Productivity Porn – Ohne Motivation kein Zeitsparen

Zeit, mehr Zeit, noch mehr Zeit, um noch produktiver, viel produktiver zu sein! Wir träumen uns wie Superhelden, die trotz aller Widrigkeiten des Lebens mit einem unstillbaren Hunger auf Taten, ihr unaufgeräumtes Dasein ausmisten. Wir könnten doch alle Genies sein, wenn wir nur die Momente unseres Lebens in die richtigen Regale sortieren würden und die To-Do-Listen an verwaisten Pinnwänden aufhängen würden. Wir wollen herrschen und diese Machtphantasien machen auch vor uns selbst nicht halt. Wir wollen aufgeräumter in uns selbst sein und ein Portal sein, aus dem pure Kreativität und Produktivität ausströmt.

Mit all dem UnglĂĽck an uns selbst zu leiden, klicken wir uns letztlich durch ein Internet voller Ablenkungen, checken E-mails, warten darauf, dass etwas passiert. Aber es passiert nichts, wir bleiben Zeitvernichter, SchlafmĂĽtzen und unser einziger Rausch ist Konsum. Es ist ein bisschen wie Alfred Eisleben es schon 1963 formulierte:

„Im Hellen hat einer schon so vieles gesehen, deswegen muss der noch größere Gedanke im Dunklen verborgen sein. Einer schleicht die Nächte durch die Wellen der Romane, um ihn zu finden- in der Menschenwelle, die diesen Erdball umspĂĽlt. Im TrĂĽben sucht er nach der einzigartigen Begabung. Er will die Neuroplastizität endlich auch an sich fĂĽhlen, jene menschliche Begabung, sein Gehirn immer den entsprechenden Anforderungen anzupassen. Die Realität aber ist fauler als jedes Gehirn und so habe ich am Ende eines akademischen Tages nichts in den Händen.“

Es hat schon Gründe, warum wir die Schule als Folterkammer betrachten und wir zumeist die Arbeit zum Quatschen verschwenden. Menschen brauchen feste Regeln und gemeine Arbeitszeiten, andernfalls stehen sie am Ende vor leeren Kühlschränken. Ein System kann hierbei nur ersetzen, was der Einzelne nicht kann. Selbstmotivation ersetzen wir mit Druck. Für alle Kreativarbeiter in unserer Gesellschaft aber, die sich von den Fesseln des gewöhnlichen Berufslebens gelöst haben, stehen oftmals vor ihrem inneren Motivationsloch. Tagelang gehen wir nicht raur, aber etwas anderes als Prokrastination fällt uns auch nicht ein. Am schlimmsten geht es denen, die vor den Zeitsparseiten im Internet sitzen und sich täglich inforrmieren, wie sie ihre imaginäre To-Do-Liste noch stärker verbessern könnten und noch mehr Disziplin in ihren Tag bekommen könnten, wenn sie nur endlich ein anderer wären.

Das Problem der Zeitoptimierer

Im Grund erzählen diese zeitoptimierten Seiten, was letztlich nicht zur Tat kommt. Wir sitzen vor diesen Seiten, verändern uns aber durch das Lesen nur kaum. Wir haben neue Ziele, aber es bleibt bei dem Tagtraum ein Anderer zu sein. Dennoch Zeitmanagement ist ein Schlüssel in modernen Gesellschaften.

„Zeit kann man nicht sparen“ so besserwisserisch beginnt mittlerweile jede Zeitmarketingveranstaltung und jede Seite, die sich auf dieses Thema bezieht. Der geneigte Leser ertappt sich dann, wie er träumend vor den Seiten sitzt und irgendwann sein Leben auch in den Griff bekommt, um endlich Zeit fĂĽr das Alter anzusparen. Doch er verändert sich nicht. „Productivity Porn“ so heiĂźt dann diese Beschäftigung und hat viel mit diesem Video zu tun:

Das verrinnende Wesen der Zeit aber, das schneidend die Räume in jeder Sanduhr zerteilt, dieses Geäst in den Falten des Alters und das ganze Potential, das in der Pflanze der Kindheit liegt, an dieses Wesen der Zeit denken wir nicht. Es geht vor allem ums Business. Die Zeitgurus haben dann irgendwie Recht: Ungenutzte Zeit kann nicht an Zeitbörsen angelegt werden. Irgendwie meinen sie, wir könnten keine Zeit sparen, meinen es dann aber doch. Letztlich geht es dann auch bei den Zeitmanagern darum, so viel so schnell wie möglich ad acta zu legen.

Nun bin ich natürlich nicht dagegen, den Alltag in irgendeiner Weise zu strukturieren. So ist ja beispielsweise Steve Pavlina ein anerkannter Guru, wenn es darum geht, Dinge möglichst effizient zu erledigen.  Schneller Zähneputzen, schneller kochen, schneller Schnürsenkel binden, schneller lesen und schneller leben (?). Es geht um Geschwindigkeit, aber selten um Sinn und dies auch nicht bei den Gurus. Vielleicht aber ist gerade der Sinn, dasjenige, was den meisten fehlt.

Problematisch an den meisten Theorien ist aber nicht nur, dass sie den Motivationsaspekt vollkommen ausblenden und damit die philosophische Frage nach dem höchsten Gut vernachlässigen, viel problematischer ist zunächst, dass diese Zeitenthusiasten vor allem ein Schlachtfeld um die Gunst der Manager eröffnen. Hier taugen wissenschaftliche Theorie wenig; es muss schließlich verkauft werden. Angebliche Gurus wie beispielsweise Seiwert nehmen dann für ein Wochenendseminar gerne 2000 Euro pro Teilnehmer (Hier ein Beispiel, was ihr für dieses Geld dann bekommt: http://www.youtube.com/watch?v=GArdu39qwgo, besser auch die Lobhuddelei hier http://www.youtube.com/watch?v=i8jKk1Hgh_4&feature=related). Es wäre hier also noch viel Geld zu verdienen.

Bei den Preisen ist das Ganze nicht mehr wirklich lustig, denn was dort verkauft wird, erscheint mir als Gewäsch ohne empirische Datenbasis. Es geht vor allem darum Geld zu verdienen und deswegen finden wir im Internet nur ein paar allgemeine Ratgeber, die alle das Gleiche erzählen. Derartige Zeitmanagementtheorien, die ohne empirische Belege arbeiten, kann allerdings jeder entwickeln:

1. Konzentrieren Sie sich auf das fĂĽr Sie Wesentliche! Unterscheiden Sie Wichtiges von Unwichtigem!

2. Räumen Sie Phasen für Reflexion ein! Nehmen Sie sich stille Stunden! Fangen Sie an, zu meditieren!

2. Fokussieren Sie sich, damit sie nicht mehr nur reagieren, sondern agieren!

4. Sagen Sie auch mal Nein, denn meistens sagen nicht „Nein“, sondern „Vielleicht Nein“, was eigentlich „ja“ heiĂźt und schon laufen Sie im Hamsterrad.

Zeitmanagement geben oftmals wenig Kraft, wenn wir nicht den Sinn unserer Arbeit vorher erfassen. Arbeit erreichen wir durch Motivation, die Effizienz entsteht dann im selben Atemzug.

Auch die schnellere Verrichtung bestimmter Tätigkeiten fĂĽhrt nicht immer zu Erfolgen, denn es kommt auf den Sinn an. In meinen Beiträgen zum Schnelllesen habe ich beispielsweise dargelegt, dass es oftmals wenig Sinn ergibt, sinnvolle Texte schneller zu lesen. Ganze BĂĽcher in 2 Stunden lesen? Falsch, denn die Geschwindigkeit des Lesens ist gesteuert durch die Geschwindigkeit unseres Verstehens. Bei wichtigen Stellen mĂĽssen wir nachdenken und dann können wir noch so schnell lesen. Den Sinn eines hochkomplexen Buches im Bereich der Philosophie erfassen wir nur durch präzises Denken und nicht dadurch, dass wir einmal drĂĽber gelesen haben. Keiner pflĂĽgt die „Kritik der reinen Vernunft“ von Kant in 4 Stunden durch und versteht diese zugleich. BĂĽcher, die wir in derart verschlingen, sind umgekehrt eher Bereicherung fĂĽr die Seele (Romane etwa), aber geben wenig Sinn fĂĽr das, was wir lernen wollen. Die wirklich wichtigen Dinge sind kompliziert und mit diesen sollten wir uns länger beschäftigen, dann aber können wir keine Dinge mehr effizienter erledigen, als wir sie erledigen, dann zählt die Leidenschaft und diese nimmt sich ihre Zeit.

Ich behaupte also, dass die meisten Menschen kein Zeitmanagementproblem haben, sondern Probleme haben, sich zu motivieren oder gar in einer Sinnkrise stecken. Ein Zeitmanagementseminar setzt somit zum Beispiel voraus, dass der Sinn unserer Zeit bestimmt ist. Es geht also beim Zeitmanagement darum, wie wir an uns selbst arbeiten wollen, wie bewusst wir unser Leben gestalten und wie bewusst wir lernen wollen.

FĂĽr die, die doch Zeit sparen wollen

Die Zeitersparnis treibt derweil merkwürdige Blüten. Vor allem von Möchtegernerfolgreichen lässt sich da einiges an Geld abknapsen. Folgendes Video soll uns zum Beispiel auch helfen, schneller durch das Leben zu eilen. Ich frage mich dabei, wer wirklich solche Software kauft.

Zu dem Video selbst frage ich mich, warum es nicht schon im Zeitsparmodus versendet worden ist. Meiner Auffassung sind Videos, die sich im Zeitsparmodus anschauen lassen, zumeist nicht der Mühe wert, sie zu schauen. Ohnehin ist es nicht richtig, dass wir aus Videos viel lernen würden und so auch nicht von einem Seiwertseminar, es geht um die praktische Übung, die wir Tag für Tag benötigen, mich würde interessieren, wie ihr euer Leben praktisch tatsächlich verändert habt. Gab es große Einschnitte oder nur kleine Schritte?

Norman Schultz

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