E-Pianos leisten mehr als Klaviere – Welches E-Piano kaufen? Wie mit Musik kostengünstig beginnen?

Mein Klavier kostete zunehmend mehr und schließlich klappte es ab. Statt einem neuen Klavier, habe ich mir jetzt ein E-Piano gekauft. Viele meiner Musikerfreunde zucken dabei kritisch mit der Augenbraue. E-Pianos sind jedoch keine billigen Kopien von Klavieren. Für Expertenohren lässt sich der Wohnzimmerklang eines guten E-Pianos kaum mehr von wirklich guten Flügeln unterscheiden.

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Es gibt ja so viele Gründe mit Musik zu beginnen, und ein E-Piano ist ein guter Beginn. Warum Klavierspielen so viel hilft nochmal hier ein paar Fakten:

  1. Musizieren hilft bei feinmotorischer Entwicklung, emotionaler Entwicklung Aufmerksamkeit, Angstmanagement, emotionaler Kontrolle (Studie, Magnetic Resonance (MRI) Study of Normal Brain Development)
  2. Nach einer MIT Studie ist der Cerebral Cortex von Konzertpianisten 30 Prozent größer als der von anderen Menschen, die als intellektuell bezeichnet werden (child.http://www.keynotespianostudio.com/Tallahassee_Piano_Lessons/benefits-of-piano-study/)
  3. 75% aller Manager im Silicon Valley hatten Instrumentalunterricht als Kind (child.http://www.keynotespianostudio.com/Tallahassee_Piano_Lessons/benefits-of-piano-study/)
  4. Lesen bedarf verschiedener Fähigkeiten wie Rhythmus und Zählen, was insgesamt der mathematischen Fähigkeit helfen kann. So zeigen Studien auch , dass Musikschüler häufiger besser in der Schule sind (Quelle: Friedman, B. (1959) An evaluation of the achievement in reading and arithmetic of pupils in elementary schools instrumental classes. Dissertation Abstracts International, 20, pp.s 3662-3663.) http://www.effectivemusicteaching.com/articles/directors/18-benefits-of-playing-a-musical-instrument/
  5. Musizieren verbessert Testscores, (nach Studien der University Texas und Georgia gibt es signifikante Korrelationen zwischen der Anzahl der Jahre, in denen ein Musikinstrument gespielt werde und den akademischen Leistungen in Mathematik (University of Sarasota Study, Jeffrey Lynn Kluball; East Texas State University Study, Daryl Erick Trent)
  6. Ebenso verbessert Musizieren die Sprachfähigkeiten  (Quelle weiter unten)
  7. Musizieren kehrt Stress auf der molekularen Ebene um. Zitat: “It can reverse stress at the molecular level.” (Studies conducted by Loma Linda University School of Medicine and Applied Biosystems; Medical Science Monitor)
  8. Musizieren beeinflusst unsere Hormone positiv.  Zitat: “[…] group keyboard lessons showed significantly higher levels of HgH than the control group people who did not play.” (University of Miami) Quelle: http://www.laphil.com/sites/default/files/media/pdfs/shared/education/yola/susan-hallam-music-development_research.pdf
  9. alles ausführlicher hier

Nun hindern uns viele Klassikfetischisten daran, unserem Interesse wirklich nachzugehen und es auszubauen, weil sie uns einerseits nur mit Klassik erschlagen (nicht falsch verstehen, ich spiele das mittlerweile fast ausschließlich, aber man muss dort auch erstmal hingelangen) und uns zum anderen mit grundlosen Mythen belästigen. Im Folgenden möchte ich zeigen, dass E-Pianos, doch ebenso viel und sogar mehr leisten können, als Klaviere zum gleichen Preis und dazu ermutigen sich ein günstiges E-Piano zu kaufen, um mit dem Musizieren zu beginnen.

Übrigens auch Stefan Malzew (ehemals Chefdirigent in meiner Heimatstadt) nutzt ein E-Piano in seiner neuen Serie, die den Zusammenhang zwischen klassischer Musik und moderner Musik erklärt.

So falsch kann ein E-Piano also nicht sein.

Ich spiele selbst in vielen Kirchen in Pittsburgh und mit Freunden zusammen Klavier. Musik ist ein bedeutender Teil meines Lebens. Die Diskussion ‘E-Piano oder Klavier’ war dabei immer irgendwie eine unnötig hitzige Kontroverse. Musikern nostalgisch-klassischer Prägung ging es hauptsächlich darum, dass E-Pianos aus Prinzip nichts taugen. Ein Klavier würde ganz andere Schwingungen produzieren. Dieses Vorurteil basiert leider auf sehr schlechten Informationen und ist zumeist ein Dogma.

Natürlich wenn Amaury Morales, ein Freund von mir spielt, dann macht es gerade mit dem stufigen Pedal bei einem richtigen Flügel einen gewichtigen Unterschied, wie er die Töne lagert und jeden Ton genau in seiner Stärke bestimmt. Das bekommt er nicht auf einem 500 Euro E-Piano hin:

Wer sich aber ein E-Piano um die 3000 Euro kauft, der kauft den Klang eines Flügels, bei weitem besser als jedes Klavier für 3000 Euro.

Kürzlich stand ich also wieder vor der Entscheidung, mir ein E-Piano oder ein Klavier zu kaufen. Unser altes Klavier hier ist abgeklappt und das ständige Stimmen war ohnehin viel zu teuer (200 Dollar pro Jahr). Die Entscheidung fiel daher endgültig für das E-Piano. 

Back to the future - olden days keyboard rig

Lieber den Flügel oder das E-Piano? By Daniel Spils (Flickr: Back to the future) CC BY-SA 2.0

E-PIANOS SIND QUALITATIV GLEICHWERTIG MIT FLÜGELN

Das liegt daran, dass der Klang eines Flügels aufgenommen wird und bei jedem Anschlag des E-Pianos dieser Klang reproduziert wird. Das heißt, man bekommt den Klang eines wirklich sehr guten Flügels geliefert und damit kann kein durchschnittliches Klavier mithalten. Ein E-Piano verstimmt sich auch nicht und liefert diesen Klang konstant. Beim Preis eines E-Pianos geht es daher weniger um den Klang, sondern eher um den Anschlag und die Lautsprecher. Auch aber weil die Mechanik an E-Pianos einfacher als an einem richtigen Klavier zu konstruieren ist, lässt sich das Spielgefühl hochklassiger Flügel kostengünstig nachbilden. Ein E-Piano ist unter keinen Umständen zu unterschätzen und im Folgenden gebe ich verschiedene Preisempfehlungen und worauf man beim Kauf achten sollte.

Verschiedene Preis-Levels bei E-Pianos

Nachdem ich nun ein Weilchen mit meinem Yamaha P-45B* geübt habe, kann ich sagen, dass die Anschaffung in jedem Fall lohnender war als mir zum gleichen Preis eine alte Klapperkiste, getarnt als Klavier, zu holen. Ein Klavier gehört in dieser Preiskategorie leider auf den Sperrmüll. Viele Leute wollen in Pittsburgh zwar alte Klaviere abgegeben. Nur der Transport müsste geregelt werden, die Klaviere sind allerdings zumeist verstimmt und brauchen Reparaturen. Daher muss bei Klavieren in diesem Rahmen gut 400 bis 1000 Euro für Reparaturen eingeplant werden. Ein befreundeter Klavierstimmer beschwert sich zunehmend über Leute, die ein schlechtes Klavier kaufen und von ihm erwarten, es schnell und kostengünstig zu reparieren. Nicht immer ist dies möglich.

Doch zurück zu den E-Pianos: Als absolutes Einstiegsinstrument ist ein E-Piano unter 500 Euro vor allem dann zu empfehlen, wenn noch ohnehin unklar ist, ob man selbst oder das Kind wirklich dem Hobby langfristig nachgehen will. Gerade bei Kindern im Alter von 5 bis 10 und im Hinblick auf das Klavierrepertoire sollte also ein 500 Euro E-Piano eine gute Investition sein. Sobald man aber seine künstlerische Entwicklung im klassischen Bereich fortsetzen möchte, müssen auch andere Spielalternativen gegeben sein. Es ist hierbei nicht so sehr der Klang, der problematisch ist, sondern die Anschlagsdynamik, die bei diesen E-Piano einen eher geringen, musikalischen Ausdruck ermöglicht. Sollten daher Ambitionen bestehen, muss man sich überlegen, dass man später womöglich doppelt kauft. Ich muss allerdings anmerken: Im Vergleich zum Klavier hat man das Geld jedoch nach 3 Jahren Nicht-stimmen schon wieder raus. Schauen wir uns E-Pianos im Detail an.

E-Pianos unter 500 Euro:

Ich habe mir das Yamaha P-45 geholt. Als Großhersteller produziert Yamaha einfach das beste Modell. Ein großer Nachteil ist, dass die meisten Klaviere in dieser Kategorie nur 32-stimmig arbeiten. Dies bedeutet, dass man nur 32 Töne gleichzeitig spielen kann. Da die Hand nur 10 Finger hat, erscheint ein 32-stimmiges E-Piano ausreichend, allerdings ist dies nicht richtig. Wir benötigen die verschiedenen Stimmen, wenn wir Tasten mit dem Haltepedal halten und das kommt gar nicht so selten vor. Dann kann es einem schon passieren, dass ein Basston plötzlich verschwindet. 64-stimmig reicht meines Erachtens für den Anfänger und das Yamaha P-45 hat das zum Glück.

Bei den E-Pianos unter 500 Euro ist ein weiterer Nachteil, dass in dieser Preiskategorie die Tasten nicht angemessen gewichtet sind und die Laufeigenschaften der Tastatur damit nicht die wirkliche Erfahrung am Klavier abbildet. Allerdings ist es beim Yamaha P-45 der Fall, dass die unteren Tasten schwerer sind als die oberen, was ein echtes Klavier nachbilden soll.

Natürlich: Mit der mangelnden Differenzierung der Lautstärken können wir nicht die dynamischen Grundeigenschaften erlernen, wie präzises lautes oder leises Spielen. Wer sich den Unterschied einmal dramatisch vor Augen führen möchte, kann sich an einem Keyboard probieren. Hier sind nämlich die Tasten überhaupt nicht gewichtet und es ist beinah unmöglich interessante Klänge zu produzieren. Die Dynamik erscheint für absolute Anfänger bei E-Pianos als sekundär. Mit fortschreitendem Können aber ist es frustrierend, den Stücken keine ansprechende Entfaltung im Bereich der Dynamik geben zu können (egal wie viel man daran versucht, zu arbeiten). Das Stück erhält kein Leben und der Spieler keine Bestätigung.

Die Differenzierung ist beim Yamaha gut gelungen. Im leisen Bereich könnten mehr Differenzierungen möglich sein. Wenn ich zum Beispiel in unserer Pittsburgh-Piano-Group an einem Steinway-Flügel spiele, merke ich immer, wie schlecht meine Interpretation ausgearbeitet ist. Ein besseres Klavier zum Üben würde mir viel helfen.

Ein paar weitere Details: Wer wirklich Klavier lernen will, der braucht nur den Klavierklang, das heißt Extra-Sounds sind nett, aber nicht notwendig. Bei der Einschätzung, ob das E-Piano qualitativ ist, spielt es dann auch keine Rolle, ob verschiedene Songs auf dem E-Piano abspielbar sind: Wie zum Beispiel hier angemerkt:

“Sie bietet Ihnen 128 verschiedene Sounds und 100 unterschiedliche Rhythmen, die ganz gut programmiert wurden. Sie kann Ihnen 50 Demo Songs bieten. Sie können auch Aufnahmefunktion benutzen.” Das billigste vom Billigsten: http://www.amazon.de/Klassische-Elektrosche-Klavier-Tasten-Notenablage/dp/B00TO0V00Q/ref=pd_sim_sbs_267_2?ie=UTF8&refRID=1WJFHVDH5YFM1BY5M2EX

Die Aufnahmefunktion bei einem E-Piano ist nicht sehr relevant, da die meisten Dinge, die man mit einem E-Piano machen will, auch mit einem normalen Computer ausgeführt werden können. E-Pianos verfügen nämlich über eine Midi-Buchse. Hier kann man den Umfang der Demosongs etc. dann auch unendlich erweitern. Ungeachtet dessen geht es aber vor allem darum, dass die Anzahl der eingespeicherten Melodien und Begleitrhythmen nahezu unbedeutend für das Erlernen von musikalischen Fähigkeiten ist.

Bei weiterführenden Interesse sollte man sich für ein teureres E-Piano entscheiden.

E-Pianos unter 1000 Euro

Es gilt ähnliches wie bei den Klavieren um die 500 Euro, obwohl man sich langsam der Qualität annähert. So hat das Yamaha 142B*
eine Polyphonie von 128 und auch bereits eine bessere Tastatur, bessere Soundkalibrierung als auch eine bessere Dynamik.

Das Gewicht ist mit 38 kg deutlich höher als das E-Piano unter 500 Euro, aber immer noch leichter als ein Klavier. Der Umzug bleibt einfach (ein Vorteil zum Klavier). Der Ständer ist zudem hier stabiler, was es leichter macht, schwere Stücke von Rachmaninoff zu spielen. Das Yamaha P-45 zittert doch bei diesen Stücken immer ein wenig.

Unter 2000 Euro

Das beste Preisleistungsverhältnis hat das Kawai ES 8B

Der Knackpunkt liegt in der Responsive Hammer III (RHIII) Mechanik mit Druckpunkt Simulation und Dreifach-Sensor, alles ermöglicht eine Anspieltechnik, die einem hochwertigen Flügel sehr nah kommt und das schafft kein Klavier. Darüber hinaus gibt es ebenso Saitenresonanz, was ja immer beim Klavier hervorgehoben wird, das heißt die anderen Seiten schwingen mit. In dieser Klasse ist das Kawai sicher ein Referenzpunkt für andere E-Pianos und die Qualität übersteigt bei Weitem jedes Klavier in diesem Bereich.

,Flügel im Trümmerschutt

Klavier brauchen keinen Strom und können auch bei Stromausfall betrieben werden!!! Klarer Vorteil. Grotrian-Steinweg CC BY-SA 2.0 de

Über 3000 Euro

Zu den E-Pianos über 3000 Euro kann ich nicht so viel sagen, außer, dass meine Tests im Musikladen wirklich phänomenal waren. Es macht wirklich Spaß, den Klang darauf zu spüren. Ich glaube hier, lassen sich selbst für Experten kaum mehr Unterschiede zu einem Klavier feststellen, außer, dass es bei weitem besser ist als ein Klavier zum gleichen Preis.

Alles in allem hat das Kawai ES8, das beste Preisleistungsverhältnis und ist unter 2000 Euro zu haben.

Und was ist jetzt mit echten Klavieren? Nun, ein richtiger Steinwayflügel, wie er in Konzertsälen steht, hat noch immer einige Vorteile. Vor allem die Lautstärke ist dabei relevant. Ein Steinwayflügel wurde gebaut, um von der Lautstärke einem Orchester in einem Konzertsaal gleich zu kommen. Was aber das Wonzimmer angeht, so gibt es kaum mehr Unterschiede zwischen elektrischen Pianos und richtigen Klavier und legt man nicht wert auf die Nostalgie, so ist ein E-Piano eine gute Investition. 

Nun, ich habe auch in vielen Foren geschaut und Fragen bei Quora zu dem Thema gepostet. Oftmals habe ich die Antwort bekommen, dass ein Klavier auf jeden Fall besser sei, dies waren aber oftmals Antworten, die sich nicht auf Recherche beriefen, sondern auf sehr selektive Einzelerfahrungen. Wenn ihr Meinungen zu dem Thema habt, dann in die Kommentare.

Wenn ihr keine weiteren Beiträge verpassen wollt und mir weiter folgen wollt, dann solltet ihr in den E-mail-Verteiler schlüpfen (bei Facebook kommt ja nicht mehr alles an). Ihr könnt mich auch bei Google+ adden, oder der Facebookgruppe oben rechts beitreten (bei Facebook gibt es dann auch andere Fragmente). Ein RSS-Feed für die progressiven Internetnutzer ist natürlich auch vorhanden. Ansonsten könnt ihr mich gerne anschreiben. Weiterempfehlen  ist natürlich auch ganz nett.

Norman Schultz, Pittsburgh, Februar 2016 

*Affiliate Link

Du musst dein Leben ändern, du musst Klavierspielen. Warum Persönlichkeitsentwicklung durch Musizieren am effizientesten ist.

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Im letzten Artikel sprachen wir ja bereits über die Frage der Persönlichkeitsentwicklung und bis zu welchem Alter dies möglich sein sollte. Nun ist natürlich klar, dass tägliche Routinen diese Veränderung am Besten bewerkstelligen, denn nach Studien der Duke University machen Gewohnheiten circa 40 Prozent unseres Tages aus (Habits: A Repeat Performance by David T. Neal, Wendy Wood, and Jeffrey M. Quinn). Sloterdijk, der uns als Gewohnheitstier sieht, spricht gar von 99,9 Prozent. Das Leben ist Wiederholung. Es gibt so gut wie nichts, dass wir nicht irgendwie eingeübt hätten: Laufen, Essen, sogar Schlafhygiene oder früh Aufstehen sind Dinge, die auf Autopilot funktionieren können. In diesem Sinne muss dauerhafte Entwicklung über Gewohnheiten geschehen.

Exp Wachstum

Auf einigen Seiten heißt es immer wieder, dass 1 Prozent Verbesserung pro Tag, am Ende eine 37-fache Selbststeigerung bedeute. Verbesserung soll also nicht täglich auf ein Maß festgelegt sein, sondern von Vorhandenem ausgehen. Dieses heißt auch im Fachjargon "Kaizen". Natürlich setzt es voraus, dass wir uns nicht in schlechte Verhaltensmuster zurückfallen lassen, und natürlich auch dass Wachstum in diesem Sinne keine Grenzen hat. Zunächst bleibt das Argument daher leer, denn Veränderung ist keine Formel, sondern eine sehr weit gefasste Aufgabe für ein gelungenes Leben. By MarianneBirkholz (Own work) CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons

Aber wie sich am besten verändern? Wir hatten ja hierzu im letzten Artikel den Fall eines Mörders besprochen, der nun nach 20 Jahren Veränderung ein Yoga-Studio in Stralsund leitet. Zu der Frage der Persönlichkeitsentwicklung gibt hier natürlich sehr viele Websiten, aber trotz der vielen Informationen Erfolg kommt von einem Gehirn, das leider sehr träge sein will. Veränderung passiert in kleinen Schritten täglich und die sind mit unter sehr schwer zu machen. Wir beginnen daher mal mit einem klassischen Argument: Gemäß Aristoteles muss nun, wer mutig sein will, sich Situationen aussetzen, die Mut erfordern (Nikomachische Ethik). Daraus könne wir analogisch ableiten: Wer besser sein will, muss sich Situationen aussetzen, die Verbesserung erfordern. Und wo können wir diese Verbesserung am ehesten herbeiführen? Auch hier schauen wir in die klassische Erziehungslehre. Nach Platon gehen zunächst der Körper und die musikalische Bildung dem Aufstieg aus der Höhle zur Sonne voran (die Sonne ist die Selbstaktualisierung nach Masslow’s Bedürfnispyramide siehe Artikel dazu hier), 

Ich denke nun auch, dass ein Musikinstrument zu erlernen, ein gutes Modell für die Selbstverbesserung darstellt. Warum? Sobald man geringfügiges Wissen erworben hat, kann man sich in Zirkeln engagieren, die es genau darauf anlegen, am Instrument besser zu werden und man kommt mit Menschen in Kontakt, die vielfältige Interessen haben, wobei es ihnen häufig um positive Charakterentwicklung geht (vor allem im klassischen Bereich). Aber bringen wir noch ein paar andere Daten ins Spiel:

Musik ist ein intellektuelles Gesamt-Work-Out

Bei der Persönlichkeitsentwicklung bedeutet ein Musikinstrument ein komplettes Work-Out für den gesamten intellektuellen Organismus. Die Vielschichtigkeit der Musikpraxis erreicht kein anderes Interesse. Musizieren hat Effekte auf die Gesundheit, wirkt zu Teilen wie ein physisches Training auf den Körper, verbessert die Intelligenz als auch die emotionalen Fähigkeiten. Wer sich also verbessern will, der sollte damit beginnen, ein Instrument zu erlernen und es auch möglichst früh seinen Kindern nahe legen. Natürlich entspricht dies nicht meiner gesamten Konzeption des Lernens, denn Lernen zeichnet sich durch ein komplexes Netzwerk von täglichen Routinen aus. Ich behaupte aber, dass Musik einer der zentralen Punkte unseres Lebens sein sollte. Warum?

Ich selbst spiele seit vielen Jahren Klavier und werde regelmäßig gefragt, ob ich professioneller Pianist sei. Das verneine ich immer mit einem schüchternen Lächeln, aber ungeachtet der sozialen Ehrung und persönlichen Eitelkeit muss ich sagen, dass mich das Musizieren zu einem besseren, vor allem ausgeglicheneren Menschen gemacht hat, und dass es mir womöglich am Meisten im Leben gegeben hat, noch mehr als meine Profession, die Philosophie. Zudem habe ich so viele Freunde durch die Musik kennengelernt wie zum Beispiel meinen besten Freund Kiril Stankow. Nach Maslows Bedürfnispyramide erfüllt Musik alle Punkte und kann uns, wenn wir es denn erlernen, bis zur Selbstaktualisierung bringen. Schauen wir uns aber auch ein paar Studien hierzu an.

Woher wissen wir, was uns intelligenter macht?

Die letzten 20 Jahre bedeuten eine wissenschaftliche Revolution. Da Daten nun mittels des Internets geteilt werden, hat sich ein dichtes Netz von Studien ergeben, wonach nun der Einfluss von Musik auf die Bildung genauer bestimmt werden kann. Auch die Neurowissenschaft hat hierauf starken Einfluss genommen. Bevor sich diese beiden Felder entwickelt hatte, war dieser Einfluss von Musik oftmals nur sehr ungenau bestimmt. Im Folgenden werde ich die wesentlichen Fakten des Einflusses des Musizierens auf unsere Intelligenz darlegen und mit zunehmender Komplexität auflisten. Ich empfehle dabei, soweit zu lesen, wie es sinnvoll erscheint, es ansonsten als gute Basis für Argumente zu nutzen. Zu den Konsequenzen komme ich weiter unten. Reicht also die Geduld nicht aus, um sich durch die detaillierten Ergebnisse zu wühlen, empfehle ich ruhig zum Ende vorspringen.

Kurzfakten:

  1. Musizieren hilft bei feinmotorischer Entwicklung, emotionaler Entwicklung Aufmerksamkeit, Angstmanagement, emotionaler Kontrolle (Studie, Magnetic Resonance (MRI) Study of Normal Brain Development)
  2. Nach einer MIT Studie ist der Cerebral Cortex von Konzertpianisten 30 Prozent größer als der von anderen Menschen, die als intellektuell bezeichnet werden (child.http://www.keynotespianostudio.com/Tallahassee_Piano_Lessons/benefits-of-piano-study/)
  3. 75% aller Manager im Silicon Valley hatten Instrumentalunterricht als Kind (child.http://www.keynotespianostudio.com/Tallahassee_Piano_Lessons/benefits-of-piano-study/)
  4. Lesen bedarf verschiedener Fähigkeiten wie Rhythmus und Zählen, was insgesamt der mathematischen Fähigkeit helfen kann. So zeigen Studien auch , dass Musikschüler häufiger besser in der Schule sind (Quelle: Friedman, B. (1959) An evaluation of the achievement in reading and arithmetic of pupils in elementary schools instrumental classes. Dissertation Abstracts International, 20, pp.s 3662-3663.) http://www.effectivemusicteaching.com/articles/directors/18-benefits-of-playing-a-musical-instrument/
  5. Musizieren verbessert Testscores, (nach Studien der University Texas und Georgia gibt es signifikante Korrelationen zwischen der Anzahl der Jahre, in denen ein Musikinstrument gespielt werde und den akademischen Leistungen in Mathematik (University of Sarasota Study, Jeffrey Lynn Kluball; East Texas State University Study, Daryl Erick Trent) 
  6. Ebenso verbessert Musizieren die Sprachfähigkeiten  (Quelle weiter unten)
  7. Musizieren kehrt Stress auf der molekularen Ebene um. Zitat: “It can reverse stress at the molecular level.” (Studies conducted by Loma Linda University School of Medicine and Applied Biosystems; Medical Science Monitor) 
  8. Musizieren beeinflusst unsere Hormone positiv.  Zitat: “[…] group keyboard lessons showed significantly higher levels of HgH than the control group people who did not play.” (University of Miami) Quelle: http://www.laphil.com/sites/default/files/media/pdfs/shared/education/yola/susan-hallam-music-development_research.pdf
 Konkretere Fakten Argumentationen nach: The power of music: its impact on the intellectual, social and personal development of children and young people” von Susan Hallam, Institute of Education, University of London Executive
Da Klavierspielen eine sehr komplexe Fähigkeit ist, hat es positive Effekte in vielen Bereichen. Wichtig ist festzuhalten: Einige Fähigkeiten werden von unserem Gehirn auch automatisch für andere Bereiche genutzt, andere Bereiche bedürfen Reflexion. Viele Lernprozesse laufen allerdings unbewusst ab und hier ist es wichtig, eine gute Strategie zu haben und nichts erzwingen zu wollen. Aus diesem Grund ist auch ein gutes, kritisches Coaching wichtig.
Im Folgenden finden sich einige Fakten, die ich nach Hallam zusammengetragen habe. Das Dokument ist wirklich sehr dicht und weist viele Studienergebnisse nach. Um das ganze noch detaillierter anzugehen, empfehle ich, dort nachzuschlagen (der Text ist allerdings auf Englisch)
Wir trainieren mit Musik auch unsere Sprache
Nach Hallam teilen Wahrnehmung, Sprache und Lesefertigkeiten sowie Musik viele Prozesse und wirken daher wechselseitig aufeinander ein. Aktives Musiktraining erhöhe daher die Aufnahmebereitschaft im linguistischen Bereich. 8-jährige mit nur 8 Wochen musikalischem Training zeigten hier bereits Verbesserung in der Wahrnehmung mit Kontrollgruppen. Was trainiert werde ist die “phonemische Bewusstheit”.
Ich kann dies aus meiner persönlichen Erfahrung bestätigen, ich bekomme immer wieder Komplimente für meine sehr korrekte Aussprache im Chinesischen, sicher auch ein Resultat meiner musikalischen Ausbildung.
Hallam argumentiert weiter: Ein Instrument zu erlernen, verbessert die Fähigkeit Wörter zu erinnern durch eine Vergrößerung der linken “cranial temporal regions”. Musikalisch trainierte Teilnehmer konnten so 17% mehr verbale Informationen aufnehmen. Auch hier kann ich auf meine persönliche Erfahrung zurückkommen, da mir bereits nach meinen ersten Aufenthalten in Amerika eine sehr gute Englische Sprachfähigkeit bescheinigt wurde und das obwohl ich in der Schule wirklich nicht zu den großen Leuchten gehörte. Ich denke, dass mich vor allem hier die Musik positiv beeinflusst hat.
Musiker sind größer UND intelligenter 
Desweiteren konnte in 15 Studien festgestellt werden, dass es eine starke vertrauenswürdige Verbindung (‘strong and reliable)’ von 2,54 cm Körpergrößenunterschied zu Gunsten der Musiker gäbeNach einer Studie die Theater- mit Musikunterricht verglich, hatten die Schüler der Theatergruppe einen durchschnittlich höheren IQ um 4,3 Punkte, während Kinder der Musikgrupe um 7 Punkte höher abschnitten. Zwei national repräsentative Studien in den USA mit 45.000 Kindern konnten weitere Zusammenhänge verdeutlichen: Höhere Kreativität, besonders wenn das Spielen des Instruments Improvisation enthielt – erhöhter Selbstwert, Durchhaltevermögen, um Frustrationen zu überkommen, und Selbstdisziplin sind nur einige der Ergebnisse. Im Weiteren hat die Teilnahme in Musikgruppen Freundschaften gefördert, soziale Fähigkeiten, soziales Netzwerken, Teamwork, einen Sinn der Dazugehörigkeitund erhöhte Konzentration. Und auch hier muss ich sagen, die meisten meiner Freunde in Pittsburgh kommen aus dem musikalischen Umfeld.
Musizieren wirkt schnell
Der Einfluss von Musik macht sich zudem sehr schnell bemerkbar. 25 Minuten Musiktraining für 7 Wochen ergab bereits höhere Gehirnaktivität bei 4 bis 6 jährigen. Nach Haley (2001) zeige sich, dass Studenten, welche vor dem vierten Schuljahr mit Musizieren begannen, bessere Resultate in Musik aufwiesen; insbesondere die Tasteninstrumente schnitten hier besser ab 
Auswirkungen auf die Schulleistung: Es sind nicht nur die besseren Schüler, die ein Instrument lernen, sondern das Musizieren macht sie besser.
Nach einer Studie von Morrison (1994) von 13.000 Studenten zeigte sich, dass High-School-Students bessere Noten in Matehmatik, Geschichte und anderen Wisssenschaften hatten. Natürlich ist die Frage, die sich den wissenschaftsgeneigteren Lesern aufdrängt, ob der Einfluss nicht durch die Musik, sondern durch die Eltern kommt oder aber, ob bessere Schüle eher dazu tendieren ein Instrument zu lernen. Hierzu wurde eine Studie durchgeführt: Nach Southgate and Roscigno  (2009) ist das Engagement in Musik zwar von den Eltern abhängig, aber auch nachdem der Einfluss der Eltern einbezogen wurde, zeigen sich immer noch die positiven Einflüsse von Musik.
 
Musik ist die höchste Form der Kunst
Musik im Vergleich mit Visual Art führte zu höherer Kreativität. Umso höher die Anzahl der Musikstunden, desto höher war die Kreativität (Hamann et al., 1991). Andere Studien betonen auch den Bezug zum kritischen Denken (NACCCE, 1999). Gerade Improvisation half signifikant beider Entwicklung des Kreativen Denkens. Broh (2002) zeigte ebenso, dass Musikschüler mehr mit ihren Eltern und Lehrern reden. Auch die Eltern sprachen vermehrt mit befreundeten Eltern. Das resultierende höhere Selbstwertgefühl war auch assoziiert mit größerem Erfolg in der Schule. In Studien aus der Schweiz fand man heraus, dass eine Erhöhung des Musikunterrichts keine negativen Effekte in Sprachen oder Lesefertigkeiten hatte, gegeben durch die reduzierte Stundenzahl in den anderen Bereichen.
Zäsur: Es gibt hier derartig viele Resultate und wir überspringen die emotionalen Einflüsse, dazu kommen wir nämlich noch am Ende. Interessant sind aber auch die Effekte auf physische Entwicklung und Gesundheit, sowie das Glücksempfinden.
Mit dem Musizieren verbesserte sich auch das Werfen, Fangen und Springen. vor allem wenn Kinder in Programmen teilnahmen, die Rhythmus enthielten. Bekanntermaßen ergeben sich aus dem Singen viele positive Einflüsse auf die Lungenfunktion, aber auch das Wohlebefinden, Entspannung und soziale Kontakte verbesserten sich (Clift and Hancox, 2001). Clift und Hancox fanden auch positive Ergebnisse für das Immunsystem und das Herz heraus. Clift et al. (2008)
Nach Parr (1985) würde Musizieren auf das Herz wirken wie ein flotter Spaziergang. Die Sterblichkeitsraten in Gesellschaften, die sich stärker auf Musik konzentrieren, sind angeblich sogar geringer. (Bygren, Konlaan & Johnansson, 1996; Konlaan, Bygren and Johansson, 2000; Johansson, Konlaan and Bygren, 2001; Hyyppa and Maki, 2001). Und das Musik der Entspannung hilft, brauchen wir wohl nicht erwähnen. Mir sind auch noch Dokumentationen im ‘Ohr’, die betonten, dass aktive Musiker seltener zu Alzheimer neigten, oder dass Alzheimer hier besser kompensiert werden konnte. Wen das alles nicht überzeugt, der kann sich das folgende Video anschauen (und dabei gleich ein bisschen English lernen).
Dies sind also die bisherigen Effekte des Musizierens und die Studien (auch wenn mitunter nicht ganz klar) legen nah, dass Eltern, die ihren Kindern, die besten Chancen ermöglichen wollen, auch über die richtige musikalische Ausbildungen nachdenken sollten. Der beste Grund aber, warum wir Musik machen sollen, ist nicht der Leistungsanspruch. Aus meiner Erfahrung kann ich sagen, dass Musik Menschen zusammen bringt, Menschen, die Sinn in einer produktiven Tätigkeit finden. In der Musik kann man Freunde finden, das ist mir in meinem Leben häufig geglückt. Hierbei geht es nicht unbedingt darum, der Beste zu sein und wie oftmals beim Sport darum, sich hervor zu tun, sondern sich mit anderen gemeinsam an einem großen Werk zu versuchen. In diesem Sinne verspricht Musik einen idealen Beginn in der Persönlichkeitsentwicklung. Aber auch dies sind nur extrinsische Gründe, der einzige Grund, den ich anmerken kann: Es macht mir Spaß am Klavier zu sitzen und zu üben, zu sehen, wie ich mich verbessere und von Zeit zu Zeit, Musik, die ich selbst produziere zu genießen. Es macht mir auch Spaß, dieses weiterzugeben. In Pittsburgh habe ich einen Hochzeitsmarsch komponiert, der nun auf immer mehr Hochzeiten gespielt wird. Das ist schön und letztes Wochenende habe ich auf einer Talentshow gespielt, wonach mich viele Leute danach auf das Stück angesprochen haben und sehr begeistert waren. Und es geht noch sentimentaler: Eine meiner Freundinnen weint gerne, wenn sie Klaviermusik hört :)
Und wie geht es jetzt weiter? Es beginnt wohl damit, ein Musikinstrument zu kaufen, einen engagierten, guten Musiklehrer zu finden und auch seine Kinder zum Musikunterricht anzumelden. Klavier ist übrigens meine Empfehlung, weil es in allen Musikbereichen integrierbar ist, Flexibilität ermöglicht und vor allem auch immer eine Tür zum klassischen Bereich aufhält (es ist allerdings kein Muss). Gitarren sind transportabler, aber neuste Stage-Pianos sind auch leicht woanders unterzubringen und haben noch sehr hohe Qualität. Natürlich sind Klaviere teuer, hier in Pittsburgh habe ich mir jetzt gerade erst ein Yamaha P-45 gekauft, nachdem unser Klavier abgeklappt ist (spart auch die 200 Dollar stimmen jährlich und an Flügeln kann ich an der Uni üben).

Das ist E-Piano sehr günstig, hat ein paar Limitierungen im künstlerischen Ausdruck, aber das Preisleistungsverhältnis ist unschlagbar. Für Anfänger kann es meines Erachtens keine andere Empfehlung geben, denn nach 3 Jahren ist das Geld schon wieder drin, weil man es nicht für das Stimmen eines Klavieres ausgegeben hat. Ich setze mich mal hin und werde einen Artikel über E-Pianos schreiben, denn auch unter Profis sind diese noch sehr unterschätzt.

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Frohe Weihnachten, Norman Schultz, Pittsburgh, Dezember 2015

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