Oktober 2014

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Wie wir passiv lernen k√∂nnen – Suggestionsmaterial f√ľr passives Lernen

Zusammen mit dem Lernforscher Andreas D√ľckhofer habe ich ein Gespr√§ch zum Thema passives Lernen gef√ľhrt. Zun√§chst geht es mal wieder um die Lerntypentheorie, die ein Paradebeispiel f√ľr das Vertrauen in falsche Theorien darstellt. Danach entwickeln wir langsam einen Begriff vom passiven Lernen, wobei aktives Lernen vorzuziehen ist. Passives Lernen hat eher den Wert aktives Lernen vorzubereiten, andernfalls ist es nutzlos. Da es schwer ist, gutes, passives Lernen vorzubereiten, schlage ich am Ende vor, eher auf Suggestionsmaterialien zur√ľckzugreifen, die eine langfristige Verhaltens√§nderung bewirken. Hier verweise ich auf meinen Youtube-Talk mit Alexander Schwarz, der sich selbst als Habit-Coach bezeichnet. Wir fragen uns wie wir unsere Gewohnheiten √§ndern k√∂nnen.¬†Bildnachweis:¬†By Wagner Machado Carlos Lemes from Goi√Ęnia, Brazil; derivative work by King of Hearts CC-BY-2.0 , via Wikimedia Commons

 

(Das Gespräch haben wir stark vereinfacht, um die wesentlichen Elemente deutlicher zu machen. Im ersten Teil gibt es theoretischer Erläuterungen zur Lerntypentheorie, wobei sich hier erklärt, was eine schlechte Theorie vom Lernen ist.)

Andreas D√ľckhofer: Welche Arten gibt es zu lernen?

Norman Schultz: Es ist sehr richtig, dass wir das Lernen f√ľr uns selbst klassifizieren sollten. Doch es stellt sich dabei auch die Frage, ob es wom√∂glich nur eine Art gibt, wie wir lernen. Die Lerntypentheorie hat hier viel Schaden angerichtet, indem sie annahm, dass sinnliche Wahrnehmung gleich Lernen w√§re und dabei √ľberhaupt keine bew√§hrte Theorie ist.

Andreas D√ľckhofer: Warum das?

Norman Schultz: An Universitäten unterrichtet man ein Modell, das keine wirkliche, empirische Forschung durchlaufen hat, sondern einfach nur hochgradig plausibel ist (mehr Informationen zur Lerntypentheorie hier unter Mythos Lerntypentheorie).

Dick York Bewitched 1968

Ein auditiver Lerntyp?

Andreas D√ľckhofer: Aber wenn es einleuchtend ist, dann sollte es doch auch wahr sein?

Norman Schultz: Mit der Wahrheit ist das so eine Sache. Zun√§chst haben wir eine Meinung, die andere vielleicht teilen, aber wenn es sich um empirische Fragen handelt, m√ľssen diese Meinungen nicht auch tats√§chlich der Fall sein. Plausibilit√§t verweist daher zumeist nur auf eine logische Konsistenz, das bedeutet, dass Pr√§missen sich nicht widersprechen und eine Schlussfolgerung nahe legen. In etwa so:

Prämisse 1: Käse ist essbar.

Prämisse 2: Der Mond ist aus Käse.

Konklusion: Also ist der Mond essbar.

Dieses Schlussverfahren ist richtig, aber das Argument ist nicht wahr. Es wird problematisch, wenn wir Prämissen hineinschmuggeln, deren Wahrheitswert unbekannt ist. So zum Beispiel bei der Lerntypentheorie:

Prämisse 1: Ich lerne im Vergleich schlechter als andere.

Prämisse 2: Ich bin verschieden; ich bin ein anderer Lerntyp.

Konklusion: Es liegt an den schlechten Lehrern, dass ich schlechter lerne und nicht an mir.

Hier wei√ü ich doch nicht, ob ich wirklich anders bin und ob es Lerntypen gibt. Ich erkl√§re mir den Glauben an die Andersartigkeit durch den Glauben an Individualit√§t, der gesellschaftlich unterst√ľtzt wird. Der Superindividualismus legt nat√ľrlich die Einzigartigkeit des selbstst√§ndigen Konsumenten nah; die Idee, dass wir vielleicht Gemeinsamkeit haben, ist doch heute Kommunismus. Aber ich will nicht polemisieren.

Aufgrund psychologischer T√§uschung gibt es l√ľckenhafter Schlussverfahren. Ich gehe daher nicht davon aus, dass es sich bei der Lerntypentheorie um eine logische Theorie handelt, weswegen ich es eher als eine Plausibilit√§tstheorie bezeichne. Bei diesen Plausibilit√§tstheorien k√∂nnen sich die Voreinstellungen gar unbemerkt widersprechen:

Voreinstellung 1: Jeder Mensch ist anders.

Voreinstellung 2: Es gibt verschiedene Lerntypen.*

¬†Andreas D√ľckhofer: Was ist daran falsch?

Norman Schultz: Nun, wenn jeder Mensch anders ist, dann kann es keine klassifizierbaren Lerntypen geben, dann lernt wirklich jeder absolut anders. Ich glaube jedoch, dass das Individualit√§tsargument dazu verleitet anzunehmen, dass es Lerntypen gibt, was nat√ľrlich logischer Unfug ist, was die meisten aber aus Denkfaulheit aushalten.

Ich im Gegenzug interessiere mich nicht f√ľr die Verschiedenheit im Lernen, sondern f√ľr das, was wir alle im Lernen gemeinsam haben. Selbst wenn es Lerntypen gibt, muss es bei allen etwas geben, dass wir „Lernen“ nennen. Dieses Lernen muss das gleiche sein. So glaube ich, dass wir alle lernen k√∂nnen. Ich bin zum Beispiel der Auffassung, dass jeder Lesen, Rechnen und Schreiben lernen kann.

Andreas D√ľckhofer: Aber das ist doch ein Allgemeinplatz.

Norman Schultz: Ist es nicht, wenn wir bedenken, dass man vor einigen Jahrhunderten annahm, dass es Menschen gibt, die eine nat√ľrliche Begabung haben zu lesen. Nach dieser √úberzeugung, war es eine Art Adel, ein Gelehrter zu sein. Die Lerntypentheorie greift diesen Lernadel wieder auf. Jemand, der heute Mathematik beherrscht, ist nahezu von Gott in den Stand eines Gelehrten gehoben. Die Lerntypentheorie bleibt jedoch nur demokratisch, wenn wir davon ausgehen, dass wir jeden Lerninhalt in alle Lerntypen √ľbersetzen k√∂nnen. Hier aber beginnt der praktische Bl√∂dsinn: Demnach sollten wir ein Institut gr√ľnden, dass Lerninhalte f√ľr olfaktorische Lerner √ľbersetzt.

Aber nochmal ich nehme an, dass jeder alles lernen kann. Doch irgendwie wollen die Leute hierbei widersprechen. Auch wenn ich zwar dabei einsehe, dass es beim Lernen gewisse Dispositionen geben mag, ist das f√ľr mich zumeist Sozialdarwinismus. Das hei√üt, heute ist es gerade zu anerkannt, dass derjenige, der eine anst√§ndigere Bildungs-Biografie hat, ein besserer, wertvollerer Mensch sein muss. Wer viel wei√ü, darf viel Lob bekommen. Die anderen sollen in der Arbeitslosigkeit verrotten. Lebenslanges Lernen ist dabei kein motiviertes Lernen, sondern ein Ellenbogenlernen und eine Todeszelle f√ľr den einzigartigen Menschen, der immer noch mal anders werden soll als er schon ist.

Andreas D√ľckhofer: Gut, aber zur√ľck zum Thema, gibt es verschiedene Arten des Lernens?

Norman Schultz: Genau hier bin ich mir nicht so sicher. Ich bin mir allerdings sicher, dass ich verschiedene Energieniveaus habe. Am besten lerne ich in einer Gemeinschaft, die mich fordert und meine Lernwege schnell korrigiert, wobei ich hier allerdings nicht nur passiv beobachte, sondern zur Aktivit√§t aufgefordert werde (Dass Gemeinschaften besonders zur Umsetzung beitragen, haben wir ja schon hier und hier diskutiert). Energie steht hier zu Verf√ľgung, weil andere mich entlasten, indem sie mir anstrengende Entscheidungsprozesse abnehmen. Wir lernen hier gut, wenn die anderen uns herausfordern. Wenn andere uns nur vormachen wird das nat√ľrlich auch nichts. Es lernt doch niemand das Schwimmen, wenn er nur zuschaut, sondern wenn er in einer wohlwollenden Gemeinschaft Vertrauen und Anspruch findet.

Andreas D√ľckhofer: Das hei√üt also es gibt kein passives Lernen?

Norman Schultz: Doch das gibt es. Allerdings bin ich mir nicht sicher, zu welchen Graden wir es ben√∂tigen, wenn wir die M√∂glichkeit zur Aktivit√§t haben. Passives Lernen funktioniert zumeist nicht: Wenn ich beispielsweise einen Text nur lese, dann werde ich wenig gelernt haben. Studien (sehr detaillierte Studie) zeigen, dass vor allem ein zweites mal Lesen wenig bringt, da es nur den subjektiven Eindruck verst√§rkt, etwas zu verstehen. Lesen soll in zwei getrennten Arbeitsschritten erfolgen, erstens einer passiven Aufnahme, die zweitens das aktive, selektive und detaillierte Lesen vorbereitet. Dazu gibt es verschiedene Ans√§tze, wobei ich vor allem auf den Ansatz der Michelmanns verweisen m√∂chte, was ich als das beste Buch zum Thema „Lesen“ einsch√§tze.

Gerade aber zum Thema lesen findet sich im Internet viel Quatsch:

„Am besten lernt sich der Stoff, indem man den kompletten Text und eine Zusammenfassung mehrfach durchliest und sich zwischendurch kreative Pausen g√∂nnt. Durch die st√§ndige Wiederholung speichert das Gehirn auch schwierigste Konzepte fr√ľher oder sp√§ter ab, selbst wenn man eins noch nicht so richtig verstanden hat.“¬†http://www.lernen-mit-grips.de/lernarten/

Ich m√∂chte keinesfalls eine derart unbelegte Theorie zum Thema „passives Lernen“ vorschlagen. Das w√§re dann schlicht sowas wie die Lerntypentheorie, wobei dann die Anwender abends nochmal ihre Schulhefte unter das Kopfkissen legen, weil sie glauben, das h√§tte entscheidende psychologischer Lerneffekte. Von solchem hom√∂opathischen Lernen halte ich nichts.

Andreas D√ľckhofer: Das hei√üt, der Vorgang der Passivit√§t ist nur vorbereitend f√ľr das Lernen?

Norman Schultz: Nun, ich vertrete die Auffassung, dass Passivit√§t g√§nzlich durch Aktivit√§t ersetzt sein sollte, wenn m√∂glich. Aber niemand kann 24 Stunden durcharbeiten und beim Lesen gibt es Dinge, die man auslassen muss. Gewisse Ruhe und Motivationsphasen geh√∂ren auch zum aktiven Lernen dazu Es gibt viele Studien, die eine g√ľnstige Pausentechnik best√§tigen. Wer hier sein Energiemanagement vernachl√§ssigt, f√§hrt gegen die Wand. Passives Lernen hei√üt daher f√ľr mich, Anreize zu setzen, Dinge richtig zu verarbeiten und die aktiven Lernphasen zu motivieren und vorzubereiten. Ich versuche hierbei eine eigene Praxis vom passiven Lernen vor allem f√ľr mich zu entwickeln und vielleicht stimmen andere den Schl√ľssen, die ich aus Studien ziehe, zu.

Andreas D√ľckhofer: Wenn du jetzt aber sagst, wir sollen beim Lernen Pausen machen, dann ist niemandem geholfen, denn irgendwie wissen das ja alle. Wie sieht also dieses passive Lernen aus?

Norman Schultz: Ich habe schnell gemerkt, dass ich bei Vorlesungen im Hintergrund schnell rauszoome. Es bedarf einer enormen Anstrengung zu Vorlesungen zu gehen, um diese wirklich zu nutzen. Vorlesungen sind wesentlich anstrengender als Seminare, wenn man etwas lernen will. Dabei habe ich zumeist, zuviel Energie verschwendet. Ein Professor hat sich mal bei vor allen Studenten bedankt, weil ich ihm so aktiv zuhörte. Ich weiß, das klingt streberhaft, aber Vorlesungen sind nicht mit Passivität zu verwechseln. Ich habe dort so viel Energie investiert und hätte diese besser nutzen können, wenn ich mit anderen etwas zusammen getan hätte. Daher empfehle ich auch kaum Vorlesungen, da sie viel Energie benötigen.

Carl Seiler Die Vorlesung

Beim Vorlesen lernen?

Andreas D√ľckhofer: Du weichst etwas aus, wie dieses passive Lernen nun aussieht, aber nach dem, was du sagst, entf√§llt dann auch das Lesen. Lesen erfordert ja auch viel Konzentration oder?

Norman Schultz: Nat√ľrlich gibt es Momente, wo dieses Lesen als passives Lernen m√∂glich ist. So lange sich ein subjektiver Zustand der Entspannung einstellt, kann dies nicht falsch sein. Jeder hat hierbei seine Leserituale, wobei diese sich heute eher auf die sozialen Medien beschr√§nken, was ich nicht unter Lernen verbuche, sondern als eine Art soziales Lagerfeuer sehe am Smartphone. Man schmiert ein bisschen sein soziales Gef√ľge, wenn man bei Facebook auf dem Laufenden bleibt. Hier aber geh√∂rt Lesen zur Frage des Prokrastinationsmanagements, auch deshalb weil es selten auf das aktive Lernen bezogen ist. Das ist gut, wenn es kontrolliert verl√§uft und Entspannung liefert?

Wilhelm Amberg Vorlesung aus Goethes Werther

Soziales Lernen?


Andreas D√ľckhofer: Wenn Vorlesungen und Lesen wegfallen, dann bleibt ja nicht mehr viel √ľbrig.

Norman Schultz: Ich m√∂chte Vorlesungen nicht per se ablehnen, empfehle aber eher Lernanreize durch passive Materialien zu setzen. Vorlesungen haben den Effekt, dass wir nur dort zuh√∂ren, wo wir ohnehin schon Bescheid wissen. Sobald es jedoch schwieriger wird, schalten wir ab. Stattdessen sollten leichte Materialien gew√§hlt werden, die im g√ľnstigsten Fall in Interviewform vorliegen.

Andreas D√ľckhofer: Und warum die Interviewform?

Norman Schultz: Interviews haben mehrere Vorteile. Einerseits kontrollieren die Gespr√§chspartner gegenseitig, dass die Inhalte nicht zu kompliziert werden. Auf der anderen Seite setzen die Unterbrechungen immer wieder Anker, die die Aufmerksamkeit zur√ľckholen.

Das Material f√ľr ein derartiges passives Lernen ist allerdings rar.¬†Ich durchforste hierzu h√§ufig Youtube und lade mir diese dann als Audiodateien herunter [der Freeyoutube to MP3 Converter eignet sich hierf√ľr sehr gut].

Diese Audiodateien spiele ich mir dann auf g√ľnstige Wegwerf-Mp3-Player aus dem Internet [ich neige dazu Teurere zu verlieren, au√üerdem nutze ich verschiedene und bespiele sie nach verschiedenen Themen]. ¬†Ich versuche das Energielevel dabei sehr gering zu halten.

Nat√ľrlich gibt es auch die M√∂glichkeit Podcasts zu abonnieren, aber hierzu kenne ich mich (noch) nicht gen√ľgend aus (Anregungen sind erw√ľnscht).

Die passiven Lernmaterialien, die ich mir dann erstellt habe, verwende ich dann auf MP3 beim Laufen, oder beim Fr√ľhst√ľck machen oder bei anderen stupiden T√§tigkeiten, die der Ohren nicht bed√ľrfen.

Hierbei gibt es nat√ľrlich verschiedene Themen, die ich mir so klassifiziere: Allgemeinwissen, Sprachspiele, Musikalische √úbungen, Spezialwissen (die meine Doktorpr√ľfungen unterst√ľtzen sollen) und Suggestionsmaterial.

Andreas D√ľckhofer: Was hat es mit den Suggestionsmaterialien auf sich?

Norman Schultz: Um die Gewohnheiten zu st√§rken habe ich die Erfahrung gemacht, dass sich gewisse Suggestionsmaterialien, die ich selbst (!) w√§hle, helfen k√∂nnen. Ich lade mir dazu entsprechende Sendungen, die zum Beispiel das Thema „Gewohnheiten“ betreffen, herunter. Ich habe dabei die Erfahrung gemacht, dass gerade derartige Materialien am meisten helfen, gewisse Ziele zu verfolgen. So motivieren mich zum Beispiel verschiedene Fernsehsendungen beim Laufen zum Laufen. Es setzt Anreize, ist unterhaltsam und informiert nochmal √ľber das, was ich tue.

Andreas D√ľckhofer: H√∂rt sich an, wie das √úberraschungsei f√ľr den Erwachsenen.

Norman Schultz: Da die passiven Lernmaterialien mit unseren anderen, aktiven Lernritualen abgestimmt sein m√ľssen, ist es h√§ufig schwer, das Passende zu finden. Eine gute Zusammenstellung ist schwierig. Anstatt daher nur auf passive Lernmaterialien zu setzen, bietet es sich daher an, auf Suggestionsmaterialien zu setzen, die langfristig bestimmte Verhaltens√§nderungen anregen. Das ist schon Spa√ü ja.

Andreas D√ľckhofer: K√∂nnen denn Verhaltens√§nderung tats√§chlich passiv erlernt werden?

Norman Schultz: Interessanter Weise kommt es beim Thema Verhaltens√§nderung tats√§chlich nur auf sehr kleine Stellschrauben an. Ich verbinde hier die Theorie des passiven Lernens mit der von den Mikrogewohnheiten. Alexander Schwarz macht dieses ja gerade in Deutschland bekannt. Ein Gespr√§ch hierzu findet sich bei Youtube. Ich bin der √úberzeugung, dass gerade solche Gespr√§che, das passive Lernen unterst√ľtzen k√∂nnen.

Aus dem Gespr√§ch geht hervor, dass kleine Mikrogewohnheiten, uns nachhaltig ver√§ndern. Das hei√üt, wir m√ľssen nach und nach solche passiven Lernmaterialien entdecken, die solche kleinen Verhaltens√§nderungen motivieren, so dass wir auch dabei bleiben. Wenn passives Lernen darin besteht Anreize zu setzen, dann halte ich solche Suggestionsmaterialien f√ľr die sinnvollsten.

Ich hoffe, der Artikel war informativ und interessant, ein bisschen √ľbe ich ja hier daran. Wenn ihr mir weiter folgen wollt, dann added mich doch bitte bei¬†Google+, abonniert mich per¬†E-mail¬†oder tretet der¬†Facebookgruppe¬†oben rechts bei. Ein¬†RSS-Feed¬†ist nat√ľrlich auch vorhanden. Ansonsten k√∂nnt ihr mich gerne anschreiben oder einen konstruktiven (!) Kommentar hinterlassen. Ansonsten w√§re weiterempfehlen ganz nett.

 

Norman Schultz, Andreas D√ľckhofer

Neubrandenburg 2014

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Neoliberale Tendenzen in der Quantify-Yourself-Bewegung? Von der Vermessung des Selbst als Tugend-Wissenschaft

In diesem Artikel geht es um die Kritik an der Quantify-Yourself-Bewegung, wobei vor allem eine Nähe zum Neoliberalismus im Mittelpunkt steht. Diese Kritik ist meines Erachtens falsch und wir zeigen an exemplarischen Argumenten, warum diese Nähe nicht ohne Weiteres behauptet werden kann.

Quantify-Yourself, das ist in Soziologensprache Ausdruck f√ľr die Kolonialisierung der Lebenswelt durch die Systemwelt. In den Trauersoziologien sind Datenerhebung und Selbstbeobachtung schon lange Teufelszeug. Wo der Soziologe, die schleichende Kolonialisierung der Lebenswelt durch Zahlen vermutet, dort findet er auch die Stellschrauben des entmenschlichten Kapitalisten und zwar in Form von gnadenlosen Zahlen. Anders lassen sich derartige √Ąu√üerungen von Stefan Selke kaum erkl√§ren:¬†

„Hinter der progressiv klingenden Formel „Self-knowledge through numbers“ […] bildet sich bei n√§herem Hinsehen in Reinform neoliberales Denkens ab. Nur passt das so gar nicht mit den flammenden Herzen und coolen Geschichten zusammen, die auf den QS-Meetups erz√§hlt werden.“ (http://www.heise.de/tp/artikel/41/41910/1.html)

Dieser Absatz suggeriert hinter einer Bewegung, die sich in besserem Licht darauf konzentriert, Tugenden zu entwickeln, eine Verschw√∂rung. Als w√ľrde die Quantify-Yourself-Bewegung einen gewissen Enthusiasmus, ein Brennen f√ľr die Selbstverbesserung nur vorgeben, w√§hrend sich dahinter die dunkle Verschw√∂rung der Neoliberalisierung verbirgt. Mit anderen Worten, jeder, der sich dann seine Alltagsgewohnheiten notiert, ist zugleich Marionette im Spiel der M√§chte.

Aber um es klar zu sagen, nat√ľrlich ist es nicht zu leugnen, dass es neoliberale Tendenzen in unseren sozialen Gef√ľgen gibt. Es ist dabei nur unklar, inwiefern einzelne Akteure von der so genannten Mikroebene daf√ľr verantwortlich sein sollen, dass sich ein Makroebenenph√§nomen als Neoliberalisierung zeigt. Hier √ľbersieht der Soziologe n√§mlich den gravierenden Unterschied zwischen den Mikrointeressen der Akteure, die auf der Mikroebene im sozialen Umfeld agieren, und den gesellschaftlichen Ph√§nomenen, die wir dann im Aggregat auf der Makroebene beobachten k√∂nnen. Dieses Problem wird auch unter dem Stichwort Ph√§nomen der dritten Art beschrieben.

Ph√§nomene der dritten Art sind Ph√§nomene, die weder nat√ľrlich noch durch die Akteure gewollt sind. Das hei√üt mit dem Wort „Ph√§mon der dritten Art“ beschreiben wir Ereignisse, die durch menschlichen Verhalten verursacht werden, aber von den Menschen nicht intendiert sind. So k√∂nnen wir zum Beispiel einen Stau erkl√§ren: Weil alle Verkehrsteilnehmer den Sicherheitsabstand zu gering halten, kommt es bei unvorhergesehenen Ereignissen zum Bremsen, das st√§rker als n√∂tig eine Kettenreaktion fortsetzt. Wir haben einen Stau. Nun aber w√§re es verkehrt anzunehmen, dass die Verkehrsteilnehmer diesen Stau gewollt h√§tten. Sagen wir nun, zu dichtes Auffahren (ein Ph√§nomen auf der Mikroebene) w√§re eindeutig Zeichen daf√ľr, dass die Akteure einen „Stau“ wollen, so sind wir auf dem Holzweg. Das gleiche Problem tritt auf, wenn wir Singles beschuldigen, die Bev√∂lkerungspyramide mutma√ülich kaputt zu machen.

Bauen wir also allzu schnell kausale Beziehungen zwischen Makroebene und Mikroebene auf, so kommen wir zu merkw√ľrdigen Aussagen wie dieser:

„Datenreihen sind ein untr√ľgliches Kennzeichen der Neoliberalisierung.“¬†(http://www.heise.de/tp/artikel/41/41910/1.html)

Fotothek df tg 0004633 Geometrie ^ Vermessung

Mathematiker als Prototypen der Neoliberalisierung?

Vor allem da Datenreihen von einem „verabsolutierten Wettbewerb“ zeugen w√ľrden, der „technokratische Unerbitterlichkeit“ in alle Lebensbereiche bringt, m√ľssen wir also jemanden, der ein Interesse an Daten hat, misstrauen? Da fragt sich, inwiefern dann Mathematiker, die sich f√ľr Zahlentheorie interessieren, „untr√ľglich“ den Turbo-Kapitalismus verfechten.

Wir beobachten diese Argumentationsstrategien ja häufig. So macht sich ja auch Ken Jebsen regelmäßig daran, allen ZEIT- oder SPIEGEL-Lesern Mittäterschaft am Ukrainekonflikt zu unterstellen. Da geht einer also ahnungslos durch die Nachrichtenmagazine im Internet und schon hat er Tausende ermordet oder wie ein Self-Tracker eben ganze Arbeitsbereiche versklavt.

Aber nochmal, was ist The Quantified Self. Bei Wikipedia heißt es schlicht: The Quantified Self

‚Äúist ein Netzwerk aus Anwendern und Anbietern von Methoden sowie Hard- und Softwarel√∂sungen, mit deren Hilfe sie z.B. umwelt- und personenbezogene Daten aufzeichnen, analysieren und auswerten. Ein zentrales Ziel stellt dabei der Erkenntnisgewinn u.a. zu pers√∂nlichen, gesundheitlich- und sportlichen, aber auch gewohnheitsspezifischen Fragestellungen dar.“¬†http://de.wikipedia.org/wiki/Quantified_Self

Gerade auf den individuellen Erkenntnisgewinn geht der Autor von Heise.de allerdings nicht ein.¬†Der Soziologe, weil er eben alle Erscheinungen immer durch Kausalbeziehungen innerhalb des Sozialen erkennen will, kann nicht sehen, dass hier auch eine Tugendwissenschaft am Werke ist, n√§mlich die Wissenschaft von der Verbesserung des Selbst. Diese Frage nach der eigenen sozial unabh√§ngigen Normierung, bei Aristoteles auch noch „Ethik“ genannt, kann f√ľr den Soziologen nicht sichtbar sein, weil sie sich nicht an empirischen Parametern orientiert, sondern transzendentale Voraussetzung f√ľr Handlungen darstellt.

Doch auch einen anderen, wesentlichen Punkt √ľbersehen Kritiker dieser Bewegung. Wir alle wollen handeln und zwar nach bestem Wissen. Der Mensch strebt von Natur aus nach Wissen und alle handeln auch in gewisser Variation nach vermeintlichem Wissen. Bei empirischen Fragestellungen aber, m√ľssen wir nach induktivem Wissen verfahren und nicht normativ. Zu h√§ufig h√∂ren wir jedoch bei empirischen Fragestellungen anekdotisches Wissen, wobei allein durch Plausibilit√§t Wahrheit beansprucht wird. Hierauf baut die Wahrsager- wie auch die Hom√∂opathiindustrie, vor allem aber verarscht man so Leute. Demnach wurden zum Beispiel lange Zeit Fette verteufelt, ohne gute Datengrundlage wurde gemutma√üt, wie der K√∂rper zu funktionieren habe, danach wurde dann entschieden.¬†√Ąhnlich Mythen besagten, dass man bei Krankheit Vitamin C konsumieren m√ľsse, das Milch viel f√ľr die Knochen tut, weil viel Calcium drin ist, dass Veganer nach wenigen Monaten sterben m√ľssen, dass das Knie durch halbe Kniebeuge entlastet werde (http://www.wer-weiss-was.de/fitness-gesundheit/sind-kniebeugen-jetzt-schlecht-fuer-die-knie). Die Liste k√∂nnten wir endlos fortsetzen. Letzten Endes w√ľrden wir auch glauben, dass Eskimos drei Millionen W√∂rter f√ľr Schnee haben. Warum? Weil es plausibel ist. Plausibilit√§t ist allerdings nur ein notwendiges Kriterium f√ľr Wissen (manchmal nicht mal das), hinreichend sind jedoch Daten, die vorl√§ufiges Wissen erlauben. Niemand zum Beispiel in der Medizin verschreibt ein Medikament aufgrund von Plausibilit√§tserw√§gungen, sondern Medikamente m√ľssen Daten geben. Das ist keine Neoliberalisierung, sondern empirische Wissenschaft und zielt in erster Linie auf Wissensvermehrung.

Die Quantify-Yourself-Bewegungen bildet daher auch einen Trend zu h√∂herer Bildung in der Gesellschaft ab. Als Soziologe h√§tte ja auch eine Quantifizierung dazu reichen m√ľssen, dass vermutlich vor allem Gebildete in dieser Bewegung zu finden sind, das hei√üt einen h√∂heren Abschluss haben. Neben der qualitativen Analyse, die einige Soziologen vollziehen, ist n√§mlich ein wesentlicher Schritt auf Evidenz basierende Verfahren zur√ľckzugreifen. Der n√§chste Schritt der Gesellschaft im Verstehen von Realit√§t ist daher eine statistische Grundausbildung an Schulen und dieses statistische Wissen, obwohl so grundlegend, wird noch nicht mal in der Schule gelehrt. Deswegen k√∂nnen die Normalb√ľrger auch wenig mit den Begriffen Korrelation und Kausalit√§t anfangen und kaufen daher Hom√∂opathie, glauben, dass wir Mitt√§ter sind, wenn wir die ZEIT aufschlagen und sehen in der Quantify-Yourself-Bewegung eine Bedrohung f√ľr ihre deutsche Gem√ľtlichkeit. Die Quantify-Yourself-Bewegung kann jedoch aus diesem Grund auch als Schritt zu h√∂herer Bildung betrachtet werden, da sie sich nicht mehr mit Plausibilit√§t zu frieden gibt, sondern Daten verlangt.

Aber was macht der Soziologie in Abendlandsuntergangsstimmung? Er greift zu dem erst besten¬†Slippery Slope Argument und verkn√ľpft im Handstreich Mikro und Makroebene:

„Von der √úbertragung der Idee der „Kennzahlenoptimierung“ von Konzernen und Unternehmen auf den einzelnen Arbeitnehmer, der sich am Ende als „digitaler Sklave“ f√ľhlt [der Satz ist so unvollst√§ndig im Original wie auch das Argument]. „Teil des Begriffs ist, dass der Herr in der Lage ist, jede Bewegung des Sklaven nach Zeitpunkt, Position, Geschwindigkeit und Richtung zu √ľberpr√ľfen.“[1]als eine Rationalisierung der Rationalisierung. „Niemand entgeht dem verwandelnden Feuer der Maschine“, das bedeutet auch, dass Arbeitnehmer, die den (erhofften) Effizienzanforderungen nicht mehr gen√ľgen, aussortiert werden.“

So einfach ist das also, da geht einer einmal seinen Blutdruck messen und Zack hat er den Untergang des Abendlandes verursacht. Da liest einmal einer die ZEIT und Zack hat er tausend Leute in der Ukraine ermordet. Nun diese Argumentation sollte der Soziologe wohl mit Zahlen unterf√ľttern, aber Zack dann w√§re ja das Abendland untergegangen.

Nat√ľrlich ist dieses Ph√§nomen des Kaizens (so hei√üt ja die japanische Disziplin der „kontinuierlichen Verbesserung“, die in der Industrie zum Einsatz kommt) nun auch derart rationalisiert, dass es die individuelle Eigenmessung miteinbezieht, aber hier m√ľssen nochmals eine grundlegende Unterscheidung anbringen. Ein gesamtgesellschaftliches Ph√§nomen, das sich als Aggregat von vielen Einzelinteressen zeigt, unterscheidet sich von den individuellen Einzelinteressen der Self-Tracker.¬†Genau aus diesem Grund stehen ja Verschw√∂rungstheoretiker so hilflos in der Ecke, weil sie den Aktor, der f√ľr die Aggregate verantwortlich sein soll, nicht ausfindig machen k√∂nnen und das weil es wom√∂glich keinen gibt, sondern weil es sich um Ph√§nomene der dritten Art handelt.

Wer will schon den Verusacher von Staus ausmachen? Verschw√∂rungstheoretiker sind derweil verzweifelter als Theologen, die versuchen Gott nachzusp√ľren. Irgendwer muss schlie√ülich die Welt gebaut haben. Das war dann Gott. Irgendwer muss schlie√ülich den Kapitalismus wollen, die Illuminati sind geboren. Irgendwer muss ja unsere Neoliberalisierung verursachen. Das sind dann Self-Tracker. Verschw√∂rungstheoretiker glauben an geschickte Superschurken, weil, so wie die Welt einen Sch√∂pfer braucht, f√ľr Makroph√§nomene auch jemand verantwortlich sein muss.

Die Gegenhypothese ist aber, dass sich im psychologischen Profil der Self-Tracker nicht neoliberales Denken abbildet, sondern schlicht Interesse f√ľr die M√∂glichkeiten der Wissensgewinnung am einzelnen K√∂rper entflammt. Es sind wohl wenige Selbstoptimierer, die ihren Lebensstil als Gesellschaftsmodell auslegen und neoliberalisieren wollen, sondern die eher den K√∂rper mit Zahlen derart numerieren, dass sie verl√§sslichere Aussagen √ľber sich machen k√∂nnen wollen. Das hei√üt es geht um Wissen (Ich gehe hier nicht auf etwaige Kritiken durch Foucault’sche √úberlegungen ein, bin mir aber sehr wohl bewusst, dass Wissen nicht neutral ist).

Wir k√∂nnen den Fortschritt zum evidenzbasierten Wissen dabei auch durchaus als entscheidenden Schritt wahrnehmen. Anstatt n√§mlich auf Plausibilit√§tserkl√§rungen zu vertrauen (die ohne Basis rein deduktiv argumentieren, was wohl nur im normativen Bereich sein sollte), legt die Quantify-Yourself-Bewegung den Fokus auf die statistische Auswertung, das hei√üt auf Induktion. Damit sind Self-Tracker dann auch weniger anf√§llig f√ľr das Gew√§sch, das uns eine mystische Hom√∂opathibewegung verkauft. Hinter der Idee, dass Zahlen nicht l√ľgen, steckt nicht nur die Idee, dass wir eine eine Kolonialisierung der Lebenswelt durch die Systemwelt entgegensehen, sondern eben auch, dass Quacksalver und dunkle Verschw√∂rungstheoretiker weniger Chancen haben.

Im Artikel heißt es dann jedoch:

„Gegenw√§rtig scheint es kaum Mittel zur Eind√§mmung des Feuers zu geben. Zu viele w√§rmen sich daran oder sind zumindest geblendet, weil sie die damit verbundenen Risiken nicht sehen wollen oder k√∂nnen. Vielleicht ist es ja wirklich attraktiv, seine eigenen „Leistungsdaten“ wie die Umdrehungen einer Maschine einzustellen.“

Wir sollen also wegen potentiellen Makroph√§nomenen, die gesellschaftlich kontrolliert werden m√ľssen, auf individuelles Wissen verzichten? Dieses Slippery Slope Argument stellt genau besehen kein Argument dar. Ich kann so zum Beispiel sagen, ich verwehre mich Facebook, weil ich dieser Datenkrake keinen Vorschub leisten will. Ich k√∂nnte genauso gut auf Google-Suchen verzichten. Genauso kann ich verzichten am Bildungswettbewerb teilzunehmen. Doch obwohl diese normativen Entscheidungen unter Umst√§nden l√∂blich sind, sie √§ndern nichts an dem gesellschaftlichen Ph√§nomen zur Quantifizierung. Das hei√üt sie n√ľtzen nicht der Gesellschaft, schaden aber dem Individuum. Das hei√üt der Autor verwechselt die individuelle Entscheidungsmacht mit den Polivalenzen von Macht, die sich im Aggregat ergeben. Dieses sollte doch einem Soziologen nicht so leicht aus der Hand gleiten.

Sagen wir es mal klar: Nat√ľrlich kann ich auf Facebook verzichten, aber das Individuum in der Bewegung ertr√§gt dann einen Verlust, wobei es den gesamtgesellschaftlichen Trend nicht umkehrt. Ich behaupte daher, dass Individuen ganz im Sinne des kleinen Denkens sich stoisch auf die Bereiche konzentrieren m√ľssen, die sie tats√§chlich ver√§ndern k√∂nnen und da ist eben Self-Tracking eine M√∂glichkeit (Im Sinne einer empirischen Soziologie w√§re es tats√§chlich sehr interessant, ein psychologisches Profil des Durchschnittstrackers zu haben. Wie viele w√§hlen zum Beispiel die FDP oder √§hnliche Neoliberale Parteien. Wieviele davon folgen anderen Tugenden etc. Der Artikel mutma√üt nur).

Kant foto

Kants kategorischer Imperativ setzt auf eine l√ľckenlose Verbindung zwischen Mikro und Makroebene

Ich bezweifle daher √ľbrigens im Fall der Self-Tracker, auch wenn sie in neoliberale Tendenzen einzuordnen w√§ren, dass das Kantische Universalisierungsgebot greift, n√§mlich dass wir jederzeit eine Maxime des Handelns bilden m√ľssen, die zugleich auch als Regel f√ľr ein allgemeines Gesetz gelten kann. Wenn Self-Tracker f√ľr Neoliberalisierung verantwortlich w√§ren, dann m√ľssten sie nach dem kategorischen Imperativ auf diese Handlungsweisen verzichten. Ich lehne aber den kategorischen Imperativ in Bezug auf die Quantify-Yourself-Bewegung aus drei Gr√ľnden ab:

1) Es ist unklar, inwiefern die Einzelhandlungen hier das Aggregat der Neoliberalisierung ergeben sollen (wie oben diskutiert). Das hei√üt wir k√∂nnen keine Universalisierung durchf√ľhren.

2) Es ist unklar, inwiefern die Quantify-Yourself-Bewegung im Aggregat einen positiven Beitrag f√ľr unsere Gesellschaft leistet, n√§mlich dadurch dass sie auf statistisches Wissen zur√ľckgreift (wie oben diskutiert). Das hei√üt eine Universalisierung ist wiederum schwer

3) Es ist denkbar, dass Quantify-Yourself positive wie auch negative Konsequenzen hat, die nicht im Machtbereich des Individuums liegen, sondern an den Makrohebeln der Gesellschaft justiert werden m√ľssen. Mit „Makrohebeln“ meine ich Politik und dieser dritte Punkt spricht gegen eine universelle Anwendung des Kategorischen Imperativs, weil eine Verkn√ľpfung zwischen Mikro und Makroebene kausal nicht m√∂glich ist.

Unsere Gesellschaft ist immer motiviert, besser zu sein als sie ist, aber auch Ausgleichsressorts zu schaffen. Deswegen sind die folgenden Aussagen des heise-Aritkels auch dramatisch falsch in Bezug auf die Quantify-Yourself-Bewegung:

„Vielleicht lebt es sich ja gut, mit einem Kilometerz√§hler im Kopf und der Objektivierung von Lebensbez√ľgen durch mechanische Aufzeichnung von Daten.Ich m√∂chte jedoch weiterhin Pausen machen, wann ich m√∂chte, mein Auto selbst steuern und in einem Flugzeug sitzen, das von einem Menschen pilotiert wird, anstatt von einer Maschine. Zumindest m√∂chte ich erst einmal mit eigenen Augen sehen, wie sich Kevin Kelly tats√§chlich in ein Flugzeug setzt, das ausschlie√ülich von einem Autopiloten gesteuert wird.“

Diese Pausen vom Arbeitsalltag sind auch weiterhin gestattet und jeder, der sich der Quantify-Yourself-Bewegung anschlie√üt, hat zugleich das Ziel aus der Effizienz heraus, diese Freir√§ume zu gewinnen. K√∂nnte es so zum Beispiel sein, dass Self-Tracker eine positivere Gl√ľcksbillanz haben, weil sie mit ihrer Freizeit effizienter umgehen? Die quantifizierende Gl√ľcksforschung w√§re hier zum Beispiel angebracht und nicht haltlose Mutma√üungen. Und um auf Plausibilit√§t zur√ľckzugreifen: Ist es nicht intelligent, Arbeit im Autopilot durchzuf√ľhren, um dann die Freizeit f√ľr sich zu haben?

Zweitens, die Tatsache , dass wir Flugzeuge besteigen k√∂nnen, geht bereits auf eine solche Quantifizierungsleistung unserer Gesellschaften zur√ľck, n√§mlich auf die ersten Schritt der Arbeitsteilung, die schlie√ülich jene komparativen Vorteile erbracht haben. Industrialisierung, die die Annehmlichkeiten des Luftfahrtverkehrs bereitstellt, ist nicht in den H√§ngematten entstanden.

Drittens, in Taiwan fahren die Menschen schon ganz gem√§chlich mit f√ľhrerlosen Bahnen und die meisten Piloten setzen automatische Landeman√∂ver ein. Hier nun meine Frage, wenn nachgewiesen werden kann (und zwar mit Daten), dass computergesteuerter Verkehr sicherer ist, w√§re es dann nicht sinnvoll diesen zu bevorzugen?

Der Artikel ist interessant, das bezweifle ich nicht. Wer sich allerdings ein besseres Bild von den Einzelinteressen der Self-Tracker machen will, der sei auf folgenden Podcast verwiesen. Ein sehr informatives Gespr√§ch. Johannes Kleske, Florian Schumacher und Christian Grasse sprechen dort √ľber ihre pers√∂nlichen Tracking- und Bodyhacking-Erfahrungen.

Und wer danach noch nicht genug hat. Ein ebenso interessantes Gespräch mit Innenperspektive.

Ich hoffe, der Artikel war informativ und interessant, ein bisschen √ľbe ich ja hier daran. Wenn ihr mir weiter folgen wollt, dann added mich doch bitte bei¬†Google+, abonniert mich per¬†E-mail¬†oder tretet der¬†Facebookgruppe¬†oben rechts bei. Ein¬†RSS-Feed¬†ist nat√ľrlich auch vorhanden. Ansonsten k√∂nnt ihr mich gerne anschreiben oder einen konstruktiven (!) Kommentar hinterlassen. Ansonsten w√§re weiterempfehlen ganz nett.

Norman Schultz

Neubrandenburg Juni 2014

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