Geniefilm „Das Schweigen der Lämmer“? Hannibal als Ausdruck unserer Ängste vor Vernunft

Wir haben den Kontakt zu den Genies verloren. In der postmodernen Souveränität des Individuums weigern sich die Durchschnittsprofilneurotiker in die Fußstapfen anderer zu treten, da sie andernfalls keine eigenen Fußstapfen mehr hinterlassen würden. Doch der Schnee ist längst niedergetrampelt von den Genies vormaliger Generationen, so dass den angeblich großen Denkern unserer Zeit nur übrig bleibt in der grauem Masse zu verschwinden. Genies wurden nach und nach demontiert. Der Nerd selbst ist zum Massenphänomen geworden. So gibt es auch keine großen Philosophen mehr. Konnte Quine mit seinem „Two Dogmas of Empiricism“ noch an die 500.000 Folgeartikel verzeichnen, ist der Markt heute völlig pluralisiert. (Titelbildnachweis: Towpilot [GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html) or CC-BY-SA-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/)], via Wikimedia Commons

Die Faszination an der Überleistung hat sich überlebt, allerdings wird diese nun demokratisch identifiziert. Wenn wir Menschen wie Madonna zur größten Sängerin des Planeten hochjubeln, die Beatles zu Vollblutkomponisten emporheben, die aus dem selben Holz wie Mozart geschnitzt wären, oder tatsächlich glauben Justin Bieber würde dazu im Vergleich minderwertige Musik machen, dann hat sich der Glaube an die größeren Gedanken schlichtweg kaputtdemokratisiert. Der Aufstieg zu den Gipfeln der Menschheit beginnt heute in den Basislagern des Durchschnitts. Genie ist Dominanz in der Popkultur. Es gibt daher keine Geniefilme, die nicht immer auch die Sehnsucht der Massen nach schneller Geltung reflektieren. Das Genie der konstanten Tätigkeit ist verschwunden.

Zur Demontage des Geniemythos gehört allerdings schon viel früher die nach dem ersten Weltkrieg einsetzende Angst vor den Abgründen unserer Vernunft. Wir glaubten nicht mehr, dass der reine Intellekt die Welt verändern würde, da er zumeist auch dem Bösen diente und Menschen durch ungeheure Kriegsmaschinerien verwurstete. Doch die endgültige Heroisierung unserer Vernunft und Genieangst in Philosophie, Kunst und Literatur sollte erst mit „Das Schweigen der Lämmer“ ihren Durchbruch auf der Leinwand finden. Hannibal Lector war hier wohl der Höhepunkt einer Thrillerbranche, die den Serienmörder als Spiegel unserer Ängste entdeckte. Der kultivierte Mörder, der komponiert, Shakespeare auswendig kann, Städte aus dem Gedächtnis malt, Persönlichkeiten am Parfum erkennt, Charme und ein unleugbares Charisma besitzt, der schließlich allen unseren seelischen Abgründen sofort auf die Schliche kommt, der selbst in seiner Kochkunst universell begeistert, würde er nicht generell Menschenfleisch bevorzugen, dieses Genie der Tugenden hat doch letztlich einen bösen Willen. Was Kant schon wusste, dass jede Tugend auch dem Bösen zuträgt, so war in Hannibal Lecter die Genialität mit dem Antichristen identifiziert.

Die Amerikaner haben hier übrigens noch ein viele deutlichere Abneigung gegenüber den Liberal Arts als wir. Der Durchschnittsamerikaner glaubt, Bildung schade dem Staat und sei irgendwie böse, weswegen mehr und mehr konservative Eltern ihre Kinder zu Hause unterrichten.

Hannibal hinter Masken und Stäben versperrt ist wie ein berechnendes Tier, dass ungezähmt Gesichter von Menschen abzieht und auf seine Chance auf Freiheit lauert. Die Konfrontation mit der inneren Psyche unseres Könnens, die Konfrontation mit den Grenzen des Genies ist hier Thema des Films. Der eigentliche Mörder gerät zum Beiwerk und die Faszination für das Genies ist hier der Umschlagplatz für unsere Ängste. Wenn Wissen Macht ist, dann muss das Genie gerade uns bedrohen, die wir ja in Wirklichkeit keine Genies sind und alles hart erarbeiten. Hannibal bedroht uns uns nicht mit der Möglichkeit uns zu verspeisenn. Der Kampf findet wohl bewusst in der Psyche statt. Wo Menschen nicht mehr in die Fußstapfen anderer treten können, dort bedroht das andere Genie das schwache Leuchten des eigenen Lichts und so ist „Das Schweigen der Lämmer“ eine psychische Konfrontation der Protagonisten.

Nach finanziellen Erfolgen kann sich Hollywood einer Fortsetzungen regelmäßig nicht erwehren. Daher hatte „Das Schweigen der Lämmer“ auch einen Nachfolger. Aus der ursprünglichen Reise in die Motive der „Guten“ aber – Starling und Lecter verfolgten ja einen häutenden Serienmörder, wird hier allein das böse Genie vorgestellt. Dieses Böse muss dem Guten immer überlegen sein, da es eine versteckte Realität besitzt. Dort wo das Gute nicht hinblicken soll, hinter der Intelligenz unseres Selbst verbirgt sich an den blinden Flecken der Abgrund. Dort wo unsere Intelligenz endet, dort beginnt das Böse, das sich unserer Verstandeskraft entzieht. Der Verbrecher, da er sich vor den Guten verstecken muss, muss immer schlauer sein. Jeder Versuch daher die Kriminalität aus dem Schatten zu holen, hebt neue Schatten hervor. So ist die Fortsetzung „Hannibal“ nicht mehr die Frage nach unserem Gutmenschentum und unseren psychischen Abgründen, sondern blüht auf im postmodernen Gemetzel ohne Moral, das schon Tarantino nach „Das Schweigen der Lämmer“ etablierte. Das Genie ist nur noch ein Genie ohne Moral und keine erstrebenswerte Veredlung enthält sich mehr in der Intelligenz.

Hannibal soll daher der Höhepunkt menschlicher Schaffenskraft sein, was nicht bedeutet, dass dieser Höhepunkt Gutes bedeutet. In Florenz mordet Hannibal schlichtweg kultiviert zu Opernklängen.

Das Umfeld ist dabei schon wie im Film zuvor nicht mehr als ein Humphrey-Bogart-Film. Hollywood bedient Klischees um die Handlung marktgerecht voranzutreiben. Ein blasser Agent Starling ist umgeben von sexistischen Stümpern, kettenrauchenden, italienischen Detektiven und einem Milliadär, der mit Schwachköpfigen Handlangern Gelüste auslebt, wie er es für richtig hält. Selbst Starling wirkt wie ein Teenager mit Zahnspange, die auf den manipulativen, greisen Intelligenzbolzen herein fällt. Wer hier aber Klischees kritisiert, muss sich bewusst sein, dass die Welt aus eben diesen Klischees tatsächlich besteht: Menschen, die nicht mehr in die Fußstapfen anderer treten wollen und doch genau wie die Abziehbilder von der Leinwand sind.

Lecter ist der Geniekult in jedem von uns. Der Geltungsdrang und Überheblichkeit. Gleichsam sind wir eingeschlossen, in das Umfeld der Durchschnittlichkeit. Wir sind auch nicht mehr als die Masse der Demokratie.

Mit Sicherheit hatte der erste Film dem zweiten Film psychologische Tiefe voraus und ich weiß noch, wie ich als junges Kind schlichtweg Angst vor allen, diesen Szenen hatte:

Weitere Filme, die es in die engere Auswahl von Geniefilmen geschafft haben, sind 21 – Poker, Pirates of Silicon Valley, The Social network, Inside Man, Phenomenon, Be Cool (Schnappt Shorty), Rounders, Schlafes Bruder, Das Wunderkind Tate, Oscar Wilde, Real Genius, Iron Man, Einstein Junior, Liebe ist relativ, Der talentierte Mr. Ripley, Das Parfum, Inception, Aviator, Der Mann, der die Frauen liebte, A beautyful mind, Forrester, Ridicule – Von der Lächerlichkeit des Scheins.

In meiner Top Ten sind: Prestige – Meister der Magie, Catch me if you can, Die Schachnovelle, Das wilde Schaf, Gandhi, Rain Man, Shine,  Good will hunting, Ohne Limit (Dieser Film läuft bei dem Thema außer jeder Konkurrenz), die Legende vom Ozeanpianisten

Ich werde diese Filme noch besprechen und ich würde mich freuen, wenn ihr weitere Vorschläge macht oder meinen Blog verfolgt. Ansonsten könnt ihr auch gerne auch meiner Pinterestgruppe zu motivierenden Persönlichkeiten beitreten. Wenn ihr auf dem Laufenden bleiben wollt, dann added mich doch bitte bei Google+, abonniert mich per E-mail oder tretet der Facebookgruppe oben rechts bei. Ein RSS-Feed ist natürlich auch vorhanden sowie eine Pinterestwall zum Thema Lernen. Ansonsten könnt ihr mich gerne anschreiben, wenn ihr mal gemeinsame Projekte im Sinn habt. Ach und teilen, wäre auch nett, damit ich das hier nicht immer nur für mich schreibe :)

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