Ist photographisches Lesen möglich? Zu den Grenzen des Schnelllesens (Teil2)

Im letzten Beitrag hatte ich mich ja zu den dubiosen Kehrseiten und Grenzen des Schnelllesens geäußert. Diesen verquasten Theorien von Menschen im Selbststeigerungswahn fehlt die Skepsis der Philosophie. Mit dieser würde nicht viel übrig bleiben von den meisten Heilsversprechen der Speedreader und Mental Coaches. Obwohl ich aber auch aus Erfahrung den meisten Schnellleseversprechen skeptisch gegenüber stehe, stellt sich mir dennoch die Frage, ob es im Gehirn Hebel gibt, die einfach umgestellt, alte Grenzen des Geistes überwinden lassen. Ist es möglich sein Gehirn zu tunen oder wie einen Muskel zu trainieren? (Artikelbild: By angela bonas (feito por mim) [Public domain], via Wikimedia Commons)

Lesen

Lesen mit voller Konzentration. So macht Lesen skeptisch und langsam! By Mirdsson2 (Own work) CC-BY-SA-3.0-2.5-2.0-1.0 via Wikimedia Commons

Nun im Bereich des Schnelllesens gibt es zumindest Menschen, die zu außergewöhnlichen Leistungen in der Lage sind. Der Verdacht liegt nah, dass nicht nur Kim Peak, sondern tendenziell auch andere Menschen in der Lage sind, Lesegeschwindigkeiten von über 1000 Wörtern pro Minute zu erreichen. Dies bedeutet ein 300 Seitiges Buch in ungefähr eineinhalb Stunden zu lesen. So wie eine philosophischeGrundeinstellung oder das Klavierspiel durch Übung möglich sind, sollten doch andere Grenzleistungen möglich sein. Klären wir also mal zum Schnelllesen ein paar Fragen

Kann mit Schnelllesetechniken auch ein philosophisch schweres Buch vernascht werden?

Mit einer Geschwindigkeit von 10.000 Wörtern pro Minute kann dieses nicht möglich sein, es sei denn derjenige besitzt hinzukommend zur Lesegeschwindigkeit noch ein außergewöhnliches Maß an Intelligenz. Der reine Lesevorgang bedeutet ja nicht, dass wir damit schon verstanden hätten. Wohl aber stellt die meiste Belletristik mit ihrer Redundanz, das heißt der beständigen Wiederholung derselben Gedanken eine Unterforderung dar, so dass es vorstellbar ist, diese mit hoher Geschwindigkeit aufzunehmen. Bei der Philosophie hingegen bedarf es eines Höchstmaßes an genauem Überlegen als auch der entsprechend philosophischen Wertung der Gedanken. Das reine Lesen eines philosophischen Werkes ist daher keine Vermehrung von Wissen, sondern Zeitverschwendung.

An dieser Stelle kann sogleich auch mit dem Mythos aufgeräumt werden, das Wissen eine bloße Aufnahme von Daten wäre. Gut, das ist den meisten hier schon bekannt, es kommt philosophisch betrachtet allerdings auch darauf an, einen Gegenbegriff in Bezug auf das Ganze zu entwickeln. Ein moderner Wissensbegriff wurde von dem Linguisten Gerd Antos aus Halle entwickelt. Für alle die dieser Wissensbegriff in seiner groben Konzeption interessiert, habe ich Ausführungen dazu auf meinem Philosophieblog „Fahrenheit“ hinterlegt.

Lesser Ury Im Cafe Bauer 1898

Lesen bei voller Konzentration. Lesser Ury Public domain, via Wikimedia Commons

Es sei hier soviel gesagt, dass ihr mit viel Lesen meines Erachtens nicht intelligenter oder weiser werdet. Die Verknüpfung des Gelesenen zu eigenen Texten ist für mich hingegen das entscheidende Kriterium. Hierbei steht vor allem das Thema des Selbstgenerierens im Vordergrund.

Aus diesen Verständnisdefiziten ist das Schnelllesen wohl nur für Menschen geeignet, die sich schnell Überblicke verschaffen müssen. Das schnelle Lesen kann wohl helfen, überflüssige Literatur schnell zu selektieren. Hier aber kommen wir eher zum Thema Leseeffizienz.

Wie schnell kann ich lesen?

Die Lesegeschwindigkeiten müssten genauer in einem Range angeben werden. Mein Range beträgt derzeit 30-1000 Wörter pro Minute. Bei philosophischer Literatur lese ich extrem langsam, obwohl es zumeist auch sehr lohnend ist. Bei nicht-philosophischer Literatur hingegen, wo ich den Bereich von 1000 Wörtern pro Minute vordringe, hätte ich mir die Lektüre zumeist auch sparen können. Dies ist aber vielfältig von meinen Interessen abhängig. Für einen Germanistikstudenten mit Schwerpunkt auf Deutsche Literatur kann es sehr sinnvoll sein, sich bestimmte einfache Literatur schnell reinzuziehen.

Wie teuer sind Seminare zum echten Schnelllesen?

Nach etwas älteren Recherchen entsinne ich mich auf einen Preis von 12.000 Euro für verschiedene Trainingstreffen und telefonisches Coaching über einen Zeitraum von 6 Monaten. Ich erzähle dies allerdings nur aus der Erinnerung. Für Autodidakten lautet die schlechte Nachricht, dass sie Grenzen über 1000 Wörtern pro Minute nicht erreichen werden, da eine ganz andere Art zu lesen erlernt werden muss. So geben auch die Michelmanns (Experten in diesem Bereich) einen qualitativen Sprung von 1000 WpM zu 6000 WpM an. Bis 1000 Wörter pro Minute könnt ihr euch mit den alten Techniken maximal steigern. Für Geschwindigkeiten von 4000 Wörtern pro Minute ist allerdings eine ganz andere Technik nötig. Der Lernprozess ist sehr aufwändig, da ihr erstmal Text lest, aber nichts versteht. Der Trainer achtet dann darauf, ob ihr alle Bewegungen richtig durchführt, die Augen werden beispielsweise mit speziellen Videokameras abgefilmt. Es kommt darauf an, zunächst nur die Bewegungen zu verinnerlichen und dies über einen langen Zeitraum.

Bei einer kleinen Stichprobe deren Auswertung ich entdecken konnte, betrug die Erfolgsquote allerdings auch nur um die 15%. Das heißt, es ist eine hohe Risikoinvestition mit einer fragwürdigen Gewinnausschüttung. Vielleicht kauft ihr euch daher lieber einen Kleinwagen, um eure Zeit bei öffentlichen Verkehrsmitteln zu sparen?

Zweitägige Seminare mit mehreren Teilnehmern zum simplen Geschwindigkeitssteigern kosten ca. 100 Euro. Diese Techniken könnt ihr allerdings auch autodidaktisch erwerben, was für viele immerhin noch eine 2 bis 4-fache Steigerung und somit Zeitersparnis bedeutet. Habt ihr früher ein Buch in einer Stunde gelesen, so könnt ihr es dann in 15 Minuten. Zudem nehmt ihr die Inhalte besser und nachhaltiger auf. Wie gesagt für komplexe Stoffe gilt aber vor allem langsames und verstehendes Lesen.

Wo finde ich echtes Schnelllesen?

Lasst euch von den Seiten im Internet nicht verwirren, die wollen euch nur etwas verkaufen. Auf den Seiten diverser Schnelllesetrainer heißt es da:

„Es ist, als ob mein Gehirn seinen Turbolader eingeschaltet hat – und das nicht nur beim Lesen! Ich kann jedem nur empfehlen, eins der Seminare mitzumachen! Man lernt mit Leichtigkeit und viel Spaß – eben gehirngerecht.“

Die Michelmanns sind wohl die erfahrensten Trainer im Schnelllesen, allerdings möchte ich mich auch nicht für diese Seite verbürgen. Darüberhinaus ist die Seite der Deutschen Gesellschaft für Schnelllesen wohl eine erste Anlaufstelle.

Was bringt Schnelllesen für anspruchsvolle Projekte wie Philosophie?

Eine Philosophie des Schnelllesens kann es in der Philosophie selbst nicht geben. Die Lesegeschwindigkeit ist hier nicht steigerbar, sondern immer abhängig von der Geschwindigkeit des Verstehens. Während wir von Belletristik oder simpler technischer Literatur in der Regel selbst noch mit Geschwindigkeiten von 20.000 Wörtern pro Minute unterfordert wären, so überfordert eine Seite des Philosophen Kant den Verstand auf Jahre hinaus. Dies hängt vor allem damit zusammen, dass wir in der Philosophie nicht hier oder dort über ein Problem sprechen, sondern das Ganze in seinen Grenzen versuchen zu denken. Schnelllesen mag uns dabei helfen, sinnvolle von sinnloser Literatur schnell zu trennen, die Grenze dieser Unterscheidung legt aber das Denken mit seiner Zielorientierung auf die Vernunft fest und dies ist die Geschwindigkeit der Philosophie. Die Philosophie ist damit die Konstante, zu der sich all unser Denken in seiner möglichen Geschwindigkeit verhält.

Ich hoffe der Artikel war nützlich und hat einige interessante Informationen zusammengetragen, wenn ja dann bitte teilen. Außerdem added mich doch bitte bei Google+, abonniert mich per E-mail oder tretet der Facebookgruppe oben rechts bei. Ein RSS-Feed ist natürlich auch vorhanden sowie eine Pinterestwall zum Thema Lernen. Ansonsten könnt ihr mich gerne anschreiben, wenn ihr mal gemeinsame Projekte im Sinn habt. Ach und teilen, wäre auch nett, damit ich das hier nicht immer nur für mich schreibe.

Vielen Dank Norman Schultz.

 

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5 Antworten auf Ist photographisches Lesen möglich? Zu den Grenzen des Schnelllesens (Teil2)

  1. xtreme sagt:

    Hab ich das richtig erfasst, dass schnelllesen, ihrer Meinung nur oberflächliches Lesen ist?
    Irgendwie wird mir nicht so richtig klar, was wirklich so schlecht am Schnellesen sein soll. Sie drücken sich ziemlich negativ aus, ohne wirklich zu sagen was genau daran schlecht ist.
    Nur so mal am Rande was mir so auffält, sie haben ne klare Vorstellung von der Welt, wie die Dinge zu sein haben. Was Quatsch ist und was nicht. Jedoch ist das nicht eine oberflächliche Denkweise?
    Wie die Dinge sind, ist das nicht eher eine Definitionssache?
    Haben sie wirklich mal die Dinge von verschiedenen Perspektiven betrachtet?
    Dabei würde es mich interessieren, was sie dazu sagen ob es richtig und falsch gibt?

    • Hallo ich gebe mir Mühe, Dinge aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten, denke aber auch, dass es einige unveränderliche Grundlagen unserer Erkenntnisse gibt. Dementsprechend denke ich auch, dass es richtig und falsch gibt. Das ist nun nicht einfach nur eine Meinung, die ich mir eben gerade gebildet habe, sondern dieses ist einer meiner Hauptforschungsbereiche. Auf der anderen Seite heißt dies nicht, dass ich mich anderen Meinungen vollständig verschließe. Ich stehe im häufigen Kontakt mit den Michelmanns, die natürlich anderer Meinung sind als ich, die kritischer Distanz dieser Artikel jedoch schätzen. Ich denke, dass diese skeptische Grundhaltung hinsichtlich des Schnelllesens daher nicht verkehrt ist und sie vielen Fragen haben wir ähnliche Positionen.

      Zum Inhalt: Ich gehe nicht davon aus, dass Schnelllesen oberflächliches Lesen ist, aber dass die Lesegeschwindigkeit die Verstehensgeschwindigkeit nicht überschreiten kann. Hier stimmen mir auch die Michelmanns zu. Dies sind allerdings zunächst Hypothesen, die durch einige Erfahrungen gedeckt sind und im Hinblick auf ein paar psychologische Grundbegriffe kohärent sind. Ich lasse mich jedoch gerne eines besseren belehren.

      Vielen dank jedenfalls für den Kommentar.
      Norman.

  2. Berni sagt:

    Diese überteuerten Schnelllesekurse sind der letzte Unsinn.
    Da ich, obwohl ich weder Abi noch Studium absolviert habe, eben jene extreme Schnelllesegeschwindigkeit besitze, denke ich aufgrund dessen diese Situation halbwegs einschätzen zu können.
    Die Steigerung der Geschwindigkeit im Zusammenhang mit dem Textverständnis sind nur marginal, egal welche Techniken man hierzu anwendet.
    Das bedeutet sogar in meinem Fall, das auch ich meine bereits große Lesegeschwindigkeit auch durch Übung nur unwesentlich verbessern könnte – auch meine Kapazitäten sind endlich (und in einigen Bereichen enden sie auch wesentlich schneller …hmpf…;-).
    Das Geld wäre tatsächlich besser in ein Studium investiert, zumindest in einigen Fällen.

    Wobei ich eben auch aus meiner persönlichen Erfahrung annehmen möchte, das es schwierig wird unterschiedliche Bildungsschichten bzw. Wissenslücken (die nicht IMMER nur etwas mit Intelligenz oder dem fehlen selbiger zu tun haben müssen ) auf einen Rutsch zu vergleichen – denn dieser Vergleich hätte dann doch etwas unfaires.
    Sprich sie betrachten in ihrem Ansatz – denn ich generell sehr gut finde – nur ihre gehobene Bildungsschicht und leiten aus dieser Warte heraus alles weitere ab.

    Tatsächlich lese ich die Zeilen eher nicht, sondern erfasse mit den Augen ganze Sätze aufeinmal und verstehe sie auch in einem Rutsch, deswegen so denke ich, muß sich mein Gehirn beim Verarbeiten des Textes nicht mehr sonderlich anstrengen und somit ist es ihm möglich die Texte zügig zu lesen – da ich schlichtweg nicht mehr darüber nachdenken muss und nein ich spreche hier nicht von Philosophie, aber auch nicht von seichten Krimis oder Romanen.

    Allerdings und diese Augentechnik wird ja bei diesen Scharlatanen angesprochen, nützt das nichts, wenn das Gehirn dabei nur einen rießengroßen Buchstabensalat im Ganzen aufnimmt, statt der tatsächlich geschrieben Worte.

    • Hallo Berni,

      vielen Dank für den Kommentar. Ich werde bald einen anderen Artikel schreiben, da ich in der Zwischenzeit Kontakt mit den Michelmanns hatte und einen anderen Blick auf die Materie besitze. Dabei werde ich auch Ihren Kommentar ausführlicher auswerten. Aber es wird noch gut 2 Monate dauern, bis ich dazu komme.

  3. Berni sagt:

    Danke für´s melden, würde mich ja auch interessieren, was da noch an neuen Erfahrungen nachkommt – neugierig bin ;-).
    Was ich noch vergessen habe zu erwähnen und vielleicht nicht so ganz unbedeutend ist, bei mir wurde die Diagnose ADHS im Erwachsenenalter diagnostiziert – inwieweit das nun einen Einfluß auf´s Schnelllesen/Wiedergabe/Verständniss nehmen könnte, kann ich natürlich nur erahnen.
    Als Laie kann ich diesbezüglich zwar recherchieren und die einzelnen Themenbereiche zu dieser Thematik versuchen logisch miteinander zu verknüpfen, aber eine echte fundierte Aussage ist das dann natürlich nicht.
    Bezüglich ADHS ist vielleicht noch erwähnenswert, das nicht bei jedem mit dieser Diagnose alle Symptome vorhanden sein müssen und auch je nach Schwere nicht so ausgeprägt sind.
    ADHS im Erwachsenenalter ist auch nochmal was komplett anderes in seiner Außenwirkung als in der Kindheit, ebenso ist z.B. die Höhe des IQ´s bei ADHS´lern genauso gerecht verteilt wie für den Rest der Menschheit ;-) .
    Ich denke, das könnte auch an meiner schlechten Reizfilterung liegen, soll bedeuten mitunter ist es für mich ein schwieriges Unterfangen beispielsweise Sinneseindrücke in meiner Umwelt auszublenden (wie es die meisten normalen Menschen können, ist auch besser für die Nerven).

    Bin gespannt, bis dahin,

    LG, Berni

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