Prechts neue Sendung und der Skandal „Schule“ – Verblödung war schon immer blöd

Sonntag löste nun Richard David Precht den Modephilosophen Sloterdijk ab und beerdigte damit seine Sendung „Das philosophische Quartett“ endgültig. Mit eitlem Namen „Precht“ musste die Sendung einschlagen, damit die Nachrufe auf DEN deutschen Medienphilosophen (zumindest steigt sein Name in Amerika auch gerade wie ein kleines Sternchen auf) nicht zu laut werden, zudem verspricht der Name Einnahmen, die mit trockeneren Titeln nicht erreicht worden wären. Entsprechend nahm sich der Philosoph für die Heimchen vom Herd den Lieblingsfeind aller Bildungsverlierer vor. Da kann der Bildungsprolet am Sonntag Abend nochmal die Flasche Wein öffnen und nickend ganz spätromantisch den Frust einer kommenden Arbeitswoche vorverdauen (nebenbei vielleicht noch stolz auf seine Büchersammlung sein). Die Front jedes Bildungshalbstarken mit Allgmeinbildungsfetischismus sollte eigentlich eine gemeinsame Front mit diesem Blog sein. Mit Prechts Volksdemagogie aber offenbarte sich weniges, womit ich in diesem Blog einhergehen könnte. Dass Schule sich verändern muss, ist klar und eine Forderung, die in dem Begriff „Bildung“ selbst steckt. Nach welchen Kriterien aber Bildung reformiert werden muss, auf dieses analytische Feld ließen sich sowohl Precht als auch der Neurobiologe Hüther als Gesprächspartner nicht ein. Stattdessen gab es Kriegspropaganda mit seichten Argumenten, die grobschlächtig den Untergang unserer Zivilisation prophezeiten: „Entweder wird es unsere Gesellschaft in 10 Jahren nicht mehr geben oder es wird die Schule nicht mehr geben.“ (Titelbildnachweis: Bundesarchiv, Bild 102-11307 / CC-BY-SA [CC-BY-SA-3.0-de (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en)], via Wikimedia Commons)

Precht der Philosoph der Herzen, den auch noch die Hausfrau bzw. der philosophisch-interessierte Hausmann in seiner Küchenzeile versteht, wenn das Öko-Steak schon in der Pfanne bruzelt, brillierte dabei süffisant mit vorgefertigten Floskeln „Ist Bildung das, was übrig bleibt, wenn wir alles vergessen, was wir in der Schule gelernt haben?“ Mit Saubsaugervertreterattitüde verkauft uns Precht geschickt ein Produkt, das allemal besser ist, was wir bisher in den Schulen hatten (Über jenen Staubsaugervertreter macht sich auch die FAZ her).

Philosophie im modernen Rahmen

Nun wenn Philosophen in den Medien antreten, so können sie heute nicht mehr nur mit Gedanken brillieren, das Ambiente muss stimmen. Das Intro der Sendung machte daher schon von Anfang an klar, was Philosophie im Fernsehen bedeutet: Schwulstige Amelie-Musik und hippe Kamerafahrten wie eine hypermoderne Roboterstimme verraten uns, dass es jetzt so richtig los geht: „Connection established“ (Ich glaube übrigens das erste, was wir in der Zukunft abschaffen, sind Roboterstimmen). Da blüht dem Waldorf-Pädagogen auf der Couch das Herz. 

The Sounds of Earth Record Cover - GPN-2000-001978

Wir haben Wissen aus der Vergangenheit ins All geschossen! By NASA/JPL Public domain, via Wikimedia Commons

Kommen wir aber zum Inhalt, den jeder Schüler in seiner Abiturarbeit runterleiern könnte: Unser Land steht vor den düsteren Horizonten der totalen Verdummung. Intellektuell drohen wir vollkommen auszulaufen. Die Schule verblödet uns immer mehr, denn Precht stellt bauernschlau fest: „Wir aber überhäufen sie [die Kinder natürlich] mit Wissen, das aus der Vergangenheit stammt.“ Böses Wissen aus der Vergangenheit, das klingt irgendwie als wären die Leute aus der Vergangenheit noch blöder als wir gewesen. Wissen aus der Vergangenheit, das kann ja schonmal nichts gutes sein. Was stellt der Herr Precht sich aber vor? Dass wir Kinder im Unterricht heute über die neuesten Sexualpraktiken unterrichten, die es etwa nicht schon seit Anbeginn der Menschheit gab? Klar, wie anders sollte etwa ein Durchschnittsjugendlicher noch verstehen, was Britney Spears so treibt (aber halt, die ist ja schon aus meiner Vergangenheit und womöglich weiß ich überhaupt nicht, was bei der Generation „Generation“ heute so los ist.) Ich habe ehrlich gesagt, nicht die geringste Ahnung, welches Wissen aus der Vergangenheit Precht meint und auch nicht, was Precht zu ändern gedenkt. Womöglich sollten wir die Vergangenheit lieber auf Facebook verbreitern und durch Twitter channeln, wenn dann schließlich die Schulklingel durch ein „Connection established“ und ein „Connection aborted“ abgelöst wird, hätten wir es geschafft.

Ich gebe zu, ich mache mich unnötig lustig, aber gerade hierin liegt der Hauptmangel der Sendung. Anstatt mit wirklichen Alternativen zu argumentieren, überhaupt die gegenwärtige Situation zu würdigen und differenziert zu analysieren, bleibt alles im Vagen und selbst Nachweise für die Katastrophe vor unserer Haustür bleiben aus. Ich glaube derweil nicht, das Deutschland sich aus Blöden zusammensetzt, glaube aber, dass wir das bisherige Erfolgsmodell der Schule weiter reformieren müssen, um es noch erfolgreicher zu machen. Um dies aber nicht auch im Vagen zu lassen, diskutieren wir konkret die Kritik von Hüther und Precht.

Kinder leiden nach Precht an Schulen. Bis zu ihrem Abitur haben sie „100.000 Stunden Unterricht erlebt, erduldet erlitten“. Das wichtigste Potenzial, die Lust am Lernen, hätten sie dabei nicht bekommen. Im Gegensatz dazu bestehe Schule aus „Bulemielernen“. Für Precht bedeutet dies: Reinfressen und sich in der Klausur übergeben, wobei der Nährwert gering bleibe. Gerade weil so die Kinder das Gelernte nicht mehr mit Bedeutung füllen könnten, würden Fünf Prozent die Schule ohne einen Abschluss verlassen. HartzIV ist dann nach Auffassung von Precht vorrangig eine Entschädigung für nicht gewährte Chancengleichheit.

Statt feinerer Analysen gibt es Graswurzelrevolutionsparolen im Biene Maja TV. Precht spricht teilweise als moderiere er die Sendung mit der Maus, aber zum Inhalt: Im Gegensatz zu Precht glaube ich nämlich nicht, dass Kinder durch Schulen in den fürchterlichen HartzIV-Sumpf getrieben werden. Ich glaube eher, dass Misserfolge im Bildungssektor durch die dramatischen Zahlen des Kindesmissbrauchs zu erklären sind, [http://netzwerkb.org/2012/04/04/jeder-achte-ist-betroffen], so dass viele vielleicht nicht einmal an die Gesellschaft glauben. Wer von zu Hause Minderwertigkeit eingeimpft bekommt, kann in einer Schule eben nicht ohne Weiteres bestehen. Vielleicht gibt es hier soziale Momente, in denen auch Lehrer einfach nur machtlos sind. Gerade Hüther als Neurobiologe hätte dieses wissen können. Seine Arbeiten verweisen gerade auf die verschiedenen, resultierenden Depressionen und posttraumatische Belastungsstörungen. Eine differenzierte Analyse bleibt aus, denn die Parole wirkt.

Die Verkennung der sozialen Realität bleibt auch später erhalten: Das konkrete Rezept für die Schule von Precht lautet da nämlich ganz inkonkret: Eingliedriges Schulsystem, Frühförderung im Kindergarten, Coaching. Am Ende würden dann nach Prechts ungeheurer Revolution 80 Prozent Abiturienten in Deutschland entstehen. Doch Moment, Precht verkündet hier wohl eine Revolution, die ohnehin schon im vollen Gange ist. Mittlerweile machen mehr als 50 Prozent der Schüler in NRW ihr Abitur. Dies sind enorme Bildungsschübe in den letzten Jahrzehnten. Die Marke von 80 Prozent werden wir daher wohl auch ohne die glorreichen Ideen des Herrn Precht knacken. Unter weiterer Verkennung (oder sagen wir ohne Ansätze die sozialen Realitäten ernsthaft zu diskutieren) parliert Precht über das „Gift des Bildungsbegriffs als Distinktionsbegriff“. Precht prognostiziert nämlich eine herrische Gegenbewegung der Eltern, die die Gerechtigkeit in unserem System nicht wollen würden. Eliteeltern wollen doch keine Bauernjungen und Mädchenmägde in ihren Klassen! Meines Erachtens versteht Precht hier allerdings nicht die Dynamik sozialer Systeme. Gibt es denn wirklich eine Mehrheit elitärer Eltern, die sich bewusst dafür aussprechen, andere Schichten nicht zu bilden, um selbst zur Bildungselite weiter zu gehören? Precht tut so, als würden elitäre Eltern tagtäglich Intrigen spinnen, um anderen den Bildungszugang zu versauen. Die Realitäten liegen doch aber wohl nicht in bewussten Bewegungen, sondern in den unbewussten Handlungen von Eltern, die ihre Kinder lieber auf eine ordentliche Schule bringen, als sie in einer Schule mit hohem Immigrationshintergrund andere Kinder integrieren zu lassen. Das Problem liegt nicht darin, dass Bildungsbürger sich gegen aufkommende Schichten bewusst wehren, sondern dass sie individuell für IHRE Kinder das Beste entscheiden wollen und hierbei an Sozialstrukturen gebunden sind. Diese Prozesse müssen konkret analysiert werden, anstatt eine Weltverschwörung der Eliteeltern zu vermuten. Dieses erwarte ich von einem derartigen Expertentalk, das zumindest auch die Frage nach Sozialstrukturen aufkommt, wenn es um Entscheidungsprozesse dieser Art geht.

Citizen-Einstein

In Prechts Schule bekommt in Zukunft jeder einen Nobelpreis By Al. Aumuller Public domain, via Wikimedia Commons

Unabhängig von treffenden Sozialanalysen können wir aber auch immer gleich ein paar Begriffe unterscheiden. Hüther stellt daher fest: Bildung sei etwas, was wir nicht in Metaphern messen können, denn Bildung ist etwas was sich ereignet. Bildung könne man schließlich nicht erfolgreich abschließen, sondern Bildung müsse gelingen. Was aber sind die Kriterien für eine gelungene Bildung? Ein neuer Allgemeinbildungsfetischismus, wo Menschen auf der Straße bedeutungsschwanger Goethezitate dreschen und exzessiv Theatervorstellungen wie auch klassische Orchester besuchen, die eben doch irgendwie aus der Vergangenheit kommen? Was genau soll gelungene Bildung sein? Menschen, die nur noch sensibel miteinander umgehen und dafür eben mal verzeihbar nicht das Einmaleins gelernt haben, weil Körpererfahrung und die Neugier dafür doch viel wichtiger war? Ohne Kriterien kann eine solche Diskussion nicht gelingen und soweit ich mit den Herren mitgehe, dass unser System kritisiert werden muss, so lehne ich es doch nicht vollends ab. Ich glaube zwar nicht an Belohnung und Bestrafung, aber Lesen, Schreiben, Rechnen habe ich dann doch irgendwie in der Schule gelernt. Wir haben die Schule doch nicht als vollkommene Blödmänner und Deppen verlassen (oder habe ich das etwa doch, ach ja richtig, so heißt es an anderer Stelle, ich wäre womöglich schon Nobelpreisträger, wenn nur ein anderes System für mich dagewesen wäre). Ich bin daher auch nicht für eine grundlegende Revolutionen, denn es würde teuer werden, wenn wir Precht einfach mal so machen lassen würden (gerade seine Sendungen sind doch eine fortwährenden Unterforderung). Eher bin ich dafür leistungsorientiert zu unterrichten und Erfolge der Schulen schnell abprüfbar zu machen. Dabei kommt es schon ganz richtig nicht mehr darauf an, ein ganz bestimmtes Wissen zu unterrichten, sondern die Schlüsselmethoden aufzusuchen. Es käme darauf an, endlich Philosophie als Erkenntnisdisziplin zu etablieren, woher sich alle Wissenschaften ihre Prinzipien borgen und nicht die Philosophie als Weltanschauungspalaver wie Precht es praktiziert und es wohl auch vor hat, an die Schulen zu bringen.

Bei all der Oberflächlichkeit aber ist der Moment gekommen, dass uns Precht und Hüther über einen Mann der Vergangenheit unterrichten. Bildungskritik muss heute schließlich immer mit einem bisschen Humboldt gepanscht werden: Bildung bedeute also nicht Wissen in Kindern zu stappeln. Kinder wären demnach keine Fässer, die gefüllt werden müssten. Bildung sei Anleitung zur Selbstbildung. Nur wenn ich selbst lernen kann, findet ein Bildungsprozess statt.

Sollten wir an dieser Stelle eigentlich Punkte von Prechts und Hüthers Darlegungen abziehen, weil sie den Begriff „intrinsische Motivation“ nicht gebraucht haben oder lieber ein Bienchen ins Hausaufgabenheft drucken, weil sie gekonnt darauf verzichten? Bildung zur Selbstbildung erscheint mir schließlich als logischer Widerspruch, der zumeist nur auf den ersten Eindruck überzeugend klingt. Wenn Bildung ein Moment ist, dass nur aus sich selbst enstehen kann, dann können wir keine externen Anreize in einem System setzen, denn dann wäre sie extern veranlasst. Intrinsische Motivation daher extern motivieren zu wollen, erscheint mir nur als Parole, wobei es sich in Wirklichkeit nur um extrinsische Motivation handelt. Dann aber sprechen wir von Systemen und nicht von dem unbedingten Ereignis der Selbstgewinnung. Auch übersehen Precht und Hüther, dass Lehrer diese extrinsische Motivation dann durchaus wollen. Wer täglich vor einer Klasse steht, der fragt sich, wie er die Schüler dazu bekommt, lernen zu wollen. Da hilft es leider nicht, wenn Precht und Hüther Lehrer zu Externalisierern intrinsischer eines Was- auch- immer machen oder Lehrer noch schlimmer zu Potenzialentfaltungscoaches umbenennen. Ich verstehe es daher eher so, dass Schule und Universität in bestimmten Fällen, intrinsischen Interessen bestimmter Schüler im Weg stehen, einfach weil sie Zeit rauben. Der größere Anteil der Schüler aber geht mit gewonnener Zeit nach Hause und macht, was die Generation „Generation“ ebenso macht, aber kommt nicht auf die Bildungsspuren von Humboldt. Ich bin der Überzeugung, dass der Bildungsbegriff von Humboldt hier zumeist ein Ideal ist, wir aber ohne Daten wenig gewinnen. Revolutionen sind teuer, warum also nicht die Schritte zur Veränderung aufsuchen, anstatt mal kurz die gesamte Mannschaft über Bord zu werfen und eine neue, aber ungewisse Schule ohne Personal und Konzept zu bauen?

Hüther stellt daher fest: Wir wüssten nicht, wofür wir die Schüler ausbilden wollen, aber Bildung sei doch viel mehr. Klar, dass wenn wir wir schon keinen expliziten Bildungsbegriff haben, wir nun auf die Tränendrüse drücken. Bildung, so romantisiert der Hirnforscher, da gehört doch sowas wie Herzenbildung zu. Und Precht weiß auch sofort: Die Aufklärung war doch schon immer ein Feind des Leibes und so hätten ängstliche Vernünftler Kinder stets nur als Köpfe ohne Emotionen betrachtet. Hüther weiß „Wir behandeln Kinder wie Objekte!“ Stillgesessen und aufgepasst.

Was aber ist die Alternative? Wie 30 Kinder zum Zahlengedächtnis bringen? Etwa durch Ringelpietz mit Anfassen oder Tore beim Fussball zählen lassen? Ich glaube es ist eine monströse Aufgabe, Kindern lesen über Jahre beizubringen. Für motivierendere Methoden brauchen wir konkrete Vorschläge und nicht etwa eine weitere Theorie, die besagt einige Kinder sind eben so visuelle Typen so. Ich glaube nicht, dass Kinder allein mit Motivation, die schwere Technik des Lesens lernen, ich lasse mich aber gerne konkret umstimmen.

Wie dem auch sei: Der emotionale Zeitpunkt ist gekommen, Hüthers Gegenthesen vom begabten Kind einzustreuen. „Jedes Kind ist hochbegabt“. Wir sind schließlich mehr als das analytische Können unserer Gesellschaft. Hüther schwärmt sogleich über Kinder, die ganz viel können. Das eine Kind könne ganz toll mitfühlen, das andere hätte ein ganz sensibles Körpergefühl. Na wenn hier nicht der Baum des Pluralismus durch die Worte von Hüther in höchster Blüte steht. Gegen die Überbleibsel vom Maschinenzeitalter weiß Hüther mit Hirnforscherautorität nämlich ganz genau, das Hirn sei kein Muskel, der trainiert werden könne. Dies sei Hirnmechanik aus dem vorherigen Jahrhundert (die ich hier übrigens in einigen Anteilen vertrete). Man könne nur etwas im Gehirn nachhaltig verändern, so Hüther, wenn es unter die Haut geht. Bildung ist nur das, was durch Emotionen Begeisterung ausgelöst hätte und in diesem Sinne in uns geblieben wäre. Dass es aber durchaus Steigerung durch dröges Üben gibt, unterschlägt Hüther wohl. Auch gibt es durchaus Studien die darlegen, dass Schüler unabhängig von der Laune Wissen gleichermaßen erwerben und es ihnen bei fröhlichen Lehren einfach nur mehr Spaß macht, sich dies aber nicht auf den Lerneffekt auswirkt. Umgekehrt habe ich aber auch nichts gegen emotionales Aha-Lernen einzuwenden. Die Aufgabe dieses spannende Lernen aber gegen das gesammelte Unterhaltungsangebot der Generation „Generation“ permanent aufzubieten, erscheint mir als Ding der Unmöglichkeit, auch wenn es eines meiner Ideale ist.

Gandhi microscope

Bildung ist für alle gut! See page for author Public domain or Public domain, via Wikimedia Commons

Nun der Abend wurde lang und so war die Zeit gekommen, um das allgemeine Zensurenbashing durchzuführen. Potenzialentfaltungscoaches (Wir danken Gott für diese kreative Wortschöpfung) würden im Schüler ein Interesse daran entwickeln, sich selbst einen Stoff anzueignen und hierfür brauche es schließlich keine Noten. In der Wirtschaft, so weiß Hüther, habe sich schon herumgesprochen, dass man sich auf die Noten der Schulen nicht verlassen kann. Eliten müssen daher an den Eliteuniversitäten erstmal in der Bronx unterrichten. Abitur 1,0 sage demnach schon lange nichts mehr über die Performance aus. Perfomancer haben Leidenschaft. Bildung finde schließlich außerhalb der Schule statt.

Ich stimme natürlich damit überein, dass Bildung nicht in einem System stattfinde. Die Aufgabe der Schule ist aber auch nicht, einem verschwobenen Bildungsbegriff gerecht zu werden, der sich in den Zeiten bestimmt. Womöglich ist Bildung so etwas wie der Durchgang des natürlichen Bewusstseins durch die phänomenalen Erscheinungen der Welt, um schließlich beim Grund aller Prinzipien anzugelangen. Womöglich ist hierzu Phänomenologie nötig. Ich bezweifle allerdings, dass Precht sich dieser Bildungsfragen, die sich doch zugleich aus dem 19. Jahrhundert herleiten, wirklich bewusst ist. Für Hüther und Precht ist Bildung ein Begriff, der das bezeichnet, womit sie irgendwie unzufrieden sind. Auch bei der Zensurenkritik des Schulsystems bestechen die Herren daher nicht gerade durch stichhaltige Argumentation. Schlechte Noten sind an den Eliteuniversitäten zumeist noch Ausschlusskriterium, wie aber dann zwischen all den exzellenten Bewerbern entscheiden? Es zeigt sich nämlich sehr deutlich, dass der Schnitt der Abiturienten auch in Deutschland immer höher wird. Die Eliteuniversitäten wie auch immer mehr Unternehmen greifen dann aus diesen Gründen auf Zusatzkriterien zurück, weil sie doch zwischen sehr guten Bewerbern wählen dürfen. Schließlich aber wollen sie auch mit der zusätzlichen Bildung nur messen und haben kein Interesse an einer philosophischen Selbstbewusstseinstheorie der Bildung.

Beim allgemeinen Zensurenbashing fällt Precht da auch der begnadete Menschenfreund ein, der trotz seiner Begabungen nicht Medizin studieren darf (den will natürlich jedes Hospital eigentlich haben). Diese Fälle gibt es natürlich immer (wie viele aber sind es, die das nicht einfach nur vorgeben oder bei denen wir es vermuten? Wo sind die Zahlen, die eine Abschaffung des Numerus Clausus rechtfertigen würden?) Ganz ehrlich wollen wir uns von jemanden behandeln lassen, der in der Schule seine Hausaufgaben verschlampt hat und nicht die Kraft hatte, sich für die Welt der Zahlen zu motivieren. Brauchen wir Chirurgen, die den einen Tag mal motiviert sind und den anderen Tag ihre Disziplin über Bord werfen und schwerwiegende Kunstfehler machen? Ich gebe zu: Wir diskutieren im Plausiblen und Vagen. Wie viele sind es denn, die nachweislich das Zeug zum guten Chirurgen hätten, denen aber die Schule den Weg verbaute? Mit derlei hypothetischen Beispielen kommen wir schlecht voran.

Nach fast einer Stunde Phrasengedresche rückt Hüther an dieser Stelle endlich mal mit einer Gegenposition hervor. Er sei nicht gegen die Abschaffung der Zensuren, was Precht mit verzogener Geste überhört und zum nächsten Thema leitet. Precht versteht nämlich nicht, das Arbeit an der Gesellschaft nicht aus Parolen besteht, die auch noch die Großmutter in einem schönen, gebundenen Buch auf den Nachttisch legen kann, sondern aus Diskursen. Ohne diese Einsicht des fortwährenden Diskurses aber beendet Precht die Sendung, mit seiner Ansicht, dass wir kein Erkenntnisdefizit hätten, sondern ein Umsetzungsdefizit. Nach den mageren Erkenntnissen der Sendung aber sollte jeder mit unserem minderwertigen Abitur dennoch widersprechen können. Schulen werden auch nach der nächsten Reform noch reformiert werden müssen. Reformieren aber besteht aus konkreter Analyse. Irgendwo in der Sendung schaut Precht daher hilflos über seinem Wasserglas in die Welt. Bemerkenswert, dass die Sendung ohne Alkohol auskam. Ich befürchte aber, dass Prechts Vision von einer besseren Schule eher eine betrunkene Version von Schule hervorbringen würde. Ich bin überzeugt, dass abgesehen von der permanenten Unterforderung Prechts Schule zumindest unterhaltsam wäre. Prechts Schule wäre schließlich so etwas wie Drunk History:

Weiterführende Informationen

  • Hüther erwähnt, dass heute erste Trisonomie 21 Kinder ihre Abschlüsse machen – Ich bin für einen ähnlichen Förderansatz auf meinem Blog Entgrenzen, wo ich mich mit dem Phänomen der Behinderung auseinandersetze, denn meiner Auffassung sind wir alle behindert. Die ersten Fälle dieser gebildeten Menschen mit Behinderung bespreche ich dort.
  • Zum Superphilosophen Precht und der Entlassung Peter Sloterdijks habe ich auch einen Artikel auf meinem Blog geschrieben.
  • Auf unserem Blog „www.pusteblumenbaby.de“ haben wir natürlich auch einige Darlegungen zur Erziehung ergänzt.

Vielen Dank an alle, die bis hierher gekommen sind. Wenn ihr in Zukunft mehr Beiträge lesen wollt, dann added mich doch bitte bei Google+, abonniert mich per E-mail oder tretet der Facebookgruppe oben rechts bei. Über weiterführende Links oder Kommentare freue ich mich natürlich sehr. Norman Schultz.

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