Lesen lernen im Kindergarten – Müssen Kinder zum Lernen gezwungen werden?

Können wir ohne Anstrengung lernen? Diese Frage beschäftigt die Pädagogik. Lesen als zentrale Fähigkeit in unserer Gesellschaft gerät hierbei zum Prüfstein.

Lesen war zu meiner Schulzeit geprägt von sturem Auswendiglernen. Die ersten Tage in der Schule glichen der Zombieapokalypse. Alle starrten mit leeren Blicken auf Buchstaben und wiederholten im Chor „Mimi im Haus“. Ich habe die Schule vom ersten Moment an gehasst. Ich wollte lesen lernen, hatte Motivation, aber es war als würden alle mit Lamborghini im Stau festsitzen.

Lesen lernen

Wie können wir Lesen lernen?

Auch meine Mutter wollte mir die Buchstaben nicht schneller beibringen. Womöglich hatte sie Angst, dass ich mich dann in der Schule noch mehr langweilen würde. Dieses ganze Wiederholen von irgendwelchen Buchstabenreihen lief mir zuwider. Die Konsequenz? Bis zum Alter von 15 Jahren war ich stolz nur 2 Bücher in meinem Leben gelesen zu haben. Lesen verband ich mit Anstrengung.

Im Folgenden Beispiel zeigt eine Kindergartenlehrerin nun, wie Kindern bereits im Alter von 3 Jahren spielerisch Lesen beigebracht wird und dies ohne viel Aufwand, sondern vor allem durch Spiel. Hätte mir das vielleicht geholfen?

Klingt spektakulär. Was bringt es, wenn Kinder bereits im Kindergarten lesen können und ist dies wirklich ein Vorteil? Beim frühen Englisch-Unterricht im Kindergarten hat sich gezeigt, dass andere, ungeförderte Kinder den Rückstand innerhalb von sieben Wochen aufholen. In diesem Sinne wäre dann die Zeit, die Lehrer bereits im Kindergarten verwenden, vertan. Die Leselehrerin aus dem Video verweist allerdings auf Belege, dass Kinder so mit weniger Stress in die Schule starten. Offensichtlich behauptet sie aber nicht, dass Kinder durch das Lesen einen Vorteil hätten.

Im Focus findet sich dann ein anderer Artikel zum Lesen-lernen. Hier lernen Kinder das Lesen durch stures Wiederholen (so wie ich). Wenig Freude entstehe angeblich bei dem, was schlicht Lehrer Kindern wie Zombies einpauken. Hier aber zeigt sich, dass selbst lernschwache Kinder schnell die Leselücken schließen und aufholen (http://www.focus.de/schule/heft/aktuell-jedes-kind-kann-lesen-lernen_aid_263527.html). Aber das war doch genau die Methode, die ich erfahren musste.

Genau hier entspringt auch meine Unsicherheit. Vielleicht ist es nur der Wunsch nach Kreativität. Vielleicht aber erzeugt das nur die Illusion des Lernens? Wenn wir uns beim Lernen niemals selbst überwinden müssen, so lernen wir auch nicht mit eigenen Grenzen umzugehen. Wenn ich etwas nicht kann, aber durch konsequente Selbstüberwindung, das heißt durch Selbstdisziplin, dann doch die Fähigkeit erwerbe, dann gewinne ich Selbstvertrauen.

Kinder lernen beim Pauken vielleicht auch Selbstdisziplin? Vielleicht aber lernen wir Mathematik, Lesen, Schreiben und Argumentieren auch ohne Druck ganz spielerisch.

So zumindest behauptet es der Pädagoge in folgendem Video: „Kinder würden eher lernen als Essen und Kinder würden lieber lernen als Spielen. Tatsächlich denken Kinder Lernen ist Spielen.“ Die Argumente sind plausibel. Auch als Erwachsener möchte ich noch lernen, aber ich bin mir bewusst, dass ich mich dazu häufig auch überwinden muss. Für alle, die des Englischen mächtig sind, ist hier das Video, um sich von der Plausibilität der Aussagen zu überzeugen (aber Vorsicht, nur weil etwas plausibel ist, ist es nicht wahr).

Ich bin mir also unsicher und offensichtlich gibt es zwei Modelle:

1. Lernen ist etwas natürliches und wir müssen unser Kinder nur zu diesem Lernen ermutigen. Wir müssen sie beim Lernprozess schlichtweg begleiten und ihnen Hilfestellung geben. Spielen ist Lernen.

2. Kinder wollen zwar durchaus auch Lernen. Bei vielen Lernformen aber geht es auch um Selbstdisziplin, das heißt der Selbstüberwindung zu einem Ideal. Hier müssen wir Kinder erziehen, damit sie bereit sind, für die Anforderungen die eine Menschheit im Lichte verschiedener Krisen zu bewältigen hat.

Nun ich habe mich noch nicht entschieden. Was denkt ihr?

Nachtrag: Eine amerikanische Firma, die das Lesesystem für Babys propagierte, muss sich nun vor Gericht verantworten. Babys lernen maximal die Form der Worte, nicht aber das Lesen. Dies bedeutet konkret, dass Kinder später etwas können, was ihnen allerdings nicht beim Lesen hilft: http://www.care2.com/causes/baby-can-read-does-not-in-fact-teach-baby-to-read.html

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