Der lehrende Sadist und sein Schüler der Masochist – Meine Schulerfahrungen und die Forderung nach Philosophie als zentraler Größe in unserer Bildung

Wenn es darum geht etwas besonders schlecht zu machen, dann war ich in meiner Schulzeit oftmals der Beste. Fünfen pflasterten wie gähnende Totenköpfe meinen Weg durch unser Schulsystem und ich gähnte fleißig mit (haha). Schlafen durften wir ja nicht. Heute schäme ich mich nicht mehr, vor langweiligen Professoren zu schlafen. In diesem Beitrag bringe ich also mal ein paar Beiträge aus meiner fürchterlich langweiligen Schulzeit. (Bildquelle:: By after Jan Josef Horemans the Younger (1714-1790) (http://www.hampel-auctions.com/) [Public domain], via Wikimedia Commons)

Fritz Beinke Die Schulschwänzer

Freiheit heißt bei Lehrern Schule schwänzen By Fritz Beinke (1842-1906) (Dorotheum) Public domain Wikimedia Commons

Musik – Mein Lehrer in der sechsten Klasse muss mich für einen Klops gehalten haben. Bis zum Alter von 20 konnte ich im Radio nicht hören, wo in einem Stück der Viervierteltakt beginnt, geschweige denn, ob das Stück überhaupt einen Rhythmus hat. Obwohl ich jedoch mit Musik soviel zu tun hatte wie Schule mit Bildung (das Potential ist ja da) saß ich am Ende des Schuljahres an den Projekttagen in einem Musikprojekt (ich war zu faul, mich rechtzeitig vor die Listen zu drängeln und mit den anderen Schülern wie mit Muttis im Kik um das Sommerschluss-Projekt zu kämpfen. Im Schuljahr zuvor durfte ich aus demselben Grund übrigens alle Overheadprojektoren reinigen. Was angeblich auch ein Projekt war!) An unserem „naturwissenschaftlichen“ Gymnasium interessierten sich nur wenige für ein musikalisches Verliererprojekt und so saß ich also bei den Verlierern. Am Ende dieses Projekts sollte bei einem Schulfest dann ein Stück aufgeführt werden. Als größter Unmusiker aller Zeiten war ich also angereist und wurde nach einigen ernüchternden Leistungstests zum Tamburinmann gekrönt.

Kennt ihr eigentlich jemanden, der nicht weiß wie er ein Tamburin bedient. Ich wusste auch noch Zehn Jahre später nicht, wie die merkwürdige Rassel eigentlich hieß. Ich war damals so uninteressiert, selbst auf einer Triangel hätte ich den Ton nicht getroffen. Rhythmusklopfen? Der Kopf des Ahnungslosen dachte immer das wäre das Geräusch, was Trommeln machen wie eben Klaviere nach Klavier klingen.

Der Druck der musik- und kulturinteressierten Öffentlichkeit tat jedoch seinen Dienst. Widerwillig orientierte ich mich daher bei der Schulaufführung an meinem Nebenmann und klopfte in gleichem Maße wie er klopfte, stoppte, wann er stoppte und lieferte ein ziemlich gutes Playback. Nach dieser Ausbildung wäre ich wahrscheinlich ein ziemlich guter Lufttamburinspieler geworden. Die Aufführung war dank meiner Nicht-Performance ein voller Erfolg.

Die Quittung meines Desinteresses? Ich erhielt in Musik meine Fünfen. Warum aber? Nun, mich interessierten keine Noten und noch weniger irgendwelche Akkordgeschichten, nach denen ich dann Stücke nach Schemen auf ein Blatt Papier komponieren sollte. In der Regel malte ich Noten irgendwohin und bekam dann wenigstens eine Fünf. Warum aber Noten Kindern aufgezwungen werden, obwohl sie zumeist kein Interesse für Musik haben, noch ein Instrument spielen, kann ich bis heute nicht verstehen. Dann mit 16 aber bekam ich ein E-Piano und fing an zu üben und übte viel. Mein Ziel war es schließlich dieses Stück zu beherrschen:

Ich kann es sicher noch besser spielen, aber ich habe mir auch bis zum 50. Lebensjahr eine Frist gesetzt. Dann möchte ich ein guter Barpianist sein und eine filigrane Technik besitzen. Noch genug Zeit, um damit dann den Lebensunterhalt zu bestreiten.

Schule ist doof

Das habe ich damals so gesehen und sehe ich heute nicht anders. Meine überragende Ignoranz gegenüber der Schule belohnten die Lehrer schließlich damit, dass sie mich in der zehnten Klasse wie Kaugummi an der Schulbank kleben ließen. Ich weiß nicht, welchen Sinn diese Strafrunde damals haben sollte, aber ich bin mir sicher, sie stehen heute noch hinter ihrer Entscheidung wie viele Eltern, die ihre Kinder schlagen. Aus mir ist ja schließlich irgendwie etwas geworden (ich meine irgendwie, schließlich bin ich Philosoph). Ich nahm die Konsequenzen meiner minderen Qualität damals kommentarlos hin. Ich empfand es überhaupt nicht schlimm, in einem System zu hängen, dass vor allem wegen der sozialen Kontakte aufgesucht wurde.

Was war geschehen? Ich stand damals sowohl in Englisch als auch in Französisch Fünf, was mich damals ungefähr soviel interessierte wie altfranzösische Liebeslyrik in Italien. Ich nahm die meisten Lehrer so ernst wie das Schulfernsehen auf den öffentlich-rechtlichen. Die Lehrer lebten oftmals ihren Beruf nicht und ließen uns merkwürdige Aufgaben lösen. Türmchenrechnen? Hallo? Es gibt sicher auch andere Systeme, wo wir den Stoff üben.

Ich war bereits die Jahre zuvor versetzungsgefährdet und auch nach meiner grandiosen Ehrenrunde änderte sich nicht viel. Schließlich schaffte ich die zehnte Klasse, in Französisch bekam ich eine Fünf, was ich gerade so mit einer Drei in Deutsch und einer 3,5 in Mathe ausgleichen konnte. In Englisch öffnete ich mit 4,45 mit Hängen und Würgen auf dem letzten Meter den Fallschirm. Ohne die Zwei in einer Arbeit, die Jeremy (ein amerikanischer Austauschschüler!) für mich schrieb,  hätte ich diese Klasse nicht geschafft (es wurde vor allem die Grammatik und der Ausdruck bemängelt). Tatsächlich habe ich beschissen. Ohne diese Zwei von Jeremy hätte ich nie wieder an einem normalen Gymnasium mein Abitur machen dürfen, aber ich fühle mich nicht schlecht, da ich ein noch beschisseneres System beschissen habe und schließlich war ich ein Kind.

Yawning koala bear

Langweiliger als Tofu By National Media Museum from UK (Yawning koala bear Uploaded by PDTillman) Public domain

Ich muss allerdings auch sagen, dass in Französisch und Englisch die Lehrer überhaupt keine Schuld trifft, denn ich hatte einfach kein Interesse über Gemüse in Frankreich oder Kleidungsstücke in England nachzudenken. Ich hatte auch ebenso kein Interesse daran schöne Satzanfänge im Englischen zu verwenden, um dann wie ein Trottel, die minderbemittelte Meinung, die mir mit den spärlichen Worten zur Verfügung standen, auf das Papier zu bringen. Zudem brauchte ich die Sprachen nicht, denn ich wollte Informatik studieren und natürlich Computerspieletester werden. Zugleich war mir klar, dass ich die Sprachen erlernen würde, indem ich einfach in das Land reisen würde, wie ich es später mit Amerika und Frankreich tat. Heute ist mein Schriftenglisch mitunter besser als das Englisch einiger Muttersprachler. Zumindest schaffte ich beim GMAT 64 Prozent, was bedeutet, dass ich besser Englisch beherrsche als 64 Prozent der anderen Teilnehmer, was zum großen Teil Muttersprachler sind, die sich auf ein höheres Studium bewerben. (Diese Fähigkeit will ich allerdings noch deutlich steigern. 64 Prozent ist noch nicht viel.)

Bemerkenswert ist im Übrigen, dass einige Fächer, die zu meinen Interessen gehörten, in der Wiederholung der Klassenstufe deutlich schlechter ausfielen. Im Wiederholungsjahr der Zehnten Klasse war mein Schnitt gar noch schlechter. Hier lag es allerdings sehr deutlich an den Lehrern. Während ich bei Frau Werner in Sozialkunde durchweg interessiert war und stets eine Eins bekam, schlief ich bei den endlosen Monologen von Frau Fürt aufs fürchterlich Fürstlichste. Die Dame nahm mich auch kaum wahr und hatte ihre Meinung über mich. Sie schaute mich an, wie ein Amerikaner, der große Augen bekommt, wenn ein Mann mit Bart und Turban ein Flugzeug betritt. Sitzenbleiber sind Bildungsterroristen, die den Lehrern den Spaß am Unterrichten verderben. Mit Hängen und Würgen erreichte ich eine Vier (beim gleichen Lernstoff) bei ihr.

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Nach der Schule aufstehen - Joseph Ducreux Public domain via Wikimedia Commons

Ähnliches geschah mir mit Frau HonkyDonky. Während ich zuvor in Geschichte noch meine sehr gute Zwei (ohne Lernen) bei Frau Glahmann erreichte, gab die Dame mir Sechsen, weil sie nicht wusste, wie mit einem Schüler umzugehen ist, der den Kopf morgens auf die Schulbank legt, während sie über Gott und die Welt und auch mal über Geschichte sinnierte. Bei einem Auswendiglerntest, bei dem wir Geschichtsdaten Geschichtsereignissen zuordnen mussten (was ich mittels Merktechniken in der Regel in der Pause erledigte und dabei immer meine wenigen Einsen bekam) erhielt ich eine Sechs, weil ich die Geschichtsdaten nicht chronologisch sortierte, sondern ungeordnet ihr vorlegte. Nun gut ich hatte noch gelangweilt in Spiegelschrift darunter geschrieben „Viel Spaß beim Kontrollieren.“ Die Dame stand wohl nicht über ihrer Hybris als sie die Hybris eines Sechzehnjährigen beurteilte. Sie hat mir eine Lehre erteilt (womöglich denkt Sie dies auch heute noch), im Gegensatz dazu habe ich vor ihr geweint und das war wenigstens ehrlich. Sie wird mir zumindest in meinen zukünftigen Seminaren zu Verhaltensweisen von Lehrpersonen als gutes Beispiel dienen. Eine Arbeit in Deutsch gab ich übrigens komplett in Spiegelschrift ab, wofür ich eine Drei erhielt. Die Lehrerin hatte sich tatsächlich einen Spiegel daneben gestellt.

Frau HonkyDonkys elitäre Haltung gegenüber dem Allgemeinwissen der Geschichte gepaart mit Monologen, mit denen man Hunde hätte einschläfern können, empfand ich teilweise als Beleidigung an den Intellekt. Die Erkenntnishorizonte der Geschichte interessierten sie wenig, stattdessen hatten wir die Geschichte so zu rekonstruieren, wie Frau HonkyDonky sie uns vorbetete. Letztlich musste ich übrigens zum Direktor, weil ich mir für die Stunden ein Kopfkissen mit zur Schule nahm. (Ich muss hier auch anmerken, dass ich keineswegs vorlaut war, sondern nur still in meiner Ecke saß).

Schließlich aber wechselte ich bald die Schule und machte mein Abitur in einem Musikleistungskurs, der eben auch die musikalischen Fähigkeiten in den Mittelpunkt rückte. Ich interessierte mich mit einem Schlag sehr für das Klavier und für klassische Musik. Darüberhinaus begann ich Kant und Heidegger zu lesen. In Musik erhielt ich dann Einsen und in Englisch gab ich vor, die Sprache zu beherrschen, was auch in irgendeiner Weise funktionierte. Zwar konnte ich kein Englisch, aber der äußere Schein, den ich mir verlieh, besser als andere zu sein, passte irgendwie zur Lehrerin. Ohne weiteren Aufwand verbesserte ich mich von geradeso Vier auf Eins. Schließlich machte ich mein Abitur mit 1,8 (keine überragende Leistung, aber es stand im Zeit-Leistungsverhältnis zu all meinen anderen Hobbys).

Lernen und Interesse

Obwohl ich mich in der Schulzeit niemals für Sprachen interessierte – auch nicht als ich vorgab Englisch zu können – studierte ich plötzlich nach dem Abschluss alte Sprachen (Indogermanistik). Gerade das Studium von Wittgenstein und Heidegger  ließ mich damals die Grundlagen unseres Wissens in der Sprache suchen. Die Motivation war mit einem Mal gegeben:

„Die Grenzen unserer Sprache sind die Grenzen unserer Welt“ (Wittgenstein)

„Die Sprache ist das Haus des Seins, in ihm wohnend der Mensch.“ (Heidegger)

Aufgrund solche Ideen lernte ich also Grundlagen der Indogermanistik, Latein, Gothisch, Hethitisch, Altjapanisch und Griechisch.

Heute jedoch lehne ich den starken Sprachrelativismus ab, obwohl ich immer noch glaube, dass die Sprache als Erkenntnishorizont unhintergehbar ist. Hierbei ist allerdings die Frage, was wir als Sprache verstehen. Ich rede auch von der Sprache und nicht etwa von kulturell verschiedenen Sprachen. Aus heutiger Sicht hätte ich meine Zeit eher darauf verwenden sollen, moderne Sprachen zu erlernen.

Methodenfragen im Lernen

Viele an diesen Sprachinstituten sprachen übrigens bis zu 20 Sprachen (auch wenn diese verwandt waren). Handelte es sich um Sprachgenies? Nein, sie hatten besonders gute Methoden und durften sich nach ihren Interessen orientieren. Eine Grundlage für tatsächliches Lernen und wenn die Schule hier versagt zu motivieren, dann ist die Schule nutzlos. Lehrer (wie im übrigen auch Universitätslehrer) erwarten stets, dass die Schüler alle Motivation aufbringen, tatsächlich aber machen Sie sich doch schon die Mühe, um jemanden zuzuhören. Die Verantwortung für die Motivation liegt beim Lehrer, der letztlich auch noch das Geld für seine Besserwisserei bekommt.

Wie Habermas schon wusste: „Der Mensch kann nicht nicht lernen.“ Die Schule aber verstellt uns den Weg, indem sie uns mit angeblichen Allgemeinwissen schlichtweg Lebenszeit stiehlt, anstatt uns die Chance zu geben, ernsthaft etwas zu lernen. Bei den meisten Dingen, die ich zum Beispiel erlernen möchte, fehlt mir oftmals der Zugang zu Menschen, die mir das beibringen. Die Schule gab mir solche Zugänge selten (Lesen, Schreiben, Rechnen, okay, das prügelte man in mich rein).

Seitdem ich während des Studiums aber an diesen Instituten Sprachen erlernt habe, weiß ich, dass es nicht darauf ankommt, sich an Schulen anzupassen. Es kommt eher darauf an, die Motivation für das Lernen zu finden und dann auch die Methode zum ständigen Inhalt des Lernens zu machen. Sprachen lernte ich tatsächlich mit Spaß, auch wenn ich es nach der Zwischenprüfung auf moderne Sprachen hinorientierte. Mein großes Ziel ist es, nach meinem Doktorstudium noch Chinesisch zu lernen (erste Kurse habe ich schon mit A+ in China bestanden.)

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Lehrer schlagen über die Strenge By Charles Green (1840-1898) Public domain via Wikimedia Commons

Was ist die richtige Methode? Weiß dies jemand? Nun, ich habe viel zu diesem Thema gelesen als ich an der Uni Methoden des wissenschaftlichen Arbeitens unterrichtet und aus dieser Erfahrung muss ich sagen, Menschen wollen in der Regel überhaupt nicht wissen, wie sie etwas besser lernen. Wenn ich wissenschaftliche Ergebnisse, dass vor allem Studenten besser abschnitten, die tendenziell weniger mitschrieben, in meinen Tutorien darstellte, so bekam ich in der Regel nur zu hören: Bei mir funktioniert es aber wirklich anders. Viele waren überzeugt, ein bestimmter Lerntyp zu sein, obwohl diese Lerntypentheorie mittlerweile in der Didaktik als überholt gilt (viele Dozenten vertreten sie aber noch unwissend). Die meisten Studenten schrieben Romane in den Vorlesungen mit, ohne auch nur zu denken, während ich stets die Vorlesung mit einem kleinen A5 Zettel komplett zusammenfassen konnten, hatte der Rest noch nicht mal geschafft, sich einen Überblick zu verschaffen. Auf simple Fragen zu antworten, war schwierig (und ich mache den Studenten überhaupt keinen Vorwurf. Ohne Methodik ist es schwer eine ganze Vorlesung zu verfolgen und memoriert zu reproduzieren. Es wird ja auch kaum dazu motiviert). Die Diskussionen um dieses Thema waren im Gegensatz allerdings sehr lebhaft, was darauf hinweist, dass wir diese Diskussion benötigen.

Technik verbessert tatsächlich unser Können. So gibt es beispielsweise schon chinesische Klavierschulen, die technisch perfekte Pianisten mit 18 Jahren hervorbringen (früher waren diese wesentlich älter). Gleiches gilt für die Schachschulen, wo Großmeister immer jünger werden. Für Sprachen gibt es Sprachzentren, die Sprachen schnell und effizient in die Menschen einprügeln. Mehrsprachigkeit ist heute keine Seltenheit mehr. Leider kosten diese Sprachprogramme und Spezialschulen viel Geld.

Warum aber werden diese Lerntechniken nicht schneller und unabhängig von privaten Bildungszentren verbreitet? Warum hören wir nicht jeden Tag von neuen Lernerfolgen? Weil wir Menschen gesellschaftlich die Neugier aberziehen und ihnen mit der Neugier nicht die kritische Reflexion der Philosophie überlassen. Mit Todeslangeweile aus der Schule erleben wir wirkliche Persönlichkeitssteigerung bei der Mehrzahl der Menschen dann nur noch selten. Leben ist dann bei ihnen eine merkwürdige Mischung aus Alkohol und Debilität, um überhaupt die Langeweile ertragen zu können. An den Lagerfeuern und vor dem Internet sitzen immer Jugendliche, die von einer größeren Welt träumen und dies ist Anreiz zum lernen. in der Schule begegnen uns dann Vor allem Lehrer, die dann ihren Job runterreißen, und zu Bremsklötzen werden (schon stark verallgemeinert ja und es muss hier auch eine Systemkritik folgen). Im Endeffekt lassen wir uns in unserem Bildungssystem dann von Chinesen überholen, die aber letztlich den Lernstoff nur reingeprügelt bekommen und sich auf Fähigkeiten trimmen.

Unser Bildungssystem basiert auf einer merkwürdigen Form von Allgemeinbildungsfetischismus, wobei der Lehrer so etwas wie ein Sadomasolehrer ist. Selbst lange trainiert, die Langeweile auszuhalten, hat er zumeist die Lizenz zum Langweilen erhalten und darf seine Ideale, den Stillen einflößen. Der Student und Schüler ist dabei zumeist derjenige, der sich an das Andreaskreuz der Bildung nageln lässt und nun mit Klassikern von Faust bis Schiller, mit Funktionen und sinnlosen Gleichungen gequält wird. „Ja, Herrin, gib mir eine Eins!“

Diese Form der elitären Allgemeinbildung brauchen wir nicht mehr. Stattdessen brauchen wir Menschen, die sich auf Probleme einlassen wollen und dann mit diesen Problemen arbeiten und sich daran orientieren. Ich konnte mich daher niemals mit der Schule arrangieren, weil mir alles so weltfremd erschien. Ich studierte in Deutsch die Sekundärschriften zu den Werken, so lass ich mich beispielsweise durch die Gesamtausgabe von Max Frisch. Zu Goethes Faust ergänzte ich die Lehrer um die Wurzeln der Motive, korrigierte ihre Hypothesen, indem ich mich auf Werke bezog wie von Heinrich Leopold Wagner („Die Kindsmörderin“), welches Stück zur Zeit Schillers und Goethes damals womöglich eine Wirkung wie heute Twilight. Nein ich war nicht nur ein Klugscheißerkind, aber die vielen Interessen stießen nicht auf Widerhall, weder bei den Lehrern, noch bei meinen Mitschülern und so gab es auch niemals Anerkennung für außerschulische Aktivitäten, die allerdings alle viel stärker meinen Charakter formten. In einem Sadomasosystem soll der Schüler vor allem Leiden lernen, nicht aber Leidenschaft aufkommen lassen. Wie sollte das Leben auch mit Noten kontrolliert werden?

Dennoch aber interessierte ich mich für die Sache und dies bedeutete, dass ich mich für den Allgemeinbildungskram der Schule zumeist nicht interessierte. Diese oberflächlichen Lehrpläne legten es schließlich nur darauf an, dass wir vorgekautes Wissen und sogar Fähigkeiten reproduzierten. So bekam ich in Deutsch schließlich stets Gedankensprünge und eine nicht stringente Erörterung vorgeworfen. Dabei war dies nur der Versuch von der eisigen Oberfläche auszubrechen. Ich verstand jedoch schlichtweg nicht, worum es ging. Ich versuchte interessante Texte zu schreiben, so wie ich es damals begann von Sloterdijk zu lernen. Es war mehr das Ziel Geist in den Worten, die da aus mir heraussprudelten, zu finden, als eine plumpe Gedichtanalyse abzuliefern. Ich verstand aber auch überhaupt nicht, dass es darum ging, einfach nur einen plumpen Text zu schreiben. Mir gingen die Augen auf, als ich kurz vorm Abitur mal eine Arbeit einer Mitschülerin las, um zu erfahren, warum ich immer nur eine Zwei niemals aber eine Eins bekam. Tatsächlich ging es im Probeabitur um Max Frisch und ich war sehr enttäuscht. Meine Lehrerin schrieb noch, dass sie mir für die überragenden Zusatzleistungen und das Zusatzwissen, leider keine Zusatzpunkte geben könne. Der größte Gedanke der Einserkandidatin hingegen war die Formulierung des Gemeinsam-Einsamseins. Ich schrieb dann mein Abitur so plump wie ich konnte und erhielt eine Eins minus. Ich hätte mich wohl früher anpassen sollen?

Beim Studium änderte sich dies, in der Regel waren meine Noten einsen. Selbst in Amerika bekam ich nur A`s und darf nun mein Doktorstudium dort fortsetzen und erhalte gar ein Stipendium über fünf Jahre (wobei dies bei den dortigen Studiengebühren und der Tatsache, dass es sich um eine private Universität handelt, auf astronomische Summen beläuft). Mein universitärer Erfolg hing einfach davon ab, dass ich mich themenspezifisch konzentrieren durfte. Dass ich mich mit Themen auseinandersetzte, für die ich mich interessierte und mich mit den Professoren über die Forschung beriet, nicht aber nur sinnloss produzierte. Tom Rockmore einer der größten Philosophen aus Amerika bescheinigte mir, dass meine Arbeit über die formalen Anforderung hinaus eben gerade auch jene philosophische Einsicht besaß, die eben überhaupt sehr selten sei. Warum aber konnten die Lehrer dies früher nicht erkennen?

Sicher liegt auch noch an der Universität einiges im Argen, aber ich plädiere dafür, dass wir generell von unserem Allgemeinbildungsanspruch in den Schulen abkommen. In der Schule sollte es eher um Fähigkeiten gehen, als darum die Standesschranken zwischen Unter- und Oberschicht durch angebliches Mehrwertwissen (dem Allgemeinwissen) aufrecht zu erhalten.

Ich schlage daher folgende Minimalfächer für die Schulen vor, um für die spezifische Interessenausbildung Platz zu schaffen:

  • Philosophie (dazu gehören in folgender Reihenfolge Erkenntnistheorie/Wissenschaftstheorie, Logik, Argumentation, Ethik und Religion)
  • Deutsch (Lesen/Schreiben/Kreatives Schreiben/)
  • Mathematik
  • Wissen.
  • Sport

Fritz Beinke Die Schulschwänzer

Freiheit By Fritz Beinke (1842-1906) (Dorotheum) Public domain via Wikimedia Commons

Im Wissensbereich sollten Schüler angeregt werden, auf eigenen Pfaden zu gehen, Projekte entwickeln und mit den mitgegebenen Fertigkeiten ihre Fähigkeiten vorantreiben. Blogprojekte wären eine Idee.

Warum aber Philosophie als zentrales Fach?

Die meisten glauben tatsächlich immer noch bei der Philosophie handele es sich ausschließlich um eine Laberwissenschaft. Zudem könnte mir der Vorwurf gemacht werden, ich halte die Philosophie hoch, weil ich eben diese studiert hätte. Dies ist aber nicht richtig! In der Philosophie, so wie ich sie und viele wahre Philosophen verstehen, geht es vordergründig um Wahrheit. Welches Wissen kann wahr sein und wie weisen wir es aus? Sind dabei sehr zentrale Fragen. Damit rückt die Erkenntnistheorie, die Logik und die Struktur unserer Argumente in den Mittelpunkt. So stellen wir zum Beispiel Fragen, warum mathematische Sätze wahr sein können oder ab wann wir ein physikalisches Ereignis wie der statistische Ausweis von Elementarteilchen als Wissen gelten darf. Wir erlernen hiermit die Grundlagen für all unser Wissen überhaupt (was in der Schule sträflich vernachlässigt wird). Das, was der Naturwissenschaftler immer nur als Sieg der Empirie behauptet, würden wir hier konkret erlernen.

Es gibt gute Gründe, warum gerade die europäische Philosophie mit ihrer Grundlegung der Wissenschaften, die gesellschaftliche Entwicklung derart vorantrieb, dass wir einen enormen Vorsprung in den Wissenschaften herausholten. Doch auch heute noch (trotz einer grandiosen Philosophiegeschichte) sind die wissenschaftlichen  Eckpfeiler der Empirie noch nicht verstanden. Ganz zu schweigen von der Tatsache, dass die Leute ein empirisches Argument nicht von einem deduktiven Argument unterscheiden können. Dies aber sind Grundlagen, um überhaupt geradeaus denken zu können und unser theoretisches Wissen in die Praxis zu überführen, ja um unser Wissen noch weiter gesellschaftlich zu vervielfältigen und das ganze Wissen, was wir in der Schule bekommen, zu gewichten und zu werten. Der Wert der Philosophie ist dabei noch längst nicht erkannt, weil die meisten über die Grenzen ihres Wissens noch nicht nachgedacht haben und glauben, die Philosophen würden versponnene Theorien über die Wirklichkeit der Welt ersinnen. Nein, diese Theorien über die Welt sind Folge eines grundsätzlichen Erkenntnisproblems, was jeden existentiell und existential betrifft. Dieses reicht dann bis hinein in die Ethik und die Grundlagen unserer Gemeinschaft bis hinauf zur Religion. Die Frage ist immer, woher wir etwas wissen, was wir sollen und was wir hoffen dürfen. Ich behaupte an dieser Stelle, wenn wir Philosophie als zentrales Fach an der Schule unterrichten, würde die Homöopathie bald von der Bildfläche verschwinden. Darüberhinaus würden wir die moralisierenden Religionen von der Ethik trennen und uns viel tiefgreifender mit der Frage nach Gott beschäftigen.

"GO BACK TO SCHOOL^" - NARA - 535612

Zu welcher Schule wollen wir zurück? See page for author Public domain via Wikimedia Commons

Ich hatte lange überlegt, ob ich nicht Psychologie oder Mathematik studieren sollte, schließlich wurde es die Philosophie, weil ich hier die Frage nach der Grundlegung aller Wissenschaft entdeckte. Nun könnte behauptet werden, dass diese Grundlegung Schüler nicht interessieren würde. Ich hatte nun allerdings das Glück, Hochbegabte aus Sachsen unterrichten zu dürfen (http://www.bildung.sachsen.de/216.htm). In einem eineinhalbstündigen Seminar gingen wir die Wahrheitsfragen gemeinsam durch und prüften inwiefern wir überhaupt moralische Richtlinien formulieren könnten, wenn wir kein gesichertes Wissen haben. Wir haben uns nicht geschont und wir haben vorrangig kommunikativ gemeinsam gearbeitet: Mit vielen Fragen gelangten wir sehr schnell an die Grenzen unseres Wissens und letztlich konnten wir auch auf die Theorie der performativen Selbstwidersprüche (als erfolgsversprechende Ethikkonzeption gegenüber einem Relativismus) zusteuern. Schließlich wurde ich von Schülern nochmals zu einer Projektwoche eingeladen, um dort weiter mit den Schülern zu arbeiten. Auch die anwesenden Lehrer waren begeistert.

Ich bin überzeugt, die Philosophie kann an der Schule die Impulse für wahres Wissen setzen. So wie einst die Philosophie die Wissenschaften überhaupt belebte (so wie die Philosophie selbst die Königswissenschaft war), so kann die Philosophie heute die zentrale Stelle in der Didaktik und Pädagogik besetzen. Die Philosophie kann garantieren, dass die Auseinandersetzung mit den vielen Wissensgebieten schließlich integrativ gelingt. Wir brauchen daher nicht noch Ernährungskunde, Computerwissenschaft, Programmieren, Ethik oder Religion an der Schule, sondern nur einen integrativen Horizont, der den Schülern ermöglicht eigene Horizonte in Freiheit zu erschließen und Wissen darin zu orientieren. Diese Einstellung hätte ich mir von meinen Lehrern damals gewünscht, denn darauf legte ich es in all meinen Arbeiten immer an und ich hätte schon in der Schule einige interessante Theorien in Zusammenarbeit mit den Lehrern erarbeiten können (mit wenigen ist dies geschehen). Diesen Anspruch werde ich bei meiner weiteren Arbeit als Lehrer an der Universität verfolgen. Es geht tatsächlich in erster Linie um Kreativität, die Form gerinnt mit den ersten Veröffentlichungen. Kreativität und genaues Denken, darum geht es.

Norman Schultz

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