Wie Kinder lernen – Was wir von Inklusionsschulen lernen können

Ein ganz interessanter Beitrag zum Inklusionsunterricht findet sich derzeit auf 3sat. Unbedingt mal reinschauen! Es geht um eine Schulklasse mit ganz unterschiedlichen Begabungen, wobei die Hälfte der Schulklasse „Normalos“ sind, die andere Hälfte Kinder mit unterschiedlichen Behinderungen. Überraschend ist, dass es funktioniert, wobei die Isolierung von behinderten Menschen aufgehoben wird.

Die Einbindung der Behinderung in unser allgemeines Selbstverständnis hatte ich ja schon mehrfach besprochen:

Der revolutionäre Ansatz dieser Schule begründet sich nun in einer veränderten Betrachtung des Unterrichts. Es geht nicht darum, den Kindern ein Tempo vorzugeben,  sondern darum mit Menschen gleichen Ranges zusammenzuarbeiten. Für viele mag dies befremdlich klingen. Es ist ungewohnt, Kinder als gleichwertig zu betrachten, da wir schließlich gewohnt die elterliche Autorität sind. Dabei ist das Wort „Kind“ jedoch genau benommen eine Diskriminierung ganz ähnlich dem Wort „Behinderter“. Wir behandeln Kinder von einer Allmachtsposition, die sich gegenüber anderen Erwachsenen selten behaupten lässt. Demnach glauben ja Eltern auch noch, dass sie ihre Kinder schlagen könnten oder auch nur zurechtweisen dürften, ohne ausreichende Begründungen aufzubieten. Ich hingegen behaupte, dass wir kaum einen Standard für unser Wissen haben. Alles was wir rechtfertigen könnten ist Pragmatik, die sich eben nur in Diskursen ergibt und so müssen wir jeden Standard mit dem Kind ausfechten. Wenn wir Kindern beispielsweise eine Sprache lehren, die sie dann niemals in ihrem Leben anwenden und sie dafür aber mit einer Fünf nicht versetzen, dann behaupten wir ein Wissen, dass für die Entwicklung womöglich irrelevant sein wird. Eine Sprache muss zum Beispiel an das ernsthafte Interesse gebunden sein, dieses andere Land auch mal in der Art zu bereisen. Diskutieren wir dies nicht mit dem Kind und geben die Wahl, dann geht der Unterricht fehl.

Wir müssen uns daher generell fragen, welche Standards wir unterrichten und zumeist sind diese willkürlich. Blicke ich zurück, so erscheinen mir gerade Lesen, Schreiben und Rechnen als relevant. Die anderen Fächer gaben sicher eine Lernatmosphäre, aber optimal waren diese nicht. Meiner Entwicklung haben diese Fächer eher selten beigetragen. Obwohl ich über den Unterricht hinaus immer sehr interessiert war, konnte die Schule doch nur ganz und gar oberflächlich verfahren und dieses oberflächliche Wissen dann in Tests abfragen, die ich in der Regel eher schlecht bestand.

Wir lernen schnell grossplakat

Autorität ist wohl vorrangig, was wir in der Schule lehren. Übrig bleibt Elitarismus By Manfredspies (Own work) CC-BY-SA-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0), via Wikimedia Commons

Es geht in unserer Gesellschaft nicht darum, alle nach dem gleichen Standard zu bewerten, sondern auf Spezialisierungen hinzuarbeiten. Dies um schließlich die Arbeitsteilung weiter voranzutreiben und überhaupt Selbstständigkeit und Wissensdrang zu erwerben. Diese ökonomische Sicht bedeutet auch, dass wir eine generelle Höherqualifikation anstreben. Für den Unterricht bedeutet es, dass wir die Individualität wahrnehmen und eher fördern, als nach Defiziten Ausschau halten. Obwohl dieses vor allem einem Markt entspricht, der nun die Selbststeigerung als Pflicht in den Mittelpunkt stellt, so erscheint mir doch hier eher das Wesen des Menschen zu entstehen, als dass wir es mit Autorität erreichen würden. Der Mensch gehorcht seinem Ursprung nach nicht der Autorität und wenn, dann war sein Wesen stets eine Revolution gegen diese Autorität. Die Emanzipation von der Inklusion in die Natur war ein Zeugnis hiervon.

Meine Argumentation bedeutet darum auch eine Ablehnung des Begriffs „Allgemeinbildung“. Nach der Wissensexplosion der vergangenen Jahrzehnte wandelt sich ohnehin die Bedeutung des Allgemeinwissens. Wissen ist nicht mehr an die Autorität des vermeintlich Allgemeinen gebunden, sondern entsteht im Besonderen. Kaum noch jemand betrachtet Latein und Griechisch als bedeutend und obwohl ich alte Sprachen studiert habe, stimme ich diesem gänzlich zu. Rückblickend würde ich eher Sprachen erwerben, die mir dann im Praktischen auch zu tatsächlichen Kontakten verhelfen und so meine Lernerfahrungen potenzieren. Es kann allerdings sein, dass bestimmte Spezialisierungen ein Interesse an diesen Sprachen wecken. Lernen ist aber gebunden an lebensgeschichtliches Interesse und dieses muss kommuniziert werden.

Bei der Individualisierung der Lernprozesse geht es nun genau um die Einbeziehung des ganzen, menschlichen Wesens. Hier sind wir kein stiller, körperloser Beobachter. Wir sind kein totes, jenseitiges Auge, sondern wir haben Emotionen und wollen in das Lernen selbst involviert sein; uns zum Lernstoff verhalten. Hierbei kommt der Lehrer als Trainer ins Spiel, der nicht seine Vorgaben erzieht, sondern den Lernenden bei ihren selbst erarbeiteten Standards hilft. Wir brauchen uns nur an die perfekten Figuren der Hollywoodstars erinnern und wir wissen, dass diese vor allem durch Personal Trainer kreiert werden. Personal Trainer motivieren und lokalisieren die individuellen Lernfelder. Gleiches gilt sodann für die Spezialbegabungen aller Schüler. So können wir dementsprechend und schließlich von der Inklusionsschule lernen, was es heißt generell das Individuum und nicht die Autorität in den Mittelpunkt des Lernens zu stellen.

Norman Schultz

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