Echtes Schnelllesen – Mehr als 1000 Wörter pro Minute lesen

Es war immer mein Traum Wissen in mich hinein zu pumpen. Bücher erschienen mir hier wie externe Wissensspeicher, die nur meinem Gehirn zugeführt werden mussten. In unserer Kultur herrscht die Vorstellung vor, dass Bücher eine Art emotionaler, nürnberger Trichter seien, ich aber glaube, dass Bücher selbst uns keineswegs schlauer mache. Heute weiß ich, dass eher die Verarbeitung und die Umkehrung in Produktivität entscheidend sind. Daher ist es auch nicht unbedingt entscheidend Masse zu verwerten.

Lonely Reader - A5

Philosophie und die Grenzen des Lesens (CC_Foto von h.koppdelaney)

Dennoch gibt es hin und wieder Aufgabenbereiche, die quantitativ abgearbeitet werden müssen, weil vor allem weltfremde Lehrer und Universitätsprofessoren einfach nur ein enormes Lesepensum abverlangen. Jeder hat in diesem Zusammenhang bestimmt schon von den Qualitäten des dynamischen Lesens gehört, wonach es möglich sein soll, ganze Buchkolosse in wenigen Stunden durchzupflügen. Dieser Artikel dient als Einführung in die Welt der Schnellleser (Titelbild: Carl Spitzweg [Public domain], via Wikimedia Commons).

Es gibt tatsächlich unglaubliche Lesegeschwindigkeiten, die zudem nicht nur Veranlagung sind, sondern die wir tatsächlich erlernen können. Wikipedia referenziert hier zum Beispiel Sean Adam aus den vereinigten Staaten, der mit einem Lesegeschwindigkeitsweltrekord von 3850 Wörter pro Minute gelistet wird. Dies bedeutet grob geschätzt 14 Seiten pro Minute. Ein 300- seitiges Buch ließe sich so in weniger als 30 Minuten lesen. Der Witz an der Sache sei sogar, dass wenn jemand diese Technik beherrscht, er den Inhalt sogar besser aufnehmen könne, da das Gehirn sich von der Langeweile des langsamen Lesens nicht ablenken müsse. Zudem würden auch die Augen durch weniger Bewegung geschont.

Fotothek df roe-neg 0006280 001 Porträt eines kleinen Jungen beim Lesen eines Bu

Früh übt sich, wenn man nicht nur Bilder schaut

Probleme beim Schnelllesen

Seit meinem 16. Lebensjahr beschäftige ich mich neben der Philosophie nun mit diesen Techniken des Schnelllesens, weil ich eben auch lange Zeit auf den Nürnberger Trichter hoffte. Wie gesagt, ich wollte vor allem viele Inhalte schnell, nachhaltig aufnehmen und lernen. Zum Schnelllesetraining verwendete ich viele Bücher, die damals auf dem Markt waren, die ich allerdings allesamt nicht empfehlen kann. Es gibt meines Erachtens kein gutes Buch zu diesem Thema. Nach Aussage von Peter Rösler, selbst Experte im Schnelllesen, käme es eher auf ein individuell eingestelltes Training an. Die meisten Wunderbücher taugen dabei wenig: „entweder das Buch taugt nicht zur Lesebeschleunigung, oder das Buch basiert auf dem verfehlten Hoch-Üben“ Eine Erfahrung, die ich durchaus bestätigen kann. Die meisten Bücher setzen auf zwei Ansätze: Zum einen auf die Verringerung der Subvokalisation (das heißt der Effekt, dass unser Kehlkopf automatisch mitschwingt, wenn wir an ein Wort nur denken); zum anderen auf die Verhinderung von Regressionen (das heißt, dem beständigen Zurückspringen im Text, wenn wir etwas nicht verstanden haben). Zumeist sind diese Ansätze dann mit einer dünnen Theorie unterfüttert, wo am Ende mehr Versprechungen als Resultate übrig bleiben. Die theoretische Erklärung selbst ist umstritten. Zwar macht es Sinn für diese beiden Parameter zu argumentieren, nur aber weil es plausibel ist, heißt das etwa nicht, dass wir einen Text auch schneller lesen würden. Experimente haben nach meinen Recherchen diese beiden Hypothesen nicht eindeutig belegen können.

Fotothek df roe-neg 0000130 001 Portrait eines Mannes beim Lesen

Wieviele Bücher kann man in einem Leben sinnvoll lesen?

Was ich allerdings mit dem Lesetraining erreichen konnte, waren Lesetemposteigerungen um das 2- bis 3-fache, was dann zu Lesegeschwindigkeiten von maximal 900 Wörtern pro Minute führte. Ich übte an guten Suhrkamp Büchern und schaffte vielleicht 3 Seiten pro Minute, was ungefähr dieser Lesegeschwindigkeit entsprach. Von philosophischen Büchern die „Wissenschaft der Logik“ des Philosophen Hegel war allerdings nicht zu träumen. Um ganz ehrlich zu sein, dort quäle ich mich noch heute in 10 Minuten-Sitzungen über nur eine Seite. Die ersehnten 10.000 Wörter pro Minute, die Techniken wie das Photo-Reading versprachen, blieben aus. Es wäre auch zu schön gewesen, das Buch „Kritik der reinen Vernunft“ des PhilosophenKant in 30 Minuten zu vernaschen. Das Schnelllesen funktionierte in diesem Sinne nur für Bücher mit sehr einfachem Stoff und ich hatte nicht das Gefühl, dass ich die Inhalte wirklich durchdachte, auch wenn ich sie sehr schnell aufnahm.

Die Grenzen des Schnelllesens und die Grenzen des Lernens

Den Text nur noch optisch aufnehmen, bedeutet eine Schallmauer zu durchbrechen und Texte wie ein Bild zu verarbeiten. Einer liest dann mit dem „Schwingfinger“, seine Augen versuchen nicht Sätze von Anfang bis Ende zu lesen, sondern in einer Bewusstseinseinheit aus Seitenelementen zusammenzusetzen, aber mehr als oberflächliches Lesen kommt beim autodidaktisch erworbenen Schnelllesen nicht heraus. Einer irrt mit seinen Augen über Worttürmchen, die beständig breiter werden. Er versucht dabei seine Blickwinkel zu weiten, aber was kommt dabei heraus? Nicht viel außer, dass einer sich selbst verwirrt.

Carl Spitzweg 017 (Der arme Poet)

Mehr als Lesen braucht es nicht.

Nichts desto trotz sind derlei Lesetrainings gerade bei Persönlichkeitsmanagern beliebt. Die Pseudowissenschaftsszene der Persönlichkeitsentfaltung verkauft dabei vor allem ein Versprechen. Ohnehin glauben ja Manager an ihren eigenen Erfolg als unabhängig von der Gesellschaft, warum also auch nicht an anderen Unfug? Die die Szene protzt dabei mit Begriffen: Dynamisches Lesen, Photographisches Lesen, Speed-Reading, Photreading, Scan-Reading (30 – 90.000 WpM !) und Alpha-Wellen-Lesen. Je tiefer ich in die Szene der dubiosen Bücher vordrang, desto verquaster wurden die Begriffe. Ich bin mir sicher, wäre ich diesen Pfaden gefolgt, so würde ich heute nicht Philosophsein (was schon genügend verrückt ist), sondern in irgendeinem weltfremden Sex-Kloster in Swaziland sitzen und über Inschriften in Grashalmen meditieren.

Das Kurioseste der Schnellleseversprechen war wohl Alpha-Wellen-Reading. Dieses war der abgehobenen Idee aufgesessen, dass unser Gehirn schließlich jeden Moment in einer Eins-zu-Eins-Kopie speichere. Der Undercover-Agent „Unterbewusstsein“, der uns stets begleitet und insgeheim wie in einer Verschwörung gegen unser Bewusstsein die Strippen zieht, sollte im Alpha-Wellen-Modus des Gehirns aktiviert werden, damit dann das geheime Wissen in uns selbst zugänglich werden würde.

Bundesarchiv Bild 183-1990-0122-009, Dresden, Russisch-Brot- Herstellung

Wie aus Materie Gedanken werden

In der Regel sind derartige Bücher nur der Einstieg in die Hoffnung auf Persönlichkeitsentfaltung. Wer tiefer in diese Persönlichkeitsmanagementtheorie hinabstieg, konnte auch erfahren, dass das gesamte Weltwissen in einer geheimen Meditationsebene gespeichert wäre, die nur zugänglich gemacht werden musste. Eine innere Bewusstseinssperre sollte nur entriegelt sein, um den Weg zur grenzenlosen Genialität freizugeben. Wer glaubt schließlich nicht insgeheim, dass in ihm hinter einer noch nicht entdeckten Grenze ein Genie verborgen sei? Dieser Riegel vor dem inneren Geist würde nur geöffnet werden müssen und der Einfall des Lichts in die Unterwelt des Unterbewusstseins würde unser selbst zum Guten wenden.

Die Szene der Bewusstseinssteigerung

Wohl ist es jener Mangel an Bildung über Wissenschaftlichkeit, der die Menschen in diese Kreise hinabstößt. Scientology entwickelte schließlich auch ein abgehalfteter Science-Fiction Autor, der mit einer Mischung aus schlechter Philosophie, Religion und Psychologie eine Religion aufbaute. Ron Hubbard war wohl einer der ersten, die das Interesse nach Selbststeigerung, das eigentlich der Philosophie und Religion als Überzeugung zu Grunde lag, entsprechend kommerzialisieren konnte, indem er eine Religion daraus machte.

Einst war ich in der Scientologyzentrale in Hamburg und hatte auf eine komplexe Gehirnwäsche gehofft. Ich wollte sehen, wie dies geht, mehr als Unfug konnten sie mir aber nicht erzählen. Auch die transzendentale Meditation verfährt ähnlich. David Lynch, der mir mit fuchtelnden Armbewegungen sein erleuchtetes Gehirn vorstellte, konnte mich auch nicht überzeugen. „The whole brain enlightened“ betonte er als er von angeblichen PET-Scans transzendental Meditierender sprach. Doch seine Methode der transzendentalen Meditation hat wohl ähnlich nur mit Wunschdenken zu tun. Den meisten dieser Anhänger würde ein grundständiges Studium der Philosophie mit dem Schwerpunkt auf Wissenschaftstheorie nicht schaden.

Bundesarchiv Bild 183-58117-0011, Jugendliche beim Lesen

Die innere Welt ist interessanter als das Außen

Aber halt! Vielleicht gehe ich zu weit, denn trotz aller abschreckenden Beispiele glaube ich dennoch an die Techniken des Schnelllesens. Doch wo beginnt es mit der Seriösität? Den viel nüchterneren Ausdruck „Schnelllesen“ ist eher zu vertrauen. In der Organisation um das „Echte Schnelllesen“ vereinen sich dann auch viele Wissenschaftler und Professoren. Doch auch hier ist Vorsicht geboten, denn die deutschen Schnelllesegurus, die Michelmanns, geben bei ihrer eigenen Technik selbst  Lesegeschwindigkeiten von 10.000 Wörter Wörtern pro Minute an. Da kommt einem doch schnell die Frage in den Sinn, warum sie dann nicht den Weltschnellleserekord halten. Gibt es echtes Schnelllesen? Wer nun hofft in einen Kurs investieren zu können, den  muss ich enttäuschen, der Kurs ist sehr teuer und die Erfolgsquote sehr gering und die Preise hierfür sind astronomisch.

Doch es gibt Beweise. Der Autist Kim Peak kann mit beispielsweise jedem Auge jeweils eine Buchseite lesen und erinnert sich an ca. 99 Prozent des Gelesenen im Wortlaut. Es gibt diese Möglichkeiten also, die Frage ist allerdings, ob sie jedem zugänglich sind.

Ihr könnt auch meine anderen Artikel zum Thema Lesen nachschauen:

Vielen Dank an alle, die bis hierher gekommen sind. Wenn ihr in Zukunft mehr Beiträge lesen wollt, dann added mich doch bitte bei Google+, abonniert mich per E-mail oder tretet der Facebookgruppe oben rechts bei. Über weiterführende Links oder Kommentare freue ich mich natürlich sehr. Im Anschluss noch ein Video über Kim Peak
Norman Schultz
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